DIE SIMPSONS - DAS DRITTE JAHR.
ODER: DER SPRUNG AUF DER EVOLUTIONÄREN LEITER
Geschrieben von Sascha Ganser (Vince)
Charles Darwin war ein schlauer Mann, denn er hat uns viele Erkenntnisse über die Gesetze der Natur gebracht. Viele dieser Gesetze lassen sich auch auf den TV-Medienapparat übertragen. Das ist wenig überraschend, denn wenn die Vorgehensweisen der TV-Stationen nicht dem Überlebenskampf von hungrigen Löwen ähneln, was dann?
Die beliebtesten Werkzeuge der TV-Stationen sind TV-Serien. Sie sind kontinuierlich, laufen nicht aus, halten den Zuschauer bei der Stange und damit beim Sender. Mitunter passiert es, dass einige dieser Werkzeuge ein skurriles Eigenleben entwickeln. Ihre Erschaffer glänzen in solchen Fällen mit schier unerschöpflicher Kreativität und profitieren zugegeben manchmal auch von den zufälligen Entwicklungen auf dem Fernsehmarkt.
Darf ich also vorstellen? Matt Groening, Werkzeugmacher. Eines seiner Werkzeuge hält sich anno 1992 bereits seit drei Jahren wacker auf dem Markt. Die schwierigste Zeit ist überstanden. Das Werkzeug hat sich inzwischen aus seinem Prototypen-Status hinaus entwickelt, nimmt nun gewohnte Formen an und ist in vielen Variationen zu haben, abgestimmt auf die Hände von Jedermann. Dieses Werkzeug, das den wunderlichen Namen “The Simpsons” trägt, hat sich unter all der Artenvielfalt mit eisernem Willen - und etwas Glück - durchgesetzt.
Das übergeordnete Medium FOX hat diesen Entwicklungsschub registriert und tut nun alles, um sein großes Ass voll gegen die Konkurrenz auszuspielen. Das Werkzeug wird durch Vermarktung unterstützt, es muss nicht mehr von alleine kämpfen, sondern kann sich nun auf die Detailverfeinerung konzentrieren, während FOX sich darum kümmert, dass das “Simpsons”-Werkzeug im Gespräch bleibt.
Nun mit sich selbst und seinen Inhalten alleine gelassen, kann sich Werkzeugmacher Matt Groening voll und ganz auf die interne Entwicklung konzentrieren. Groening geht in sich und entwickelt aus dem Innersten heraus die ultimative Essenz seines Werkes: Die Charaktertiefe. Im dritten Jahr endlich bietet sich dem fleißigen Werkzeugmacher die Gelegenheit, alle Einzelteile, sprich die Figuren, zu modifizieren, sie zu verfeinern und mit mehr Tiefe zu versehen. Er fügt ihnen Öl zu, damit sie flüssiger interagieren können. Er perfektioniert jedes Detail und stößt sich von der Probezeit ab.
Sich nun des Sprungs auf der Leiter der Evolution bewusst seiend, kann sich der Werkzeugmacher auch erlauben, diesen Status in sein Gesamtkonzept zu integrieren. Er kommuniziert mit Werkzeugen, die noch eine Stufe tiefer stehen als er selbst und die sich in dem harten Kampf um das Überleben an das Erfolgsrezept seines eigenen Werkzeuges krallen und es kopieren. Selbstbewusst und fast schon überheblich lacht der Werkzeugmacher, schaut hinab und zwinkert jenen zu, die sich noch im grauen Sumpf der Metamorphose befinden. Um die eigenen Wurzeln jedoch nicht zu vergessen, ehrt er auch weiterhin jene, die nach wie vor größer sind als er, durch Hommagen... damit behält das Werkzeug die eigene Identität.
Der Werkzeugmacher hat es geschafft - sein Baby ist fester Bestandteil des Mediums TV geworden. Endgültig. Was danach kommt, kann nur noch der Verfeinerung dienen.
Und nun seht selbst, wie es dazu kam.
EPISODE 1
DIE GEBURTSTAGSÜBERRASCHUNG (Stark Raving Dad)
Deutsche Erstausstrahlung: 05.01.1993
US-Erstausstrahlung: 19.09.1991
Inhalt: Dank eines verfärbten Hemdes fällt Homer auf der Arbeit so unangenehm auf, dass Mr. Burns einen psychologischen Test von ihm verlangt. Homer lässt den text ausgerechnet von Bart ausfüllen und - wird prompt in eine Irrenanstalt eingeliefert! (Booklet-Text)
Ayeeh... Um vorab eines klarzustellen, was in der Folge inhaltlich nicht so ganz herausgekommen ist: Ja, Michael Jackson hat an dieser Episode als Synchronsprecher teilgenommen. Zwar hat er weder gesungen (obwohl sich Groening & Co. bei der “Billie Jean”-Performance nicht ganz einig waren, ob es an dieser Stelle nicht doch MJ war), noch die dunkle Stimme gegen Ende gesprochen, aber er war dabei - aus freien Stücken. Zumindest, wenn man dem Audiokommentar glaubt, der sich schon anfangs durch aktuelle Begebenheiten ziemlich lustig macht über den Mythos Michael Jackson, so dass man unweigerlich an Barry Sonnenfelds “Men in Black II” erinnert wird. So habe Michael Jackson selbst angerufen und betont, wie sehr er Bart liebe, und dass er deswegen unbedingt an der Show teilnehmen wolle. Groening brauchte einige Zeit, bis er wirklich glaubte, dass da der King of Pop am anderen Ende der Leitung war - nur zu verständlich, denn diese Folge zeigt, dass man die Zuschauer auch sehr gut durch eventuelle Imitatoren (oder waren’s doch keine?) täuschen kann.
