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Die Familie Hoover in einem alten, weißgelben VW-Bus. Opa Edwin (Alan Arkin) ist heroinsüchtig und knallt derbe Sprüche in den Raum. Dwayne (Paul Dano) revoltiert, sagt kein Wort und vegetiert nihilistisch dahin. Onkel Frank (Steve Carell), ein schwuler Literaturprofessor, hat gerade einen Selbstmordversuch hinter sich. An drei Familienmitgliedern lässt sich schon festmachen, wie viel geballte Dekadenz auf engstem Raum beisammen sitzt. Sheryl (Toni Collette), die der berühmten Sheryl Crow optisch ähnelt, stimmt schon einmal sinngemäß deren „Soak up the sun“ an, um das Positive aufzusagen, damit der Hühnerhaufen nicht völlig in die Luft geht. Ehemann Richard Hoover (Greg Kinnear) drischt währenddessen aufgesetzte Optimismusphrasen, die er in Hinblick auf das eigene Bankkonto selbst nicht glaubt.

Auf dem Weg zur „Little Miss Sunshine“ Wahl, an der die dickliche mit Hornbrille ausgestattete Tochter Olive (Abigail Breslin) teilnimmt, bricht der normale Wahnsinn aus. Es geht von Albuquerque nach Los Angeles. Pleiten, Pech und Pannen sind inbegriffen.

Zwischenmenschliches Dynamit wertet eine an sich unspektakuläre Story auf. Mehrere Genres prallen aufeinander und dokumentieren den alltäglichen Wahnsinn, der skurril auf die Spitze getrieben wird. Es wird mitunter dramatisch, brisant und politisch unkorrekt - aber im Kofferraum liegt später nicht nur eine Laiche, sondern in erster Linie auch unbeschwerte Leichtigkeit, die sich auf die Atmosphäre des Films niederschlägt. Das Ensemble harmoniert und schockiert.

Wenn Opa dem stillschweigenden Enkel Dwayne erklärt, dass man in seinem Alter unbedingt so viele Frauen wie möglich flachlegen muss, dann vibriert der Bus vor Stille, Entsetzen und Gleichgültigkeit. Die Hoovers bieten alles und vor allem sechs Personen, die eigentlich zum Scheitern verurteilt sind. Gleichwohl Olive, die man mit einem Schönheitswettbewerb nicht wirklich in Verbindung bringt, der peinlichen Bloßstellung entgegenfährt, hat sie aber auch sechs Leute an ihrer Seite, die ihr loyal zur Seite stehen.

Die Familie ist intakt, wenn sie an Grenzsituationen geführt wird. Darum geht es. Verschiedene Ereignisse führen den Bus immer mehr in den Treibsand, am Ende bleibt aber ein unzertrennlicher Halt, der alle formal vereint. Familie als Schutzraum, auch wenn die einzelnen Mitglieder unterschiedlicher nicht sein können. Deshalb ist „Little Miss Sunshine“ feel good, eine herrliche Tragikomödie, die mit den Postkartenmotiven eines Road Movies untermalt ist.

Drehbuchautor Michael Arndt übt sich in Minimalismus und kreiert daraus das Maximum. Die Komik ergibt sich aus der Kuriosität der Einzelcharaktere, die von ihren Darstellern mit Herzblut gespielt werden. Der Film verkommt auch nicht zur hohlen Comedy-Nuss und bietet neben dem Familien-Plädoyer gesellschaftskritische Seitenhiebe, die schrittweise in ein mutiges Finale münden.

Die Püppchen vom „Little Miss Sunshine“ Contest wissen jedenfalls schon in jungen Jahren, wie man weibliche Reize einsetzt, um sexuelle Anziehungskräfte wirken zu lassen. Ein Hoover, genau genommen Olive, steht wieder einmal für die ungeschönte Wahrheit. Die Jüngste der Familie echauffiert mit ihrem herrlichen Striptease das Publikum, bringt eigentlich nur aber das auf den Punkt, was vorher angedeutet wurde. Es riecht schon bei den augenscheinlich unschuldigen Mädchen in der Umkleidekabine nach Botox und Silikon.

So kommt es, wie es kommen muss. Die Pointe des Road Trips zündet genauso, wie die unterhaltsamen Minuten vorweg auf dem Weg nach Los Angeles. Der VW-Bus kommt nur noch ab dem dritten Gang in Schwung, aber im Sinne des kleinen aber feinen Films, hält er bis zum Ende das Tempo aufrecht, ohne dabei zu versagen. Die schrecklich nette Familie überzeugt mit paradoxem Charme, politischer Unkorrektheit und Zusammenhalt. (8,5/10)

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