"Um in einem Dschungel zu überleben muss der kluge Soldat verstehen, dass die Kraft der Natur nicht gegen ihn gerichtet ist."
Der renommierte deutsche Regisseur Werner Herzog knüpft mit "Rescue Dawn" an seinen Dokumentarfilm "Little Dieter needs to fly" aus dem Jahre 1997 an und setzt die wahre Geschichte eines, kurz vor dem Vietnamkrieg in einem Dschungelcamp Gefangenen, seinem Ausbruch und seiner Rettung zeitgemäß um.
Dieter Dengler (Christian Bale), ein deutscher Emigrant der die amerikanische Staatsbürgerschaft annahm um Pilot zu werden, befindet sich 1965 auf seinem ersten Einsatz für die Navy. Im Rahmen eines streng geheimen Auftrages soll er mit einigen weiteren Fliegern über dem nah an Vietnam gelegenen Laos Bomben abwerfen. Bei diesem Kampfeinsatz wird seine Maschine abgeschossen und Dieter findet sich nach kurzer Flucht in Gefangenschaft der Nordvietnamesen. Nachdem er sich einiger Folterungen aussetzen musste gerät er in ein Gefangenenlager, in dem sich bereits mehrere Häftlinge befinden. Diese befinden sich teilweise schon Monate oder Jahre in Gefangenschaft und sind entsprechend verwahrlost sowie demoralisiert. So kämpft Duane Martin (Steve Zahn) mit diversen Ängsten während Gene (Jeremy Davies) sozial vollkommen verroht ist. Da Dieter nicht gewillt ist solange zu warten bis er selbst so zugerichtet ist und nicht an eine baldige Freilassung glaubt, schmiedet er mit seinen Mitleidenden einen Plan der zur Flucht verhelfen soll.
Das auf eine recht altmodische Art inszenierte Drama ist fern von Bombastkino, obwohl es mit einer gewollt tempo- und effektreichen Flug- sowie Bombenhagelsequenz beginnt. Danach beschränkt es sich auf ein bedrückendes Kammerspiel der Gefangenen und deren überlegte Vorbereitung auf eine Flucht aus ihrer Misere. Das Tempo ist gemäßigt, aber nicht langsam. Die Charaktere bekommen ihre Zeit, sich zu entfalten.
In interessanteren Bildern erfolgt dann die zweite Hälfte des Films, die sich mit nur einem überschaubaren Teil der Gefangenen beschäftigt, welche sich durch den Dschungel schlagen.
Herzog legte die Gewichtung eindeutig auf eine detailreiche Charakterstudie die mit mittelschweren Anflügen pathetischer Heldenverehrung gespickt ist. Somit fällt das an sich erwartete Happy End übermäßig glorreich aus. Und obwohl das Charakterdesign definitiv ausgearbeitet erscheint, fallen immer wieder unglaubwürdige Details auf.
So entsteht der Eindruck Dieter Dengler sei ein unbeugsamer, nie den Mut verlierender amerikanischer Kriegsheld, dem selbst unmenschlichste Strapazen nichts anhaben können, während seine Mitgefangenen psychisch und physisch am Ende sind. Ebenso ist Christian Bale bzw. sein geschauspielertes Pendant Dengler gegen seine bleichen Mithäftlinge auch zu späterem Zeitpunkt immer noch zu proper.
Stimmig dagegen ist die subjektive Perspektive von der aus erzählt wird. Das Gefangenenlager ist in gewisser Weise von den Kämpfen des Krieges entkoppelt. Die Wärter bleiben für die Charaktere wie auch den Zuschauer Fremde, da sich deren Unterhaltungen selten erschließen. Trotz diesem Umstand kommt der Druck und die Ängste beider Seiten zum Ausdruck.
Gelungen ist auch die Atmosphäre, die sich durch authentische Schauplätze sowie Figuren und einem enthaltsamen Soundtrack angenehm entfaltet.
Dummerweise leidet "Rescue Dawn", durch seinen zähen Aufbau in der ersten Hälfte, an chronischer Müdigkeit. Trotz dem Schmutz, Hunger und Schmerz gut visualisiert sind reizt Herzog die Dramatik des Stoffes nicht aus, präsentiert ihn gar überaus charmant. Dies passiert erst ab der Flucht und dem Überlebenskampf im Dschungel, der plötzlich gut ausgearbeitete Charaktere vernachlässigt und sich viel zu kurz und wenig anstrengend anfühlt.
Ein Bein stellt sich das Drama ebenso durch Lücken in der Handlung sowie eine löchrige Erzählweise. Die händische Anfertigung eines Floß aus Bambus muss man sich vorstellen, denn dieses ist plötzlich vorhanden. Und auch diverse Zeitsprünge sind nicht sofort erkennbar.
Die größte Kritik fällt im Vergleich mit Filmen ähnlicher Thematik auf. Beispielsweise platziert "So weit die Füße tragen" die gleiche Handlung mit ebenso gleichem Hintergrund in eine kältere Umgebung und bietet in fast allen Bereichen mehr. Somit wirkt "Rescue Dawn" im direkten Vergleich nicht nur schwächer, sondern bietet zudem auch nichts wirklich Neues.
Dafür kann man die Besetzung über alle Maßen loben, insbesondere das Trio, welches den Film zusammen hält. Dies sind Christian Bale ("The Dark Knight", "Equilibrium", "Prestige"), Steve Zahn ("You're Fired", " National Security") und Jeremy Davies ("Solaris"). Nicht nur dass sich alle einer Hungerkur unterzogen und mehrere Kilos für diesen Film purzeln ließen, um ihrer Figur eine glaubhafte Verkümmerung, inklusive sichtbarer Knochen unter der Haut, zuzuweisen. Nein, jeder belebt seine Figur auch mit sichtbaren Merkmalen und den Facetten des sich mehrenden Wahnsinns, beispielsweise durch den Enthusiasmus Bale's, die herausstechenden Augen Zahn's oder Davies' betrübtem Blick. Hier zeigt sich wahres Charakterschauspiel.
Sicherlich hat "Rescue Dawn" aus neutraler Sichtweise eine Menge zu bieten, hält aber den Vergleich zur Konkurrenz nicht stand. Das Drama rettet sich durch stimmige Atmosphäre, gute Technik und insbesondere seiner Besetzung knapp ins Mittelfeld. Der nur marginal ausgefallene Überlebenskampf im Dschungel, diverse Brüche zwischen Handlung und Zeit sowie die schon zu bekannte Geschichte eines pathetisch gefeierten Helden trüben das Seherlebnis. Gute...
4 / 10