Auch wenn das Mitwirken Michael Jacksons - nicht zuletzt durch sein Simpsons-typisches Casting nicht etwa als er selbst, sondern als fetter, glatzköpfiger Sanatoriums-Insasse, der sich für Michael Jackson hält - nie so ganz offiziell war, werbetauglich war es auf jeden Fall und deswegen passt es ganz gut, dass diese Episode den Staffelauftakt darstellte. Zumal das Ganze mit einer irrwitzigen Hommage an “Einer flog über das Kuckucksnest” verbunden wurde und Homer als Paradiesvogel im rosa Hemd zu bestaunen ist - für Burns Grund genug, ihn einweisen zu lassen.
Auch, wenn man daraus gesellschaftliche Einschränkungen und Intoleranz gegenüber Minderheiten als zentrales Thema schlussfolgern könnte, so ist dies doch nur der Einstieg, denn eigentlich wird die Lebensfreude durch Freundlichkeit gegenüber anderen Menschen zur moralischen Grundaussage gemacht - auch wenn sich beide Themenfelder durchaus schneiden (Freundlichkeit zum Kampf gegen Intoleranz). Faszinierend ist aber die Art der Inszenierung, die dem Zuschauer vorgaukelt, bei dem fetten Glatzkopf handele es sich tatsächlich um Michael Jackson. Äußerlichkeiten werden beiseite geschoben. Das gelingt ausgesprochen gut und wird somit zu einer Einheit mit der Kernaussage, und ein etwas verwirrender, aber auch positiver Gesamteindruck bleibt zurück.
EPISODE 2
EINMAL WASHINGTON UND ZURÜCK (Mr. Lisa Goes To Washington)
Deutsche Erstausstrahlung: 12.01.1993
US-Erstausstrahlung: 26.09.1991
Inhalt: Bei einem Aufsatzwettbewerb über Amerika gewinnt Lisa mit ihrem patriotischen Aufsatz für die ganze Familie eine Reise nach Washington. Dort erlebt Lisa jedoch eine schwere Enttäuschung, denn sie wird Zeuge eines Bestechungsvorgangs. Als sie den Skandal in ihrer Rede aufdeckt, passiert es dann - sie verliert ihren Preis! (Booklet-Text)
Für Julie Kavner ist es eine tolle Episode, weil sie Lisa-Folgen mag; für Matt Groening ist sie es, weil sie die Simpsons seiner Aussage zufolge auf ein neues Level gehoben hat. Was wohl an dem seriösen und realitätsnahen Inhalt liegt. Die Simpsons bewegen sich gebündelt aus der fiktiven “Evergreen Terrace” heraus, um erstmals zusammen einen realen Ort zu besuchen: Washington.
Nicht immer ist ganz klar, ob die Simpsons nur als Metapher auf die Kleinstadtfamilie aufzufassen sind oder auch als tatsächlicher Bestandteil unserer Welt. Gags wie der mit dem fünften Finger (in einer späteren Folge wird ein wissenschaftliches Buch gezeigt, in dem steht, dass Menschen in 1000 Jahren einen fünften Finger haben werden - einerseits eine Anspielung auf den Zeichenstil, andererseits eine verrückte dimensionale Einordnung in den realen Kontext) argumentieren für das eine, diese Folge für das andere. Der Grund ist recht einfach nachzuvollziehen: Washington steht als Zentrale für Recht und Ordnung, damit auch für die historisch begründete Sozialordnung, die in den USA herrscht. Nun greift diese Episode bereits vor, was Michael Moore seit “Bowling for Columbine” salonfähig gemacht hat: Die patriotische Fassade der Weltmacht USA wird aufgebrochen und die dahinter stehende, hässliche Seite gezeigt. Gnadenloser Kapitalismus, Umweltverschmutzung, moralische Verdorbenheit. Klar, dass es da auch Karikaturen von der Bush-Familie zu bestaunen gibt.
Der Titelgeber “Mr. Smith Goes To Washington” kommt dann unter die “Hommagerie”, wenn Lisa versucht, mit der Statue von Lincoln in den Dialog zu treten - und statt dessen nur an die Jefferson-Statue gelangt. Lisa erfährt als Charakter weiteren Ausbau und offenbart ihre revolutionäre Ader, wenn sie sich bei einem Aufsatzwettbewerb, wo jeder niedliche Huldigungen an das Heimatland erwartet, gegen den Strich stellt.
Am Ende geht die Episode nicht etwa die radikalen Wege eines Michael Moore, sondern betont die Vorzüge der Demokratie, denn Lisas radikale Ansicht ergibt zusammen mit den positiven Essays der anderen Kandidaten einen gesunden Querschnitt, der von der breiten Masse repräsentiert wird.
Eingepackt ist die ganze Folge in wunderschöne Setbilder von Washington, die viel Wiedererkennungswert bereithalten. Sei es nun das Lincoln-Memorial oder Bush Seniors Office im Weißen Haus - der vereinfachte Comic-Flair Springfields wird für diese Episode etwas in den Hintergrund gerückt, um Bekanntes zu karikaturisieren.
EPISODE 3
EIN FLUCH AUF FLANDERS (When Flanders Failed)
Deutsche Erstausstrahlung: 13.01.1993
US-Erstausstrahlung: 03.01.1991
Inhalt: Nachbar Flanders lädt zu einer Grillparty ein. Dort verkündigt er, dass er seinen Job an den Nagel hängen wird, um dann in einen Laden mit Linkshänderartikeln zu eröffnen. Homer wird neidisch und verflucht Flanders Vorhaben insgeheim. Der Fluch geht so sehr in Erfüllung, dass sogar Homer Simpson von Schuldgefühlen geplagt wird. (Booklet-Text)
Der erste richtige Humor-Knaller der Staffel ist mit der dritten Folge gegeben. Was keine Überraschung darstellt, denn die frühen Aufeinandertreffen zwischen Homer und Neddie sind grundsätzlich Brüller.
