DIE SIMPSONS - SEASON 4.2
EPISODE 12
HOMER KOMMT IN FAHRT (Marge Vs. The Monorail)
Deutsche Erstausstrahlung: 10.07.1994
US-Erstausstrahlung: 14.01.1993
Inhalt: Durch eine Umweltsünde von Mister Burns kommt Springfield unverhofft zu 3 Millionen Dollar. Um die Summe gewinnbringend anzulegen, lässt sich die Stadt von einem mysteriösen Fremden eine Einschienenbahn andrehen - und engagiert Homer als Zugführer! Marge glaubt, dass da etwas oberfaul ist... (Booklet-Text)
Schon wieder eine perfide Flintstones-Hommage, diesmal in der Eröffnungssequenz nach den Opening Credits... da kann man nicht meckern. Kurz danach eine “Das Schweigen der Lämmer”-Anspielung, dann zwei Tagträume von Lisa und Bart mit historischen Figuren (Dschinghis Khan) und Splatter (eine mechanische Riesenameise zerteilt Skinner mit ihren Greifern). Geht gut los.
Und es wird noch besser, sofern man sich gerne darüber amüsiert, wie dumm eigentlich die Masse ist. Massenpsychologie ist eine Sache, die viele Wissenschaftler speziell der Nachkriegszeit beschäftigt hat - hier war es ebenfalls immer ein Thema. Zwar wird die Dummheit bei den Simpsons auch an Individuen zelebriert - ich sage nur Homer - doch die Springfielder sind als zusammenhängende Schar grundsätzlich ein Ausbund an Dummheit, die ins Bodenlose geht. Vielleicht ist dies mit der Hypothese zu erklären, dass die Gruppe immer nur so gut ist wie ihr schwächstes Glied - und das ist schließlich Homer...
Aus wirtschaftlichem Antrieb heraus wird mit dem Monorail-Mann nun eine neue Figur eingeführt, was deswegen notwendig war, weil der “Verführer” nicht aus dem internen Kreis kommen durfte. Es musste ein Fremder sein, um die Masse nicht zu brechen und sie gemeinschaftlich einer Paralyse zu unterziehen. Das ist ein ganz ähnliches Schema, wie es in Goscinnys und Uderzos Asterix-Episode “Der Seher” verwendet wurde.
Die “Monorail-Bahn” ist dabei für den Zuschauer direkt als Finte zu entlarven, weil sie in höchstem Maße ökonomisch ineffizient und nutzlos ist für die Bedürfnisse der Stadt.
Das Highlight der Folge ist sicherlich die rhetorisch erstklassig inszenierte Debatte im Rathaus, wo der Fremde sich den Fragen der Masse stellt und alle Bedenken der Bevölkerung mit kessen Gegenfragen kontert - ein kleines Meisterstück der Rhetorik. Weiterhin werden bei Rundblicken durch den Saal die sozialen Gruppierungen deutlich. So wuseln im Hintergrund die Senioren herum und fordern Unsinnigkeiten, während ganz vorne die ökonomisch relevantesten Personengruppen sitzen, sprich Männer im besten Arbeitsalter. Im Verlaufe der Folge gibt es auch wieder einiges von den beliebten Seniorenwitzen zu sehen.
Derweil stellt sich auch wieder Marges Immunität gegen die Massenmeinung heraus, da sie als einzige wieder zu ihren Prinzipien steht, auch wenn sie dafür von der reaktionären Masse verurteilt wird. Deswegen heißt die Folge im Original auch “Marge vs. The Monorail”. Homer wird dann gegen Ende der rasant eingefangene Actionpart zuteil, der auch sogleich im Großen erfolgt, sprich über ganz Springfield hinweg auf der Monorail in einem “Speed” nicht unähnlichen Szenario auf Leben und Tod. Und der Donut ist mal wieder die Rettung. Danke, o du köstliches Gebäck.
EPISODE 13
SELMA WILL EIN BABY (Selma’s Choice)
Deutsche Erstausstrahlung: 21.08.1994
US-Erstausstrahlung: 21.01.1993
Inhalt: Durch den Tod von Großtante Gladys bricht bei Marges Schwester Selma die Krise aus. Die ewige Junggesellin will unbedingt ein Baby, bevor es zu spät ist! Um den richtigen Erzeuger zu finden, lässt sie nichts unversucht. Nach einem Rendezvous mit Hans Maulwurf wagt sie den Härtetest: ein Nachmittag im Vergnügungspark mit Bart und Lisa. (Booklet-Text)
Selma, die dritte. Nach der Heirat mit Sideshow Bob und der Verlobung mit Skinner geht es wieder an Selmas Unzufriedenheit - kein Wunder, war doch David Stern wieder Autor, der Mann, der uns schon “Principal Charming” schrieb in seiner Faszination darüber, wie man solche Nebenfiguren bei den Simpsons so gut zu den Hauptdarstellern einer Episode machen kann.
Wie man dem deutschen Titel schon entnehmen kann, hat sich Selmas Verzweiflung ein Stück weit fortgepflanzt; es geht nicht mehr darum, den richtigen Mann zu finden, sondern einfach nur darum, dem Leben einen Sinn zu geben - schön verbildlicht durch die Beerdigung von Tante Gladys (Tante wer?) zu Beginn. Bei der Gelegenheit stellt sich die Frage, wieso es bei den Simpsons nicht öfter mal eine Beerdigung gibt - die sind stets urkomisch.
