Review

Season 05 / 2

The Simpsons - Season 5 (Fortsetzung)

EPISODE 12
BART WIRD BERÜHMT (Bart Gets Famous)
Deutsche Erstausstrahlung: 30.04.1995
US-Erstausstrahlung: 03.02.1994

Inhalt: Bart assistiert dem berühmten Fernseh-Clown Krusty in seiner Show und bringt durch ein Missgeschick die ganze Kulisse zum Einsturz. Als ihm spontan der Satz “Ich hab nichts gemacht!” rausrutscht, hat dies ungeahnte Folgen... (Booklet-Text)
Es geht endlich mal wieder ins Showbusiness, was selbstredend mit einem Wiedersehen von Krusty, dem Clown einhergeht. Regisseurin Susie Dietter verließ sich in der Anfangsphase auf einen stechenden Kontrast, um die Entertainment-Welt aus Schein und Glanz noch lebhafter zu gestalten: Bart erlebt einen Schulausflug in die Kartonfabrik. Die Monotonie des Designs in Kombination mit dem Sounddesign (mechanisches Klicken, regelmäßiges Klopfen etc.) gibt eine Geschmacksprobe davon, welche Stimmungen mit dem reinen Production Design zu erzeugen sind. Die Kunst, die John Lasseter (heute Pixar) damals für nicht umsetzbar hielt, ist diejenige, das Langweilige darzustellen und genau daraus den Witz zu beziehen. Susie Dietter setzte ihre Idee konsequent um, und zwar mit Erfolg. Sieht man genau hin, hat “Futurama” nämlich daraus auch einen Vorteil bezogen, da das Volk der “Neutralen” ähnlichen Humor bedient. Ausgezeichnet funktioniert in diesem Ambiente die Begeisterung der Langweiler Skinner und Martin, die im Alltag schon die Freude am Langweiligen teilten und nun im Paradies angelangt sind, während sich Bart in einer Ausbruchssituation künstlich Aufregung verschafft.
Aber schauen wir aus dem Fenster des eintönigen Ziegelstein-Kubus und konzentrieren uns auf die lebhafte Welt des Showbusiness und seine 15-Minuten-Ruhm-Regel. Bart wird über Umwege zum Star von Krustys Show und lernt die Vergänglichkeit des Ruhms kennen. Der Zuschauer wird dabei hinter die Kulissen geführt, wobei die gelackte Fassade aufgebrochen und das Gesetz der Natur, das dahinter wütet, aufgezeigt wird. Streits zwischen Krusty und Nachrichtensprecher Kent Brockman um eine Zuckerschnecke, ein verbitterter Sideshow Mel, der seinen Druck am kleinen Assistenten ablässt, geldgierige, Anzug tragende Produzenten. Dann wendet sich das Blatt in Windeseile und mit einem eher zufällig herausgerutschten Satz wird Bart zum Star. Man könnte sagen, dass Bart seine eigene Medizin hier im Literfass zu schmecken bekommt, definierte er sich doch in der Vergangenheit oft über Einzeiler wie “Aye Caramba” oder “Eat my Shorts”. Die Drehbuchautoren konfrontieren ihn mit dem Fluch der Eindimensionalität, der Satz “I didn’t do it” wird zu Barts Martyrium. Er merkt das Übel darin, auf eine Belanglosigkeit reduziert zu werden und macht fortan etwas, das er früher niemals freiwillig getan hätte: er lernt freiwillig, um wirklich etwas Sinnvolles sagen zu können.
Referenzen auf die Funktion der Comicfigur Bart Simpson sind dabei nicht von der Hand zu weisen. Nach Drehbuchvorgabe fügt sich Bart im Gespräch mit seiner Mutter in sein Schicksal, auf ewig der kleine Rotzlöffel einer Comedyshow zu sein, dessen Aufgabe es ist, sich selbst zu wiederholen. Daher auch am Ende der Episode die Bart-Actionfiguren, die sich während seiner Zeit als Star angesammelt haben. Selbstironie, die begeistert.
Auf Parallelismen in die Realität wird auch nicht verzichtet, da ein Stargastauftritt von Talkmaster Conan O’Brien integriert wird. O’Brien verpflichteten die Simpsons-Macher Anfang der Neunziger als Produzent, nachdem er mit Saturday Night Live aufgehört und einen Piloten (“Lookwell”) produziert hatte, der aber nie in Serie ging - kurz: als O’Briens Karriere gerade etwas in der Luft hing. 1993 übernahm O’Brien dann David Lettermans “Late Night”-Show. Als “Bart wird berühmt” produziert wurde, war O’Brien bei den Kritikern gerade auf dem Tiefpunkt angelangt. Seine Arbeit wurde nicht geschätzt - was war da sinnvoller, als sich bei den Simpsons selbstironisch verewigen zu lassen in einer Folge, die sich um die Kurzlebigkeit des Erfolgs dreht.
Die weitere Entwicklung von O’Briens Karriere verlief übrigens erfolgreich: Aus Mangel an Ersatzformaten ließen die Produzenten “Late Night” weiterlaufen und über die Jahre wurde die Show immer erfolgreicher, bis sie seit 1996 jährlich für den Emmy nominiert wurde. Inzwischen ist sie in den USA die erfolgreichste Sendung ihrer Art.

