Before Sunrise…
…ist beinahe ein einziger 94 Minuten und 15 Sekunden langer Dialog über Gott, Wiedergeburt und die Menschen, über Freude und Schmerz und natürlich das Leben und die Liebe. Und das faszinierende daran ist: es funktioniert. Es gibt nicht eine Sekunde, in der Platz für Langeweile wäre, keinen Moment, in dem einen diese Flut an Worten merkwürdig, nervig oder aufgesetzt vorkämen - nein, das ist das Leben - und in dieser einen Nacht, in der sich die Geschichte des Films bewegt, ist es wunderschön.
Man spürt die ganz eigene Magie eines solchen Tages, wenn sich die ganze Welt nur noch um einen selbst dreht, wenn sie nur noch ein kleines Fleckchen ist und die Zeit keine Bedeutung mehr hat, dafür aber umso schneller vergeht. Alles passiert wie von selbst, alles ist Ursache und Ergebnis gleichzeitig. Alles ist so bedeutungslos und dabei so wichtig. Jeder, der so etwas schon erlebt hat weiß, was für ein wunderbares Erlebnis solche Stunden sind und Regisseur Richard Linklater hat es hier geschafft dieses Gefühl auf Film zu bannen.
Dabei nutzt er geschickt sowohl die einige Besonderheiten Wiens, sowie kleinere Begebenheiten, wie die Einladung zu einem Theaterstück oder das Treffen mit einem Straßendichter, um immer wieder für Abwechslung zu sorgen, die Geschichte neu anzufachen, bevor sie noch überhaupt zu erlöschen droht oder einfach nur um die Gespräche in eine neue Richtung zu lenken. All diese Dinge wirken aber nie konstruiert, sondern stets wie Zufälligkeiten, die einfach so passieren.
Wir dürfen dabei sein, wenn Celine (Julie Delpy) und Jesse (Ethan Hawke) über ihre Kindheit, ihre Ziele und Wünsche reden oder sie über Wahrsagung oder Reinkarnation philosophieren, sie gemeinsam lachen oder traurig sind. Dabei sitzt jedes Wort, jede Geste, jedes Lächeln so perfekt, so natürlich, dass man fast vergessen könnte nur eine fiktive Geschichte erzählt zu bekommen. Vielmehr braucht man zu der Leistung der beiden Hauptdarsteller wohl nicht sagen, nur noch soviel vielleicht, dass die beiden nicht nur jeder für sich hervorragend waren, sondern auch noch das Glück besaßen traumhaft miteinander zu harmonieren.
Gleichzeit ist diese Tatsache auch ein Kompliment für Linklater. Zum einen deshalb, weil er für sie die richtigen Worte gefunden hat und zum anderen, weil es gelungen ist, dieses Zusammenspiel mit der Kamera aufzufangen. Denn auch wenn es zunächst so scheint, als könnte man über die technische Seite des Films nicht viel sagen - schließlich gibt es keine schnellen Schnitte, keine experimentellen Kamerafahrten - so wird einem die handwerkliche Klasse doch bewusst, wenn man sich vor Augen führt, wie nah man dabei sein durfte und wie lebensecht die Inszenierung ist.
Ähnliches gilt auch für die musikalische Untermalung, die nichts besonders Auffälliges hervorgebracht hat, die sich aber so reibungslos in das Gesamtbild eingefügt hat, dass es einfach nur so hat sein dürfen.
Nur an einer einzigen Stelle schien der Film einen Bruch zu haben. Unmittelbar vor einer meiner absoluten Lieblingsszenen, in der die beiden in einem Restaurant sitzen und dann so tun als würden sie ihren besten Freund bzw. ihre beste Freundin anrufen, um diesen von den letzten Stunden zu erzählen und der jeweils andere so tun sollte, als wäre eben jener Freund, werden wir Zeugen von mehreren kurzen Gesprächsauschnitten verschiedener Grüppchen, die bereits in dem Lokal sitzen. Das stieß mir im ersten Moment ein wenig unangenehm auf, da die Übergänge vorher sehr fließend waren und hier diese kleine Unterbrechung unpassend wirkte. Im Nachhinein verstehe ich diese Szenen aber so, dass sie eine Schnittstelle zu vielen anderen Geschichten ist. Denn jeder der dort gezeigten Menschen hat sein eigenes Bewusstsein, sein eigenes Leben, seinen eigenen Weg, wie er in diese Kneipe gekommen ist. Und das ließ sich am besten dadurch verdeutlichen, dass all diese Personen voneinander und vor allem von Celine und Jesse unbeeinflusst waren.
Was mich beim Ansehen also noch gestört hat, ist für mich in der Nachbetrachtung nur noch ein weiteres Qualitätskriterium geworden, das sich positiv in meiner Gesamtbewertung wiederfindet.
Kurz vor Schluss nun noch ein paar Worte zum Ende, das zwar sehr romantisch und optimistisch wirkt, aber allein schon weil es offen ist, nicht in Kitsch abdriftet.
Und als allerletztes nun noch den Tipp, sich über den Nachfolger „Before Sunset“ nicht zu informieren bis man nicht „Before Sunrise“ gesehen hat, damit dieser seine volle Wirkung entfalten kann.
Weil man es einfach nicht viel besser machen kann, gibt es von mir runde 9/10 Punkte.
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