Ein drittes und letztes Mal streift sich Sidney Poitier das karierte Jackett des Detective Virgil Tibbs über, um noch einmal ein Stück Unrecht aus der Welt abzutragen. Längst hat er die Kleinstädte aus den amerikanischen Südstaaten hinter sich gelassen, in denen er bei seinem oscarprämierten ersten Auftritt von „In der Hitze der Nacht“ ein persönliches Ausrufezeichen gegen den Rassismus setzte. Schon in der direkten Fortsetzung, dem Großstadtkrimi „Zehn Stunden Zeit für Virgil Tibbs“, wurden jedoch dank des neuen Einsatzgebietes San Francisco wesentlich größere Brötchen gebacken. Einen weiteren Tapetenwechsel sollte es ein Jahr später nicht mehr geben: In „Die Organisation“ bilden immer noch Originalschauplätze der kalifornischen Metropole die Kulisse, von ihren abschüssigen Straßen bis zum Ausblick auf die Golden Gate Bridge über der hellblau glitzernden Bucht.
Tibbs’ Ermittlungsfeld wird dabei allerdings von Fall zu Fall anonymer, seine Gegner unsichtbarer. Der Filmtitel steht für ein gesichts- und körperloses Netz der Kriminalität, in diesem Fall einen Drogenring, der hinter der unscheinbaren Fassade einer Möbelfabrik operiert. In einer erstaunlich spannenden, in sich abgeschlossenen Prologsequenz spiegelt sich die Anonymität bereits auf mehreren Ebenen wider: Fast dialogfrei führt der sonst vor allem im TV-Bereich erfahrene Regisseur Don Medford durch die ersten Minuten. Das obszön hohe Einfahrtstor der Fabrik wird in der Nacht einfallsreich mit einem Sprungstab überwunden, der Wachmann in seiner Kabine lautlos ausgeschaltet. Die Eindringlinge haben Folie um ihre Gesichter gewickelt und lassen sich dadurch nicht mehr identifizieren. Einen Mitarbeiter lassen sie in seinem Büro in einer der höheren Etagen aus dem Fenster hängen, ohne aufzuklären, warum ihm dies widerfährt. Die Bilanz bei Sonnenaufgang: Ein Toter, eine Explosion, gestohlenes Heroin im Wert von mehreren Millionen Dollar. Und jede Menge offene Fragen für das San Francisco Police Department.
Ein durchaus spektakulärer und vielversprechender Auftakt, der auch ein wenig davon zehrt, dass man noch nicht so recht einschätzen kann, welche Kriege es eigentlich sind, die hier ausgefochten werden. Allzu lange aber macht der Film um die Motivation der Einbrecher kein Geheimnis, denn in einem alten Büro irgendwo in den düsteren Vierteln der Stadt wird Tibbs von ihnen selbst über ihre Absichten aufgeklärt: Um ehemals drogenabhängige Aktivisten handelt es sich, die es sich zum Ziel gesetzt haben, dem Kartell das Handwerk zu legen.
Leider gelingt es dem Drehbuch von James Webb nicht immer, die folgende Zusammenarbeit zwischen den heißblütigen Amateuren und dem strichmündigen Profi schlüssig wirken zu lassen. Um den Idealismus der Gruppe auf Poitiers Figur überspringen zu lassen, reicht dessen Vorgeschichte nicht aus. Im Gegenteil, was wir von Tibbs aus seinen anderen Filmen kennen, lässt eher andere Schlüsse über ihn zu, neigt er doch eigentlich dazu, strategisch und rational zu handeln. Deswegen hatte es stets eine schallende Wirkung, wenn ihm mal die Hand ausrutschte. Verpasst er nun jedoch einem der Aktivisten nach einem frechen Kommentar eine Ohrfeige, wirkt das wie ein Zugeständnis an die wenig ausgeprägten Markenzeichen der Reihe, die ansonsten nicht mehr besonders wirkungsvoll in Szene gesetzt werden.
Tibbs’ Motivation wird auch deswegen immer rätselhafter, weil sich das Drehbuch kaum noch für sein Privat- oder Innenleben interessiert. Die im Vorgänger entstandenen Bemühungen, ihn in seinem familiären Umfeld zu beobachten und seine Rolle als Ehemann und Vater zur Psychologisierung heranzuziehen, werden fast vollständig eingestellt. Es gibt noch ein, zwei Momente, die ihn an der Seite seiner Frau (Barbara McNair) zeigen, besonders viel von Wert kann man daraus allerdings nicht ziehen. Auch im Job kann man ihm kaum vom Gesicht ablesen, was ihn umtreibt, und so beschränkt sich Poitier darauf, grimmig in die Kamera zu schauen und wortkarg seiner Bestimmung zu folgen, die offenbar darin liegt, vom ordnungsgemäßen Weg des Gesetzes abzudriften und als Vigilant Gerechtigkeit zu schaffen. Vielleicht kommt er damit dem Kollektiv der jungen Aufständischen um Raul Julia (“Street Fighter”) und Ron O’Neal (“Superfly”) entgegen, die offensichtlich nach dem Vorbild junger Bürgerrechtler konzipiert wurden, den Zuschauer lässt er jedoch ein wenig im Regen stehen.
So konstruiert der Ablauf der Ereignisse dadurch auch wirken mag, er ist dennoch reich an Suspense und kleinen Spannungsspitzen, wenn auch wieder eher auf dem Niveau eines hochwertigen TV-Krimis als eines waschechten Kinofilms. Die Stadt wird als Setting sinnvoll in die Handlung integriert, ob nun auf einer Schifffahrt über den Kanal mit der Skyline im Hintergrund die nächsten Schritte geplant werden oder die noch im Bau befindliche Montgomery Station als Dekor für eine Verfolgungsjagd dient. Intime Einschüchterungsversuche in schmutzigen Gassen wechseln sich ab mit Kofferübergaben an belebten Plätzen und Scharfschützen-Zielübungen über mehrere Hundert Meter, was die Körperlosigkeit der Organisation klug betont. Da müssen die Drogendealer und ihre Eintreiber nicht einmal viel Präsenz unter Beweis stellen, es reicht schon, dass sie Poitier und seine Mitstreiter mit einer unsichtbaren Wand konfrontieren.
Dies immerhin gelingt auch dank der figurativen Regie, die ein besonderes Augenmerk auf die unsichtbaren Fäden zwischen den Figuren legt. Medford inszeniert klar aus dem Blickwinkel des New-Hollywood-Kinos und lässt den Gesamteindruck eines gewöhnlichen Krimis dadurch ambivalent erscheinen. Gerade das recht drastische Ende zementiert diesen Eindruck. Es könnte sogar nahelegen, dass die Hauptfigur dieser Franchise all die Zeit nur Scheinerfolge errungen hat, die offen lassen, was sich tatsächlich im Gesamtbild bewegt hat.
„Die Organisation“ könnte daher sogar ein überdurchschnittlich guter Thriller sein, wäre er etwas glaubwürdiger konstruiert und machte nicht so sehr den Anschein, in einen kleinen Rahmen zu gehören. Sydney Poitier spielt inzwischen so unauffällig, dass es längst nicht mehr unmöglich ist, den Film von der Hauptfigur zu trennen. Andererseits freut man sich irgendwie, dass einem sozial gebrandmarkten Charakter wie Virgil Tibbs nach der bedeutungsschweren ersten Station seiner Filmkarriere ein so vergleichsweise leichter Ausklang gewährt wird, unbehelligt von vermeintlich irrelevanten Erörterungen über Hautfarben.