DIE SIMPSONS - SEASON 2
Sie sind wieder zurück - mit vollen 22 neuen Abenteuern! Neun mal mehr Simpsons als im ersten Jahr... das Zeichen für die endgültige Etablierung eines Kultes der Neunziger Jahre?
Sollte man fast meinen, wenn man sich die Entwicklung ansieht. Schon die erste Staffel war ja nicht gerade ein Sorgenkind von Fox und letztendlich der Garant dafür, dass eine Serie entstand, die heute den Rekord für die am längsten laufende TV-Serie aller Zeiten hält.
Und tatsächlich gingen die Simpsons im zweiten Jahr deutlich Richtung Mainstream. Beinahe reaktionär war die Strategie der Macher, in der Season 2-Premiere Bart zur Hauptfigur zu machen, denn er war damals der unumstrittene Publikumsliebling der Show und wurde erst nach und nach von Homer abgelöst. Fox tat sein übriges und setzte bei der Vergabe der Sendetermine voll auf Angriff: Sonntag, Prime Time, in direkter Konkurrenz zum bis dato unumstrittenen König der Familienunterhaltung, Sitcom-Star Bill Cosby. Und ja, das Konzept schien wahrhaftig aufzugehen! “Der Musterschüler” schlug die “Bill Cosby Show” bei den Quoten deutlich, was den Zeitungen des Landes große Schlagzeilen wert war. Es entbrannte ein Zweikampf. Da war plötzlich diese kleine Zeichentrickserie, die dem großen Bill Cosby zu schaffen machte.
Die Ernüchterung kam aber schnell. Woche für Woche holten die Cosbys auf und gewannen letztendlich doch recht schnell wieder die Überhand. Es wäre vielleicht auch etwas unheimlich gewesen; so aber hatten Groening & Co. die Möglichkeit, sich ganz in Ruhe zu entfalten - was der Serie sichtbar gut tat.
Was bringen also nun die 22 Episoden der zweiten Staffel Neues mit? Welche Erkenntnisse hatte man aus der ersten Staffel gezogen, was wurde eingeschränkt oder gar aufgehoben, und was wurde weiterhin gehütet und zum dauerhaften Gegenstand der Serie gemacht? Man merkt bereits, die zweite Staffel steht voll und ganz im Dienste der Etablierung und der Festigung der eingeschlagenen Richtung - was sich in diesen Folgen wiederspiegeln sollte:
EPISODE 1
DER MUSTERSCHÜLER (Bart Gets An F)
Deutsche Erstausstrahlung: 20.12.1991
US-Erstausstrahlung: 11.10.1990
Inhalt: Bart Simpson ist der geborene Klassenclown: frech, unaufmerksam und stinkend faul. Darunter leiden auch seine Zensuren. Statt hin und wieder zu lernen, vergnügt er sich lieber bei sinnlosen Computerspielen und brutalen Trickfilmen. Der Rabauke treibt es so weit, dass schließlich seine Versetzung in die vierte Klasse auf dem Spiel steht. (Booklet-Text)
Ja, man ist geneigt zu verstehen, weshalb “Der Musterschüler” Bill Cosby schlagen konnte. Wo natürlich auch der Hype darum eine Rolle spielte, wie sich die Abenteuer um die gelbe Familie nach der Pause fortsetzen würde, war die erste Folge aber auch strategisch klug ausgewählt und vermutlich von Fox im Vorfeld ausgiebig beworben worden. Was sich nämlich zunächst auf dem Papier - und wohl auch in den Vorab-Trailern - wie eine Neuauflage der recht guten Episode “Bart wird ein Genie” (102) las, war im Endeffekt ein geschicktes Spiel mit dem Bekannten zum Aufbereiten von etwas Neuem. Die Zuschauer waren neugierig, ob sich die Originalität der Macher halten konnte. Und das war durchaus der Fall. Bart bekam als Figur vollkommen neue Züge ab, und der Plot erwies sich als überraschend ausgebufft. Da fiel die Tatsache, dass einmal mehr die Schulprobleme thematisiert wurden, gar nicht weiter ins Gewicht.
Und tatsächlich ist man schnell soweit, über fehlende Originalität überhaupt nicht nachzudenken. Der Rollentausch zwischen Bart und Schulstreber Martin erweist sich als höchst interessantes Szenario mit nicht zu verachtenden soziologischen Grundfragen. Welcher Lebensstil ist besser? Der theoretische, mit all den Formeln und dem Bücherwissen, zu Lasten der fehlenden menschlichen Kontakte, oder lieber der pragmatische, einfach zu tun, was man will, wobei allerdings die Bildung zu kurz kommt und sich die Optionen in der Zukunft vermindern?
Recht schnell verabschiedet sich doch jener Ansatz, wenn Martin in seiner neu entdeckten Leidenschaft, Unsinn zu stiften, plötzlich auf den Pakt pfeift und Bart auf sich alleine gestellt ist. Anstatt hier aber einen Bruch zu erleiden, steigert sich die Episode nur, und zwar in dem Moment, als Gott persönlich eingreift und Bart eine Chance gibt, das Schuljahr zu überstehen, ohne sitzen zu bleiben. Lisa macht sozusagen als Gottes Sprachrohr die Situation deutlich, wenn Bart vor der Entscheidung steht, die sein Leben bestimmen könnte: Die glückliche Fügung Gottes nutzen, um das Leben zu genießen, oder um zu büffeln.