Es geht also ganz klar um Vergänglichkeit. Und an dieser Stelle sei durch ein Beispiel auch mal die regietechnische Leistung der Serie hervorgehoben: Wir sehen eine alte Standuhr in Nahaufnahme, die langsam tickt. Mit einer leichten Drehbewegung zieht sich das Stativ zurück und offenbart immer ein Stück mehr vom Hintergrund. Plötzlich wird die Bewegung ganz schnell, und der mythische Augenblick wird “zerstört”, als wir sehen, dass die Standuhr hier keine Metapher für die biologische Uhr Selmas sein soll, sondern dass sie einfach nur als Erbstück bei den Simpsons im Kofferraum liegt, als die von der Beerdigung nach Hause fahren. Das ist Humor, der weit über üblichen Slapstick hinausgeht... das ist fürwahr fast Humor mit einer cineastischen Grundfeste.
Allerdings funktioniert die Folge auch auf weit primitiverer Ebene. Die Selma-Moleman-Kinderkreuzungen in Selmas Vorstellung nach dem Date mit Hans Maulwurf sind zum Schießen, und kurz darauf folgt einer meiner persönlichen Lieblings-Gags, die sich über mehrere Szenen erstrecken: Homers Kampf mit dem Riesensandwich, das inzwischen verfault ist, weil er es nicht auf einmal aufessen konnte. Mit der Zeit entwickelt er fast eine persönliche Beziehung zu dem verfaulten Ding, und als er es, noch hellgrün vor Übelkeit im Gesicht, wieder aus dem Mülleimer holt und liebevoll sein Gesicht daran reibt, da möchte man sich auf dem Boden rollen.
Selmas Kinderwunsch wird derweil provisorisch dadurch befriedigt, dass sie für einen Ausflug in einen Vergnügungspark die Aufsicht über Bart und Lisa bekommt und sich in Sachen Verantwortung beweisen kann. Der surreale Trip durch den Duff Bier-Tunnel erinnert beizeiten daran, was später in “Futurama” in der Slurm-Fabrik wieder aufgegriffen wurde. Bei Lisas Visionen wird bereits mit Surrealismus experimentiert, der in der Chilischoten-Episode seine Vollendung erfahren würde, und zugleich macht man sich einen Spaß mit den Folgen von LSD. Als sich Bart dann auch noch in eine Achterbahn schmuggelt, ist eines klar: Selma ist nicht dafür geschaffen, Kinder zu haben. Aber ihr zum Dank konnten Homer und Marge zu Hause mal wieder etwas ihre Ehe aufleben lassen - mit billigen Erotikfilmchen im Herkules-Setting.
EPISODE 14
GROSSER BRUDER - KLEINER BRUDER (Brother From The Same Planet)
Deutsche Erstausstrahlung: 17.07.1994
US-Erstausstrahlung: 04.02.1993
Inhalt: Als Homer seinen Sohn nach einem Fußballspiel stundenlang im Regen warten lässt, hat Bart genug: Er wendet sich an die Organisation der “Großen Brüder” und erhält einen Ersatzbruder. Tom ist viel cooler als Homer - doch auch der weiß die Dienste der “Großen Brüder” zu nutzen. Inzwischen entwickelt Lisa eine bedenkliche Hotline-Sucht... (Booklet-Text)
Der erste Teil dieser auch im Gesamteindruck außergewöhnlichen Folge hat eine ganz kuriose, eigenwillige Atmosphäre, die in der Form eigentlich nie wieder aufgetaucht ist. Zu großen Teilen ist das den kühlen, oft in Blau gehaltenen Schauplätzen zu verdanken, aber auch der Tatsache, dass viele Orte gezeigt werden, die man sonst so gut wie nie sieht - wozu die Badewanne im Elternzimmer gehört oder eben der Fußballplatz. Was Barts Hobby in dieser Folge betrifft, könnte man sich durchaus auch vorstellen, dass sich die Macher etwas damit gedacht haben. Thema der Folge ist schließlich die Tatsache, dass sich Homer mal wieder nicht gut um Bart kümmert. Heute mag es durch den relativen Erfolg der US-Fußballmannschaft (Stand Anfang 2006: 5. Platz der Fifa-Rangliste) etwas anders sein, aber früher war Fußball insgesamt ein sehr unbeliebter Sport im Land der NHL, NBA und NHL. Er wurde überwiegend von Kindern gespielt und von den so genannten “Soccer Mums” dominiert - fanatische Mütter, die jede Sekunde damit verbrachten, ihren Nachwuchs in Sachen Fußball zu managen. Ergo genau das Gegenteil von dem, was Homer hier macht.
So ist der Beginn kurios und schräg, um das Unzufriedensein Barts zu verdeutlichen: Das Herbstwetter schlägt buchstäblich auf den Magen, eine Nonne wird von Winde hinfortgeweht und explodiert am Horizont (!), dann benutzt Bart Telepathie, die aber nur Milhouse in einer Shining-Reminiszenz erreicht, während Homer in seiner Badewanne (mit einem herrlichen, optisch fein getricksten Übergangsmoment) erst durch einen Traum darauf kommt, was er noch machen muss. Und dann erfolgt der Höhepunkt der Kuriosität: Bei der Nachhausefahrt verwandelt sich Homer für Bart in einen Zombie. Warum, habe ich bis heute nicht verstanden - sofern diese Verwandlung die Entfremdung vom eigenen Vater symbolisieren sollte, so ist das doch ein sehr subtiler Hinweis.
Ausgelegt war die Episode eigentlich mit jeder Faser auf Tom Cruise, der Jon Vitti seinerzeit Interesse an einer Teilnahme bei einer Simpsons-Show bekundet hatte. So schrieben die Autoren die Figur des “großen Bruders” in jedem Detail auf Cruise’s Charaktereigenschaften und auf sein Image als Filmstar um - nicht nur der Name, auch solche Feinheiten wie das Vorfahren mit dem Motorrad sind also Tom Cruise zu verdanken - nur leider nahm er selbst dann doch nicht an der Folge teil, obwohl wirklich nichts an dieser Figur in irgendeiner Weise beleidigend war, worüber sich die Simpsons-Macher dann selbst heute noch sehr enttäuscht zeigen.
