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Beiger Trenchcoat, wirr vom Kopf stehendes Kraushaar und ein Gesichtsausdruck wie ein desorientiertes Schwein im Viehtransport auf der Autobahn… dieser Mann, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde und sich nun einsam seinen Weg durch die Großstadt bahnt, versucht nicht einmal, für sein Umfeld den Schein der Normalität zu wahren. Blitze der Erinnerung schlagen in sein Gehirn ein. Blut, Schreie, Chaos. Er nimmt die Eindrücke wie mit fremden Augen wahr. Schweißgebadet schließt der Mann die Augen und schüttelt den Kopf. Nein, er muss sich auf sein neues Ziel konzentrieren, die berühmte Eiskunstläuferin Samantha…

Schizo, das ist in erster Linie eine umgangssprachliche Abwandlung eines wissenschaftlichen Begriffs, die abwertende Bezeichnung für jemanden, der schizophrenes Verhalten an den Tag legt. Nicht zuletzt ist es aber auch ein unverhohlener Parallelismus auf einen der berüchtigtesten Psychothriller überhaupt, Alfred Hitchcocks „Psycho“ (1960). Aus dem seither wieder ganz neu aufkeimenden cineastischen Interesse an menschlichen Abgründen entwickelte sich schlussendlich ein Regelhandwerk, zunächst das des Giallo, dann des reinrassigen Slasherfilms. Es nährte sich hauptsächlich aus einer speziellen Veranlagung des Publikums, die man ironischerweise selbst als schizophren bezeichnen könnte: jene des Ekels und der gleichzeitigen Faszination, so widersprüchlich und doch einander bedingend. Das Gesicht wendet sich ab, während das Auge hinsieht.

„Amok“, so die recht eigenwillige deutsche Schlussfolgerung aus dem Originaltitel, erschien unmittelbar im Anschluss an das Herzstück der Kollaboration zwischen Drehbuchautor David McGillivray und Regisseur Pete Walker. Gerade erst hatten sie mit scharfer Schneide die Justiz („Haus der Peitschen“, 1974), die Psychologie („Frightmare“, 1974) und die Kirche („Haus der Todsünden“, 1976) seziert, drei lebenswichtige Organe im Körper des britischen Patienten, der da anästhetisiert auf ihrem Tisch lag. Es ist unwahrscheinlich, dass sich das Duo dabei von der Slasherwelle, die unter anderem von Mario Bava („Im Blutrausch des Satans“, 1971) initiiert wurde, nicht hat beeinflussen lassen. Walker und McGillivray waren damals aber auf der Höhe ihres Schaffens, weil sie nicht etwa Genre-Elemente im Selbstzweck zelebrierten, sondern vielmehr wie Instrumente bedienten, um ihren eigenen Zweck zu verfolgen. Der wiederum bestand hauptsächlich darin, die Schwächen des britischen Gesellschaftssystems mehr als nur aufzudecken, bisweilen nämlich bloßzustellen.

„Amok“ könnte man rein zeitlich noch zu dieser Hochphase der beiden Filmemacher zählen, erschien er doch nur neun Monate nach dem Vorgänger „Haus der Todsünden“ und hat sich, wenn schon nicht an den Kinokassen, zumindest über die Jahre hinweg einen gewissen Ruf erarbeitet. Tatsächlich spürt man immer noch diese Schärfe im Ausdruck, die so typisch ist, wenn der paranoide Inszenierungsstil Walkers auf den subversiven Schreibstil McGillivrays trifft. Diesmal allerdings scheint es in der Hauptsache nicht mehr länger darum zu gehen, den kranken Körper des eigenen Heimatlandes zu durchleuchten, sondern eher darum, ganz ungezwungen mit den Mechanismen des psychologischen Horrorfilms zu spielen und sie so weit wie möglich zu verbiegen.