Inhaltlich ist der von Homerscher Missgunst geprägte Plot dabei nicht einmal unangreifbar, denn Homer ist trotz des positiven Ausgangs für alle Beteiligten so gemein, dass es fast schon seiner Charakterzeichnung schadet. Relational zu heutigen Folgen ist das allerdings noch gar nichts - man denke nur an das aus meiner Sicht sehr deplatzierte Dahinscheiden von Neds Frau.
Die Eröffnung des Linkshänderladens provozierte einige kleine Kontinuitätsfehler, denn diverse bekannte Figuren - unter anderem Burns, Apu oder Otto - wurden kurzerhand zu Linkshändern gemacht. Das widerspricht nicht nur der Durchschnittsquote, das führte auch dazu, dass einige Figuren, die vor und nach dieser Episode auch mal die rechte Hand zum Schreiben benutzten, hier nun plötzlich als Linkshänder verkauft werden. Sicherlich ist das ein Goof für Nerds, aber ganz interessant ist es doch zu sehen, wie die Simpsons an ihre handlungstechnischen Grenzen geraten und folglich im Sinne der klassischen Zeichentrickserie keine übergreifende Handlung besitzen, die sich über einzelne Episoden hinfortsetzt.
Was an Homers Figur anfangs noch kritisierbar ist, wendet sich im späteren Verlauf dann doch deutlich, denn diverse oberflächliche Unterschiede werden über Bord geworfen, wenn sich Homer auf seine christlichen Wurzeln besinnt und sich als Gönner präsentiert, der sich für den sonst ungeliebten Nachbarn rührend einsetzt, als es an dessen Existenz geht. Das letzte Bild der Folge zeigt Homer und Ned Arm in Arm den Erfolg des Linkshänderladens feiern, und in Homers klumpigem Gesicht ist keine Spur von Neid zu erkennen.
Begriffe wie “Neid” oder “Schadenfreude” sind es dann auch, die hier unter die Lupe genommen werden. Letzterer Begriff wird gar von Lisa definiert - im Original wird dazu tatsächlich der deutsche Begriff “Schadenfreude” verwendet. Im Deutschen als lateinisches “Gaudium Schadensis” abgewandelt, scheint es in den USA kein identisches Äquivalent für den emotionalen Zustand zu geben. Groening zufolge hat sich ihm und seinen Kollegen das Wort seit der Verwendung in dieser Episode ins Hirn eingebrannt und sogar ein wenig in den alltäglichen Sprachgebrauch gemischt... eine Sache, die eigentlich mit einem Element der fünften Episode dieser Staffel beabsichtigt wurde, sich dort aber nicht durchgesetzt hat...
EPISODE 4
VERBRECHEN LOHNT SICH (Bart The Murderer)
Deutsche Erstausstrahlung: 07.01.1993
US-Erstausstrahlung: 10.10.1991
Inhalt: Nach einem miserablen Schultag gerät Bart in die Finger einer Mafiabande. Doch statt Hiebe gibt es Cocktails, denn Bart entpuppt sich als super Barmixer und wird von der Bande engagiert. Alles läuft prima. Bis zu dem Tag, wo Bart zu spät zur Arbeit kommt, weil er bei Skinner nachsitzen musste. So was können die “ehrenwerten” Freunde natürlich nicht dulden! (Booklet-Text)
“Der Pate” diente neben “Citizen Kane” mehr als jeder andere Film als Steilvorlage für diverse Späße bei den Simpsons. 1990 definierte Scorseses “Goodfellas” den Mafiafilm neu - und gab den Simpsons die Gelegenheit, sich erneut auszulassen. Joe Mantegna lieh dem Gangsterboss die Stimme, der in seinem Design genauso wie seine Kollegen und das komplette Unterschlupf-Ambiente “Goodfellas” nachempfunden war - und natürlich trotzdem Anleihen bei dem “Paten” machte, daran führt halt kein Weg vorbei.
Was Einflussnahme auf Kinder betrifft, war die Folge nicht so ganz harmlos. Immerhin tritt hier Bart, das Idol einer ganzen Generation, einer Gangsterbande bei, und sein “Mentor” erklärt ihm auf - für Kinder - nachvollziehbare Art und Weise, wieso man Zigaretten schmuggeln darf. Vor den Zensoren redeten sich Groening & Co. mit Hinweis auf die Absurdität der Story aus der Schlinge und kamen durch damit - auch wenn sie sich in der ein oder anderen Szene nicht hätten wundern dürfen, zensiert worden zu sein. Zumindest im Gesamtbild ist die Satire aber deutlich spürbar und auch für Kinder als Übertreibung identifizierbar, denn wenn sie auf dem beim “Paten” angelehnten Familienstammbaum Bart als Kopf der Bande sehen, werden sie darüber lachen und nicht etwa überlegen, ob es sowas vielleicht gibt.
Auf der Humorskala steht diese Folge ziemlich weit oben, was vor allem an der Projektion des Godfather-Status auf einen kleinen Jungen liegt. Ob Bart nun im feinen Anzug einen Sinatra-Song zum Besten gibt, seine Milch im Martiniglas trinkt, sein Zimmer zu einer Zigaretten-Lagerhalle umbaut oder seine Geschichte im Fernsehen mal wieder maßlos übertrieben wird - es zündet. Der Subplot um das Verschwinden von Skinner wirkt in seiner Auflösung bemüht, und gerade der Besuch durch Barts Mafia-Kollegen wirkt etwas dubios. Dafür begeistert mal wieder die Traumsequenz, die Barts Schuldgefühle durch eine Visualisierung von Skinner als grausam zugerichtete Leiche darstellt.