EPISODE 13
APU DER INDER (Homer And Apu)
Deutsche Erstausstrahlung: 06.05.1995
US-Erstausstrahlung: 10.02.1994

Inhalt: Dank Homers Einsatz wird bewiesen, dass Apu verdorbenes Fleisch verkauft hat. Als er seinen Job verliert, zieht er kurzerhand bei den Simpsons ein. Doch die WG hält nicht lange, denn Homer reist mit Apu nach Indien, um in der Zentrale der Kwik-E-Mart Corporation ein gutes Wort für ihn einzulegen. Mit dem Emmy-nominierten Song “Who Needs The Kwik-E-Mart?” (Booklet-Text)
Wir nähern uns mit Riesenschritten der 100. Folge. Ist das Verfallsdatum nicht langsam abgelaufen? Dachten sich wohl auch die Animatoren von “Apu der Inder” und hängten in Apus Kwik-E-Mart Schinken mit einem Verfallsdatum, das auf Februar 1989 datiert ist. Wir erinnern uns, was in diesem Jahr passierte? Die “Simpsons” gingen on Air.
Doch Homer verputzt den Schinken immer noch mit Freude - wie können wir seinem Urteil misstrauen?
Leider sehen das nicht alle Simpsons-Charaktere so, und damit gerät Apu in den Mittelpunkt, Apu und seine fragwürdige Geschäftspolitik.
Und nun geschieht folgendes: Die Drehbuchautoren heben eine absolute Randfigur aus dem Simpsons-Universum in den Vordergrund, um sie für eine Episode zur Hauptfigur zu machen... und lassen sie ganz schlecht aussehen. Wie also kann man es wagen, eine Figur mit einem derart unsympathischen Charakterzug (Lebensmittelmissbrauch ist nicht gerade ein Kavaliersdelikt) in die Scheinwerfer zu hieven? Muss so etwas nicht zwangsläufig zum Misserfolg führen, kann es überhaupt ernsthaft gelingen, einen Charakter auf diese Art näher zu beleuchten, wo er doch gewissermaßen durch die Beleuchtung seiner Privatprobleme kurzzeitig zur Identifikationsfigur wird?
Die Macher erklären das wie folgt: Nicht eine einzige Figur oder Randgruppe wird bei den Simpsons von Kritik verschont. Der größte Sünder ist ja eigentlich ein US-Amerikaner christlicher Herkunft mittleren Alters in einer Familie: Homer Simpson. Der Gedanke ist: Wenn selbst Homer mit seinen unzähligen Fehlern einen Draht zum Publikum herzustellen imstande ist, muss das auch mit jeder anderen Figur funktionieren können, die im Ansatz menschlich gezeichnet ist. Und wahrhaftig, die Rechnung geht auf. Sämtliche dauerhaft integrierte Charaktere (von Ausnahmen wie Maude Flanders abgesehen, die vielleicht genau deswegen in einer späteren Staffel eliminiert wurde - Zahnfleischbluter Murphy und Dr. Marvin Monroe waren ja ähnlich undurchsichtig, obwohl letzterer eigentlich wegen der anstrengenden Synchronisation gestrichen wurde) sind derart komplex gezeichnet, dass sie nicht in den Gut-Böse-Schemata einer ordinären Zeichentrickserie gefangen sind und sich dementsprechend auch verdorbene Charakterzüge leisten können, ohne deswegen sogleich als Bösewicht zu gelten.
Dass Homer und Apu in der zweiten Hälfte der Episode einen Trip nach Indien zum Ur-Kwik-E-Mart veranstalten, soll diesen Gedanken unterstützen. Auch hier sehen wir eine verschrobene, kauzige Welt aus seltsamen Dogmen und verquerer Bürokratie, hier wie dort ist das Leben verrückt und alles andere als ideal. Das gibt den Produzenten die Berechtigung, sich über alles und jeden lustig zu machen. Es ist ihre Philosophie und in letzter Konsequenz die definitive Entsprechung des Comedy-Konzepts, dessen sich die Serie bedient. Darauf ist der Humor aufgebaut, die “bewegliche Realität”, das Charakterdesign, der Look, einfach alles.
Obwohl mit James Woods ein toll eingebauter Gaststar anwesend ist, der das Method Acting von sich und seinesgleichen auf den Arm nimmt, und obwohl einige sehr gelungene Gags enthalten sind (Homer mit dem riesigen Kamerahut ist schon einen Beifall wert), erscheint mir persönlich der Storyverlauf der Folge etwas zu geladen. Allerdings kommt die Philosophie der Serie im Ganzen so authentisch herüber wie bislang in keiner anderen Folge.

