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Es ist wohl Ironie des Schicksals, dass sich Jesse und Celine nur deshalb kennenlernen, weil die junge Französin es leid war, sich die Streiterei eines Ehepaares auf dem Nachbarsitz anzuhören. So nimmt sie schliesslich neben ihm Platz – und schon nach einem ersten Wortwechsel wird klar, dass sich die beiden von Grund auf verstehen. Als er schon kurze Zeit später in Wien aussteigen muss, begleitet sie ihn – es bleibt ihnen nur eine gemeinsame Nacht, denn schon am nächsten Morgen muss Jesse seinen Flieger nach Hause nehmen.

Diese Nacht verbringen die beiden vor allem mit einem: Reden. Einfach nur Reden. Über Kindheitserinnerungen, Lebensträume, kaputte Beziehungen, die Angst vor dem Tod, über Gott und die Welt. Sie versuchen, ihre Unsicherheit und Schwäche mit Humor und Zurückhaltung zu überdecken, doch immer wieder durchschauen sie sich gegenseitig. Es grenzt an Selbstverleugnung, wenn beide sich zu einer „erwachsenen Haltung“ durchringen wollen, die ihnen verbieten soll, ihren aufkeimenden Gefühlen freien Lauf zu lassen, doch müssen sie sich sofort wieder eingestehen, dass es längst zu spät ist, eigentlich von Anfang an zu spät war. Und so verschwindet mit den gemeinsamen Stunden auch die Angst davor, diese Nacht voll auszukosten – auch wenn der Preis dafür die ewig quälende Frage sein wird, ob aus dieser flüchtigen Beziehung mehr hätte werden können.

Man kann gar nicht genug lobende Worte über Julie Delpy und Ethan Hawke verlieren. Die beiden harmonieren perfekt miteinander und vermitteln mit ihrer jugendlichen, unbeschwerten Art ein geradezu ansteckendes, optimistisches Lebensgefühl, dass uns daran erinnert, das es trotz allem Elend in der Welt noch schöne Dinge im Leben gibt, die man entgegen jeder Vernunft so intensiv auskosten sollte, wie nur irgend möglich, auch wenn die Rückkehr in die Realität dadurch umso schmerzlicher ausfällt. Alles ist eben vergänglich, wie das Leben selbst. Wenn die beiden am Schluss getrennt ihren Heimweg antreten, ist weniger Trauer in ihren Gesichtern zu lesen, sondern viel mehr das Bewusstsein, gerade die vielleicht schönsten Stunden ihres Lebens verbracht zu haben. Die ersten getrennten Minuten wirken dabei wie das Schrillen eines Weckers, der die beiden aus einem Traum aufweckt, in den sie nicht mehr zurückkehren können. Das einzige, was ihnen bleibt sind die Erinnerungen. Und diese sind unvergänglich.

Der dritte Hauptdarsteller sollte an dieser Stelle ebenfalls erwähnt sein: Die Stadt Wien. Im Nachhinein kann man sich keinen passenderen Schauplatz vorstellen, denn die dunklen, engen Gassen, das Riesenrad bei Sonnenuntergang, und vor allem die Menschen, denen die beiden begegnen, machen die Unwirklichkeit ihrer gemeinsamen Stunden erst richtig deutlich. Der Spaziergang durch die österreichische Hauptstadt wird auf diese Art und Weise zu einer romantischen Sightseeing-Tour, die das beste aus den wenigen Augenblicken holt, die noch bleiben. Sei es eine Wahrsagerin, die Celine aus der Hand liest und eine schöne Zukunft verspricht, ein Dichter, der sich von einem profanen Wort wie „Milchshake“ poetisch inspirieren lässt oder einfach nur der Mondschein über dem nächtlichen Park. Umso schwerer fällt es einem zuzusehen, wenn die Kamera am nächsten Morgen noch einmal alle besuchten Orte bei Tageslicht und ohne die beiden zeigt. Ein trostloser und leerer Anblick, keine Magie mehr, nur die nackte und ungeschminkte Wirklichkeit.

Um von den Dialogen der beiden nicht abzulenken und deren Authentizität und Lebensnähe zu bewahren, verzichtete man hier weitesgehend auf musikalische Untermalung. Doch wenn sie zum Einsatz kommt, dann beherrscht sie die Szenerie zumeist komplett, so beispielsweise zu Beginn in einem Musikladen, wenn sich beiden zusammen eine Platte anhören. Etwa eine Minute lang hört man ebenso wie die beiden nur dem Stück zu, beobachtet die Blicke, die sie austauschen. Ein weiterer Moment, in dem man gern auch länger verharren könnte, wurden die Hauptdarsteller doch auch hier wunderbar in Szene gesetzt und verraten ihre schüchternen Blicke schon zu diesem Zeitpunkt fast alles, was im folgenden wichtig ist. Alle Elemente des Films passen einfach nahtlos zusammen und schaffen so eine wohlige Stimmung, in der man für 90 Minuten völlig versinken kann.

Mit „Before Sunrise“ gelang Regisseur und Autor Richard Linklater eine tiefgreifende Romanze über zwei junge Menschen, deren Wege sich in einer von Orientierungslosigkeit und Ungewissheit über die eigene Zukunft geprägten Lebensphase kreuzen. Julie Delpy und Ethan Hawke verkörpern ihre grandios ausgearbeiteten Rollen jederzeit glaubwürdig, mit sichtlicher Spielfreude und einem Charme, dem man sich kaum entziehen kann. Ein wunderbarer Film, der den Zuschauer mit der Erkenntnis zurücklässt, dass das Leben manchmal wirklich schöne Seiten zu bieten hat – wichtig ist nur, dass man sie erkennt und bereit ist, sie als solche anzunehmen, denn allein die Erinnerungen daran sind es im Grunde schon wert.

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