EPISODE 5
DER ERNSTFALL (Homer Defined)
Deutsche Erstausstrahlung: 14.01.1993
US-Erstausstrahlung: 17.10.1991
Inhalt: Homer verursacht auf der Arbeit versehentlich einen Störfall im Kraftwerk; eine Kernschmelze droht. Homer ist mit der Situation zwar völlig überfordert, betätigt aber durch einen glücklichen Zufall den richtigen Knopf. Er verhindert eine Katastrophe und wird zum Held des Tages! (Booklet-Text)
“Stupid
/adj/ [L stupidus]
1. Slow of mind.
2. Unintelligent.
3. Homer Simpson.”
Kommen wir also nochmal zurück auf die dritte Episode dieses Box Sets und dem, was sie erreicht hat: Ein Wort (das deutsche “Schadenfreude”) hat sich in den alltäglichen Sprachgebrauch zumindest der Simpsons-Macher, vermutlich aber auch des Simpsons-Publikums eingeschmuggelt. Eine Sache, die sich völlig aus sich selbst heraus entwickelt hat und damit das genaue Gegenteil von dieser Folge wurde. Man wollte nämlich - und es war wohl auch langsam an der Zeit - Oberhaupt Homer Simpson als lexikalisches Äquivalent zum Adjektiv “stupid” (= ”dumm”) einbürgern, aus ihm eine absurde Redewendung namens “to build a Homer” (= “einen Homer bauen” = in völliger Dummheit durch puren Zufall genau das Richtige tun und es nicht einmal wissen) fabrizieren und diese in den allgemeinen Sprachgebrauch integrieren. Es hat sich nicht durchgesetzt, was eben vielleicht auch daran lag, dass es forciert wurde. Das wäre eine schöne Sache für Sprachanalytiker.
Als Witz und im Rahmen der Folge funktionieren die Lexikon-Einblendungen allerdings hervorragend. Homer wird endlich auch auf dem Papier mit dem gleichgestellt, was er einfach ist: mit dem Wort “dumm”. Dieses eine Charaktermerkmal hat Homer auf den ersten Platz in der Rangliste der Publikumslieblinge vor Bart befördert, und je dümmer Homer wurde, desto beliebter wurde er.
Und nun kommt mehr oder weniger die erste Krönung der Dummheit, denn Homer wählt den Knopf für das Stoppen der Kernschmelze nach dem Ene-mene-Muh-Prinzip aus. Also wenn das nicht urdämlich ist...
Ansonsten wird im Audiokommentar noch eine sehr interessante Insiderinfo gegeben, und zwar zusammenhängend mit dem oben beschriebenen Sachverhalt: Ein Wort, das sich durchaus durchgesetzt hat, ist das legendäre “D’Oh!”. Selbst Norbert Gastells gelungene “Neinn!”-Interpretation wird in Deutschland in bestimmten Kreisen gerne mal gebraucht - man hört es jedenfalls immer wieder, und nicht immer wird der Benutzer dieses Ausdrucks überhaupt wissen, woher das kurz gesprochene “Neinn!” kommt. Das auf den ersten Blick etwas merkwürdig erscheinende US-Original “D’Oh!” hat seinen Ursprung jedenfalls in Jim Finlayson, der an den Laurel & Hardy-Filmen beteiligt war. Als Matt Groening nun für die Tracey Ullman-Clips als Regieanweisung für Homers Ausdruck der Wut und Verzweiflung ein frei interpretierbares “annoyed grun” angab, machte Homer-Sprecher Dan Castellaneta daraus jenes “D’Oh!”, das er bei Jim Finlayson aufgegriffen hatte. Ein kleines Stück Kult, das Geschichte gemacht hat.
EPISODE 6
DER VATER EINES CLOWNS (Like Father Like Clown)
Deutsche Erstausstrahlung: 11.01.1993
US-Erstausstrahlung: 24.10.1991
Inhalt: Krusty der Clown kommt endlich zu den Simpsons zum Abendessen. Der Abend wird jedoch alles andere als lustig, denn Krusty lüftet ein Geheimnis. Eigentlich heißt er Krustofsky und wurde vor langer Zeit von seinem Vater, einem weisen Rabbi, verstoßen weil er Clown werden wollte. Die Simpsons sind geschockt und beschließen, ihrem Lieblingsclown zu helfen. (Booklet-Text)
Wer sind die Shamsoons? Das sind die Simpsons - auf Arabisch! Kürzlich wurde die Serie nach Saudi-Arabien verkauft, wo aufgrund der kulturellen Unterschiede gleich mal diverse Zensuren vorgenommen wurden und quasi die ganze Idee, die hinter den Simpsons steht, auseinandermontiert wurde. Bier und Schweinefleisch gibt es bei den “Shamsoons” nicht - und wir alle wissen, wie gerne Homer - oh Entschuldigung, hier heißt er “Omar” - Bier trinkt und für was für ein Wunderwerk der Natur er das Schwein hält, diesen Spender so vieler unterschiedlicher Köstlichkeiten.
“Der Vater eines Clowns” ist eine der Folgen, die in Saudi-Arabien wohl niemals ohne erhebliche Sinnentstellungen gesendet werden kann, denn alles dreht sich um Krusty, den Clown, und seine kulturellen Hintergründe. Wir erfahren, dass er Jude ist. Was sagen die Araber dazu? Verbotene Zone! Bei den “Shamsoons” ist Krusty kein Jude.
Dieses aktuelle Beispiel macht ganz deutlich, was letztendlich mit der Episode ausgesagt werden soll. Die Globalisierung zieht ihre Kreise rund um den Globus, McDonalds und Coca Cola findet man überall auf der Welt, aber dem entgegen stehen nach wie vor anti-globale, kulturelle Bollwerke, und in diesem Zusammenhang fällt oft das Wort “Intoleranz”. Zum einen auf Seiten der Konventionellen, die ihre eigene Kultur aufs Höchste verteidigen und sich Neuem gegenüber unaufgeschlossen präsentieren; zum anderen Globalisierungsbefürworter, die möglichst alles vereinheitlichen wollen. Wie so oft sollte die Wahrheit irgendwo dazwischen liegen, mit anderen Worten, Toleranz und Akzeptanz ist das Ziel. So auch hier.