EPISODE 14
LISA KONTRA MALIBU STACY (Lisa vs. Malibu Stacy)
Deutsche Erstausstrahlung: 13.05.1995
US-Erstausstrahlung: 17.02.1994

Inhalt: Lisa ärgert sich über den sexistischen Blödsinn, den ihre sprechende Malibu Stacy-Puppe von sich gibt. Also beschließt sie, eine neue Puppe auf den Markt zu bringen. Das Ergebnis ist ein entzückendes Geschöpf namens Lisa Löwenherz, das mit Lisas Stimme kluge Lebensweisheiten von sich gibt. Ein echter Renner, aber auch die Konkurrenz schläft nicht... (Booklet-Text)
Barbie, 1959 von der amerikanischen Spielzeugfirma Mattel auf den Markt gebracht, ist eigentlich ein deutsches Mädchen. Der Karikaturist Reinhard Beuthin erschuf 1952 für die Bild-Zeitung die Comicfigur Lilli, die mit ihren Kurven vor allem die männliche Leserschaft ansprach, verkörperte sie doch das Idealbild der perfekten Frau.
Nach der Übernahme durch Mattel und der Umbenennung auf den amerikanischen Namen “Barbie” sollte sich an den Adressaten rein gar nichts ändern: Heute mit den umgerechneten Maßen 99-46-84 gesegnet, ist sie nach wie vor der begehrenswerte Idealtypus einer Frau, der Männern den Kopf verdrehen und Frauen ein Vorbild sein soll. Über 500 “chirurgische Veränderungen” am Design der Puppe seit ihrer Einführung auf den Markt zeigen, wie die “Barbie” jeweils dem Schönheitsideal der Zeit angepasst wurde.
Dass das Frauenrechtler und feministische Bewegungen auf die Palme bringen würde, war eigentlich abzusehen. Neuer Stoff also für eine neue Lisa-Folge, die zwar schon immer konsequent ihre etwas abseitige Linie verfolgt hat, nun aber erstmals direkt mit feministischen Inhalten verbunden wird.
Interessanterweise wird im Kommentar enthüllt, dass Fox damals - ein Schachzug, den man auch Pro7 zutrauen würde - im Preview zur Folge den Inhalt so zusammenschnitt, dass all das verkörpert wurde, was inhaltlich eigentlich angeprangert werden sollte: Frauen wurden zu Objekten degradiert. Es fielen Schlagwörter wie “sexy” und “hot” und dann sah man, wie Bart einer Puppe unter den Rock schaute. Erstaunlich daran ist einerseits, dass dem Sender die Inhalte an sich recht gleichgültig zu sein scheinen und wichtig nur ist, wie sich die Sache am besten vermarktet. Es dreht sich ja immerhin um Puppen und feministische Ansätze, das wirkt für die Masse nun mal eher abschreckend. Andererseits erstaunt aber auch die Freiheit, mit der sich die Verantwortlichen über ihren Sender auslassen können, was ja auch immer wieder den Weg in die Serie fand.
