Eine Gruppe junger, engagierter Filmemacher hat sich einem brisanten Projekt verschrieben: Sie wollen einen Film über die (fiktive) Entführung des italienischen Premier Ministers Silvio Berlusconi drehen. Die Entführer sollen dem korrupten Politiker dann den Prozess machen, dem er sich in der Realität stets zu entziehen weiß. Doch ein solcher Film schlägt natürlich Wellen, und bald beginnt der Ärger mit der italienischen Justiz. Erste Auflage: Der Name Berlusconis darf nicht verwendet werden, ja, es darf nicht einmal eine direkte Parallele zu seinem Namen hergestellt werden können. Also siedelt der Regisseur den Film kurzerhand in einer Pseudo-Micky Maus-Welt an, aus Berlusconi wird Topolino (der italienische Mickey Mouse), aus den Entführern die Bad Ass-Boys (=Beagle Boys = Panzerknacker-Bande), aus Italien wird Duck City und Berlusconis Minister werden zu Tick, Trick und Track. Doch die Schikanen der Justiz hören nicht auf. Bald macht sich eine gewisse Paranoia breit unter dem Film-Team, und die Herstellung des Films wird mehr und mehr zur tour de force: Die Hauptdarstellerin glaubt sich verfolgt, einer aus dem Film-Team wird wegen Marihuana-Besitz unverhältnismäßig lange von der Polizei festgehalten, die ganze Crew muss ihr Hotel verlassen und auf einen Parkplatz ziehen... Schließlich verschwimmen die Grenzen zwischen der fiktiven Flucht der Bad Ass-Boys vor der Polizei und den tatsächlichen Repressalien durch die Behörden gänzlich - und die Polizei wird zum unfreiweilligen Statisten im düsteren Finale des Underground-Polit-Thrillers “Bye Bye Topolino”.
Ein wirkliches Kleinod, das hier vom Produzenten-Team von "Muxmäuschen Still" dargeboten wird! Man mag sich darüber streiten, ob man als Nicht-Italiener überhaupt das Recht hat, sich über jemanden wie Berlusconi lustig zu machen, aber ich sage: Dieser Mann ist derzeit einer der größten Polit-Clowns Europas, unser eigener George W. Bush quasi, und das einzig Bedauernswerte ist, dass das Vergnügen an einem solchen Film noch um einiges größer wäre, wenn man Leben und Wirken des Silvio B. direkt und quasi vor der eigenen Haustür mitverfolgen dürfte. Aber auch für Nicht-Italiener mit einer genügend ausgeprägten subversiven Ader ist Bye, Bye Berlusconi eine sehr lustige, wenn auch nicht überdrehte Polit-Satire. Übrigens mit einer durchaus ernsten Grundtendenz: Die Anklage-Punkte, die gegen den Film-Berlusconi erhoben werden, beruhen laut Angaben des Regisseurs und der (italienischen) Drehbuchautorin und Hauptdarstellerin, komplett auf Fakten.
Umgesetzt wurde die Geschichte als Pseudo-Dokumentarfilm mit der fast schon klassischen verwackelten Handkamera, ohne großen technischen Schnickschnack (eine low budget-Produktion eben). Dafür, daß die Produzenten auch in Wirklichkeit manche behördliche Hürde bei der Herstellung des Filmes überwinden mussten, ist das Ergebnis wirklich beachtlich. Die Handlung überzeugt, und auch wenn man sich nicht dem Straßenkampf in Genua verschrieben hat, wird man den Film spannend und stimmig finden. Die Schauspieler agieren souverän, und man nimmt ihnen sowohl die Rollen innerhalb des Films im Film ab, als auch die der Rahmenhandlung.
Lustig sind die in den Film eingestreuten Seitenhiebe auf das staatliche Fernsehen des Herrn Berlusconi (Sex sells...), überhaupt ist diese ganze Mickey Maus-Geschichte ziemlich witzig und gut umgesetzt.
Ich hatte das große Vergnügen, diesen Film auf der diesjährigen Berlinale zu sehen (italienisch mit englischen Untertiteln - daher mag die obige Wiedergabe der Filmnamen auch nicht ganz korrekt, bzw. nicht übereinstimmend mit der zukünftigen deutschen Fassung sein). Da viele Italiener anwesend waren, war die Stimmung nach dem Film entsprechend ausgelassen, als das (reale) Filmteam von Bye, Bye Berlusconi etwas zur Entstehung des Filmes erzählte. Die Repressalien der Justiz waren in realitas wohl nicht annähernd mit denen im Film zu vergleichen, aber einen guten Anwalt habe man sich doch geholt, sagte Jan Henrik Stahlberg.
Wieso allerdings kein Repräsentant der italienischen Außenpolitik zur Premiere erschienen war, konnte sich keiner der Anwesenden so recht erklären.
Für Freunde des jungen europäischen Kinos mit einem Sinn für subversiven, politischen Humor sicherlich ein echtes Vergnügen! Sehenswert!