Als Männer noch größere Einspritzdüsen brauchten
John Frankenheimers „Ronin" taucht vereinzelt immer mal wieder auf, wenn es um Beispiele für den guten, alten, handgemachten Actionfilm geht und es mag eben daran liegen, dass ich diesen Film in meiner Erinnerung auch als gelungenen Beitrag zum Actiongenre geparkt hatte. Nach einigen Jahren fiel das Wiedersehen aber ein wenig ernüchternd aus.
Was bleibt und letztlich im Kern des Films steht, sind dann eben die Actionszenen, die vor allem in den Verfolgungsjagden ihre Wirkung noch genauso entfalten können, wie vor 23 Jahren. Die Kamera- und Stuntarbeit ist hier absolut beeindruckend und da der Film ohne filmische Tricks und natürlich das von älteren Semestern nur zu gerne geschmähte CGI auskommt, kann ich den Ruf des Films definitv nachvollziehen. Hinzu kommen noch ein paar Schießereien, die aber eher kurz ausfallen, wenngleich auch diese sauber inszeniert sind und mit Granatwerfern und Panzerfäusten (!) große Kaliber auffahren, die tatsächlich den ein oder anderen Lacher hervorkitzeln können. Größer hatten Sie es nicht?
Dabei verliert der Film selbst im größten Chaos nie den Überblick und wenn man einen Vergleich zieht zwischen „Ronin" und beispielweise „Ein Quantum Trost" von 2008, dann fällt auf, wie wichtig die Übersicht auch in den Actionszenen ist, um den Zuschauer zu fesseln. Marc Forster hat da ja unter ähnlichen Voraussetzungen, wie Frankenheimer sie hatte, radikal versagt. Altmeister Frankenheimer hatte es einfach drauf, das muss man schon sagen.
Aber was sind Actionszenen ohne einen Handlungsrahmen und zunehmendes Drehmoment an der Spannungsschraube? Langweilig mag der Film jetzt nicht sein, auch wenn er seine ruhigen Momente hat, aber die Figurenzeichnung ist dann doch etwas kurz ausgefallen und die Hatz nach einem Koffer mysteriösen Inhalts aus reiner Berufsehre will nicht so recht als Handlungskern taugen.
Die Beziehung zwischen De Niro und Reno wird dabei immer wieder nach vorne gespielt, liefert aber keine narrativen Pfeiler. Die mögen sich von Anfang an und die Bromance wird mit etwas schwülstigen Blicken seitens Renos ein wiederkehrendes Element, dass aber erzählerisch mehr oder weniger ins Leere läuft. Ich hatte den Eindruck, als habe man Reno auf dem Zenit seiner Karriere aufgrund der europäischen Ausrichtung des Films einfach hinzugeschrieben. Er ist der zweite Hauptdarsteller, aber trägt irgendwie nichts zum Film bei, das man nicht mit etwas Arbeit ersatzlos aus dem Drehbuch hätte herausschreiben können. Dabei kann der Mann doch richtig zulangen, wie er ja in „Leon" drei Jahre zuvor eindrucksvoll bewiesen hatte. Dass „Ronin" mehr oder weniger eine One-Man-Show De Niros ist, liegt definitiv mehr am Drehbuch als an Reno.
Natasha McElhone als Vertretung des im Hintergrund agierenden Jonathan Pryce darf dann eine Romanze mit De Niro eingehen, aber eine erkennbare Beziehung zwischen den beiden Figuren stellt der Film nicht dar. Wenn De Niro für sie sein Leben aufs Spiel setzt, versteht man nicht so recht, warum.
Ebenso unerklärlich ist das plötzliche Verschwinden von Sean Bean, der sich anfangs zu amateurhaft anstellt und dann einfach aus dem Team geworfen wird. Und dann auch tatsächlich nicht wiederkommt. Komisch. Natürlich dient seine Rolle dazu, die Professionalität des von De Niro verkörperten Sam hervorzuheben, aber das hätte man auch eine Nummer kleiner lösen können. Eventuell sollte man auch denken, dass Bean in seiner typischen Rolle aus „Goldeneye" wiederkehrt. Keine Ahnung. Der ist einfach weg. Der herrlich schmierige Stellan Skarsgard springt aber dann für ihn als Falschspieler ein. Dann eben so...
Jonathan Pryce taugt hier als angedachter Antagonist irgendwie herzlich wenig, weil wir eben nicht genug über die Beziehung zwischen Sam und Seamus O'Rourke erfahren und das zentrale Motiv eben die Jagd nach einem Koffer bleibt, dessen Geheimnis der Film nie lüftet. Zudem ist Pryce zwar ein geachteter Darsteller, aber bereits in „Tomorrow Never Dies" hatte er gezeigt, dass er keinen wirklich erntzunehmenden Schurken spielen kann. Man fragt sich in „Ronin" die ganze Zeit, warum nicht jemand dem Hutzelmännchen einfach eins aufs Maul gibt und Feierabend.
Wenn dann erst am Ende Sam sich als CIA-Agent oder so outet, der eigentlich nur hinter O'Rourke her ist, dann verpufft dieser Knaller folglich so richtig, denn der Oberbösewicht spielt eine so untergeordnete Rolle, dass mir als Zuschauer diese Neuigkeit vollkommen egal war. Wichtig ist, dass Sam den Koffer bekommt und das ist dann auch wichtiger als das Leben von ziemlich vielen Zivilisten, die in überraschend großer Zahl ganz nebenbei erschossen werden oder auch mal in einem Auto explodieren. Und eine davon ist dann auch noch Kathi Witt. Oha! Und einen bösen Russen gibt es übrigens auch noch... Man merkt: Der Autor David Mamet betreibt „Schreiben nach Zahlen".
Fazit
„Ronin" überzeugt in seinen Actionszenen, die wiederum vom europäischen Flair profitieren können. Kantig und hart kommt die Hatz durch Frankreich rüber, das muss man dem Film schon zugestehen.
Bei der Figurenzeichnung und dem Plot haut Frankenheimer aber so manches Mal daneben und überspannt den Bogen der dargestellten Männlichkeit ein wenig. Hätte man sich mehr auf die angedeuteten Thriller-Elemente eingelassen und die Beziehung zwischen Held und Gegenspieler klarer ausgeführt, wäre „Ronin" wahrscheinlich spannender geworden. So freut man sich über drei verteilte Verfolgungsjagden, zwei, drei Schießereien und stellt fest, dass eine solide Machart in den Actionsequenzen nicht ausreicht, wenn der restliche Inhalt gefühlt beliebig ist. Insgesamt bleibt „Ronin" für mich damit doch ein nur leicht überdurchschnittliches Vergnügen, das man Genrefreunden als Happen für Zwischendurch aber durchaus empfehlen kann. Rasant aber unspannend.