Nun, tatsächlich ist der moralische Grundton im Ansatz doch sehr laut, vielleicht ein wenig zu laut. Die “Lisa Lionheart”-Puppe ist leider aufdringlich pionierhaft und Lisas Motivation wirkt in Anbetracht ihrer Intelligenz bisweilen übermäßig naiv, dementsprechend natürlich auch mitleidfördernd, wie beabsichtigt. Gastsprecherin Kathleen Turner (die übrigens aus Springfield, Missouri stammt - ist ihre Besetzung etwa ein dezenter Hinweis auf das Springfield, in dem die Simpsons leben?) gibt dem Ganzen als desillusionierte Realistin jedoch einen schönen Strich, verfällt ihre Rolle doch nie in den gleichen kindlichen Optimismus und lässt die unvermeidliche Entwicklung ein wenig wie eine Lehre aussehen, die Lisa in ihrem noch jungen Leben zu lernen hat. Die konventionell erzogene Marge fungiert diesmal nicht als Rückhalt für ihre Tochter - dazu ist Turners “Malibu Stacy”-Erfinderin da - sondern im Gegenteil als Fallbeispiel für deren Theorie vom niederen Frauenbild, das ihrer Gesellschaft anhaftet. Eine stets zurücksteckende, kochende, putzende Hausfrau, die es sich selbst nie erlaubt, sich zu entfalten.
Durch den Einbezug eines Nebenplots um Grampa Simpson (endlich mal wieder) beim Job in einem Schnellimbiss erweitert sich die Kritik um die letzten Endes ja auch von Fox in Anspruch genommene bevorzugte Behandlung gewisser Personengruppen. Alte Menschen und sehr junge, Intelligente und emanzipierte Frauen werden als Minderheiten in unserer Gesellschaft dargestellt, die von den bestimmenden Institutionen und Personen, wie etwa Homer (“I’m a white male, aged 18 of 49, everyone listens to me, no matter how dumb my suggestions are”), ignoriert werden, obwohl es nicht selten die bestimmenden Instanzen sind, die ignoriert werden sollten.
Überraschend kurzweilig und witzig gehen die 22 Minuten vorüber. Gespickt mit “Big”-Hommagen, privaten Einblicken in die Welt des Waylon Smithers und anderen themenverwandten Bereichen, ist “Lisa vs. Malibu Stacy” trotz der moralischen Ansätze eine sehr unterhaltsame Angelegenheit geworden.

EPISODE 15
HOMER DER WELTRAUMHELD (Deep Space Homer)
Deutsche Erstausstrahlung: 20.05.1995
US-Erstausstrahlung: 24.02.1994

