Review

Jacques Tati gehört fraglos zu den einflussreichsten Filmemachern aller Zeiten, besonders in Bezug auf das Genre der (satirischen) Komödie. In den 60er Jahren befand sich der groß gewachsene Franzose auf der Höhe seines Erfolges: Nachdem sowohl „Schützenfest“ als auch „Die Ferien des Monsieur Hulot“ international äußerst positiv aufgenommen wurden erhielt er 1958 den Oscar für den besten ausländischen Film, welcher an den großartigen „Mon Oncle“ ging. Für sein nächstes Werk nahm sich Tati viele Jahre Zeit zur Realisierung, „Playtime“ sollte ein Projekt von selten gesehener Gigantomanie werden und leider auch das frühe Ende der Karriere seines Regisseurs einläutete. Tati scheiterte an einer simplen Entscheidung, die zum Beispiel ein Woody Allen niemals fällen würde: Er ging ein finanzielles Risiko ein. Während Allen die Ideen unrealisiert lässt, die seine üblichen Produktionskosten und damit finanziellen Möglichkeiten übersteigen würden, so nutzte Tati seinen Ruhm um höher hinaus zu wollen. „Playtime“ entstand in einer riesigen und aufwendigen Kulisse, wurde auf teurem 70mm-Filmmaterial gedreht und verschlang dementsprechend unzählige Vorbereitungs- und Arbeitsstunden. Sein vielleicht bester Film wurde dem französischen Kino-Genie zum Verhängnis, erwies sich aufgrund des finanziellen Desasters als der Stolperstein, der eine Karriere zu Fall brachte – eine bittere Ironie.

Ganz in der Tradition des europäischen Autorenfilms drehte Tati seine frühen Filme an Originalschauplätzen, doch schon „Mon Oncle“ zeigte sein Faible für symmetrische, aufgeräumte Kulissen, deren penible Gestaltung wichtigen Anteil nimmt an Wirkung und Inhalt des Films. In „Playtime“ wird die Kulisse zum Hauptdarsteller, die Stadt zum lebenden, pulsierenden Sammelbecken unzähliger Existenzen und Geschichten. Ein episodenhaftes Kaleidoskop wie „Short Cuts“ ist nicht die Intention Tatis, sein Stadtbild seziert exakt das anonyme Großstadtleben, wie es einsamer nicht sein könnte. Jede Kommunikation ist gestört und bestimmt durch Missverständnisse, jeder Versuch die Übersicht zu behalten muss grundsätzlich scheitern. So kann man als Zuschauer unmöglich beim ersten Durchgang den mannigfaltigen visuellen Reichtum begreifen, viel zu verspielt präsentieren sich unzählige Details am Rande. Schon früher ließ Tati viele Gags parallel ablaufen, ein gutes Beispiel hierfür ist „Die Ferien des Monsieur Hulot“. Durch die fehlende Konzentration auf ein bestimmendes Detail ergibt sich somit ein vom Zuschauer individuell wahrgenommenes Filmerlebnis, wobei die Aufmerksamkeit ganz unbewusst auf eine von mehreren Sichtweisen gelenkt wird. In „Playtime“ perfektioniert der französische Filmemacher auf denkbar eleganteste Art, wenn Hulot hier durch die modernen Straßen und Gebäude irrt, fühlt man sich dem Exzentriker unweigerlich verbunden und erlebt eine Odyssee von enormer Suggestivkraft.