Diese wertvolle und zu keinem Zeitpunkt aufgesetzt wirkende Botschaft wird geschickt kombiniert mit einem Traum, mit einer dieser zeichnerischen Delikatessen der Serie, die ursprünglich überhaupt nicht eingebaut werden sollten, bis man dann die Möglichkeiten der Serie entdeckte. Erstmals mischen sich hier auch historische Bezüge mit ein, was gerade zuletzt bei den Simpsons wieder beliebt geworden ist.
So bietet diese erste Folge all das, was zum Auftakt nötig gewesen ist, um die Zuschauer bei der Stange zu halten. Man war nicht mehr darauf angewiesen, wie in der ersten Staffel eine Familiengeschichte zu konstruieren und sich somit eher allgemeinen Problemen zu widmen, sondern konnte gleich in die Vollen gehen. Und diese Konsequenz gefällt ganz einfach - und macht Lust auf mehr.
EPISODE 2
KARRIERE MIT KÖPFCHEN (Simpson and Delilah)
Deutsche Erstausstrahlung: 10.01.1992
US-Erstausstrahlung: 18.10.1990
Inhalt: Der gestresste Homer Simpson hat schon lange ein haariges Problem: eine dicke, leuchtend gelbe Glatze. Im Fernsehen wird ein neues Wundermittel gegen Haarausfall angepriesen - Homer ist sofort Feuer und Flamme. Doch leider kann er sich die teure Medizin nicht leisten. Um an das Ziel seiner Träume zu gelangen, hilft nur ein handfester Versicherungsbetrug... (Booklet-Text)
Erstmals werden wir Deutschen persönlich angesprochen. In einer Quiz-Show im Fernsehen fragt der Moderator: “Welcher berühmte Deutsche...” und Homer ruft: “Hitler!”
Aber das nur am Rande, denn eigentlich geht es um ein Thema, das auch schon bei den Bundys verhackstückt wurde: Die Definition der Männlichkeit über die Haarpracht.
Nun mag man die Sache mit Hitler tatsächlich als geschickten Hinweis aufnehmen - einen Hinweis darauf, wie die äußere Erscheinung ein trauriges Männchen mit Schnauzerstummel und Seitenscheitel zum Massenhypnotiseur machen kann - und wie halt volle Haarpracht dafür sorgt, dass das Umfeld bei deren Träger Dynamik bemerkt. Aber sind wir Menschen tatsächlich so beeinflussbar, dass Haare den Erfolg ausmachen und nicht etwa das Hirn darunter?
Nun, immerhin sagt Groening selbst, als er seine Schaffung mit wallendem Haar betrachtet, ganz verblüfft: “It really does make a difference.” Das ist der Punkt, weshalb auch diese Folge so gut funktioniert: Homer sieht mit seinen ständig wechselnden Frisuren deutlich jünger aus als mit seinem üblichen Bowlingkugelkopf. Wir glauben seinem Umfeld, dass es einen ganz anderen Mann vor sich hat.
Damit wir aber immer noch in der Gewissheit bleiben, dass Homer trotz der Haare noch der Alte ist, muss für uns Zuschauer immer noch der alte Glatzkopf erkennbar bleiben. Umso wichtiger wird Dan Castellaneta, Homers Stimme, die sich über die gesamten 20 Minuten kein Stück ändert und verrät, dass es sich um ein und dieselbe Person handelt. Und jener Aspekt ist ausgesprochen gut gelungen, denn der Zuschauer wird damit automatisch in die richtige Ausgangsposition versetzt, um die Botschaft problemlos aufzunehmen.
Sicherlich auch für einen Lacher gut ist die seltsame, unbekannte Figur, die Homer zur Seite gestellt wird. Ein mysteriöser Fremder namens Karl mit undurchsichtigen Absichten, bei dem es so scheint, als wolle er Homer helfen, wobei allerdings auch amouröse, homoerotische Gefühle durchscheinen - das erste, aber beileibe nicht letzte Mal, dass Homer auf mutmaßlich schwule Männer einen attraktiven Eindruck macht.
Und wie würde man nun die Moral der Geschicht’ in Kurzform ausdrücken?
(Marge) “You are so beautiful... to me!”
(Homer) “I am so beautiful... to you!”
EPISODE 3
HORROR FREI HAUS (Treehouse of Horror)
Deutsche Erstausstrahlung: 17.01.1992
US-Erstausstrahlung: 24.10.1990
Inhalt: Das ist nichts für empfindsame Nerven. Die Simpsons laden herzlichst ein zum schlimmsten Fest des Jahres: Halloween! Der gelbe Simpsons-Clan betätigt sich als Alptraum für jeden Hausgeist und macht vor keiner Spukgeschichte halt. Halloween hat erheblich mehr zu bieten als nur ein paar ausgehöhlte Kürbisse... (Booklet-Text)
Premiere! Die Simpsons etablieren eine Tradition. Vermutlich, um einen Ausgleich zu den regulären Alltagsepisoden zu schaffen, machte man sich einmal jährlich jeweils zu Halloween einen Spaß daraus, die Simpsons in absurde Situationen zu verfrachten, die so im normalen Kleinstadtleben nicht möglich gewesen wären.
Man sollte nun meinen, die ganze Angelegenheit sei wie eine Befreiung für die Macher, und so sieht es auch aus, denn den Storywritern und Animatoren sind wahrlich keine Grenzen gesetzt. Die Halloween-Shows gehören deswegen auch bis heute zu den großen Momenten jeder Season und haben tatsächlich bis heute im Gegensatz zu den restlichen Folgen kaum an Qualität verloren. Zu groß scheinen die Möglichkeiten zu sein, mit den Gesetzen der Serie zu spielen und sie für die Welt des Horrors zu modifizieren. Und das ist für die Macher dann auch das große Problem, das es schwierig macht, von einer “Befreiung” zu sprechen: Es gibt derart viele neue Charaktere und ungewohnte Effekte, dass man sich irgendwann dazu entschloss, die Stories bereits auf Vorrat zu schreiben, damit die Zeichner mehr Zeit hatten, die Drehbücher in Bilder umzusetzen.