Wie ein mäßig begabter Bechermagier von der Straße lässt Walker dazu von Minute 1 seine Hände kreisen, um den Ort des Balls zu verschleiern, aber der Betrachter lässt sich durch die wenig raffinierten Rochaden nur schwerlich täuschen. Ehemänner, beste Freundinnen, gute Freunde, Haushälterinnen und ihre spirituell veranlagten Töchter… das Repertoire an Figuren im Umkreis der Hauptdarstellerin scheint komplex, doch wer sich von den Handbewegungen nicht täuschen lässt, wird seine Augen immer auf Lynne Frederick gerichtet haben. Die Darstellerin, die kurz zuvor noch im oscarnominierten Schifffahrtdrama „Reise der Verdammten“ zu sehen war, muss sich nun nackt unter der Dusche schrillen Hitchcock-Reverenzen erwehren. Sie meistert den Spießrutenlauf durch etliche Tropes aus den Bereichen Thriller und Horror aber elegant und nimmt den Zuschauer nicht zuletzt dank ihrer natürlichen Schönheit mühelos für sich ein. Wenn man übrigens Hitchcock eine Schwäche für einen gewissen Frauentyp nachsagen kann, dann wohl auch Walker, der mit Susan Penhaligon und Penny Irving bereits auf ähnliche Typen von Schauspielerinnen zurückgriff. Jack Watson wiederum ist als Stalker ein wahres Nervenbündel und eine Irritation für jede Szene, in der er auftritt. Nie passt er so ganz in die Konturen, die Anthony Perkins oder auch Karlheinz Böhm („Augen der Angst“, 1960) einst vorgaben, was durchaus für spannende Abweichungen sorgt, manchmal aber auch für hysterische Komik (Stichwort Fensterscheibe).

Während man vor allem Lynne Frederick noch mit den Augen nachjagt, gerät „Amok“ im Hintergrund zum küchenpsychologischen Experiment, das dank auffälliger Symbole wie blutiger Messer, gelber Regenjacken und gehackter Metzgerware wie ein Puzzle mit leuchtend bunten Teilen aufgebaut ist. Filme wie „Ich kämpfe um dich“ (1945), „Vertigo“ (1958) oder „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ (1973) haben zweifellos ihre Spuren hinterlassen, sie öffnen sogar das Tor für das Übernatürliche, das Walker eigentlich so fremd ist. Einige Sequenzen sind in Aufbau und Wirkung für sich genommen durchaus bemerkenswert geraten, gleichwohl sie einen Teil ihrer Magie verlieren, sobald man sie in den größeren Kontext eingebettet betrachtet; dann nämlich entpuppen sie sich wieder bloß als Taschenspielertrick, um die Spuren des plumpen Kerns der Geschichte notdürftig zu verwischen. Auch mit Fragen nach Logik kommt man nicht weit; manchmal muss man die Kanten ein wenig verbiegen, damit die Puzzleteile ineinandergreifen.

Wenn dann das Trauma der Vergangenheit näher beleuchtet wird, entgleisen Walker die Zügel auch mal um ein oder zwei Halbstufen auf der Tonleiter. Nacktes und Blutiges ist man von ihm ja durchaus gewohnt, allerdings wirkt der Rahmen diesmal durchaus auf ein breiteres Publikum zugeschnitten, wohingegen gerade die Rückblenden eine schmuddelige Atmosphäre wie aus einigen amerikanischen Low-Budget-Nasties der frühen 80er erzeugen, wie Romano Scavolinis „Nightmare“ (1981) oder William Lustigs „Maniac“ (1980). Das sind allerdings nur Fragmente in einem Film, der hauptsächlich der Bildsprache gehobener Psychothriller wie „Images“ (Robert Altman, 1972) nachjagt, die lediglich hier und da mit grafischen Details ergänzt werden. Der Bodycount ist insgesamt gering, doch wenn er sich steigert, dann mit drastischen und durchaus kreativen Mitteln.

Psychologisch betrachtet erweist sich „Amok“ als reinstes Tohuwabohu. Auch in Bezug auf den gesellschaftlichen Status Quo weiß die vierte und letzte Zusammenarbeit zwischen Pete Walker und David McGillivray weniger beizutragen als bisher gewohnt. Der gesamte Film ist ein einziges langes Ablenkungsmanöver, und wenn man einmal herausgefunden hat, wie der Hase läuft, birgt der Twist am Ende kaum mehr Überraschungen. Unterschlagen werden darf bei alldem aber nicht der beachtliche Unterhaltungswert, der sich aus der spielfreudigen Variation bekannter Motive des psychologischen Horrorfilms ergibt. Von der Frage, was zur Hölle da vor sich geht, lässt man dann nur zu gerne ab, um sich ganz auf das „wie“ einzulassen.

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