Das ändert nichts dran, dass der “Partnertausch” ohne Zweifel eine gelungene Sache ist. Der Humor resultiert in der Regel daraus, dass Homer für seinen neuen “kleinen Bruder” Pepi zum Vorbild wird, ihm in seiner Dumm- und Unwissenheit aber nur falsche Fakten beibringt (“Papa Homer, du bist ein Gelehrter!” “Das nennt man Gelernter, Pepi. Gelernter.”) Tatsächlich scheint Homer wieder ein Stück dümmer geworden sein: So tritt er wahrhaftig in Kommunikation mit seinem Verstand, welcher irgendwann aufgibt, sagt “I’m gettin’ outta here”, eine imaginäre Treppe runterläuft und die Tür zuknallt.
Lisa ist derweil mit einem Nebenplot vertreten, in dem ihre Telefonsucht thematisiert wird. Synchronsprecherin Yeardley Smith hatte sich damals wegen dieses Nebenplots beschwert (eines der wenigen Male und nur ganz kleinlaut, wie ihre “Chefs” betonen), weil er ihr in der Nebenspur nicht gut aufgehoben schien - und sie hat insofern Recht, als dass das Thema Potenzial gehabt hätte für eine eigene Folge, zumal beide Stränge nicht so recht zueinander passen mögen. Für sich betrachtet funktionieren allerdings beide Zweige.
EPISODE 15
RALPH LIEBT LISA (I Love Lisa)
Deutsche Erstausstrahlung: 28.08.1994
US-Erstausstrahlung: 11.02.1993
Inhalt: Springfield ist im Liebestaumel: Der Valentinstag steht vor der Tür. Als Lisa ihrem Klassenkameraden Ralph Wiggum aus Mitleid eine Liebeserklärung zusteckt, hat sie prompt einen unerwünschten Verehrer am Hals. Einziger Lichtblick: Ralph hat Karten für die Krusty-Jubiläumsshow...! (Booklet-Text)
Al Jean bekam in der dritten Klasse einmal von einem Mädchen eine Valentinskarte, auf der stand “I cho-cho-choosed you”, worunter handschriftlich geschrieben stand “I really do.” Jean wusste bis heute nicht, ob das wirklich ernst gemeint war - so entstand der Plot zu “I Love Lisa”.
Zeit, Ralph Wiggum vorzustellen. Ihm wird erstmals eine größere Rolle zuteil, nachdem er bisher immer für kleinere Background-Gags herhalten musste und kaum Dialogtexte zu verbuchen hatte. Dass er Chief Wiggums Sohn ist, war nicht von Anfang an geplant, sondern hat sich einfach irgendwann ergeben, als Springfield langsam ein festes Gesicht bekam und Familienkonstellationen deutlich wurden. Und da Ralph quasi für die Rolle des Wiggum-Kindes prädestiniert war, hat man ihn dem trotteligen Polizeichef zugeordnet.
Dass dieser wandelnde Witz plötzlich Emotionen transportieren soll, hört sich im ersten Moment allerdings recht problematisch an, bezog Ralph seinen Witz doch durch seine grenzdebile Infantilität, die nie in emotionale Breitengrade hineinreichte - man könnte sagen, Ralph war bisher zu solch komplizierten Prozessen wie der Erzeugung von Emotionen nicht in der Lage. Das sollte sich nun durch einen Mitleidsanflug von Lisa ändern.
Leider stellt sich heraus, dass es wirklich problematisch ist, Ralph mit Liebeskummer zu verbinden. Was ihm hier an menschlichem Ausbau widerfährt, kann sich nicht mit den Anlagen der Figur verbinden, womit die Liebes-Anflüge Ralphs über den Zweck der Story nicht hinauskommen. Nach der Folge wird Ralph also wieder zum dummen Baby degradiert, was so auch in Ordnung ist. Denn besonders Ralphs Performance im abschließenden Schultheaterstück wirkt viel zu erwachsen und besonnen für diese Figur.
Und doch, im Rahmen dieser Episode ist das zeitweilige Aufbäumen des Ralphschen Verstandes nicht störend, denn was die Story anbelangt, fügt sich seine Figur doch gut in die Gesamthandlung ein. Auch die Dramaturgie überzeugt, nimmt sie doch - abgesehen von dem Happy End - die Struktur eines klassischen Theaterstücks an mit einem Klimax während Krustys Show, die für diesen Zweck über ihren normierten Standard auf ein Krusty Special hinausgehoben wurde.
Witzig ist die sehr Simpsons-klassische Idee, die Herz-Schmerz-Thematik durch organische Herzen zu verbildlichen - Bart erlaubt sich einen Scherz mit einem Rinderherzen aus der Caféteria-Lieferung, und bei “Itchy & Scratchy” wird ebenfalls mit Herzen herumgesplattert. Und ein Bild, das aus dieser Episode nachhaltig im Gedächtnis hängen bleibt, ist wohl Wiggum, wie er im Watschelschritt hinter einer Ente herdackelt, die ihm sein Polizeiabzeichen gestohlen hat.
EPISODE 16
KEINE EXPERIMENTE (Duffless)
Deutsche Erstausstrahlung: 04.09.1994
US-Erstausstrahlung: 18.02.1993
Inhalt: Die Simpsons-Kids liegen im Clinch: Als Bart die Gentechnik-Tomaten, die seine Schwester für den “Jugend forscht”-Wettbewerb züchtet, als Wurfgeschoss missbraucht, rächt Lisa sich mit einem fiesen Experiment. Unterdessen wird Homer alkoholisiert am Steuer erwischt - und trifft eine schwere Entscheidung. (Booklet-Text)
Ist das etwa das Ende der Simpsons? Homer nix mehr trinken Bier? D’Oh!
