Heaven, Earth, Hell
So betitelt Regisseur und Drehbuchautor Neil Armfield die drei Stationen, die Heath Ledger und Abbie Cornish als drogenabhängiges Pärchen in „Candy“ durchleben müssen. Und nicht nur im Leben der beiden Junkies gibt es Himmlisches, Bodenständiges und Schreckliches, diese logische Reihe kann auch hervorragend auf Armfields Film angewandt werden:
Heaven
„Candy“ besticht vor allen Dingen durch seine eindringliche Erzählweise, die das Schicksal des Künstlerpaares Candy (Abbie Cornish) und Dan (Heath Ledger) dokumentiert: mit der Kamera stets nah am Geschehen dran, emotional immer so nah wie möglich an den Charakteren, und dennoch in den passenden Momenten jederzeit so distanziert, dass man sich als Zuschauer ein zwar subjektiv-verklärtes aber dennoch angemessen objektives Urteil über die Lebensweise des Pärchens bilden kann. So gelingt es Neil Armfield, ein gefühlvolles und zugleich anstrengendes Drama zu inszenieren und gleichzeitig durch die Entwicklung dieser Nähe zu den Charakteren die wenigen Unzulänglichkeiten des Films geschickt zu kaschieren…
Earth
So eindringlich und aufwühlend Armfileds Drogen-Drama auch ist: eine neue Geschichte erzählt er uns nicht. Wer „Trainspotting“, „Requiem for a dream“ und andere Milieu-Dramen kennt, findet sich in „Candy“ bereits schnell in altbekannten Gefilden wieder, merkt, wie sehr es Armfield offensichtlich Spaß machte, mit dramaturgischen und visuellen Versatzstücken zu jonglieren. Einerseits schade, denn gerade dieses Subgenre hätte es bitter nötig, neu belebt zu werden, aber andererseits auch logische Konsequenz, da man – so tief man auch im Morast graben mag – immer wieder auf die gleichen „Karrieren“ im Drogenmilieu treffen dürfte: Einstieg, Abhängigkeit, Prostitution & Kriminalität… und als Schocker muss dann noch eine Fehlgeburt herhalten. So haben wir es schon oft gesehen, so geschieht es auch in „Candy“ und so werden wir es wohl auch in Zukunft noch oft vorgesetzt bekommen…
Hell
Und jetzt erwartet wohl jeder, dass hier der absolute Oberkracher-Negativ-Kritikpunkt kommt? Weit gefehlt! Dramaturgisch, handwerklich und darstellerisch passt es im Falle von „Candy“ eigentlich in jeglicher Hinsicht. Nein, die eigentliche Hölle bereitet die Wirkung des Filmes, und das ist ebenfalls keineswegs als negativer Kritikpunkt zu sehen: „Candy“ erweist sich trotz eines überraschend soft ausgefallenen Endes als ein hartes Stück dramatischen Kinos, das seine Härte vor allen Dingen daraus entwickelt, dass dem Zuschauer die beiden Protagonisten (auch durch das sehr gute Schauspiel von Abbie Cornish und Heath Ledger) mit zunehmender Zeit immer mehr ans Herz wachsen – trotz aller Fehltritte…
„Candy“ versucht nicht, den Drogenkonsum zu entschuldigen. „Candy“ dokumentiert lediglich den Leidensweg zweier Existenzen, die durch ihren Drogenkonsum an den Rande des Abgrunds und darüber hinaus geschleudert wurden. Und gerade dadurch, dass hier niemals allzu stark mit dem erhobenen Zeigefinger gewedelt wird, bewahrt sich Neil Armfields Film seine Glaubwürdigkeit, die zwar weit hinter dem Niveau eines „Requiem for a dream“ bleibt, „Candy“ aber dennoch zu einem sehenswerten Milieu-Drama werden lässt. 7/10