Für die erste Folge nahm man sich drei sehr unterschiedlicher Geschichten an, welche mit einem “realen” Rahmengerüst verbunden wurden, in dem sich Bart und Lisa in der Halloween-Nacht im Baumhaus Geschichten erzählen und Homer von außen mithorcht. Zuvor gibt es eine von Marge moderierte Einleitung vor einem roten Vorhang sowie erstmals ein vollkommen anderer Abspann mit einer Kamerafahrt über den Springfielder Friedhof (auf dessen Grabsteinen dann berühmte Figuren verewigt wurden). Deutlich angelehnt an die alten Universal-Klassiker aus den Dreißigern und Vierzigern und deren dramatischer Präsentation in den Kinos, kann man sich gerade als Freund alter Horrorklassiker in Nostalgie suhlen und sich sicher sein, dass die Halloween-Shows auch inhaltlich stets voller Anspielungen gespickt waren.
Los geht’s mit einer Verulkung der Haunted House-Thematik, im Speziellen angelehnt an “Poltergeist” und “Amityville Horror”. Mit unglaublicher Experimentierfreudigkeit zeigt sich das Innenleben des verwunschenen Hauses und glänzt mit atmenden und blutenden Wänden, sich wandelnden Farben und Perspektivenwechseln. Atmosphärisch wandelt dieser Teil zwischen richtig subtiler Horroratmosphäre und dem auflockernden Simpsons-Humor, wenn das Haus von den Simpsons zur Rede gestellt und daraufhin analysiert wird, dass es möglicherweise ganz einsam ist und niemanden an sich heranlassen will. Das ist eine absolut hochklassige Persiflage, die auch letzte Konsequenz zeigt, weshalb man sich sogar schon im Vorfeld Sorgen darum machte, ob ein kleines Baby mit einem Messer in der Hand bei den Zensoren durchkommen würde. Tatsächlich ist die komplette Folge sehr erwachsen und sicherlich nicht für kleinere Kinder geeignet.
Etwas lockerer, aber nichtsdestotrotz sehr morbide geht es auch im zweiten Teil zu, wo wir zum ersten Mal auf alte Bekannte treffen: Kang und Kodos, die zwei schleimigen Außerirdischen, die nicht zum letzten Mal Springfield besuchten. Der Gag mit dem “How to cook humans”-Buch ist einer Episode aus “Twilight Zone” entlehnt. Der Sinn der Entführung der Simpsons durch Kang und Kodos wird zum Ende hin nicht so ganz klar, was aber umso mehr das Subtile betont.
Zuletzt ließ man sich mit der Adaption von Edgar Allen Poes “The Raven” auf einen Rasierklingentanz ein, denn ob sich der gemächliche, ruhige Spannungsaufbau Poes mit den überdrehten Simpsons vereinbaren ließ, war vorher nicht klar. Jetzt aber schon: “The Raven” gehört mit zum Anspruchsvollsten, was die Simpsons je hervorgebracht haben. Es gelang wahrhaftig, die Poe-Atmosphäre in diese Zeichentrickwelt zu übertragen. Sinnvoll war es schon, die intelligente Lisa diese Geschichte erzählen zu lassen. In der Story selbst übernimmt dann Gaststar James Earl Jones, bekannt vor allem als Darth Vaders Stimme, den Off-Erzähler und seine gereimten Hinweise auf die unbehagliche Situation, in der sich unser Homer befindet. Die erstklassige musikalische Untermalung übernahm erstmals Alf Clausen, der anschließend noch mehrfach den Simpsons-Score übernahm, was nach der Leistung hier kein Wunder mehr war. Auch Dan Castellaneta machte langsam eine Art “Stimmbruch” durch und fand zu seiner wahren Gabe. Nachdem er in der ersten Staffel noch seinen Weg finden musste, stabilisierte sich seine Leistung im zweiten Jahr schon sehr schnell, und hier führt er den Tanz auf der Klinge aus wie ein Balletttänzer, denn der schmale Grat zwischen Poescher Poesie und Homerschen Wahnsinns war ein großer, und Castellaneta vermochte es, ihn zu überschreiten. Die deutsche Stimme Norbert Gastell mochte da nicht ganz mithalten, doch hielt er sich mehr als wacker. Zuletzt erwähnenswert ist die mehr als erstklassige Regie, denn die verschrobenen Kamerawinkel, die den Raum dimensional unwirklich erscheinen lassen, können sich mehr als sehen lassen und sind ein erster größerer Höhepunkt in der Simpsons-Geschichte - wie auch letztlich die komplette Episode, die vor lauter visuellen Einfällen nur so strotzt und drei höchst atmosphärische Kurzgeschichten auch noch in eine Rahmenhandlung zu integrieren vermag - ein 22-minütiges Kunstwerk.
EPISODE 4
FRISCHE FISCHE MIT DREI AUGEN (Two Cars in Every Garage and Three Eyes on Every Fish)
Deutsche Erstausstrahlung: 24.01.1992
US-Erstausstrahlung: 01.11.1990
Inhalt: Beim Angeln macht Bart Simpson einen unverhofften Fang. In der Nähe des Springfielder Atomkraftwerkes holt er einen ekligen dreiäugigen Fisch aus dem Wasser. Die Sensation geistert durch alle Zeitungen und bald muss Mr. Burns, der Besitzer des altersschwachen Kraftwerkes, gegen die Schließung seiner geliebten Dreckschleuder kämpfen. Als alle Bestechungsversuche scheitern, will Burns sich kurzerhand zum Gouverneur wählen lassen. (Booklet-Text)
“Jim Brooks says, when you steal from a black-white-movie, it’s an hommage.”
