Review

Ganze Serie

Wer einmal den Auyan-Tepui in Venezuela bestiegen hat, für den gehört Sir Arthur Conan Doyles "Lost World" zur Pflichtlektüre - und die diversen Verfilmungen des Themas zum Pflichtprogramm im Fernsehen oder Kino.

Im Falle dieser Fernsehserie ist das ziemlich viel Arbeit: über 60 dreiviertelstündige Folgen in drei Staffeln. Normalerweise komprimiert eine Verfilmung die literarische Vorlage - hier ist das Gegenteil der Fall: die Filmserie bläht den Roman mithilfe seltsamer, keiner Logik zugänglicher Raumzeit-Phänomene zu einem bunten Multi-Genre-Mix auf, von dem sich selbst der Autor von "Lost World" bei all seiner Fantasie nicht hätte träumen lassen. Urwelt-Ungeheuer, Brutalo-Western, Umweltkatastrophen, Jack the Ripper, Zeitreisen, Liebesschnulzen, Esoterik-Rätsel, Atombomben, Affenmenschen, Kriegsfilmsequenzen, Amazonen, Geheimagenten, Kung-Fu-Fighter, altrömische Legionäre, Aliens, Hexen - für Jeden ist etwas dabei, nur nicht für Pazifisten: denn ausnahmslos jede Folge enthält ein paar obligatorische Kampfszenen mit ein paar beiläufigen Toten, über die anschließend nicht mehr geredet wird. Das klingt nach Trash, und das ist auch Trash: Sowohl die durcheinander gewürfelte Mischung als auch die teilweise grottenschlechten Drehbücher lassen den Verdacht aufkommen, dass hier unter dem Motto "Auf dem Plateau ist alles möglich - nur kein Niveau" cineastische Resteverwertung betrieben wurde.

Dass ich dann doch bis zum bitteren Ende durchgehalten habe - okay, bei einer Folge der dritten Staffel bin ich eingeschlafen, über die nächste habe ich im Schnellgang weggezappt, damit mir das nicht gleich nochmal passiert - verdanke ich den Hauptdarstellern: die sind nämlich wirklich gut, und erstaunlicherweise ließen ihnen die sonst so trashigen Drehbücher auch noch genug Raum, ihre Charaktere und ihre Beziehungen untereinander differenziert zu entwickeln. Vor allem Rachel Blakely und William Snow als Marguerite und Lord John Roxton faszinieren mit immer wieder neuen Facetten ihrer Filmvergangenheit und ihrer bis zuletzt vergeblichen Versuche, doch noch zu einem Paar zu werden. Sie sind neben Peter McCauley als schrullig-humorvoller, schöngeistiger Prof. Challenger auch die Einzigen, die alle drei Staffeln treu durchgehalten haben. Michael Sinelnikoff, der als Prof. Summerlee - ganz entgegen der Romanvorlage - viel menschliche Wärme in die Serie brachte, ist es wohl schon ziemlich zu Beginn buchstäblich zu dumm geworden: er "starb" am Ende der ersten Staffel. Jennifer O'Dell - als blondes Urwald-Mädchen Veronika im ultraknappen Bikini immer wieder eine Augenweide für Männer, aber auch mit ihrer Schauspielkunst durchaus sehenswert - und David Orth als etwas elegisch-depressiver Malone verschwinden über weite Teile der dritten Staffel. Dafür kommt in den letzten paar Folgen noch Lara Cox als Finn - ein Mädchen aus der Zukunft - zum Team; auch sie in jeder Hinsicht sehenswert mit ganz eigenem, differenziertem Charakter.

Die gute Leistung der Hauptdarsteller schaffte es denn auch, meine Bewertung der ganzen Serie immerhin noch bis knapp unter Durchschnitt anzuheben. Trotzdem überwog nach dem etwas abrupten - weil offensichtlich vorzeitigen - Ende der Serie und des Plateaus im Chaos der Raum-Zeit-Gewalten die Erleichterung: gut, dass es nun endlich zu Ende ist.

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