Jedes Szenenbild ist durchweg perfekt arrangiert und besticht sowohl durch die üppige Ausstattung als auch durch die Breitwandbilder, die einen wesentlich räumlicheren Eindruck erwecken als es bei 35mm-Bildern möglich wäre. Auch die Innenaufnahmen überzeugen mit schlichtem Design und akzentuierter, steriler Beleuchtung, die den klinischen Charakter der verschiedenen Räume hervorhebt. Ob Restaurants, Büroräume, Straßenabschnitte oder Flughäfen – allen Örtlichkeiten haftet eine unwirkliche Sauberkeit an, die unterschwellig schwelenden Konflikte werden ignoriert oder beiseite geschoben. Den Fortschrittswahn karikiert Tati wunderbar treffend, ebenso die Borniertheit der französischen Oberklasse und die chaotische Dysfunktionalität des Stadtlebens. „Playtime“ ist ein vielschichtiger und visuell überbordender Film geworden, mit einer Laufzeit von zwei Stunden anstrengend und in eher langen Einstellungen inszeniert – tempoarm, wortkarg, ohne konventionelle Dramaturgie oder Slapstick angepasst. Das 70mm-Format zeigt die gewaltigen Räumlichkeiten und Gebäudekomplexe in adäquater Art, die stilisiert monochrome Farbdramaturgie erhält meist kontrastierende, knallige Farben in der Kleidung der Figuren oder einzelner Gegenstände. Die meisten Handlungsorte sind realen Vorbildern nachempfunden, wie zum Beispiel dem riesigen Pariser Flughafen, in dem ein Dreh nicht möglich war.

Über neun Jahre arbeitete Tati an seinem größten Film, deren Darsteller bewusst keine ausgearbeiteten Charaktere verkörpern. Auf Schauspielerei wird weitestgehend verzichtet, so sind die meisten Darsteller Laien und treten gewollt natürlich auf. Selbiges gilt für Tati, der seinen physischen Humor auf ein Minimum, seine charakteristische Verschmelzung von Mimik und Gestik, reduziert. Tati besetzt in für ihn typischer Vorgehensweise eher skurrile Charakterköpfe, Menschen mit eindrucksvoller Physik, die allein durch ihre Präsenz ihre jeweilige Figur vollends charakterisieren. Ein gutes Beispiel ist der verschrobene alte Mann, der den Pförtner spielt – kein ausgebildeter, alternder Schauspieler sondern ein echter Pförtner im Ruhestand wird von Tati besetzt. Wer das drollige Männlein völlig desorientiert im Kampf gegen die Technologie, in Gestalt einer überkompliziert aufgebauten Sprechanlage, gesehen hat, der weiß, das kein Schauspieler diese Rolle mit mehr Herz und Authentizität hätte füllen können. Besagte Szene ist ebenfalls ein exemplarisches Beispiel für die punktgenaue Regie Tatis, die immer den subtileren Weg wählt und nicht den des offensichtlichen Humors. Dennoch beweist die Regie ein genaues Verständnis von perfektem humoristischem Timing und durchdachter Ästhetik. Die Atmosphäre wird zusätzlich bestimmt durch einen leichten Score, der auf Komplexität verzichtet und aus bescheidenen, einfachen Melodien besteht, die leicht ins Ohr gehen.

Außerhalb von Paris entstand auf einem riesigen Gelände eine der wohl größten Filmkulissen aller Zeiten, die so immens viel Budget verbrauchte, dass Kritiker den Ort schon bald hämisch als ‚Tativille’ bezeichneten. Leider konnte das internationale Publikum nur wenig anfangen mit „Playtime“, Tati fiel für immer in Ungunst der Produzenten und konnte sich auch persönlich nur schwer von diesem Schlag erholen. Dennoch zeigt der Film einen entfesselten Allround-Künstler, der mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln ein bis ins letzte Detail ausgefeiltes Kunstwerk abliefert, das in seiner radikalen Abkehr von jeglichen Genremustern seinesgleichen sucht. In diktatorischer Eigensinnigkeit verärgerte der besessene Regisseur seine Crew und gleichermaßen auch die Produzenten. Ähnlich wie Stanley Kubrick ließ Tati erst die Proben, anschließend die einzelnen Aufnahmen, anschließend die Nachbearbeitung und den Endschnitt zu schier nicht enden wollenden Torturen anschwellen. „Playtime“ entwickelt von der ersten Minute an eine gänzlich eigentümliche Filmsprache, in jeder Einstellung schwingt die überdimensionale Größe dieses Films spürbar mit.

10 / 10

Anmerkung: „Playtime“ sollte unbedingt im Original mit Untertiteln angeschaut werden, die Vermengung unterschiedlicher Sprachen im Kauderwelsch der Großstadt ist ein bestimmendes Stilmittel.

Details
Ähnliche Filme