Nein, in der nächsten Episode ist natürlich wieder alles beim Alten. Bis dahin haben wir aber die Gelegenheit, die wundervolle Welt des Duff bei einer Brauereibesichtigung näher kennen zu lernen und bei der Gelegenheit natürlich vor den Gefahren des Alkohols zu warnen. Die Duff-Brauerei erscheint selbstverständlich in jeder Hinsicht unsympathisch, schlampig und schlichtweg schlecht für die Gesundheit: Werbeplakate bestehen aus Phrasen wie “Er war ein Kommunist - er trank kein DUFF-Bier!”, eine Kuckucksuhr schickt jede volle Stunde einen rülpsenden Fettsack aus dem Kästchen (der stark an Homer erinnert), der Werbefilm ist hypnotisierende Propaganda mit einem Pseudodoktor mit Hypnosespirale auf dem Kopf und bei der Flaschenaussortierung gibt es allerlei Gegenstände auszusortieren, die es besser nicht in den Verkauf schaffen sollten (Hitlers Kopf hat es aber geschafft). Dass das Wort “Duff” im Englischen letztendlich Dummheit und Inkompetenz ausdrückt, ist schließlich kein Zufall, sondern eiskalte Kalkulation. Homers Zuneigung zu Bier ist damit ohne Zweifel keine Glorifizierung des Alkoholkonsums, wie es standhafte Sittenwächter immer wieder behaupten wollen, sondern ganz im Gegenteil die Darstellung negativer Folgen des Bierkonsums. Zu unattraktiv wirken die Stammkunden, die man immer wieder versammelt in Moes Kneipe sieht (allen voran Barney, der in den jüngeren Staffeln von seiner Sucht losgekommen ist und die latent schon immer existierenden Fähigkeiten in arbeitsökonomischer und sogar künstlerischer Hinsicht endlich mal ausleben kann), und zu sehr wandelt sich Homers Charakter zum Negativen, wenn er betrunken ist.
Homer wird also nun zur Rehabilitation geschickt, wo es herrliche Gruppentherapie-Comedy gibt (auch mit Flanders, der in einer Rückblende sein ganzes grausiges Wesen preisgibt). Die Folge des anschließenden Bier-Entzugs sind Bilder für die Ewigkeit, wie Homers Muskelspiel vor dem Spiegel (nach Marges Frage “Do you drink to escape from reality?”) oder seine Vision vom alkoholbetankten Auto, mit dem er sich an der Tankstelle eine Zapfsäule teilt (“One for you...one for me.”).
Noch interessanter erscheint aber eigentlich fast der parallele Handlungsstrang um Bart und Lisas Teilnahme am Wissenschaftswettbewerb. Nachdem Bart Lisas genetisch veränderte Riesentomate auf Skinners Hintern geworfen hat, rächt sich Lisa auf ihre Weise durch ein neues wissenschaftliches Projekt mit dem Titel “Is my brother stupider than a hamster?”, was letztendlich eine intellektuelle Demütigung des ansonsten in Sachen Demütigungen austeilen stets überlegenen Bruders ist. Einmal mehr kommt hier eine “Clockwork Orange”-Parodie zum Einsatz, als es darum geht, das Konditionierungsverfahren nach Pawlow bei Bart auszutesten. Und diese Idee überzeugt auf der Grundlage, dass Bart eben eine Cartoonfigur ist, womit es in gewissem Maße durchaus möglich ist, dass Bart dümmer erscheint als ein Hamster.
EPISODE 17
PRINZESSIN VON ZAHNSTEIN (Last Exit To Springfield)
Deutsche Erstausstrahlung: 31.12.1996
US-Erstausstrahlung: 11.03.1993
Inhalt: Ein Zahnarztbesuch bringt die schreckliche Wahrheit ans Licht: Lisa braucht eine Zahnspange. Doch die sind nicht nur hässlich, sondern auch teuer - wenn man sie selbst zahlen muss. Um das zu verhindern, zieht Homer in den Kampf gegen den fiesen Mister Burns. (Booklet-Text)
“Kostenersatz!”
“Lisa braucht Zahnspangen!”
“Kostenersatz!”
“Lisa braucht Zahnspangen!”
“Kostenersatz!”
“Lisa braucht Zahnspangen!”
...
Ein Gag macht die Runde und gehört heute vielleicht nicht zu den besten, aber doch zu den einprägsamsten und spontan betrachtet witzigsten Momenten der Simpsons-Geschichte. Das kuriose daran ist die Tatsache, dass es sich hier um die Art von Gag handelt, der durch beharrliche Wiederholung an Humor dazugewinnt - und dabei ist die Folge gespickt mit jede Menge Story und noch viel mehr Parodien und Flashbacks in alle möglichen Richtungen, so dass eigentlich gar kein Platz für einen solchen Zeitfresser dagewesen ist.
Es handelt sich um einen der unbestrittenen Höhepunkte der vierten Staffel (12 Nerds von einer TV-Zeitschrift wählten “Last Exit To Springfield” laut Audiokommentar zur besten Folge aller Zeiten), was neben der erzählerischen Rastlosigkeit vor allem daran liegt, wie geschickt hier Homers Arbeitsleben mit seinem familiären Alltag verbunden wird. Auch deswegen funktioniert der vorangesetzte Gag so gut, weil hier das kausale Verhältnis auf Homers dumme Art und Weise so schön klargemacht wird. Die Unterbrechung der Gedankenkette durch den Bleistift macht die Szene perfekt.
