Review

Filme, die den Rezipienten thematisch persönlich betreffen, sind schlecht für den Rezensenten, da Vorsicht um die subjektive Objektivität geboten ist.

Hier also der Film zur inzwischen in Mode gewordenen Quarter-Life-Crisis, der modernen Form der Midlifecrisis, geboren aus einer Single-Gesellschaft, die ihr Lebenziel-Tief inzwischen schon Mitte zwanzig bis Anfang dreißig nimmt.
„The Last Kiss“, das US-Remake zu dem itailienischen Hit „L’ultimo bacio“ präsentiert uns den beinahe dreißigjährigen Michael, der um so nervöser und depressiver wird, je mehr sein Leben scheinbar vorgeformt vor ihm ausgebreitet wird. Seine Freundin ist schwanger, ein Haus steht zur Debatte, Panik greift innerlich um sich.
Da taucht am Horizont plötzlich ein junges Ding auf, die Studentin Kim und verheißt entweder ein Abenteuer oder zumindest eine Flucht in mehr Möglichkeiten. Ist das Leben mit 30 schon zu ende?

Doch das ist nicht alles: auch Michaels Freunde haben so ihre Schwierigkeiten. Der Eine hadert mit einer nicht zu verarbeitenden Trennung, ein anderer ist bereits Vater und muß sich mit dem Gedanken anfreunden, das seine Ehe am Ende ist, der Dritte flüchtet vor den Institutionen und vögelt sich fröhlich durchs Leben. Und auch die lieben Schwiegereltern Michaels geraten in eine handfeste Ehekrise…

Was immer der sonstige TV-Regisseur und Darsteller Tony Goldwyn mit seiner Regiearbeit anstellen wollte, er bemüht sich, möglichst an der typischen amerikanischen RomCom-Tragödie durch das europäische Drehbuch vorbei zu zielen.
Ohne jetzt platt das Visuelle zu betonen, legt er sehr viel Wert auf leise Töne, lässt den Figuren Raum zur Entwicklung, dehnt Szenen eher als dass er sie auf ihre simple Effektwirkung verkürzt. Der Rahmen steht relativ schnell und wirft die interessante Frage auf, wohin das wohl alles führen mag.

Ein ungemein kraftvolles Ensemble mäßig populärer, aber dafür um so überzeugender Schauspielergesichter wurde zusammengesucht, um die höchstmögliche Wirkung zu erzielen.
Und dennoch bewegt sich „The Last Kiss“ letztendlich nur im gehobenen Mittelfeld.

Das liegt zum einen daran, dass sich das Skript nun wirklich so gut wie gar nichts traut. Zwar sind die Schauspielleistungen adäquat in den meisten Fällen, aber das findet keine Entsprechung im Plot.
Michaels anfängliche Beziehungsidylle wirkt tatsächlich so realistisch, wie man sie im Kino eigentlich gar nicht sehen will, wird man doch fast zu sehr an das wahre Leben erinnert.
Und gerade wenn Film das versucht, tendiert er erst recht dazu, gekünstelt und kitschig zu wirken.
Der Mittelteil, in dem die Figuren schließlich ihre Entwicklungsphasen durchlaufen, ist dann auch der Interessanteste im ganzen Film, bewegen sich Komödie und Drama hier gemütlich engagiert nebeneinander her und stellen die nötige Verbindung zum Publikum her.

Überraschend dabei ist, dass ausgerechnet der Haupthandlungsstrang um „Scrubs“- und „Garden State“-Liebling Zach Braff und seine Freundin Jacinda Barett (sehr natürlich!) dabei vergleichsweise fade ausfällt. Recht vorhersehbar und ohne Fallhöhe schleppt sich das Drama vom letzten Abenteuer voran und Braff ist sichtlich überfordert, eine neue Figur zu kreieren, die sich von seinen beiden Erfolgsrollen abhebt. Leider bleibt es bei einer Mischung aus dem vergeistigten Neurotiker und dem komisch-verträumten Arzt und das Ergebnis ist eine ineffektive Hauptfigur, die allerdings ein sehr realistisches Dilemma durchlebt.

Einer wünschenswerten Tiefenwirkung steuert leider auch die Wahl von Rachel Bilson als seine Quasi-Affäre entgegen, denn der „The O.C.“-Star bedient hier lediglich Klischees vom verspielten Uni-Nymphchen und quält den Zuschauer mit gängigen TV-Platitüden, so dass man den erhabenen Moment, in dem sie Michael erklärt, sie könne seine letzte Chance sein, fast schon als Drohung empfindet.
Auch sie muß einen noch fast kindlich-natürlichen Charakter spielen, ein bisschen nervig, ein bisschen zu sehr verspielt und im Kontext vollkommen uninteressant, denn sie weist außer in punkto Verführung in keiner Szene zu Qualitäten auf, die als Konkurrenz zur bestehenden Beziehung gewertet werden könnten.

Da sind die Kumpels mit ihren Problemen viel besser dran, kurz und knackig werden sie ins Bild gesetzt und Komik und Tragik wirken bei weitem nicht so sehr aufgesetzt. Hier wird das Interesse strukturierter geweckt und der forcierte Realismus macht aus ihren Schicksalen etwas wesentlich Natürlicheres.
Gleichzeitig spielen aber Blythe Danner und der stets einfühlsame Tom Wilkinson als Schwiegereltern alle Jungspunde routiniert und mit simplen Blicken an die Wand, wo Braff mit seinem offenem Mund immer etwas debil daherkommt.

Aber trotz allem: in diesem Abschnitt hat der Film ungeheure Intensität, zumindest streckenweise.
Doch wie schon die Auswahl der Affäre angedeutet hat, versinkt dann der Film wieder in absoluter Risikolosigkeit. Der Untreue kehrt reumütig zurück und nachdem er und die Zuschauer mit ein paar handlichen Moralzeilen dermaßen zugepflastert worden sind und allen die Ohren klingen, rattert der Film mit Volldampf in vorgefertigte Platitüden einer hollywoodesken und uramerikanischen Traumbeziehung, der Geschasste erbringt einen heroischen wie stoischen Liebesbeweis und wird letztendlich wieder in Ehren aufgenommen, womit der Film dann auch irgendwie abgehackt endet, als hätten die Macher die Angst gespürt, jetzt könne nur noch totale Sülze folgen.

„The Last Kiss“ ist ein ehrenhafter Versuch, mal etwas anderes zu versuchen und hat zeitweise auch Erfolg mit seinem Realismusanspruch. Die Bombe platzen zu lassen, trauen sich die Autoren dann aber auch nicht so recht, niemand handelt hier aus Unzulänglichkeit oder Böswilligkeit, sondern ist eben einfach GUT und doch ein Mensch mit Fehlern – und so strandet am Ende doch alles in Vorhersagbarkeit.

Richtig gut ist Goldwyns Film nur, wenn er sich auf die Stärken der Darsteller verlässt oder in Dialogen die Figuren (z.B. in Streitszenen) komplett von der Kette lässt.
Aber dann sagt wieder irgendjemand so einen Romantik-Baukastensatz und der Zauber ist flöten.

So gesehen wünscht man Zach Braff baldigst einen Film für ein ganz neues Image und geht relativ unentschieden heim – was ja im Grunde auch nicht das Schlechteste ist. (6,5/10)

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