So heißt es im Audiokommentar. Und “Frische Fische mit drei Augen” ist so eine “Hommage” - an das Lieblingsangriffsziel “Citizen Kane”. Im Mittelpunkt steht daher auch zum ersten Mal Mr. Burns, der sich bei einer Kane-Hommage natürlich besonders anbietet, die Hauptfigur zu spielen. Dementsprechend geht es auch um Wahlkampf, der letztendlich durch das Atomkraftwerk selbst entschieden wird - beziehungsweise durch das, was es hervorgebracht hat, nämlich eine Fischmutation.
Das Wahlkampftheater zwischen den Gouverneursanwärtern Montgomery Burns und Mary Bailey erweist sich nicht zuletzt durch die Anleihen bei Orwells Film als grandios inszeniert. Noch viel grandioser jedoch ist die Übertragung dieses Zweikampfes auf der großen Bühne ins Haus der Simpsons, wo Homer und Marge verschiedene Vorstellungen davon haben, wer das Gouverneursamt bekleiden soll. Ein Clou ist der finale Storytwist mit dem servierten Fisch, ausgehend davon, dass Marge einen beiläufigen und unüberlegten Satz Homers nach ihren Vorstellungen definiert. “Citizen Kane” ging vor allem für seine revolutionäre Filmstruktur in die Geschichte ein, und jener Aspekt ist es auch, der in dieser Folge herausragt: “Fische Fische mit drei Augen” ist vor allem vom strukturellen Aufbau her ein Highlight der zweiten Staffel.
EPISODE 5
DAS MASKOTTCHEN (Dancin’ Homer)
Deutsche Erstausstrahlung: 31.01.1992
US-Erstausstrahlung: 08.11.1990
Inhalt: Der sonst so geizige Mr. Burns sponsert für seine Mitarbeiter den Besuch eines Baseballspiels. Mit von der Partie ist auch die komplette Simpson-Familie. Als sich Homer ein paar Bier genehmigt hat, tanzt er angesäuselt vor den Zuschauern herum. Tatsächlich gewinnen die Springfielder an diesem Tag ein Spiel. Für den korpulenten Homer Simpson beginnt nun eine steile Karriere als Maskottchen für die glücklose Baseballmannschaft seiner Heimatstadt. (Booklet-Text)
“Das Maskottchen” ist als eine dieser Legendenbildungen in Kombination mit dem Sport zu verstehen, wie es sie schon oft in Filmen gab, jedoch auch immer wieder bei älteren Menschen im realen Alltag vorkommt, die über ein Ereignis berichten, das einst das ganze Land bewegt hat.
Der Sport - hier mit Baseball eine der drei US-Nationalsportarten - bietet dafür ausreichend Grund und Boden, denn das Einheitsgefühl, das man in einer gigantischen Masse aus fanatischen Menschen mit nur einem einzigen Ziel hat, muss man selbst erlebt haben, um es zu verstehen.
Dementsprechend wird die Episode durch Rückblenden aufgezogen, die Homer in der Kneipe seinen Saufkumpanen erzählt. Die folgenden Bilder werden somit zu einem Mythos, zu einer längst vergangenen Zeit aus Ruhm und Einsamkeit, eingebettet in beinahe phantomesker Dramatik.
Natürlich ist Homer unser gefallener Held, ein kleiner, kahlköpfiger Mann, der in seinem Teich der große Wels ist, im Meer jedoch nur ein kleiner Fisch. Darum geht es - Relativität, die Dimensionen der eigenen Identität, die Breitengerade einer Millionenmetropole im Kontrast zu dem kleinen Vorhof der eigenen Heimat.
Grandios ist nun vor allem wieder die musikalische Untermalung von Alf Clausen, der es versteht, die kleinen Momente des Erfolges von “Atoms”-Maskottchen Homer in hypnotischen Klangspiralen einzufangen, die das Retro-Feeling perfekt wiedergeben. Unterstützt wird dieses Gefühl durch eingespielte Zeitlupen in Schlüsselmomenten und dem Wechsel zwischen Nahaufnahmen und Weitwinkelaufnahmen, um so jene Relativität zwischen Individualismus und breiter Masse darzustellen.
Der Humor steht durch diese Geschichte von bedeutenderen Ausmaßen etwas im Hintergrund, ist zumindest jederzeit von der fühlbaren Melancholie verdeckt. Erinnert wird man oftmals an “Good Will Hunting”, wenn Homer merkt, dass er zu groß für das kleine Springfield ist; auch an “Rock Star”, wenn er in seinem Hotelzimmer die einzelnen Schritte probt.
“Capital City” schließlich wird als Inbegriff des Glamours und der Oberflächlichkeit eingeführt, eine Stadt, die deutlich an New York und an den Broadway angelehnt ist; nicht zuletzt, weil bei der Fahrt der Simpsons durch den bunten Schilderwald ein “Capital City”-Song (geschrieben von Jeff Martin) ertönt, der deutlich an Frank Sinatras “New York, New York” erinnert.