Das Thema ist an sich schon recht mutig; nicht, weil es brisante Dinge aufgreift, sondern einfach deswegen, weil vertragliche Regelungen bei der Arbeitsstelle nicht gerade zu jenen Bereichen zählt, die gerne von Cartoons aufgegriffen werden - zu trocken, seriös und hochgegriffen erscheinen sie für den Durchschnittscartoon, der eben nichts als unterhalten will.
Um so wichtiger wird die Inszenierung, die sich dem schwer umzusetzenden Thema mit schier endlosem Ideenreichtum und verrücktesten Verzweigungen entgegenwirft, um die ganze Sache interessant zu gestalten. Somit sehen wir folgende Ausbrüche aus dem konventionellen Erzählmuster:
1. Eine Actionparodie in Form eines Ausschnitts aus einem McBain-Film
2. Einen Flashback ins Springfield des Jahres 1909, wo wir Klein-Burns mit seinem Lockenköpfchen und einem Lolly im frisch industrialisierten Amerika erste Erfahrungen in Sachen Angestelltenbehandlung sammeln sehen
3. Einen Flashback aus Homers Erinnerung von einem Streik, bei dem er sich eine Narbe holte
4. Eine ausführliche “Der Pate II”-Parodie, in der Homer als Mafiaboss durch die Straßen geht und Donuts futtert
5. Ein surrealer Traum der betäubten Lisa im “Yellow Submarine”-Stil während ihrer Zahnbehandlung
6. Eine melancholisch aufbereitete Streik-Szene, unterlegt mit Gitarre und Gesang
7. Eine Burns-Vision davon, wie er mit Smithers ganz alleine problemlos den Laden bzw. das Kraftwerk schmeißt.
Nicht einbezogen sonstige Parodien im “normalen” Handlungsverlauf wie “Der Grinch” oder jede Menge “Batman”.
Trotz dieser unglaublichen Vielfalt an narrativen Stilmitteln wird der zentrale Plot nie aus dem Auge gelassen, da sämtliche Ausflüge in vergangene Zeiten, luzide Träume oder blauäugige Visionen darauf abzielen, den Verlauf des Streiks zum einen und die Konsequenzen des Kriegs zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer für die Familie zum anderen zu verdeutlichen. In der ausgesprochen perfekten Art und Weise, wie das gelingt, ist zuguterletzt das Geheimnis dafür zu finden, dass diese Episode so gut ist, wie sie ist; so witzig und gleichzeitig pointiert muss man 22 Minuten erstmal füllen können.
EPISODE 18
NUR EIN APRILSCHERZ... (So It’s Come To This... A Simpsons Clip Show)
Deutsche Erstausstrahlung: 11.09.1994
US-Erstausstrahlung: 01.04.1993
Inhalt: April, April! Natürlich kann Homer es sich nicht verkneifen, seine Kinder am 1. April so richtig reinzulegen. Bart revanchiert sich mit einer präparierten Dose Duff-Bier - ein Scherz, der Homer ins Koma befördert. Während die Familie an seinem Krankenhausbett wacht, ziehen einige Erlebnisse aus der Vergangenheit an ihnen vorbei... (Booklet-Text)
“So It’s Come To This...”. Einen besseren Titel hätten sich die Herren aus der Kreativschmiede nicht ausdenken können, denn der ist wenigstens selbstironisch. Clip-Shows sieht eigentlich niemand gerne, denn sie sind lediglich bessere Resteverwertung - wer standhafter, regelmäßiger Simpsons-Gucker ist, dem wird eben nur wenig neuer Stoff geboten, und die alten Brötchen kann man sich ja schließlich auch in den Wiederholungen anschauen.
Die Motivation zur Realisierung einer solchen ungeliebten Show lag dementsprechend auch nicht in künstlerischen Ambitionen, sondern im Arbeits- und Zeitmanagement. Die Staffeln zwei und drei hatten viel Kraft gekostet, letztere umfasste gar volle 24 Episoden. Im Audiokommentar wird von 80-Stunden-Wochen gesprochen, und selbst wenn das ein wenig überspitzt sein sollte, so lagen doch Beschwerden der Autoren und Animatoren auf der Hand. Die ursprüngliche Idee - und jetzt kommt’s - war sogar die, das Episoden-Pensum auszuweiten und pro Staffel vier (!) Clip-Shows einzubauen. O Graus! Weil man damit aber die Fans verprellt hätte, wurde dieser Plan ausgegeben, so dass die vierte Staffel nur noch 21 reguläre Episoden neben der vorliegenden beinhaltete.
Matt Groening behauptet nun, dass diese hier für eine Clip-Show allerdings wirklich gut sei - und er hat Recht. Zunächst einmal gibt es für ein Best Of außerordentlich viel neues Material. So dauert es bis 5:39 Min., bevor der erste Zusammenschnitt alter Folgen auftaucht. Bis dahin erleben wir eine gewohnt witzige Storyline, die dazu führt, alte Erinnerungen wieder aufleben zu lassen.
Weiterhin wurde gar ein besonders beliebter Rückblick, der noch öfters posthum verwurstet wurde, mit neuen Szenen angereichert: Das betrifft Homers “Teufelssprung” über die Klippe, nach dessen Versagen er mit dem Krankenwagen abtransportiert wird, der aber gegen einen Baum knallt und Homer nochmals die Klippe hinunterfällt - hier kommen wir in den Genuss neuer, schöner und brutaler Szenen von Homers vertikaler Odyssee.
In der Gegenwart erholt sich Homer gerade von seinem Ausflug ins Koma, wo durchaus geschickt neue Späße mit alten Ausschnitten gekoppelt werden. Als Homer etwa Lust auf Schokolade bekommt, was bietet sich da besser an als die “Land der Schokolade”-Sequenz aus “Burns Verkaufen der Kraftwerk” der dritten Staffel? Jene Sequenz wird sehr klug zweckentfremdet für Homers aktuelle Situation - und kurz darauf liegt er erschlagen von einem Süssigkeitenautomat auf dem Krankenhausflur, während ihm Schokoriegel in den Mund fallen und die Atemwege versperren.
