Review

Der Schriftsteller Brent Maddock sagte einmal: "Das Komische an Tatis Inszenierungen ist, dass nichts passiert...". Dieses "Gebot" ist nur eingeschränkt richtig, denn natürlich passiert auch und gerade in Playtime herzlich viel!
Mit Jaques Tati verbindet den Tati-Fan eine Seelenverwandtschaft, ein Ihm-Bruder-Sein, das schon viele in seinen Bann gezogen hat. Wer sagt hier, das sei übertrieben? Manch einer dieser Fans würde wohl glauben, dass Jaques Tati nie existiert hat. Dass es Menschen geben könnte, die das glauben, mag ein verwerflicher Gedanke sein, der Film Playtime mag dazu sehr wohl taugen, diesen Menschen Rede und Antwort zu stehen, indem kulturelle Verwirrtheit und cineastische Unsicherheit einem Verständnis weichen muss, das unserem intellektuell geprägten Zuschauerdasein geschuldet ist.
Monsieur Hulot, Tatis genialische Kunst-Figur, ist nicht der platte Held auf der Leinwand. Nein, er stellt sich Herausforderungen und sich uns damit an die Seite; stumm. Aber keineswegs nichtssagend, teilt er uns immer wieder mit, wie wir den eigenen Alltag, die eigene Unzulänglichkeit meistern können. Fans von Tati führt diese rationale Verbundenheit zusammen. Sie fühlen sich als Individuen angesprochen in ihrer ganz persönlichen Gefühlslage. So kann ein weiteres Zitat angeführt werden, diesmal von Christian Morgenstern, dessen schriftstellerischer Gestus dem filmischen eines Jaques Tati sehr ähnlich erscheint: "Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet!". Tati betrachtet seine Umgebung mit viel Liebe. Nicht mit Abscheu oder Hass. Er rächt sich auch nicht filmisch. Er gewinnt dem alltäglich Banalem, dem verstörend Umtriebigen, dem geschäftigen Massentreiben immer etwas Liebevolles ab.
Auch in Playtime kann man dies in jeder Szene spüren. Wenn es "tatiesque" wird, dann wissen Fans, was damit gemeint ist.
Tati genießt bis heute Kultstatus. Nicht zuletzt durch seine übertrieben penible Arbeitsweise. Nur Kubrik war vielleicht noch mehr besessen. Modische Trends interessieren Tati nicht. Auch wenn viele Kulissen und Requisiten den 60er Jahren verhaftet sind, erscheint einem der Film bei heutiger Betrachtung extrem zeitlos. Geschmack, Können und individuelle Fantasie sind Stichwörter, die Tatis handwerkliches Schaffen umschreiben. Tati zeigt uns in seinen Filmen nicht nur subtilen Slapstick, er zeigt uns auch das Rätselhafte. Unverblümt, mit einem gewissen Humor. Erst nach mehrmaligem Sehen erschließt sich einem das Universum seiner Bildsprache, die zuweilen anstrengend pixelich erscheint. Allein die große Restaurant-Szene in der zweiten Hälfte des Films ist an sich nur im Kino auf großer Leinwand erträglich. Man muss nach links und nach rechts sehen, noch oben und unten. Tut man dies, entgeht einem schon wieder etwas an anderer Stelle. So wirkt die Szene wie ein impressionistisches Gemälde, nur umgekehrt: wenn man näher hinsieht, erkennt man Details. Auf einem normalen Fernseher dagegen sorgt das für wenig Stimmung.
Die Produktion von Playtime dauerte mehrere Jahre, Jaques Tati hatte immer wieder Probleme mit der Finanzierung. Die unglaublichen Nachbauten einer mehr oder weniger fern an Paris erinnernden Großstadt verschlangen einen Großteil dieses Budgets. Aber die Mühe hatte sich gelohnt. Playtime gehört zu den verrücktesten Filmen des Regisseurs, er ist bunt, laut, leise, und es gibt Szenen von unglaublicher choreografischer Finesse.
Wenn die Kamera Minuten lang vor einem Hochhaus in die verschiedenen Fenster der Wohnungen blickt und man nur den Straßenlärm hört, jedoch nichts davon versteht, was die Bewohner, die wie Affen in ihren Käfigen agieren, mit einander besprechen - natürlich wird überhaupt kaum etwas in Playtime gesprochen! - dann ist das in seiner Wirkung beabsichtigt und großartig.
Und damit bleibt noch das Fazit, ganz entgegen Brent Maddocks Ausspruch. Wo Hulot hinkommt, geschieht nämlich doch etwas. Viele meinten, Hulot wäre der Auslöser dafür. Doch wäre das alles sowieso passiert. Hulot ist einfach nur mitten drin und versucht, die Situation zu überleben.
Freunden des besonderen Kinos sei diese unsterbliche Filmperle wärmstens empfohlen.

Details
Ähnliche Filme