Review

Volltreffer aus dem Windschatten

Wenn es um die Goldmedaille in der Disziplin „Best Reactionary Vietnam Film" geht, dann ist Sylvester Stallones „First Blood: Part II" (1985) für die allermeisten garantiert der Topfavorit. Kaum eine Figur steht symbolträchtiger für den amerikanischen Geschichtsrevisionismus des ungeliebten Vietnamkrieges wie die muskelbepackte Ein-Mann-Armee John Rambo. Die öffentliche Huldigung durch US-Präsident Reagan sowie ein globales Box Office von über 300 Millionen US-Dollar (heute knapp 900 wert) dürften bei dieser „Huldigung" eine nicht unerhebliche Rolle gespielt haben. Im Gesamtkontext der Rambo-Reihe wird das heute durchaus etwas differenzierter gesehen und der Film oft mehr als perfekter Action-Reißer mit Zeitgeistunterbau, denn als politisch motivierter wie kalkulierter Tiefschlag interpretiert.

Für die Konkurrenz ist ein solcher Starrummel natürlich wie gemalt. Im Windschatten des Favoriten lassen sich für vermeintliche Underdogs nicht nur praktisch unbemerkt enorme Trainingserfolge erzielen, sondern vor allem auch fulminante Siege einfahren. Ein solcher Underdog war im Testosteron-Kino der 80er Jahre Chuck Norris, seines Zeichens Karateweltmeister mit Ambitionen auf den von der Doppelspitze Stallone-Schwarzenegger okkupierten Action-Thron. Im absichtskongruenten Cannon-Filmstudio  hatte er zudem einen nicht minder motivierten und fokussierten Partner gefunden. Dennoch, ein schier übermenschliches Unterfangen, keine Frage, schließlich galt es nicht nur gegen deutlich höhere Budgets und dementsprechend fähigeres Personal anzutreten, sondern auch im nicht unerheblichen Charisma-Wettstreit war kaum ein Kraut gewachsen gegen die beiden Präsenz-Monumente. Ob das wild wuchernde Kraut auf praktisch der gesamten Körperfläche unseres Herausforderers da die passende Strategie war, darf ernsthaft bezweifelt werden, aber zumindest signalisierte man so geradezu naturalistische Authentizität.

Unbedingte Authentizität war auch bei der Gesinnung gegeben. Denn während Reagan den gleichermaßen überrumpelten wie gebauchpinselten Stallone vor seinen revisionistischen Politkarren spannte, war Norris zeitlebens ein strammer Republikaner mit entsprechend zementierten Ansichten, die er im Übrigen auch gerne und häufig zum Besten gab. Für ein markiges „Search and Rescue-Feuerwerk, bei dem der amerikanische Dschungelkrieger im Nachklapp doch noch triumphiert, war Chuck also geradezu goldrichtig, praktisch die Idealbesetzung. Nicht dass es der totalen Kongruenz von Botschaft des Films und Geist des Stars zwingend bedürfen würde um den Zuschauer zu überzeugen, schädlich ist es aber garantiert nicht. Und tatsächlich ist Chucks Opus Magnum „Missing in Action" völlig zu Recht sein berühmtestes Werk und eines das selbst der innigste Norris-Hasser nicht umhin kommt zu kennen.  

Hier wird fröhlich das Hohelied des Reaktionismus angestimmt und auf jeglichen Anflug - und sei er noch so alibihaft - politischer Korrektheit gepfiffen. Das mit der Deckenbürste ausgemalte Schwarz-Weiß-Panorama gereicht auch noch dem plakativsten 50er Jahre Western zur Ehre und lässt keinerlei Spielraum für selbst die kleinsten Farbtupfer. Soll heißen sämtliche auftretende Nordvietnamesen sind ultraböse und sämtliches US-Personal herzensgut (selbstredend ausgenommen der schmierigen und opportunistischen Polit-Bürokraten). In fröhlicher Umkehr der realen Verhältnisse wird der US-Veteran zum Untergrundeinzelkämpfer, der einer zahlenmäßig und ausrüstungstechnisch überlegenen Feindarmee das Fürchten lehrt. Ist das haarsträubend doof? Aber sicher. Kann man das ansatzweise ernst nehmen? Auf keinen Fall. Ist der Film also ein schrottiger Totalausfall? Nun ja, da wird es kompliziert.