Weitere Anregungen für Rückblenden werden durch den wechselnden Besuch geboten, der durchaus über die eigene Familie hinausgeht; und da jeder Springfield-Bürger andere Erfahrungen mit Homer teilt, kann man hier bei den Best Of-Szenen aus dem Vollen schöpfen. Ganz nebenbei schafft es das Grundgerüst der Clips, Momente einzufangen, die in einer regulären Folge durch die Verpflichtung, eine Handlung zu erzählen, keinen Platz hätten. Es macht einen vollkommen anderen Eindruck, Homer mal einfach nur eine Folge lang im Krankenhaus liegen zu sehen, ohne dass er in einen stringenten Plot eingebunden wäre.
Davon abgesehen ist es bei aller Meckerei über Clip-Shows natürlich trotzdem zwischendurch mal eine schöne Sache, die schönsten Szenen des bisherigen Schaffens der Serie zusammengefasst zu sehen - es hat irgendwo seinen eigenen Charme, solange man es nicht überreizt. Bleibt selbstverständlich dennoch festzuhalten, dass dies überspitzt ausgedrückt der “Tiefpunkt” der Staffel ist...
EPISODE 19
WIR VOM TRICKFILM (The Front)
Deutsche Erstausstrahlung: 31.10.1996
US-Erstausstrahlung: 15.04.1993
Inhalt: Das Fernsehprogramm ist auch nicht mehr das, was es mal war. Nach einer ziemlich lahmen “Itchy & Scratchy”-Episode beschließen Bart und Lisa, dass sie das mindestens genauso gut können - und versuchen ihr Glück als Drehbuchautoren. Mit einem Trick schmuggeln sie ihr Werk auf den Schreibtisch der Produzenten... (Booklet-Text)
Unglaublich, dass selbst solche verrückten Stories auf wahren Begebenheiten beruhen. So ereignete sich eine ganz ähnliche Geschichte offenbar bei der Cartoonserie “Tiny Toons”, wo zwei Kinder dem ausführenden Produzenten Steven Spielberg eine Storyline zuschickten, diese ihm gefiel und er die Kinder daraufhin einlud, in die Studios zu kommen und den Autoren über die Schulter zu gucken, während ihre Ideen zu Papier gebracht wurden. Die unrealistischsten Geschichten schreibt doch immer noch das wahre Leben...
Nun, wie dem auch sei: Selbstverständlich steht diesmal die “Itchy & Scratchy”-Show im Vordergrund, obwohl sie von der Front aus (trotz des Originaltitels) weniger betrachtet wird als vielmehr von innen, von der Prozedur aus. Das macht bei diesen Stories so viel Spaß, denn Autoren und Animatoren kennen sich, wie schon die Staffel 2-Folge “Itchy & Scratchy & Marge” unter Beweis stellte, in ihrem eigenen Sujet am besten aus. Die Mechanismen der Zeichentrickproduktion kommen daher ausgesprochen realistisch und doch karikativ zur Geltung, da sämtliche Details den Tatsachen entsprechen und man dabei doch nicht darauf verzichtet, sich selbst zu verarschen. Der diesbezügliche Höhepunkt ist ein wundervoller Insider, als Grampa Simpson in einen schäbigen Autorenraum geführt wird, wo sämtliche Simpsons-Erfinderköpfe sich in einer Karikatur ihrer selbst gefangen wiederfinden. Später bei der Preisverleihung ist dann gar der Meister himself im Publikum zu erhaschen. Weiterhin fehlt auch hier wieder kein Späßchen über Hanna Barbera, als Bart und Lisa durch die Gänge des Studios gehen und sich der infinite Hintergrund stetig wiederholt - inklusive Putzfrau.
Neben der überproportionalen Anzahl an “Itchy & Scratchy”-Folgen kann man sich daran erfreuen, wie fehlbesetzt Grampa mal wieder in seiner Umgebung ist - ganz unbedacht avanciert er zum Kultgeschöpf, während die wahren Schreiberlinge Bart und Lisa ihre Anonymität wahren. Es ist auch ein witziger Gedanke, wie eine Story auch davon abhängig ist, unter welchen Umständen sie geschrieben wurde. Als Produkt der Simpsons-Kinder wäre sie nicht ernst genommen worden, unter dem Gesichtspunkt, dass ein alter verbitterter Mann sie geschrieben hat dagegen durchaus.
Während Homer durch ein Klassentreffen mal wieder seine vergangene Jugend seinem Alter nach unangemessen aufleben lässt, bleibt man am Ende der Folge verdutzt am Bildschirm kleben: Da wird plötzlich ein Schild runtergelassen mit dem Titel “The Adventures of Ned Flanders” und lustig-fröhlicher Musik, und es folgt ein etwa 15-sekündiges Episödchen aus dem Hause Flanders mit einem grottenschlechten Witz, das überhaupt nichts mit der vorangehenden Storyline zu tun hat. Diese vom Schema her als Parodie auf “Archie” und Konsorten ausgelegte Parodie ist so dermaßen aus dem Zusammenhang gerissen, dass es einfach nur noch witzig ist... “South Park” griff die Idee später dann auch mit dem Charakter Butters auf (“Butters - das bin ich!”).
