Vor kurzem hatte ich Hugo Haas’ Psychiatriedrama «Lizzie» von 1957 gesehen. Im selben Jahr, knapp ein halbes Jahr später, erschien «The Three Faces of Eve», welcher genau dieselbe Geschichte erzählt. Hauptdarstellerin Joanne Woodward erhielt dafür einen Oscar.
Wie «Lizzie» erzählt «The Three Faces of Eve» von einer jungen Frau, die unbewusst an einer multiplen Persönlichkeitsstörung (heute dissoziative Identitätsstörung genannt) leidet. Genau wie im Vorgängerfilm ist die «Alltagsversion» von Eve eine mausgraue, zurückgezogene Frau; hier ist sie Hausfrau und hat eine kleine Familie. Die «andere Eve», die nur sporadisch zum Vorschein kommt, ist eine vergnügungs- und männersüchtige Göre – genau wie in «Lizzie». Und ebenfalls in «Lizzie» kommt am Ende eine dritte Persönlichkeit zum Vorschein – das lange verschüttete Original.
Dass die Parallelen purer Zufall sind, schliesse ich aus; dafür sind es zuviele aufs Mal. Aber laufen vielleicht alle Fälle von dissoziativer Identitätsstörung nach demselben Muster ab? Auch dies ist nach ausführlicher Internet-Recherche auszuschliessen.
Es muss irgendwo auf dem Weg von den Büchern zu den Filmen, eine Plagiatsgeschichte verborgen sein.
Drehbuchautor/Regisseur Nunally Johnson musste bei der Umarbeitung in einen Unterhaltungsfilm die wissenschaftlichen Ausführungen, auf denen er basiert, publikumswirksam aufbereiten. Trotzdem gibt er dem Film den Anschein der Echtheit, indem er den britischen Journalisten Alastair Cooke vor den Film spannt und ihn versichern lässt, dass man gleich «die Wahrheit» zu sehen bekomme, was einer Verschaukelung des Publikums gleichkommt: Was nachher folgt, ist eine etwas zahmere Version von «Lizzie»; nur ist «The Three Faces of Eve» deutlich mehr an der Ausschlachtung als an der Vermittlung der Fakten interessiert. Johnsons Film involviert die Zuschauer kaum, er bleibt distanziert und oberflächlich - und wirkt somit ein erster Linie wie eine Plattform für eine talentierte Schauspielerin.
Joanne Woodward ergreift die Gelegenheit und legt eine grandiose Leistung hin – an Eleanor Parker in derselben Rolle in «Lizzie» reicht sie aber trotz Oscar nicht heran.