"Ich denke oft über mein Leben nach und ich habe das Gefühl, dass alles durchgeplant ist."
Im Freundeskreis von Michael (Zach Braff) geht es beziehungstechnisch drunter und drüber. Chris (Casey Affleck) hat Probleme mit seiner Partnerin Lisa (Lauren Lee Smith), denn als frischgebackene Eltern geraten sie ständig aneinander. Izzy (Michael Weston) versucht erfolglos über seine Ex-Freundin hinweg zu kommen. Und Kenny (Eric Christian Olsen) stolpert von einer Bettgeschichte zur nächsten. Selbst die Eltern von Michael's Freundin Jenna (Jacinda Barrett), Mutter Anna (Blythe Danner) und Vater Stephen (Tom Wilkinson), leben sich nach 30 Jahren auseinander.
Michael aber hat ein perfektes Leben und steht selbst kurz bevor Vater zu werden. Jedoch ist er mit seinem durchgeplanten Dasein nicht gänzlich zufrieden. Als er auf einer Hochzeitsfeier die ungezwungene und abenteuerlustige Studentin Kim (Rachel Bilson) kennenlernt, fühlt er sich sehr zu ihr hingezogen. Gegen seine Vernunft nimmt er ihre Telefonnummer und trifft sich mit ihr.
"Der letzte Kuss" präsentiert sich in einem sehr ruhigen, heute allzu selten gewordenen Erzähltempo. Dennoch wird die Tragikkomödie nie langweilig. Viele Ereignisse und Charaktere sorgen für ein ordentliches Tempo und eine gute Vielschichtigkeit. Gerade deswegen gehen die verschiedenen Themen in Beziehungen aber nur selten in die Tiefe.
Voll süßer Melancholie beschreibt der Film eine Generation von Liebenden, die zutiefst verunsichert ist. Sahen unsere Eltern oftmals noch gar keine andere Option, als einfach Zusammenzubleiben und das Leben in den gewohnten Bahnen weiterzuführen, so heißt es für uns seit jeher Freiheit der unzähligen Möglichkeiten. Nichts muß mehr dauerhaft Bestand haben. Angesichts der Beschwörung vielseitigster Erlebnisse, wie sie uns in der Popkultur immer wieder vorgelebt werden, muß auch die treueste Seele irgendwann in Zweifel geraten. Hier setzt "Der letzte Kuss" an.
Angenehm ist es, dass die Tragikkomödie keine Schuldzuweisungen erhebt. Mit einer hohen Authentizität sind die Figuren, insbesonders der Protagonist, in Konfrontation mit moralischen Konflikten und den daraus entstehenden Konsequenzen. Das Publikum sieht sich ebenso mit diesen Problemen konfrontiert. So ist es dann auch kein Wunder, dass einige Handlungsstränge offen bleiben und den Zuschauer zum grübeln motivieren.
Die Stimmung des Films wandelt sich mit zunehmender Laufzeit. Zu Beginn ist "Der letzte Kuss" charmant-witzig, später immer dramatisch-chaotischer. Jedoch wäre so viel Platz für mehr. Häufig vereinfacht oder verallgemeinert die Tragikkomödie ihre dargestellten Situationen, manche Facetten werden komplett ausgeblendet. Dafür schreitet jede Nebenrolle durch ihre eigene, ganz persönliche Beziehungskrise, mit jeweils völlig unabsehbarem Ausgang.
Passend und sehr abwechslungsreich ist die musikalische Untermalung. Überwiegend melodramatische Stücke werden unterbrochen durch Künstler wie "Coldplay" und "Snow Patrol".
Zach Braff ("Garden State", "Scrubs - Die Anfänger") trägt die Haupthandlung souverän vorwärts und verleiht seiner Figur eine wunderbar melancholische Note, die auch in den lustigen Momenten stets durchschimmert. Neben ihm präsentiert sich auch die recht unbekannte Jacinda Barrett ("Poseidon") glaubwürdig emotional. Rachel Bilson hat das Problem, zu naiv und entzückend aus dem Dreiergespann herauszustechen.
Casey Affleck ("Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford", "Gone Baby Gone - Kein Kinderspiel"), Michael Weston ("CSI") sowie Eric Christian Olsen haben etwas zu wenig Präsenz um ihr Talent entfalten zu können agieren aber sehr zweckmäßig. Ähnlich verhält es sich mit Blythe Danner ("Akte X - Der Film") und Tom Wilkinson ("Batman Begins", "Der Patriot"), die durch ihre Erfahrungswerte schneller eingespielt scheinen.
In "Der letzte Kuss" treffen sich allerhand talentierte Jungschauspieler in einer vielschichtigen, glaubwürdig dargebrachten Tragikkomödie über das Erwachsen werden. Wirklich viel Neues bietet der Film letztlich nicht, auch die handzahme Inszenierung hätte etwas Pepp gebrauchen können. Bei den sympathischen Figuren finden sich aber zahlreiche Identifikationspunkte, was den Verlauf der Handlung nachvollziehbar und später recht anspruchsvoll macht. Besonders sehenswert für Leute jenseits der 25.
7 / 10