Inhalt: Homer wird von der NASA als Astronaut rekrutiert, um deren Image beim gemeinen Volk aufzupolieren. Als frischgebackenes Astronauten-Greenhorn sorgt Homer im All für mächtig Chaos und zu allem Überfluss legt er sich auch noch mit den anderen Astronauten an. Doch das dicke Ende kommt erst noch... (Booklet-Text)
Dass Homer Simpson ins All geschossen wird, ist von großer symbolischer Bedeutung und wird seine Tentakel über diese Momentaufnahme hinaus erstrecken. Dazu muss man eigentlich nur die Frank Grimes-Story aus einer späteren Staffel beachten, wo die Angelegenheit besonders deutlich wird: Wie kann ein Trottel wie Homer zu der Ehre kommen, einen Weltraumausflug zu machen? Ganz einfach, es ist eine Nachzeichnung des (allen Zeichentrick-Regeln zum Trotz) realistischen Weltbildes, das durch die Serie aufgezeichnet wird. Tiere verfügen hier über keinerlei menschliche Gesichtsausdrücke, ein kleiner grüner Außerirdischer erscheint Homer allenfalls in Anspielung auf die “Flintstones” und die Gewinner der Gesellschaft sind eben nicht die guten Menschen - es sind Menschen wie Homer. Aber auch Menschen wie die anonymen Anzugträger, die eine große Kooperation vertreten und im Abspann nicht mit Namen aufgelistet werden würden, wäre dies eine Real-Sitcom. Vom Realismus abweichende Elemente gibt es nur in metaphorischer, symbolischer oder ironischer Funktion, alles weitere ist eine authentische Nachzeichnung des US-Mittelstands, wie er sich in den Gedanken der Autoren manifestiert.
Und so ist Homers Ausflug ins Weltall die überspitzte Darstellung eines Mannes, der nichts versucht und dabei alles erreicht, eine im kosmischen Gleichgewicht schreiende Ungerechtigkeit. Da sind diese NASA-Mitarbeiter, die sich durch geistige (oder doch eher kommerzielle?) Umnachtung plötzlich denken, dass der Jedermann erreicht werden muss, dass man eine Person aus dem ordinären Pöbel picken und ihr eine Ehre zuteil werden lassen soll, die sie rein technisch nicht verdienen würde - und auf diese Idee kommen sie durch den Konsum von Sitcoms (Ausschnitte von “Eine schrecklich nette Familie” und “Hör mal, wer da hämmert” im Simpsons-Style werden gezeigt). Wenn die Menschen Al Bundy vergöttern, ist bewiesen, dass der Pöbel gesiegt hat.
Diesen etwas fehlgeleiteten Gedankengang verarbeitet das verantwortliche Skript / Regie-Team David Mirkin und Carlos Baeza zu einer kleinen Anklage, indem jede Gelegenheit genutzt wird, die Gesellschaft als dumm darzustellen - nicht dumm in Bezug auf den wissenschaftlichen Fortschritt, immerhin ist die Raumfahrt das zentrale Thema, sondern dumm in Bezug auf die Fehlbarkeit im menschlichen Wesen. Allen voran bei Homer kennt man keine Gnade und lässt ihn nochmals eine Spur dümmer werden - in einer Szene will er lesen, was auf seinem Hinterkopf steht und dreht sich um die eigene Achse wie ein Hund, der seinen Schwanz fangen will. Die Familie als Publikum lacht, doch Homer hört nicht auf sich zu drehen, und ab einem gewissen Punkt weicht das Amusement der Besorgnis. Die Dummheit wird erschreckend in ihrem Ausmaß, wozu auch der Gag mit den Telefontasten gehört (“Homer, du hast schon gewählt”).
Aber auch der Rest der Menschheit bekleckert sich nicht mit Weisheit. Die reine Idee, solche Zivilisten ins All zu schicken, würde von manchen Leuten mit einem Sanatoriumsaufenthalt belohnt werden; und bei den TV-Nachrichten gibt es eine Wiederauferstehung des 50er-Jahre-Monstertrashs, als aus einer Videoaufnahme aus dem Inneren der Raumkapsel die Attacke von Riesenameisen geschlussfolgert wird. Barney, Homers großer Konkurrent im Kampf um den Platz im Raumgleiter, bekommt seine tragische Seite ab, die ihn zu Homers absolutem Gegenteil macht, dem Verlierer der Gesellschaft. Dieser Saufbold hat seine Lage nicht unbedingt selbst zu verantworten, sie wurde von Menschen wie Homer mitverursacht. Seine Talente blieben lange Zeit verborgen, obwohl Barney in der Simpsons-Geschichte eine Veränderungskontinuität mitmachte, ist er doch inzwischen nicht mehr der alte Saufbold - ein Stück Optimismus und ein Beweis für die Vielschichtigkeit aller Charaktere, die es auch ermöglicht, dass man einen Typ wie Homer trotz aller Fehler so liebgewinnen kann.
Inszenatorisch ist “Deep Space Homer” eher an Kubricks “2001" denn an eine TV-Space-Opera angelehnt, inklusive Walzer (in einer tricktechnisch beeindruckenden Sequenz mit umherfliegenden Chips und Ameisen) und dem berühmten Jump Cut, der zu einer netten Pointe über Fox führt und damit eine mehr als bedeutsame Episode schließt.