“Der Vater eines Clowns” ist im Wesentlichen ein Vater-Sohn-Konflikt, der es erlaubt, eine Figur, die man bislang nur sehr oberflächlich über die Medien kennen gelernt hatte, stärker mit persönlichem Hintergrund zu füllen. Es ist ein unglaublich treffender Gedanke, sich Krusty als Juden vorzustellen und die Medienlandschaft als sein Exil. Realitätsnah, schicksalsbehaftet und klischeefrei erscheint diese Charakterisierung des Entertainment-Clowns. Bei der Darstellung der Rabbis bedient man sich natürlich des ein oder anderen Klischees; das verlangt schon die vereinfachte Darstellungsform des Zeichentrickfilms. Die kulturellen Unterschiede werden jedoch bemerkenswert erwachsen dargestellt. Krusty gewinnt dadurch deutlich an Ironie, die sich in dem wiederum klischeehaften Bild vom “weinenden Clown” widerspiegelt, das wohl die meisten kennen dürften. Das Einzelschicksal zwischen Krusty und seinem Vater lässt sich letztendlich auf die gesellschaftliche Ebene übertragen, so dass hier - um beim Beispiel zu bleiben - die Araber auf eine Art und Weise angesprochen und gleichzeitig dargestellt werden, die sie durch ihre verstümmelte Fernsehfassung von den “Shamsoons” niemals verstehen werden.
EPISODE 7
ALBTRÄUME (Treehouse of Horror II)
Deutsche Erstausstrahlung: 18.01.1993
US-Erstausstrahlung: 31.10.1991
Inhalt: Es ist Halloween, die Simpsons-Kinder haben Unmengen an Süßigkeiten gesammelt. Lisa, Bart und Homer stopfen sich natürlich mit dem Süßkram voll und werden in der Nacht prompt von üblen Albträumen heimgesucht. Am schlimmsten erwischt es Homer: Er träumt, dass er seinen Job verliert und als Totengräber arbeitet, den man für üble Experimente missbraucht. (Booklet-Text)
Welcome to the second round. Teil 2 der allseits beliebten Halloween-Specials findet diesmal statt. Und der wahre Horror kommt bei Durchschalten der Audiokanäle - ganz hinten versteckt ist nämlich eine Synchronisation (polnisch), bei der ein emotionsloser Sprecher ganz einfach über den O-Ton drüberquatscht und übersetzt.
Wie üblich spannt sich eine Rahmenhandlung - hier schlimme Träume verursacht durch übermäßigen Süßigkeitenkonsum - um drei Geschichten. In der ersten Geschichte finden die Simpsons bei einem Auslandsurlaub auf einem Flohmarkt eine Affenklaue, die fünf Wünsche erfüllt - pro Finger einen. Basierend auf einer populären Geschichte erklären die Macher im Audiokommentar, dass man sich anfangs bevorzugt auf Parodien berühmter Horrorfilme oder -Geschichten gestürzt hat, um später zu Eigenkreationen zu tendieren. Bemerkenswert ist, dass sich die Simpsons in dieser ersten Horrorgeschichte zum ersten Mal selbst auf den Arm nehmen bezüglich ihres Kultstatus, denn einer der Wünsche lautet “Wir wollen berühmt sein”. Prompt sehen wir die Simpsons auf Werbeplakaten, Bart prahlt mit seinen typischen Sprüchen und durch das ganze Merchandising gehen die Simpsons jedem auf den Keks - was als Mahnung zu verstehen ist, sich nicht auszuverkaufen. Darüber hinaus hat man es sich nicht nehmen lassen, die Kultfiguren der ersten Horrorshow, die Aliens Kang und Kodos, wieder einzubringen, und inzwischen sind sie zu Stammgästen mutiert.
In der zweiten Geschichte kann Bart durch Gedankenkraft Gegenstände verändern und wird dadurch zu einem gefürchteten kleinen Jungen, denn jeder, der sich gegen ihn stellt, wird in etwas Grausiges verwandelt. Erneut war die Vorlage “Twilight Zone”; demonstriert wird natürlich der Missbrauch von Macht und die Notwendigkeit, jene Macht deswegen zu verteilen. Optisch gibt es Gelegenheit, absurde Kreationen zu erstellen. Die Katze wird zu einer einzigen Absurdität, die mitunter an Stephen Kings “Regulator” erinnert. Homer als närrischer Open-the-Box-Gag ist auch ein Klassiker, besonders, wenn man sieht, wie er mit seinem Handicap eine schöne Zeit mit seinem Sohn verbringt.
Den Abschluss macht ein Homer-Traum, der sich prompt im Kraftwerk abspielt. So wird Homer getötet, sein Gehirn konserviert und in einen Roboter verpflanzt. Man findet hier sicherlich viele Motive aus “Frankenstein”, wobei sich das Atomkraftwerk als verkapptes Gruselschloss entpuppt und man direkt in die 30er/40er-Jahre versetzt wird. Es lassen sich letztendlich auch Ghost in the Machine-Ansätze finden. Des weiteren macht man sich im dekonstruktivistischen Stil über Homers Anatomie lustig, als seine Schädeldecke abgesägt wird wie bei einer Puppe, die von innen hohl ist.
Insgesamt zeichnet sich schon ab, dass für Halloween-Folgen stets viel Energie und Aufwand eingesetzt wurde und sie Jahr für Jahr zu den Highlights gehören; zumal sie sich im Gegensatz zu regulären Episoden über all die Jahre qualitativ nicht verschlechtert haben.
EPISODE 8
LISAS PONY (Lisa’s Pony)
Deutsche Erstausstrahlung: 19.01.1993
US-Erstausstrahlung: 07.11.1991
Inhalt: Lisa hat einen Auftritt in einer Talentshow, den ihr Homer dank seiner chaotischen Ader völlig vermasselt. Lisa ist stinksauer, doch Homer weiß, wie er seine Kleine aufmuntern kann - er kauft ihr ein Pony. Um das Ganze jedoch finanzieren zu können, jobbt Homer nun jede Nacht im Kwik-E-Markt. Als Lisa davon Wind bekommt, reagiert sie prompt... (Booklet-Text)
Die Preisfrage: Ist Liebe käuflich?
