Als kleiner Junge war auch ich besessen von der Antike, besonders vom Römischen Reich. Alles habe ich gierig verschlungen, was mir zu diesem Thema in die Finger kam, natürlich auch Sandalenfilme in aller Ausprägung: von christlichen Monumentalschinken wie „Ben Hur“ oder „Quo vadis?“ über halbwegs seriöse Historienfilme wie z. B. „Spartacus“ und „Der Untergang des Römischen Reiches“ bis zu den unzähligen B- und C-Filmen aus Italien wie „Die Irrfahrten des Odysseus“, ja sogar bis zu den Herkules-Filmen mit Steve Reeves reichte mein Spektrum. Nun war der Sandalenfilm vom Anfang der sechziger Jahre bis zu Anfang des neuen Jahrtausends ein absolut totes Genre. Und dann kam - fast aus dem Nichts - „Gladiator“ von Ridley Scott, dessen Karriere nach einigen Flops ähnlich versandet war wie besagtes Genre. Sie haben einander viel zu verdanken.
„Gladiator“ erzählt eine sehr einfache, aber keine dumme Geschichte über Rache, Liebe, Treue, Verrat, Wahnsinn und natürlich Tod. Der Film entwirft also eine sehr archaische Welt mit ganz altmodischen, aber dafür auch ziemlich authentisch wirkenden Figuren. Für ironische Brechungen oder gar Humor ist hier kein Platz – das Witzigste ist noch der Name des Helden. Es geht um Leben und Tod, und das spürt der Zuschauer in jeder Einstellung. Ridley Scott entfesselt einen Sturm auf der Leinwand. Die Bilder sind in ihrer barocken Ästhetik durchweg monumental; viele Szenen sind in das Licht der untergehenden Sonne getaucht, was viel zur fatalistischen Atmosphäre des Films beiträgt. Die Actionszenen sind durchweg dramatisch und hochexplosiv, jedoch wohldosiert eingesetzt, so dass sie ihren vollen Effekt erzielen können und nicht in langweiligen, weil auf die Dauer ermüdenden Nonstop-Kämpfen münden; besonders der Showdown ist in seiner Inszenierung ungewöhnlich und beweist, dass die Dramatik eines Zweikampfes nicht proportional mit seiner Länge zunimmt, sondern dass sich gerade in einem relativ kurzen Kampf die ganze Unerbittlichkeit im Konflikt zwischen Maximus und Commodus offenbart. Auch die Musik von Hans Zimmer stört zur Abwechslung einmal nicht, hier hat das sonst unerträgliche Pathos der Zimmerschen Kompositionen einmal seine volle Berechtigung. Allzu häufig ist das nicht der Fall. Zur Freude für die Fans des Schauspielerkinos können sich auch alle Darsteller gegen den audiovisuellen Bombast durchsetzen. Scott gibt ihnen glücklicherweise auch noch genügend Raum in stilleren Szenen, um ihr Potential auszuspielen. Russell Crowe ist eine imposante Erscheinung, so unerbittlich er im Kampf ist, so subtil agiert er abseits des Schlachtfelds bzw. der Arena; seine feine Mimik und seine kleinen Gesten statten Maximus auch ohne große Worte mit einer für einen Mainstream-Hollywoodfilm ungewöhnlich großen Vielschichtigkeit aus. Joaquin Phoenix spielt den Bösewicht abseits aller Konventionen; sein Commodus ist ein ganz übel verdrehter Charakter zwischen Scheusal und kleinem Jungen, für den man nicht selten sogar Mitleid empfindet. Connie Nielsen macht das bestmögliche aus ihrer recht konventionellen Rolle als leidende Lucilla. Richard Harris ist als Marcus Aurelius souverän, Oliver Reed in seiner letzten Rolle als Proximo fast schon der heimliche Star der Films. Sogar Ralph Möller stört nicht wirklich!
Eine kleine Enttäuschung ist lediglich das unsäglich kitschige Ende, in dem Lucilla im vollbesetzten Kolosseum einen grauenhaften, so pathetischen wie lächerlichen Monolog hält. Hätte Scott die Szene, in der Maximus über das Feld zu seiner Familie geht, als letzte Einstellung gewählt, wäre der Film in meinen Augen fast perfekt gewesen. Aber in Hollywood weiß man nur in den seltensten Fällen, wie man einen großartigen Film anständig enden lässt.