EPISODE 16
HOMIE UND NEDDIE (Homer Loves Flanders)
Deutsche Erstausstrahlung: 27.05.1995
US-Erstausstrahlung: 17.03.1994

Inhalt: Flanders lädt ausgerechnet seinen Erzfeind Homer zu einem Footballspiel ein - der Anfang für eine dicke Männerfreundschaft ist gemacht. Homer legt sich sogar so ins Zeug, dass Flanders alles daran setzt, den neuen besten Freund bald wieder loszuwerden... (Booklet-Text)
“Theeeee Fliiiiimpsooooons...”
Gemeinsam bilden Homer und Ned als Erzfeinde einen der größten Spannungspunkte in der Serie. Nicht so sehr, weil der eine das Negativ des anderen wäre; vielmehr wegen Homers Ignoranz gegenüber seinem Nachbarn und wegen seiner fehlenden Bereitschaft, sich ein wenig auf die Art von Flanders einzulassen. So ist es eigentlich ein Leichtes für die Autoren, die beiden zusammenzubringen, denn die Erzfeindschaft ist sozusagen von parasitärer, nicht von symbiotischer Art: Nur Homer hält Flanders für seinen Feind, umgekehrt ist dies nicht der Fall. Will man also die beiden mal für eine Episode (länger nicht, Gott bewahre!) zusammenbringen, muss man Flanders für Homer einfach nur was Gutes tun lassen - Kinderspiel, schließlich ist er tiefgläubiger Christ. Und umgekehrt? Wenn man Homer wirklich eine richtige Freude macht, etwa durch gute Plätze im Footballstadion, ist er so leicht rumzukriegen wie kein anderer Charakter im diesseitigen oder jenseitigen Universum. Und wenn sich Homer einmal in etwas reingesteigert hat, wird es selbst denen zu viel, die ursprünglich die ganze Sache forciert haben.
Die Feststellung lautet: Die Autoren müssen ebenso faul wie genial sein. Die Frage lautet: Wieso ist man auf diesen Plot nicht früher gekommen?
Die Reaktion beider Lager macht die Substanz in Wes Archers Arbeit aus. Für Flanders entwickelt sich Homers Besessenheit langsam, aber sicher zur göttlichen Probe, die passenderweise in der Kirche aufgelöst wird. Homer derweil beginnt sich langsam für die Familie zu interessieren, mehr als für die eigene, und ist auf einmal zu spitzfindigen Schlussfolgerungen über die Persönlichkeiten der Flanders in der Lage (“...und Maude steht auf mich, versucht dies aber hinter einer Maske der Ablehnung zu verbergen”). Bei Flanders führt es zu “Vertigo”-inspirierten Fieberträumen, bei Homers Verhalten zu einer köstlich-unheimlichen “Terminator”-Parodie.
Nebenbei hat Lisa in genau dieser Folge den Grund ihrer Existenz gefunden, indem sie haargenau das Episodenschema der TV-Serie wiedergibt, in dem sie mit ihrer Familie gefangen ist. Sie fügt sich, weil sie keinen anderen Ausweg sieht, Bart, weil er das Konzept nicht erkennt, mit einem herzlichen “Ay Caramba!”. Warum auch nicht, denn letztendlich ist doch immer alles wieder genauso, wie es vorher war...

EPISODE 17
BART GEWINNT ELEFANT (Bart Gets An Elephant)
Deutsche Erstausstrahlung: 03.06.1995
US-Erstausstrahlung: 31.03.1994