Es ist schließlich eine Episode, die ein wenig aus der Reihe tanzt, die auch das Alltagsmuster der Serie bricht, um ihr so etwas Epik zu verleihen. “Das Maskottchen” zeigte, dass die Macher sich auch vom konventionellen Storygerüst entfernen konnten und mehr denn je die Momentaufnahme einer Sitcom verließen, um in das Essenzielle vorzustoßen.
EPISODE 6
DER WETTKAMPF (Dead Putting Society)
Deutsche Erstausstrahlung: 07.02.1992
US-Erstausstrahlung: 15.11.1990
Inhalt: Ned Flanders ist der perfekte Nachbar: hilfsbereit und bis zur Dummheit gutmütig. Homer Simpson ist davon ständig genervt. Keine Gelegenheit lässt er aus, um sich mit Flanders zu streiten oder ihm eins reinzuwürgen. Ein harmloses Minigolfturnier bietet Homer einen Anlass, sich an seinem frommen Nachbarn zu rächen. (Booklet-Text)
Yeah, rock on! Wettstreits sind natürlich immer eine knallige Angelegenheit. Al Bundy machte es vor, als er etwa zusammen mit Peggy gegen Marcy und Jefferson im Schnell-Einkaufen antrat mit seinem aufgemotzten Einkaufswagen; oder auch Tim Taylor, der seinen größten Konkurrenten Bob Wheeler mehr als einmal zu einem Kräftemessen mit seinem Hot Rod herausforderte.
Und jetzt? Homer gegen Flanders, der fette, glatzköpfige Neider gegen den frommen, liebenswerten Nachbarn. Da muss doch einfach ein Brüller bei rauskommen.
So ist es auch.
Homer läuft von Beginn an zu Hochform auf, wenn er sich nahezu grundlos über Flanders aufregt, als der ihm seinen prachtvoll ausgestatteten Hobbykeller zeigt. Und den ersten Super-Knaller der Staffel gibt’s auch zu vermelden: Wenn Homer vor seiner Familie den Entschuldigungsbrief Flanders vorliest, dann liegt man wahrhaftig mit am Boden - ich meine, wenn selbst Marge sich ein Schmunzeln nicht verkneifen kann, wie soll man als Zuschauer da widerstehen? Ich sag nur: “Busen!”
Man sagt, im Wettkampf offenbare sich das wahre Wesen eines Menschen. Wenn das stimmt, dürfen wir uns darüber freuen, sowohl die Flanders als auch die Simpsons von ihrer ungeschminkten Seite her kennen zu lernen. Und ja - wer hätte gedacht, dass Homer ein solcher Ehrgeizling sein kann? Natürlich nur, wenn nicht er sich anstrengen muss, sondern sein Sohn. Im Kontrast stehen da die Flanders, die eine derartige Familieneinheit demonstrieren, dass Homer nicht anders kann, als dies als Heuchelei zu interpretieren. Die unterschiedlichen Herangehensweisen an das Turnier - einerseits zwischen den Simpsons und den Flanders, andererseits zwischen Barts Lehrmeistern Homer und Lisa, beinhalten die Spannungsmomente der Folge, die dann letztendlich noch einige Lachkrämpfe verursachen, wie etwa Flanders absoluter Ausraster, wenn er derart aus der Haut fährt, dass er Homer tatsächlich als “Einfaltspinsel” bezeichnet.
Insgesamt handelt es sich nach dem melancholischen “Maskottchen” wieder um eine absolut ausgelassene Folge, die vom reinen Humor her zur oberen Spitze gehört. Denn wer wollte freiwillig darauf verzichten, Flanders und Homer im Sonntagskleid ihrer Ehefrauen den Rasen mähen zu sehen?
EPISODE 7
BART BLEIBT HART (Bart vs. Thanksgiving)
Deutsche Erstausstrahlung: 14.02.1992
US-Erstausstrahlung: 22.11.1990
Inhalt: Thanksgiving im Hause Simpson, das heißt Familienwahnsinn! Marges garstige Schwestern und ihre nörgelige Mutter gehören genauso auf die Gästeliste wie Homers seniler Vater. Nach alter Tradition vermasselt Bart das Fest auch diesmal. Kurz vor dem Truthahnessen zerstört er eine Bastelarbeit seiner Schwester. Natürlich verlangt Marge, dass er sich bei Lisa entschuldigt. Doch Bart bleibt hart und mischt sich lieber unter die Springfielder Pennergemeinde. (Booklet-Text)
Thanksgiving-Zeit - Familienzeit. Wäre dies die erste Staffel, wäre “Bart bleibt hart” womöglich zur Season-Premiere auserkoren. Auch wenn bei näherer Betrachtung Bart die Hauptrolle spielt - am Ende ist es eine Geschichte über Familiensinn.
Was bedeutet das für uns? Nun, wir lernen die bislang höchstens provisorisch auftretenden Grampa Simpson sowie Marges Mutter und ihre Schwestern Patty und Selma besser kennen. Zunächst wird dabei sehr gemütlich eine Fest-Vorbereitungsatmosphäre aufgebaut, wie man sie vielleicht auch aus der eigenen Kindheit kennt - Marge steht in der Küche, sie wird von Bart genervt, er will unbedingt was machen, Homer sitzt im Wohnzimmer und schaut Fernsehen, als plötzlich die Tür klingelt und die ersten Verwandten eintreffen. Den ersten richtigen Auftritt dürfte auch das Altersheim haben, welches stets ein Sammelsurium an tollen Gags auf Kosten der älteren Mitmenschen war. Hach, wat hett wi lacht (nie vergessen: auch wir sind irgendwann mal alt! Hihi!).
