Meiner Meinung nach gehört „Renaissance“ zu den absoluten Film-Sensationen des aktuellen Kino-Jahres, gemeinsam mit den Meisterwerken „The Science of Sleep“ und „A Scanner Darkly“. Alle drei Filme erlebten ihre Deutschland-Premiere auf dem Fantasy Filmfest und die Reaktionen waren dementsprechend enthusiastisch. In innovativen schwarz-weißen Bildern erzählt der französische Animationsfilm eine unterkühlte aber nichtsdestotrotz schweißtreibende und aufregende Story voller Verschwörungen, Missgunst und Geheimnissen.
Atmosphärisch ist der Film ein ganz großer Wurf und wird wohl noch länger seinesgleichen suchen. Gefilmt wurde im Motion Capturing Verfahren, welches sich perfekt erweist als äußeres Stilmittel für die futuristische Geschichte. Das immer perfekte Spiel mit der Beleuchtung und der überwiegende Verzicht auf jegliche Grautöne lassen Volckmans Langfilm-Debüt sehr spröde und erwachsen wirken.
Kritik muss sich „Renaissance“ gefallen lassen aufgrund der enormen Anstrengung die vom Zuschauer abverlangt wird. Auf Dauer ist die messerscharfe Optik sehr anstrengend und geht ziemlich auf die Augen. Die Konsequenz der übermäßigen visuellen Stilisierung ist allerdings beeindruckend, auch wenn die eigentliche Geschichte dadurch manchmal etwas aus den Augen verloren wird. Schön das es nicht zu pseudo-philosophisch wird und Hauptaugenmerk auf eine temporeiche TechNoir-Kriminalgeschichte gelegt wird. Action-Szenen sind reichlich vorhanden werden aber nie überreizt und wirken durch die stimmige Dosierung auch nicht selbstzweckhaft.
Vergleiche zu „Sin City“ drängen sich geradezu auf und sind sicher nicht unberechtigt. Die Bilder wirken stark beeinflusst durch das Meisterwerk und dennoch findet „Renaissance“ seinen eigenen Stil. Am nachhaltigsten wirkt sich das Design der Architektur und der sonstigen Hintergründe aus, denn Paris wurde auf einzigartig brillante Weise neu erschaffen. So detailreich und technisch versiert war lange kein Animationsfilm mehr, ein modernes Stück Pop-Kultur und filmisches Kunstwerk zugleich.
Der Score ist unaufdringlich und dient als Klangkulisse hervorragend, trägt somit sehr zum Aufbau der düsteren Atmosphäre bei. In der englischen Synchronisation sind übrigens Stars wie Daniel Craig und Ian Holm zu hören. Die Dialoge wirken zwar schon sehr stilisiert, nerven aber niemals mit Pseudo-Coolness und wirken am besten in der französischen Originalfassung.
Ein wenig tiefgehender hätte die Charakterisierung einiger Personen schon sein können und daher wirken manche Charaktere etwas eindimensional. Für einen modernen Animationsfilm haben sie aber erstaunlich viel Tiefe und das obwohl sie es naturgemäß schwerer haben als reale Schauspieler glaubwürdige Personen darzustellen. Doch hier hat man weder Kosten noch Mühen gescheut und präsentiert einen cineastischen Leckerbissen, der nur durch wenige Abstriche nicht die Perfektion erreicht.
Obwohl Christian Volckman nur wenig Regie-Erfahrung hat, ist sein Timing perfekt und die Inszenierung straff. Der Erzählfluss wird nur selten gestört und die ziemlich gute Story kann mit einigen Wendungen und einem großartigen Anti-Helden aufwarten und wirkt geprägt durch die Romane von Jack Vance. Um ein plattes Plagiat handelt es sich nicht, wie schon gesagt entwickelt „Renaissance“ seinen eigenen Stil, ein wenig wirkte es auf mich als hätte Vincenzo Natali („Cube“, „Cypher“) einen Aimationsfilm kreiert, so oder zumindest so ähnlich hätte das bestimmt ausgesehen.
Die deutliche Kritik an der modernen Gesellschaft mit diversen Allegorien auf Phänomene Globalisierung, fortschreitende Industrialisierung und Technisierung und natürlich über Korruption ist immer präsent und trifft perfekt. Vordergründig geht es aber um niveauvolle Unterhaltung und so kann man zwar von einer politischen Utopie sprechen, die gewisse Zugeständnisse an den modernen Geschmack des Zuschauers nicht verhehlen kann. Qualitativ abgewertet wird der Film dadurch kaum, denn hier zählt vor allem das einzigartige Design, welches eine perfekte Symbiose mit der technisierten Story eingeht und noch lange dem Zuschauer in Erinnerung bleibt.
Fazit: Optisch stellt „Renaissance“ einen Meilenstein dar, der aber auch mit einer interessanten Story und einer sicheren Inszenierung aufwartet. Wer „Immortal“ von Enki Bilal oder „Sin City“ interessant findet, wird mit diesem Film sicher nichts falsch machen. Fast uneingeschränkt zu empfehlen, allerdings keine Mainstream-Kost.
8,5 / 10