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Wenn ein Film „Candy – Reise der Engel“ heißt und von Drogen handelt, dann sollte man gewarnt sein.
Himmel, Erde und Hölle – so sind die drei Stationen übertitelt, die das Protagonistenpärchen zu durchlaufen hat in ihrer zerstörerischen Beziehung.
Unser Pärchen, das sind die titelgebende Candy, gespielt von Abbie Cornish, die mit ihrem Freund Dan (Heath Ledger) hauptsächlich Drogen, also Heroin konsumiert. Erst nur lebensbegleitend, dann bestimmend, ist der Abstieg zum Junkie vorgezeichnet. Erst werden die Verwandten angepumpt, dann die Dinge des Lebens versetzt, schließlich prostituiert man sich...

Wer jetzt schon leise wimmert, er habe das alles schon mal gesehen, der ist auf der sicheren Seite.
Wenn es etwas Signifikantes an „Candy“ gibt, dann, daß das alles irgendwann schon viele Male da war.
Als Zuschauer wird man ins Geschehen geschmissen, wenn die Charaktere schon auf dem Trip sind, nur die Begleit- und Lebensumstände sehen zunächst noch rosiger aus. Später wird’s dann immer grimmiger und baldigst hakt man nur noch die Liste ab, die von Prostitution über Gaunereien bis zur ungewollten Schwangerschaft und (natürlich!) Fehlgeburt führen. Irgendwer soll natürlich bei sowas immer noch sterben, aber auch da liefert „Candy“ prompt...

Heath Ledger, inzwischen seit „Brokeback Mountain“ zum oscarnominierten Weltstar aufgestiegen, markiert mittels „Candy“ mal wieder einen filmischen Zwischenstop in seiner alten Heimat Australien und auch wenn die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Plot ein wenig herablassend ausfällt, so soll doch nicht der Anschein erweckt werden, „Candy“ wäre schlecht gespielt.
Im Gegenteil, Ledger gibt ein wunderbar dumpfes Portrait eines drogenbenebelten Nichtskönners, der auf dem Trip stets seine Liebe zu Candy beschwört, die sich stärker und finsterer mit den Wahrheiten der Abhängigkeit auseinandersetzen muß. Der unvermeidliche Versuch eines kalten Entzugs in trauter Zweisamkeit ist dann auch der dramatische Höhepunkt des ganzen Films, denn so nah gehen dem Zuschauer die Figuren in keiner anderen Sequenz des Films je wieder.

Doch, ach weh, es gibt ein Problem: das heißt leider ebenfalls Heath Ledger. Denn durch die pure Anwesenheit des Stars wird der unter anderen Umständen vielleicht kleine und intime Film in eine Dimension gehoben, deren Ansprüche er nicht einlösen kann. Der Fokus liegt deutlich auf ihm und nicht auf der überraschend guten und hierzulande noch unbekannten Abbie Cornish, der sonst nicht mal Geoffrey Rush als freundlicher Drogenkumpel und Professor etwas anhaben kann.
Wir sehen also dem unvermeidlichen Star beim Schwitzen und Zittern zu und das wäre jetzt gerade noch erträglich, wenn das Skript nicht einen wesentlichen Fehler aufwiese: es ist nämlich eigentlich kein Drogenfilm, zumindest konnte sich Neil Armfield in seiner Romanadaption wohl nicht entscheiden, was er eigentlich wollte.

Am Ende gerät der Film nämlich zu einem typischen Melodram über zwei junge Menschen, die nicht mehr zusammen kommen können, sobald einer von ihnen von den Drogen mal weg ist. Oder auch nicht.
Das gerät nämlich zunehmend aus dem Fokus, da das Publikum ständig von Ledgers wirren und unfreiwillig komischen Offkommentaren beschossen wird, ehe der Film nach stringenten zwei Dritteln plötzlich die Drogen vollkommen aus den Augen verliert und stattdessen Candys psychologischen Knacks aufs Korn nimmt, der leider aber nie ausführlich ausformuliert wird.
Schlußendlich ist nicht das Leben danach oder der Weg von den Drogen interessant, sondern es wird nur konstatiert, daß es so wie vorher nicht weitergehen wird und man sich besser trennen sollte.
Immerhin wird so ein moralinsaurer Schluß mit erhobenem Zeigefinger vermieden, stattdessen zuckt der geneigte Zuschauer nur mit den Schulter, was das denn nun alles sollte.

Diejenigen, die eine schön tragische Story brauchen, um mal wieder im Kino hemmungslos abjaulen zu können, werden also beliefert, alle übrigen, die vielleicht auf Innovationen in punkto Story und Drogensucht hoffen, werden bass erstaunt sein, wie vorhersehbar das alles abläuft.

Insgesamt nicht schlecht, aber kein Film, den man sich aus was auch immer wie gearteten Gründen ein zweites Mal ansehen möchte. Oder anders formuliert: wenn ich in einem so tragischen Drama ständig davon genervt bin, daß sich der Hauptdarsteller mal dringlichst wieder die Haare waschen sollte (die vier Jahre sind um!), hat ein gewaltiges erzählerisches Problem. (5/10)

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