Insgesamt ist die erste Filmhälfte die wirklich bemerkenswerte, weil sie sich ausgiebig Zeit lässt für Belanglosigkeiten, welche die Story nicht wirklich vorantreiben. Wenn man an heutige Folgen denkt, sind jene Momente, die sich Zeit nehmen für Belangloses, genau das, was man heute vermisst. Oft sind die neueren Folgen ganz einfach zu schnell, zu abgedreht und zu verrückt. Man würde was dafür geben, einfach nur zu sehen, wie Marge zweimal durchs Bild läuft, ohne etwas zu sagen, während Maggie auf der Couch sitzt und fernsieht. Auch deswegen glaubt man, in den aktuellen Staffeln eine Erzwungenheit zu erkennen, an deren Stelle zu Anfang der Serie noch Ausgelassenheit und Lockerheit thronte.
Um die Handlung zu rechtfertigen, muss es natürlich letztendlich doch noch eine Story geben. Die ist diesmal eher konventionell, wie man es vor einem Thanksgiving-Hintergrund erwartet, aber nichtsdestotrotz interessant. Die Versöhnungsszene zwischen Bruder und Schwester am Ende auf dem Dach ist geradezu rührend, und bis dahin hat man von Burns bis zu den Springfielder Pennern viele Orte, Arten und soziale Schichten gesehen, wie man in den USA Thanksgiving feiert.
Optisch gibt es eine (übrigens von Eric Stefani von No Doubt gelayoutete) Traumsequenz zu bestaunen, als Bart sich vorstellt, wie seine Familie auf seine Rückkehr reagieren würde. Mit den gewagten roten Schattierungen wagte man sich an die seit den ersten nachcolorierten Schwarzweißfilmen existierenden Farbfilmregeln heran (Rot = Gefahr) und baute den optischen Experimentalismus weiter aus.
EPISODE 8
DER TEUFELSSPRUNG (Bart the Daredevil)
Deutsche Erstausstrahlung: 28.02.1992
US-Erstausstrahlung: 06.12.1990
Inhalt: Es geht doch nichts über das laute Getöse von Motoren und das Krachen demolierter Autos: Zumindest in diesem Punkt sind sich Bart Simpson und sein Vater Homer einig. Als sich in Springfield eine Monster-Truck-Rallye ankündigt, sind die beiden sofort begeistert - umso mehr, als auch ein todesmutiger Stuntman dort sein Können zeigt. Als Bart später zu Hause das gleiche mit seinem Skateboard probiert, landet er prompt im Krankenhaus. Doch von ein paar blauen Flecken lässt er sich nicht von seiner Zukunft als Stuntman abbringen. (Booklet-Text)
Evil Knievel war Vorbild für diese Folge - und ich sage nicht umsonst Vorbild, denn genau darum geht es. Verlieren Eltern ihre Vorbildfunktion an irgendwelche dahergelaufenen Medienstars, die coole Sachen machen? Eine Frage, die besonders seit dem vermehrten Aufkommen von Fernsehern in Privathaushalten in den 50ern exponentiell zugenommen haben dürfte. So ist es sicherlich kein Zufall, dass Homer und Bart über den Fernseher vom Truck-A-Saurus erfahren und damit auch in Verbindung kommen mit dem wagemutigen Stuntman Murdock, den Bart fortan zu seinem Vorbild erklärt.
Lisa fristet mal wieder ein unzufriedenes Schattendasein mit ihrer Muse, der Musik, während ihr Bruder gleichzeitig damit beschäftigt ist, sich in den Vordergrund zu spielen und bei seinen Freunden in den Mittelpunkt zu rücken.
“Marihuana is the Gateway to Heroine”
Aber nicht nur um die Vorbildfunktion dreht sich diese Folge, es geht auch um die Spirale, in der sich jene Menschen befinden, die ein Extrem nach dem anderen ausloten und sich schließlich so weit vorwagen, dass sie ihr Leben gefährden - seien das nun Geschwindigkeits-Freaks oder Drogenabhängige. In “Der Teufelssprung” stellt sich der “goldene Schuss” als der fast unbezwingbare Sprung über die “Teufelsschlucht” heraus, ein Wagnis, das Bart wohl das Leben kostete, würde er es wagen. Zum Glück, so viel Gespoilere muss sein, taucht Homer auf und bewahrt seinen Sohn vor dem Untergang, um dem Zuschauer eine Slapstickshow erster Güte zu liefern, die in diversen “Best Of”-Shows wieder aufgegriffen und sogar weitergeführt wurde. Sein “I’m the King of the World” bleibt als einer dieser Magic Moments zurück, und die komplette “Teufelsschlucht”-Szene mit ihrem markanten Steinschlucht-Design bleibt als verschrobene Parallelwelt der Willie Coyote-Abenteuer im Gedächtnis.
EPISODE 9
DAS FERNSEHEN IST AN ALLEM SCHULD (Itchy & Scratchy & Marge)
Deutsche Erstausstrahlung: 08.05.1992
US-Erstausstrahlung: 20.12.1990
Inhalt: Die beiden Trickfilm-Helden Itchy und Scratchy sind die unangefochtenen Stars im Fernsehen. Mit unglaublicher Brutalität und sadistischen Einfällen führen sie durch das Kinderprogramm. Sogar die kleine Maggie Simpson ist von so viel Gewalt beeindruckt. Erst schlägt der jüngste Simpson-Sprössling Vater Homer mit einem Hammer nieder, dann versucht sie ihn mit einem Bleistift zu erstechen. Für Marge ist die Schmerzgrenze erreicht. Kurz entschlossen sagt sie dem Fernsehen den Kampf an. (Booklet-Text)
Ein bezüglich Film und Fernsehen stets kontroverses Thema ist die Zensur. Zu diesem Zwecke entwickelte man bei den Simpsons schon früh die “Itchy & Scratchy Show”, in erster Linie ein auf die Spitze getriebenes Tom & Jerry-Plagiat, das die sinnlose Gewalt im Fernsehen repräsentiert. Der Gag ist folgender: zwar ist die Show für sich betrachtet durchaus versetzt mit sinnloser Gewalt, die eben keinen anderen Zweck hat, als sich selbst zu repräsentieren, aber im Rahmen der Simpsons-Folgen werden sie stets zu einer Metapher für die Handlung - und dadurch mit Sinn gefüllt. Das ist paradox, denn dieser brutalen Show wird damit eine wertvolle Botschaft zuteil, die Sittenwächter etwas verwirren dürfte.