Es ist eine Tatsache, dass der in den 80er Jahren oft mitleidig belächelte und nur von einer eingefleischten Fangemeinde verehrte Chuck inzwischen Kultstatus genießt. Und „Missing in Action" ist dabei als absolute Blaupause des typischen Norris-Reißers ein nicht unwesentlicher Faktor. Die tumbe Botschaft im Verbund mit einem tumben Botschafter mag eine gewisse Rolle spielen, vielmehr aber ist es die aus jeder Pore dringende Innbrunst, mit der hier jemand seine Agenda verfolgt, die einen nicht unerheblichen Charme verbreitet. Hier ist ein unbedingter Gesinnungsholzhacker am Werk, der witzigerweise auch noch so aussieht, wie sich Lieschen Müller einen zünftigen Waldarbeiter vorstellt. Und man kann so einiges gegen Norris ins Feld führen, aber in der Kerndisziplin des virilen Actionhelden macht er nicht die schlechteste Figur. Der Mann kämpft, kraxelt, rennt, schwitzt und handkantet als gäbe es kein Morgen. Sly Stallone mag zwar weit mehr wie ein antiker Modellathlet ausgesehen haben, der bessere Sportler war aber mit Sicherheit der gute alte Chuck. Hier ist einer mit vollem Körpereinsatz und verbissenem Ernst bei der Sache. Dass diese erkennbar geistig anspruchsloser Natur ist, steigert eher den Unterhaltungswert.

Anerkennung verdient auch das Handwerk hinter der Kamera. Nein, natürlich nicht das des Autors John Crowther, sondern jenes des Spielleiters Joseph Zito. Was der aus dem mageren 2,5 Millionen $-Budget heraus holte, kann sich mehr als sehen lassen. Zwar kann „Missing in Action" in puncto Inszenierung, Spektakelwert und Anteil der Actionsequenzen nicht mit dem ein halbes Jahr später gestarteten „Rambo 2" mithalten, punktet aber mit einer durchdachten Verteilung, diversen Schauplatz- und Geländewechseln (zu Wasser, an Land und in der Luft) sowie einem Hauptdarsteller der sich nur in Ausnahmefällen doubeln ließ und als exzeptioneller Kampfkünstler sichtbar in seinem Element ist.  

Princeton-Absolvent und New York Times-Kritikersohn Crowther hat da hoffentlich weniger am persönlichen Limit gearbeitet, denn der Plot vom entflohenen Kriegsgefangenen und Ex-Elitekämpfer James Braddock der abseits einer desinteressierten US-Bürokratie auf eigene Faust ehemalige Kameraden befreit, ist nicht gerade Pulitzerverdächtig - von der reaktionären und rassistischen Begleitmarschmusik mal ganz zu schweigen. Allerdings erfüllt er vollauf seinen Zweck, der darin besteht, Gesinnung, Körperlichkeit und Leinwandpersona des Protagonisten so gewinnbringend wie möglich auszuschlachten. Bei einem zehnfachen Einspiel der Produktionskosten allein in den USA kann man daher durchaus von einer gelungenen Mission sprechen.   

Trotz der bescheideneren Mittel so ziemlich aller Beteiligten, wird der vermeintliche Hauptkonkurrent um die Trophäe für den „Best Reactionary Vietnam Film" einigermaßen deutlich auf die Plätze verwiesen. In puncto Revisionismus, Dolchstoßlegende und strammem Hurra-Vigilantismus ist „Missing in Action" ein unbedingter Siegertyp. Chuck Norris hat sich hier ein seinerzeit als unrühmlich empfundenes Denkmal gesetzt, das ironischerweise wiederum hauptverantwortlich für seinen späten Ruhm als Kultfigur zeichnet. Der zuvor gedrehte, aber dann als Prequel gestartete 2. Teil kann da trotz thematischer Parallelen nicht mithalten. Dass es dennoch auch bei Chuck noch höher schneller und weiter im Sinne von „krasser" geht, wurde ein Jahr später deutlich. „Invasion USA" (1985) ist zwar kein direkt Vietnam thematisierender Search and Rescue-Klopper, aber unmissverständlich im selben Dunstkreis angesiedelt. Action-Superstar Sly Stallone hat mit Rambos zweiter Mission ohne Zweifel den berühmtesten und actionreichsten Film des Körperkult-Einzelkämpfer-Kinos der 80er Jahre hingelegt, aber der reinste Stoff kommt dennoch aus der zweiten Reihe. Manchmal siegt eben der Underdog und Stallone wäre bestimmt der letzte, der dafür keine Sympathien aufbrächte.   

Details
Ähnliche Filme