EPISODE 20
DAS SCHLANGENNEST (Whacking Day)
Deutsche Erstausstrahlung: 24.07.1994
US-Erstausstrahlung: 29.04.1993
Inhalt: Der Besuch des Oberschulrats steht bevor! Um einen guten Eindruck zu machen, will Direktor Skinner die schlimmsten Schul-Rowdies aus dem Verkehr ziehen. Doch Bart ist einfach nicht zu stoppen... In Springfield beginnt die alljährliche Schlangenjagd und Bart und Lisa mutieren zu militanten Tierschützern... (Booklet-Text)
Es scheint die Staffel der Inspiration durch wahre Ereignisse zu sein, denn auch das Ritual des “Schlangenprügelns” existiert irgendwo in einer kleinen Stadt in Mexiko. Dabei klingt die Sache schon wie aufbereitet für eine Zeichentrickserie, eben wie eine klassische satirische Überspitzung - dass es derartiges wirklich gibt, ist natürlich schon erschreckend genug. Dabei ist das katalanische Ritual der Stierkampfveranstaltung im Prinzip auch nichts anderes.
Da es auch um Konventionalismus und Traditionalismus geht, kommt Jebediah Springfield ins Spiel, der die hier verurteilte Angewohnheit erst einführte. Die Verankerung wird als derart unangreifbar dargestellt, dass überhaupt nicht die Frage aufkommt, ob man eine solche Tradition überhaupt weiterführen sollte oder nicht. Aus diesem Sachverhalt heraus bezieht die Folge auch ihre Stärke: Lisa, einmal mehr die einzige Individualistin, sieht sich einer verbohrten Kultur ausgesetzt, die überhaupt nicht daran denkt, ihre Gewohnheiten aufzugeben. So verhalten sich die Charaktere allesamt in grenzenloser Euphorie auf den anstehenden “Whacking Day”, der gar in die Melodie eines Weihnachtsliedes (immerhin das Fest der Liebe) verpackt wird. Um die Irritation für Lisa perfekt zu machen, versetzten die Autoren Marge, ansonsten Lisas einzige Bezugsperson in schweren Zeiten, mit unmissverständlichen sexuellen Schwingungen, sobald Homer seinen “Knüppel” auspackt... ein kleiner Hieb am Rande, der Lisa vollkommen isoliert.
Sehr gelungen ist mal wieder das Auftreten von Quimby, der immer dann in Hochform ist, wenn es darum geht, die Wankelmütigkeit des Volkes aufzuzeigen.
Prominente Unterstützung bekommt der Tierschutz auch: Barry White setzt seinen dunklen Bass ein, um Liebe und Frieden über die Menschen zu bringen. Das ist zweifellos etwas schmalzig, aber weil das Ganze mal wieder mit sinnvollem Sachwissen sehr schön verbunden wird (Schlangen reagieren auf Bassgeräusche, Barry White verfügt über den gewaltigsten Bass, also werden die Schlangen durch Barry Whites Stimme in eine bestimmte Richtung gelockt), wird der übliche Klischeeschmalz mal wieder vermieden. Als leicht störend erweist sich die leichte Vermenschlichung der Schlangen (eine wischt sich den Unterleib an der Fußmatte ab, bevor sie eintritt), die stattfindet, obwohl man sich bemühte, sie dennoch wie Tiere agieren zu lassen.
Ansonsten glänzt die Folge durchgehend mit schönen Gags (Itchy & Scratchy directed by Oliver Stone, Grampa Simpson macht im Zweiten Weltkrieg Hitler an und Homer fährt mehrmals gedankenlos in die Garage, während Marge Bart dort unterrichtet), die auch teilweise überdurchschnittlich gut inszeniert wurden (Homers Eastern-parodistisches Training für den Whacking Day).
EPISODE 21
MARGE WIRD VERHAFTET (Marge In Chains)
Deutsche Erstausstrahlung: 07.08.1994
US-Erstausstrahlung: 06.05.1993
Inhalt: Ein japanischer Entsafter, den Homer bestellt hat, entpuppt sich als Bazillenschleuder, die halb Springfield lahm legt. Auch die Simpsons werden nicht davon verschont - bis auf Marge, die sich zum Kwik-E-Mart schleppt, um die Sonderwünsche ihrer Lieben zu erfüllen. Dabei unterläuft ihr allerdings ein verhängnisvoller Fehler... (Booklet-Text)
Der Fokus lag in dieser Staffel bislang nicht allzu sehr auf Marge, deshalb wenden wir uns kurz vor Ende doch nochmal ihr zu. Um sie aus der Reserve zu locken, wird allerdings ganz schön schweres Geschütz aufgefahren. Und zwar ist eine Osaka-Grippe erforderlich, um mal wieder eines zu verdeutlichen: Marge ist diejenige, die immer für alles vorgeschickt wird, wenn alle anderen sich lieber zurücklehnen. Die Grippe sorgt dann dafür, dass sich ganz Springfield einheitlich zurücklehnt, so dass Marge als einzige aus dem Haus muss, um die Familie zu versorgen. Aller Druck liegt also auf ihr, so dass sie aus Versehen im Kwik-E-Mart etwas mitgehen lässt - der Start für ein Plädoyer gegen Vorurteile.
Sehr cool kommt aber zunächst die Ausbreitung der Grippe rüber, die schön absurd im Slasher-Stil gehalten ist. Wo sonst hat man schließlich die Möglichkeit, die Ego-Perspektive einer Grippe (!) Und eines Schwalls Kotze (!!!) einzunehmen?
Später entwickelt sich der Plot zu einer Mischung aus Gerichtsdrama und Vorverurteilung im Alltag. Nebencharaktere wie die Lovejoys oder die Hibberts sprühen Gift und Galle hinter Marges Rücken, der Tratsch steht in der Luft Springfields wie eine dichte Wolke und kulminiert in einer Psycho-Hommage im Haus der Flanders, wo Marge selbst auf der Toilette beobachtet wird. Schmuddelanwalt Hutz hat natürlich auch wieder einen sensationellen Auftritt mit seiner Krawatte-Verschwindibus-Nummer vor Gericht.