Nun ist es aber soweit: “Sauberfrau” Marge hat endlich mitbekommen, was ihre Kinder da konsumieren und geht auf die Barrikaden. In einer späteren Folge erfahren wir, dass sie schon in ihrer Jugend die Tendenz zur Rebellion hatte, und hier tritt es erstmals hervor.
Schlichtweg genial ist die perfekt eingebundene “Psycho”-Hommage, als Homer erstmals von seiner kleinen Tochter Maggie in der Garage mit einem Messer attackiert wird, hinfällt, einen Topf roter Farbe mitreißt und diese langsam in den Ausfluss gluckert.
Man hütet sich nun davor, eine spezielle Position einzunehmen, denn Sender wie Sittenwächter bekommen gleichermaßen ihr Fett weg. Dass Maggie die Inhalte des Fernsehens kopiert - und dass sie überhaupt eine liebevolle Beziehung zum Fernseher hat, haben wir in der Episode 1-13 “Der Babysitter ist los” bereits gesehen - ist ganz klar deutlich, denn nachdem sie ihren armen Vater zuerst mit einem Messer attackiert, bietet sie ihm nach der Änderung der Handlung eine Limonade an. Kurz vor Ende gibt es sogar eine überaus harmonische Sequenz, in der alle Kinder wieder die Natur genießen und ihre Freizeit an die frische Luft verlegen (inklusive Huckleberry Finn-Hommage). Andererseits - die “bereinigte” Itchy & Scratchy-Show sieht aus wie eine Zombie-Show, der jegliches Leben ausgesaugt wurde, und am Ende wird eine aufgebrachte Meute gezeigt, die um jeden Preis alles mögliche zensieren will und dabei vergisst, was künstlerischen Wert hat und was nicht. Man wählt also den diplomatischen Weg, der besagt, dass Zensur zwar sein muss, aber durch sie die künstlerische Freiheit nicht eingeschränkt werden darf.
Rein stimmungsmäßig gehen Zeichentrickserien über Cartoons und ihre Produktion, ähnlich wie beispielsweise ein Roman über einen Romanautoren, in die selbstreferenzielle Richtung. Über Hintergründe der Thematik ist man in einem solchen Fall natürlich bestens informiert, man kann mit Fachwissen glänzen und von der Darstellungsweise her aus dem Vollen schöpfen. Das wird hier auch voll ausgenutzt. So sehen wir tatsächlich Rich Moore, David Silverman und Wes Archer als Karikaturen ihrer selbst in den Produktionsstudios von “Itchy & Scratchy”, als der Vorsitzende Marge um Rat bittet, wie man denn eine Episode inszenieren soll, ohne Gewalt zu integrieren. Und da schwingt dann natürlich immer etwas Selbstironie mit, die grundsätzlich zu gefallen weiß, so auch hier - zumal die Gelegenheit geboten wird, so viele Itchy & Scratchy-Episoden zu sehen wie in keiner anderen Folge.
EPISODE 10
BART KOMMT UNTER DIE RÄDER (Bart Gets Hit by a Car)
Deutsche Erstausstrahlung: 06.03.1992
US-Erstausstrahlung: 10.01.1991
Inhalt: Bei einem Streifzug mit dem Skateboard wird Bart von Mr. Burns angefahren. Mit ein paar Schrammen landet er im Krankenhaus. Dort überredet ein gewiefter Anwalt Homer, seinen Chef zu verklagen und einen schönen Batzen Geld abzuräumen. Klar, dass von nun an jede Menge Betrug und Bestechung im Spiel ist. (Booklet-Text)
Bart fährt zur Hölle! Yeah, woohooo! Die identifikationswürdigen Alltagsabenteuer können noch so gut sein, ohne die gelegentlichen Ausflüge ins Über- bzw. Unterirdische wären sie es nur zur Hälfte. Und dabei ist das hier nur der Aufhänger, denn Bart wurde überfahren, glitt die Rolltreppe zum Himmel hinauf, spuckte auf die Erde, fiel in die Hölle, unterhielt sich mit dem Teufel über seine Zukunft und schwebte wieder in seinen irdischen Körper, nachdem gerade mal eine Minute Laufzeit vergangen war.