Einen genialen Einstieg bringt diese Episode auf, indem sie Stanley Kubricks weltberühmte Anfangssequenz aus “2001" mit Homer-Vorfahren als Affen wiederaufführt. Der Jump Cut führt uns zum echten Homer, wie er in seinem Raumschiff von Arbeitsplatz (überall blinkende Knöpfe) schnarcht. Welchen Gedanken kann ein solches Intro verfolgen? Ganz klar: Homer wird mal wieder als gewissenloser, prähistorischer, potentieller Rabenvater eingeführt - ohne jeglichen Sinn für die sensiblen Bedürfnisse seiner Kinder.
Es hat mal wieder Lisa erwischt, die sich ob Homers Nachlässigkeiten in Sachen Vatersein missverstanden fühlt. Und da wir inzwischen so weit sind, dass Homer weiß, dass er ein schlechter Vater ist, versucht er es auf seine typisch dumme Art wieder gutzumachen. So kommt es, dass er Lisa ihren größten Wunsch erfüllt: Er kauft ihr ein Pony.
Und transportiert es auf dem Rücksitz nach Hause.
Und legt es “Der Pate”-mäßig in Lisas Bett, während sie schläft.
Ergo: Gute Absichten hat er, aber wie er sie umsetzt, hat wahrlich keine Klasse.
Der Plot ist so stimmig und ideal auf die Charaktereigenschaften der beteiligten Figuren abgestimmt, dass heutige Folgen dagegen sehr blass aussehen. Homer ist nicht einfach nur dumm; seine Dummheit wirkt sich auch auf eine absurde, irgendwo aber nachvollziehbare Story aus. Und die Art und Weise, wie sich das Pony auf die unmittelbare Umgebung auswirkt, hat wahrlich Klasse. In dem Grad, wie Lisa mehr und mehr glücklich ist, verschlechtert sich Homers körperliche Verfassung durch seine Zweitjobbelastung. Dass Lisa, klug wie sie ist, nicht sofort schlussfolgert, dass Homer sich das Pony nicht leisten kann, mag etwas verwunderlich sein, aber irgendwie schaffen es die Drehbuchautoren, ihr Verhalten ganz natürlich erscheinen zu lassen; letzten Endes ist sie halt doch ein normales, kleines Mädchen.
Und Liebe ist wohl doch nicht käuflich - zumindest hakt es bei der praktischen Umsetzung...
EPISODE 9
DAS SEIFENKISTENRENNEN (Saturdays of Thunder)
Deutsche Erstausstrahlung: 20.01.1993
US-Erstausstrahlung: 14.11.1991
Inhalt: Homer schneidet bei einem Eignungstest für Väter miserabel ab. Ein Fachmann rät ihm herauszubekommen, was seinen Sohn interessiert. Die Antwort: Seifenkistenrennen. Homer ist begeistert und gründet mit Bart das Simpsons-Team, um an einem Rennen teilzunehmen. Natürlich läuft nicht alles nach Plan, was die neue Vater/Sohn-Beziehung auf eine harte Probe stellt. (Booklet-Text)
Der Originaltitel spielt auf “Tage des Donners” an, und dementsprechend handelt “Das Seifenkistenrennen” natürlich von Wettbewerb. Das aber nur am Rande, denn es ist vor allem eine Sache der Vater-Sohn-Beziehung - wohl nicht zufällig unmittelbar nach der Folge “Lisas Pony”. Ganz klar, dass Homer da wieder kritisiert wird - auch ganz klar, dass Bill Cosby wieder als Vater-Ideal vorgeschoben und auf die Schippe genommen wird (der Leiter des “Vater-Sohn-Instituts” hält Homer ein Buch mit dem Titel “Fatherhood” und Cosbys Konterfei vor)., zumal die Simpsons immer noch direkt gegen die Cosby Show antraten. Ein Zitat aus Homers Mund in diesem Sinne: “Thank you, Bill Cosby. You saved the Simpsons.” Ach ja, Cosby-Karikatur Hibbert tritt natürlich auch auf. Wie kann man die Konkurrenz eigentlich besser auf den Arm nehmen? Ich weiß es nicht.
Homer zeigt mal wieder sein gutes Herz, aber auch sein fehlendes Talent in Sachen Vaterschaft. Dementsprechend sieht dann auch Barts Seifenkiste aus. Das Rennen ist laut Machern an den Stallone-Trash “Death Race 2000" angelehnt, und so fehlt es auch nicht an Radikalität: Martin springt brennend aus seinem Wagen, womit die Zensoren offenbar keine Probleme hatten.
Ansonsten ist noch der Besuch im “VHS Village” (ja ja, das waren noch Zeiten...) erwähnenswert, wo man sich mal wieder am Actionfilm der Achtziger auslässt. Sehr kurzweilige Episode insgesamt, die verschiedene Sätze aufgreift und sie alle spielend unter einen Hut bringt.
Eine Auseinandersetzung mit den Actionfilm-Aspekten der Folge meinerseits gibt es unter www.liquid-love.de/action im “Fun”-Bereich.
EPISODE 10
DAS ERFOLGSREZEPT (Flaming Moe’s)
Deutsche Erstausstrahlung: 21.01.1993
US-Erstausstrahlung: 21.11.1991
Inhalt: Moes Kneipe läuft nicht mehr und so stoppen die Brauereien die Lieferungen. Um nicht auf dem Trockenen zu sitzen, greift Homer selbst zum Mixer und das Ergebnis, der “Flaming Homer”, ist genial. Der fiese Moe klaut das Rezept und verkauft es als “Flaming Moes” in seiner Kneipe. Der Laden läuft plötzlich besser denn je, doch Homer schwört Rache. (Booklet-Text)
Diese Episode rockt die Hütte, und das liegt nicht nur an Aerosmith, die einen denkwürdigen Gastauftritt abliefern. Denn das Konstrukt um Missgunst, Neid und Ausnutzung ist richtig schön unterhaltsam ausgeklügelt.
