In der Kleinstadt, aus der ich stamme, ist neben dem Hund vor allem auch die politische Mitte begraben: auf der einen Seite kapitulieren desillusionierte Ersatzbanklefties vor sich hin, auf der anderen Seite meckern CDU-Wähler in Dritter Generation und einige versprenkelte AfD-Trottel über die bösen Jugendlichen, die außer Sex und sich Haschisch spritzen nichts anderes im Sinn haben. Nichts gutes zumindest. Vom Rest aus Partei, FPD, sonstigen hörst du hier in XYZ-Hausen nichts. Tja, die hatten beim letzten Versuch, lokalpolitisch was zu rocken auch keine polarisieren Figur wie Linda Lovelace am Start.
Die hat es sich ja ganz im Sinne der Neutralität gleich mit beiden Seiten der Porno Diskussion vergräzt: die einen werfen ihr Nestbeschmutzung und Zensurgeilheit vor, die anderen Bigotterie und irgendwo zwischen dem Mimimi beider Parteien liegt die Wahrheit unbeachtet auf dem Boden der Tatsachen. Dass 1975 die Regisseure Claudia Guzman und Arthur Marks cineastische die Präsidentschaft der ehemaligen "Deep Throat" - Ikonie forderten ist irgendwie naheliegend: wer so polarisiert, der schafft es auch bestimmt, die Weirdos der Nation unter einem Banner zu Vereinen. Sollte bei Trump später ja auch klappen, kommt hier aber mit einigen Abstrichen deutlich sympathischer rüber.
Linda hat zu Beginn des Filmes das Horizontalkunstgewerbe erfolgreich hinter sich gelassen und eine lukrative Zweitkarriere als Autorin obskurer Sexratgeber gestartet, als eine Delegation von Drittparteilern an sie herantritt, die sie gerne als Prasidentschaftskandidatin sehen würden.
Von ihrem Onkel, dem greisen Urpatrioten Sam bestärkt, tritt Linda den Wahlkampf und damit eine monatelangen Promotour durch die vereinigten Staaten an - begleitet von depressiven Nazis, religiös unentschlossen Pfarrern, Päderasten, Schwulen, Lesen, Schwarzen, Asiaten noch vielen anderen heiteren Klischers, die dem Durchschnittsbürger nicht in den Kram passen. Dabei muss man sich nicht nur mit den komischen Eingeborenen einzelner US-Städte, sondern auch Saboteuren aus dem Umfeld der etablierten Parteien herumschlagen. Oder in Linda Fall auch mal gerne über den Boden wälzen.
"Linda Lovelace bläst zum Wahlkampf" bedient sich bitterböser Klischees, um möglichst viele Zuschauer möglichst derbe zu beleidigen und dessen Intelligenz gleich mit: Und das ist auch gut so, liebe Genossinnen und Genossen! In der wilden Politwelt der Linda Lovelace dürfen Pfaffen durchaus polytheistische Sexgeier, Nazis depressiv und schwule Männer politisch unkorrekt Arschlöcher sein, das ist alles in Ordnung, weil am Ende des Tages ALLE demokratisch ihr Fett wegkriegen und wie in South Park jeder mal kassiert und austeilt. Auch Prominente und gar Gott bleiben hier nicht verschont, wobei Schwimmer Mark Spitz es hier mit seinem Filmkonterpart "Huck Spritz" etwas schmeichelhafter erwischt als unser Schöpfer, der hier Werbung für christliche Schallplatten macht und Lindas Vorzüge scheinbar genau so zu schätzen weiß wie jeder Sterblichen mit entsprechender Neigung.
Den chinesischen Waschereibesitzer im Yellowface sowie den Pädophilen mit der Bonbontasche hatte man sich meiner Meinung nach zwar doch sparen können, aber ich kann auch nicht leugnen, dass die Figuren den Geist des Filmes wie die Faust aufs Auge treffen. Auch, wenn bei der Zweitsichtung nicht jeder Gag zündete, beim ersten Mal hatte ich von einigen Längen abgesehen großen Spaß. Kein Wunder, dass Christian Keßler in seinem zweiten Trashfilmbuch sehr charmant für diesen Film geworben hat.
Bad Taste - Jünger sollten den Film in ihre Sammlung aufnehmen, Lovelace-Komplettisten sowieso und Zuschauer, die wissen wollen, wie sich eine Mockumentary aus der Feder Robert Crumvs anfühlen würde, erst recht.