Eigentlich ist das hier nämlich eines der Gerichtsverfahren, die bei den Machern speziell vor ein, zwei Jahren wieder in Mode gekommen sind. Schmuddelanwalt Lionel Hutz bekommt seinen großen Auftritt in der Vermittlung zwischen den Simpsons, deren Junge angefahren wurde, und dem millionenschweren Burns, der mit seinen Staranwälten Justitia auf die Probe stellt und zudem noch Homers Boss ist. Ja, da ist Pfeffer in der Bude. Es wird mit harten Bandagen gekämpft, durch den Schmuddel-Hutz wird der Schmuddel-Arzt Dr. Nick Riviera erstmals eingeführt, das schlampige Pendant zum Simpsons-Hausarzt Dr. Julius Hibbert (der auf Sitcom-Arzt Heathcliff Huxtable aka Bill Cosby basiert). Die in Match Cuts aufgezogene Handlung entpuppt sich als Schlammschlacht erster Güte, deren Resultate vor dem Gericht aufbereitet werden zu einem Ergebnis, das dem ursprünglichen Sinn nach Gerechtigkeit herbeiführen soll. Dass dem nicht immer so ist, dass Gesetze vom Menschen gemacht sind und der Mensch fehlbar ist, soll hier unter Beweis gestellt werden. Herausragend sind die unterschiedlichen Berichterstattungen des Unfallhergangs von Bart und Burns. In Barts Erzählung ist der Himmel grau, das Burns-Auto hat eine hässliche Monsterfratze, und Burns steuert mit einem Zielfernrohr auf den flüchtenden Jungen zu, um ihn absichtlich zu überfahren. Dem Kraftwerksbesitzer zufolge schien die Sonne, es war ein herrlicher Tag, das Auto war ein Hippie-Beetle und der kleine Skateboard-Rowdy stürzte sich absichtlich in den Wagen.
Wieder wird schließlich Marge Simpson als die Vernünftige dargestellt und der Episodeninhalt wendet sich einmal mehr, um zuletzt wieder die Beziehung zwischen Homer und Marge auf die Probe zu stellen. Es geht nicht mehr darum, das Justizsystem der USA zu kritisieren, sondern darum, wie jeder einzelne Mensch damit umgeht und wie man sich selbst verhält, wenn es um Rechtsfragen geht. Es ist eine Frage dessen, ob man selbst auch etwas dafür tun will, um das Rechtssystem zu verbessern, oder ob man absichtlich die Lücken des Systems ausnutzt, um sich einen unfairen Vorteil zu verschaffen. Die Grundsätze von Marge sind natürlich sattelfest und moralisch unangreifbar; es geht um Homer, der beginnt sich zu fragen, ob er seine Frau noch liebt, nachdem sie ihm seinen durch unfaire Mittel geerbten Reichtum vermasselt hat. Und Homer wird damit letztendlich wieder zur entscheidenden Identifikationsfigur für den Zuschauer.
EPISODE 11
DIE 24-STUNDEN-FRIST (One Fish, Two Fish, Blowfish, Blue Fish)
Deutsche Erstausstrahlung: 13.03.1992
US-Erstausstrahlung: 24.01.1991
Inhalt: Um aus dem täglichen Einerlei auszubrechen, besuchen die Simpsons ein japanisches Restaurant. Obwohl Homer anfangs sehr skeptisch ist, bestellt er die Speisekarte rauf und runter. Unter den ausgesuchten Spezialitäten befindet sich auch eine sehr gefährliche Mahlzeit: Kugelfisch. Schneidet man die falschen Teile des Fisches ab, hat das tödliche Folgen. Klar, dass sowas nur Homer Simpson passieren kann! Nach dem japanischen Gaumenschmaus hat er noch einen Tag zu leben... (Booklet-Text)
Oha - Jetzt wird’s ernst. Der Tod war in Sitcoms und Familienserien schon immer ein schweres Thema, mit dem sich nur wenige Serien wie “Roseanne” wirklich ausgiebig beschäftigten. Auch die Simpsons glitten oft an dem Thema vorbei - hier jedoch kommt es zur Sprache. Ob aktuelle Bezüge der Auslöser waren, ist nicht ganz klar, auch wenn die Episode unmittelbar vor dem Golfkrieg ausgestrahlt wurde. Die düstere Grundstimmung mit dem typischen Humor zu verbinden, war das größte Problem, und wenn man der Folge etwas vorwerfen will, dann dies, denn irgendwie vermögen sich beide Komponenten in dieser Folge nicht so recht vermischen.
Dabei geht’s sehr lustig los: Beim Besuch in dem japanischen Restaurant performen Bart und Lisa auf der Karaoke-Bühne Isaac Hayes’ “Shaft”-Theme. Das gab übrigens ziemliche Probleme mit den Zensoren, die sich scheuten, zwei Kinder einen derart schlüpfrigen Song singen zu lassen; man musste sogar ein Video von Hayes’ Performance bei der Oscar-Verleihung einreichen, um letztendlich die Erlaubnis zu bekommen.
Dann aber kommt die Nachricht, dass Homer nur noch einen Tag zu leben hat, und das Geschehen verdunkelt sich trotz Homers lapidarem Umgang mit der Situation. Strukturell kann der Plot mit einer Liste des Todgeweihten überzeugen, was am letzten Tag auf Erden noch alles zu erledigen ist. Die letzten Ratschläge an seine Kinder sind rührend (Bart zeigt er, wie man sich rasiert, Lisa hört er beim Saxophonspielen zu und für Lisa nimmt er ein Video auf), und bei anderen Dingen zeigt er, dass er sogar über seinen eigenen Tod noch Witze reißen kann - so verspricht er Flanders, am nächsten Tag an der Grillparty teilzunehmen, und seinem Boss ruft er obszöne Dinge hinterher - er kann ja auch nicht ahnen, dass er alles überleben wird...
Der Effekt der Episode ist der, dass wir als Zuschauer dem dickbäuchigen Glatzkopf noch näher kommen. War Bart zu Beginn dieser Staffel noch der Star, könnte diese Folge dazu beigetragen haben, dass irgendwann Homer zum Publikumsliebling wurde.