Als man den Simpsons ihre Mutter dann schließlich nimmt, geschieht das, was immer geschieht, wenn sie weg ist: Die Küche mutiert demonstrativ zum Saustall und aus der Toilette kommen prompt die Alligatoren gekrochen - übrigens ist es ein Genuss zu sehen, wie der Alligator mit aufgehellter Miene demonstrativ glücklich Grampas Gebiss zerkaut, während der hilflos mit seinem Saugnapf dasteht.
Marges Bekanntschaft mit der stämmigen Knasttante will allerdings nur bedingt funktionieren; es ist einfach zu wenig Zeit für einen Nebenplot dieser Art da, so dass diese ganze Sache im Sande verläuft. Um gänzlich zu überzeugen, ist die Episode daher insgesamt doch von zu vielen Brüchen durchzogen.
EPISODE 22
KRUSTY, DER TV-STAR (Krusty Gets Cancelled)
Deutsche Erstausstrahlung: 31.07.1994
US-Erstausstrahlung: 13.05.1993
Inhalt: Fernsehclown Krusty geht es an den Kragen: Die neue Show der Bauchrednerpuppe Gabbo startet zur gleichen Sendezeit und nimmt Krusty die Zuschauer weg. Als ihr Liebling daraufhin auf der Straße landet, greifen Bart und Lisa ein: Sie organisieren das ultimative Krusty-Comeback. Mit von der Partie: Bette Midler und die Red Hot Chili Peppers. (Booklet-Text)
Es ist mal wieder soweit und mit einer sehr guten Episode geht eine neue Staffel zu Ende. Dabei war der Abschluss eine schwere Geburt, die beinahe abgesagt worden wäre, weil man es nicht schaffte, die ganzen Gaststars unter einen Hut zu bringen. Der Aufwand war also offenbar mit Risiken versehen, die zu Lasten der Qualität der Storyline hätten gehen können.
Bei der Folge um den ominösen “Gabbo” kommt in mir jedes Mal der Gedanke an “Daewoo” auf - eine Automarke, die irgendwann in den Neunzigern nach dem gleichen Prinzip in die Medien gelangte wie Gabbo, nämlich durch die reine Nennung des Namens mit strikter Zurückhaltung von sonstigen Informationen. Ein Werbegag, der erst Recht die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich ziehen soll, welcher einfach nur wissen will, was sich hinter dem vorgeschickten Namen verbirgt.
Im Zuge des vorläufigen Erfolgs der Bauchrednerpuppe Gabbo wird Krusty immer mehr zum tragischen Verlierertypen des Business, der zwar irgendwo schmierig und billig ist, aber ebenso ein liebenswertes Original mit Charakter - ein Wesenszug, der dem hier dargestellten Gabbo-Spieler fehlt. Die ersten Fernseh-Teaser zeigen ein pompöses Puppenspielorchester mit aufwändiger Pyrotechnik und viel Schnickschnack. Es ist ganz ähnlich wie die spätere Folge, als sich Knecht Ruprecht gegen den neuen Rassehund durchsetzen muss, den Bart mit Homers Kreditkarte gekauft hat - Krusty ist Knecht Ruprecht und der Gabbo-Mann der Rassehund - viele Qualitäten, aber keine Persönlichkeit. Insofern könnte man die Story als Bejahung von Authentizität und Charakterstärke auslegen.
Echte Originale des Showbizz, nämlich Bette Midler und die Red Hot Chili Peppers, haben es dann als die Message unterstützende Promis in die Serie, genau genommen in Krustys Jubiläumsshow geschafft, wo die Verhältnisse wieder gerade gebogen werden. Das “Live Aid”-Feeling der Show hat zwar irgendwo was Erbärmliches für den Entertainment-Clown ist aber fast so amüsant wie der Chili-Auftritt in Unterwäsche. Down & Out.
FAZIT
Mit ruhigem Gewissen lässt sich am Ende ein nochmaliger qualitativer Aufschwung gegenüber der dritten Staffel konstatieren. Die vierte Staffel vollbringt das Kunststück, in Sachen Humor leichtfüßiger, pointierter und treffender zu werden, dabei aber die satirischen Aspekte gar noch intelligenter zu gestalten. Das ist kein Widerspruch, es ist vielmehr das Glanzstück des intelligenten, subversiven Humors, wie ihn die Simpsons nun schon seit Jahrzehnten pflegen.
Der Zuschauer lacht wechselseitig über dumme Kalauer, die aus eigenem Antrieb einen ebenso unwiderstehlichen wie unerklärlichen Charme entwickeln (Groenings Lieblingsgag: “I call the big one Bitey!”) und facettenreiche Satire, die ihre Treffsicherheit der Vielschichtigkeit von Anspielungen auf Popkultur, Historie, Aktuelles oder Selbstreferenzielles entzieht. Kurzzeitig scheint es, als würden einzelne Charaktere in ihrer individuellen Entwicklung darunter Schaden nehmen (Ralph Wiggum in “I Love Lisa”), aber das wären erstens Opfer, die man in Anbetracht der positiven Neuerungen in Kauf nimmt und zweitens sind sie sowieso nicht von Dauer oder gar irreversibel, da etwa ein Ralph trotz seiner emotionalen und fast intelligenten Geistesanflüge in späteren Folgen wieder problemlos als dummer Nasenpopler aus der letzten Sitzreihe vom Publikum angenommen wird. So kommt es, dass die Season 4 trotz vereinzelter kleiner Schwächen alle Kompetenzressourcen der Macher voll ausreizt und wir langsam, aber sicher auf dem Höhepunkt der Serie gestrandet sind.