Besonders auffallend ist die Tatsache, dass vieles wie direkt aus dem Leben gegriffen ist, womit oben genannte Attribute in ihrer Thematisierung an Glaubwürdigkeit gewinnen. Da wäre eine Medienparodie (eine TV-Nachrichtensendung namens “Eye on L.A.” wird aufs Korn genommen), dann feiert Lisa mit ein paar Freundinnen eine Pyjamaparty und ärgert Bart, Homer quält sich durch einen Abend mit den angeheirateten Verwandten... und die Atmosphäre eines typischen Familienabends kommt richtig gut rüber.
Da Homer bekanntlich Patty und Selma nicht besonders gut ausstehen kann, wird er eben kreativ, um seinen Unmut in Alkohol zu ertränken. Und zack, ist der “Flaming Homer” erfunden - ein lilafarbener Drink, der, wenn man ihn entzündet, seinen speziellen Geschmack entfaltet. Dieser Drink hat es, obwohl er nur in einer Folge vorkam, zu diesem Item-Status gebracht, den bei den Simpsons unter anderem auch der Donut innehat. Mit anderen Worten: Einen lilafarbenen, entzündlichen Drink wird der Simpsons-Gucker in Zukunft stets mit den Simpsons in Verbindung bringen. Die absurde Mischung des Drinks fördert sogar irgendwo den Erfinderdrang, denn man wird irgendwie dazu motiviert, über ähnliche Kreationen nachzudenken - spätestens am Morgen nach der nächsten Sauftour.
Aerosmith beweisen einen gesunden Sinn für Selbstironie, werden aber auch von den Simpsons-Machern wunderbar präsentiert. Jedes einzelne Bandmitglied wird individuell charakterisiert, und man nimmt sich noch Zeit dafür, die Gaststars effektiv in den Plot einzubinden - vielleicht gehören Aerosmith deswegen bis heute zu den beliebtesten Starauftritten.
Zwischenzeitlich wird mal eben mit einem Running Gag gespielt, nämlich den Telefonanrufen von Bart und Lisa bei Moe, als nämlich nun, wo Moe wirklich Kundschaft hat, tatsächlich der von Bart geforderte Unsinnsname sich in der Kundschaft wiederfindet. Weiterhin gibt es noch eine höchst nostalgische “Cheers”-Hommage in Form von stilisierten Standbildern und melancholischer Musik, bevor am Ende die Marktwirtschaft angezielt wird mit ihrem Imitationsdrang. Also: Flaming Moe’s? In jeder Hinsicht ein Klassiker!
EPISODE 11
KRAFTWERK ZU VERKAUFEN (Burns Verkaufen Der Kraftwerk)
Deutsche Erstausstrahlung: 04.02.1993
US-Erstausstrahlung: 05.12.1991
Inhalt: Mr. Burns hat die Nase voll von seinem Kraftwerk und verkauft das gute Stück an deutsche Käufer. Natürlich haben die akkuraten Deutschen nichts Besseres zu tun, als den Sicherheitsstandard mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Sicherheitsinspekteur Homer kapiert natürlich gleich, dass ihn das seinen Job kosten könnte. Voller Panik versucht er Mr. Burns klar zu machen, dass Geld nicht alles ist... (Booklet-Text)
Ein absoluter Traum für die Deutschen - oder die ultimative Beleidigung, das ist “Burns verkaufen der Kraftwerk”. Deutschland wird für eine Folge in den Fokus gerückt und alle Klischees ausgereizt, so gut es nur geht.
Alleine schon der Originaltitel stellt jegliche Parodien auf das Land der Disziplin und Ordnung, so zumindest unser Ruf, in den Schatten. Zu diesem Zwecke sei einfach mal ein kurzer Abschnitt aus dem Audiokommentar zitiert: “This Show is “Burns Verkaufen der Kraftwerk” (wobei Al Jean dies ungefähr so ausspricht: “Burns vörkroafön dör Kräftwörk”), which I believe is German for “Burns sells the Plant”.” “It’s sort of German. I just did word replacement from a german dictionary, I’m sure the grammar and the verb conjugation is wrong.” “It was the biggest burn, this title. To know the German isn’t even necessarily right. That’s a killer.” “Who’s worried about the fending Germans? Uuh, the Germans.” Hört sich schon mal sehr gemein an, und das wird es auch - nicht, weil die Deutschen besonders fies oder gemein dargestellt werden, sondern ganz im Gegenteil: weil sie so weich und herzlich gezeichnet sind, dass sie nun von keinem amerikanischen Simpsons-Gucker mehr ernst genommen werden. Und ist Hilf- und Harmlosigkeit nicht fast noch schlimmer?
Interessant ist der Umstand, dass die Story ursprünglich auf Japaner ausgelegt war und man auf die Deutschen umgeschwenkt hat, weil die Japaner zu klischeehaft (!) erschienen und Deutschland das einzige wirtschaftlich zu der Zeit glaubwürdige Land war, dem man es noch abnehmen würde, dass es Kapital für den Kauf eines Atomkraftwerks besitzt. Wiedergespiegelt werden also auch ganz aktuelle wirtschaftliche Verstrickungen auf internationaler Ebene, was die Aufgabe der Simpsons in der Vordergrund stellt, mit der Satire vor allem die wirkliche Welt in ihrer aktuellen Lage zu parallelisieren.
Was wir sehen? Deutsche Flaggen; deutsche Schilder; eine Anspielung auf Kennedys “Ik bin ein Berliner” durch Major Quimby (“Ik bin ein Springfielder”), Deutsche im Bavarian Style (man könnte glatt meinen, die Wiesn seien in die USA gezogen), ein die Deutschen nachäffender Burns und eine über die Deutschen aufklärende Lisa - wenngleich selbst sie (trotz faktischer Herangehensweise) mit Klischees aufträgt. Die recht hohe Gagdichte wird - neben dem Lustigmachen über die Marotten und hier vor allem über den Akzent der Deutschen - speziell dadurch erzielt, dass sich Homers Philosophie nicht mit derjenigen Deutschlands verträgt. Daher verwundert es auch ein wenig, dass den Machern zufolge ursprünglich Japaner das Kraftwerk kaufen sollten und lediglich die Nationalität, nicht jedoch das Storyboard an sich verändert wurde. Denn der Plot ist so geschickt auf die Mentalität der Deutschen abgestimmt, dass man sich die Story in der Form mit japanischer Beteiligung nicht vorstellen könnte.
Ganz nebenbei hat die Folge noch den Überknaller zu bieten, und zwar Homers Odyssee im “Land der Schokolade” - seine naive Vorstellung davon, wie Deutschland aussieht. Als Aachener (u.a. Zentis) darf man sich da auch mal näher angesprochen fühlen.
Am Ende ist auch irgendwo wieder ein Rückbezug auf das dunkelste Kapitel unserer Geschichte zu verzeichnen, denn implizit wird die friedfertige Art auch als Reaktion auf die Vergangenheit dargestellt. Als der Deutsche sagt “We Germans aren’t all smiles and sunshine.”, so wird dies von Burns ins Lächerliche gezogen (“Ooh, the Germans are mad at me. I’m so scared. Uuh, the Germans!”) - einerseits sicherlich eine weitere Charakterisierung von Burns, andererseits aber auch ein Subtext für die internationale Kommunikation und den Umgang mit der Geschichte. Und zurück bleibt für uns nichts als ein Gefühl der ausgeprägten Verwirrung...
EPISODE 12
BLICK ZURÜCK AUFS EHEGLÜCK (I Married Marge)
Deutsche Erstausstrahlung: 28.01.1993
US-Erstausstrahlung: 26.12.1991
Inhalt: Homer hat sich vorgenommen, seinen Kindern Bart und Lisa ausführlich die Geschichte seiner Ehe zu erzählen. Bart und Lisa sind nicht gerade begeistert und machen sich zweimal aus dem Staub, als Homer zu sehr abschweift. Sie kommen jedoch jedes Mal zurück, da die Geschichte doch ganz nett und Homer eigentlich kein unsympathischer Kerl ist. (Booklet-Text)
Nach “The Way We Was” werden die Simpsons nun zum zweiten Mal nostalgisch und bilden den Mittelteil einer absolut brillanten Flashback-Trilogie, die einerseits den von Geburt an zweidimensionalen Zeichentrickcharakteren historische Wurzeln verleiht und damit andererseits das Publikum an die eigene Geschichte des Lebens erinnert.
Dies hat nun eine wichtige Sache zur Folge: Die gewohnte Satire wird vollkommen ausgeblendet zum Zwecke eines Rückblickes, der nichts Aktuelles erklären will, sondern Vergangenes wieder ins Gedächtnis berufen will. Während etwa Politsatiren wie in “Two Cars in Every Garage and Three Eyes on Every Fish” oder Medienkritik wie in “Krusty Gets Busted” eine humoristisch aufbereitete Parallele zum wirklichen Leben ziehen und damit gewissermaßen voraussetzen, dass die Botschaften auch in der Realität anwendbar sind, soll man sich hier einfach nur zurückerinnern. Das wiederum hat eine komplett veränderte Grundatmosphäre zur Folge, und das sorgt dafür, dass die Flashback-Episoden stets einen ganz speziellen Status im Rahmen der Serie innehatten.
Was den Plot betrifft, erleben wir eine wahrhaftige, zusammenhängende Chronologie: Erzählte “The Way We Was” das Kennenlernen von Homer und Marge in den Siebzigern, so handelt diese Folge nun von der Heirat und den anschließend folgenden Problemen, die im Wesentlichen mit Geld zu tun haben. Auch dieser episodenübergreifende Storyablauf ist eigentlich Simpsons-untypisch; bekanntermaßen ist am Anfang jeder neuen Folge immer wieder alles so, wie es zu Anfang war, egal, was für einen Unsinn Homer zuvor so angestellt hat. Und das Gottesgeschenk, dass Springfield irgendwann einfach aufgehört hat zu altern (irgendwann=1989), ist auch bekannt. Für die Simpsons-History jedoch wurden alle Regeln aufgehoben, und es wird ein kompletter Vorlauf gestrickt.
Zu diesem Zweck bediente man sich hier der frühen Achtziger, und dementsprechend wurden diverse Ereignisse aufgegriffen, welche die damalige Generation geprägt hatten. Ganz oben auf der Liste stand natürlich der Abschluss der Star Wars-Trilogie, zu der Homer auch gleich mal einen fetten Handlungsspoiler ausposaunt - Zeitzeugen können berichten, dass bei “Return of the Jedi” ein ganz ähnliches Gefühl war wie zu Anfang dieses Jahrtausends bei der Ringe-Trilogie. Ansonsten hält sich die Story dramaturgisch mit der verzweifelten Jobsuche Homers auf hohem Niveau sowie deren Verstrickung mit der taufrischen Ehe, die unter Geldproblemen schon im Keim zu ersticken droht. Aufgezogen wurde das Ganze nicht unähnlich den Halloween-Episoden - nämlich dadurch, dass Homer und Marge diese Geschichte ihren Kindern erzählen. Der Ausgangspunkt ist also dennoch die Gegenwart, und von dort aus geht es dann über die Erzählung in die Vergangenheit, was optimales Identifikationspotenzial mit sich bringt.
Fortsetzung in "Season 3.2"