Inhalt: Bart hat einen lebendigen Elefanten gewonnen und sorgt so natürlich für Aufregung in Springfield - und für Ebbe in der Simpsons-Kasse. Für Homer steht fest: Der Elefant muss weg! Doch das ist leichter gesagt als getan, denn Bart will sein neues Schmusetier unbedingt behalten... (Booklet-Text)
So ein Unfug! Aber: Laut Matt Groening ist dies ein “quintessenzielles John Swartzwelder-Projekt”, und der ist schließlich einer der meistbeschäftigten Autoren im Team. So begnügen wir uns mit der umwerfenden, hypothetischen Annahme, ein Radiosender würde auf Wunsch eines kleinen Jungen tatsächlich einen Elefanten verschenken, der eigentlich nur eine Gag-Option war. Und die Eltern würden dies auch noch erlauben. Nun, nehmen wir das doch einfach so hin, denn immerhin geht es vielmehr um die Aussage (*moralisier* *schleim*), und die dreht sich um die Verantwortung gegenüber anderen Lebewesen.
Die sorgsame Darstellung der Problematik brachte der Serie erwartungsgemäß Preise und Respekt von Tierschutzorganisationen bei. Besonders in Momenten wie diesen kommt es dem Thema zugute, dass die Tiere bei den Simpsons allesamt tatsächlich mit tierischen Eigenschaften ausgestattet sind. Anthropomorphismen, wie man sie üblicherweise in Cartoons immer wieder findet (“Garfield” ist z.B. ein Sonderfall, da Garfield selbst wie seine Freunde menschliche Züge trägt, der Hund Odie hingegen nur ein Hund ist), sind dieser Serie in den meisten Fällen fremd. Das erlaubt es, in Angelegenheiten, welche die Tierwelt betreffen, auf sehr dokumentarische und realistische Art zum Kernpunkt zu gelangen.
Wenngleich die Herleitung der Situation konstruiert wirkt (aber eben auf witzige und überhaupt nicht störende Weise), kann man dies nicht von der Haltung des Elefanten behaupten. Die Darstellung des Problems ist absolut vorbildlich, werden doch sämtliche Klischees widerlegt und Fakten authentisch dargestellt. Abgesehen von Lisa spekulieren alle Figuren mit dem vorgezeichneten Bild eines Comic-Elefanten, der Erdnüsse mag und sich wie ein riesiges Kuscheltier verhält. Der Witz dieser Episode resultiert daraus, dass diese Erwartungen enttäuscht werden. So zerstört der Elefant den Vorgarten und beinahe das Haus und Bart stopft er hin und wieder in sein Maul und bedeckt ihn mit einer Schleimschicht.
Aus dieser Situation heraus beginnen die Simpsons-Haustiere Knecht Ruprecht und Snowball II. plötzlich, der Aufmerksamkeitserregung wegen menschliche Eigenschaften anzunehmen - sie erlernen das Laufen auf zwei Pfoten und knurren mühsam “Ich liebe dich”, brechen aus ihrem realistischen Muster also aus und geraten in den Antropomorphismus, der sämtliche andere Comic-Tiere (nicht einmal “Family Guy” wollte darauf verzichten) schon längst befallen hat.
Leider wirkt die Rettung aus der Teergrube etwas künstlich, ansonsten überzeugt die Folge aber mit einer Behandlung des Themas Tierschutz, wie es durch die besondere Darstellung von Tieren keiner zweiten Zeichentrickserie gelingen könnte.

EPISODE 18
BURNS ERBE (Burns’ Heir)
Deutsche Erstausstrahlung: 10.06.1995
US-Erstausstrahlung: 14.04.1994

Inhalt: Der steinreiche, aber kinderlose Mr. Burns sucht einen zukünftigen Erben. Seine Wahl fällt ausgerechnet auf Bart, der sich nur allzu gerne in die Geheimnisse von Burns’ Bosheiten einweisen lässt. Als er sich jedoch zwischen ihm und seinen Eltern entscheiden soll, wird es schwer... (Booklet-Text)
Hat sich eigentlich schon mal überlegt, dass Bart theoretisch von seiner Boshaftigkeit her der Sohn von Mr. Burns sein könnte?
Jace Richdale schon.
Der Autor wurde frisch ins Simpsons-Boot geworfen und hatte Vorschläge zu machen für ein paar neue Folgen. Warum also nicht Bart zum Erben von Burns’ Vermögen machen? Zumindest theoretisch kein ganz so abwegiger Gedanke. Das lässt eine nette Spekulation über genetische und erzieherische Verhaltensformung zu und führt einen letztendlich gerichtlichen Streit unter Beziehungsberechtigte nach sich, der ausnahmsweise mal nicht zwischen Vater und Mutter stattfindet, sondern zwischen den leiblichen Eltern und einem alten, reichen Mann. Unterschwellige Aussagen gehen diesmal aber noch weiter, beinhalten auch die Suche eines seinem Lebensende entgegengehenden Mannes nach dem Sinn des Lebens, die Darstellung von Geld als Machtfaktor und so weiter.
Die Vielfalt an insgesamt nur wenig greifbaren Interpretationsebenen verleiht der Episode ein großes Maß an emotionaler Dichte, sorgt zugleich aber für eine hohe Gagdichte. Zu nennen wäre da Lisas Kompensation der Lücke, die Bart in der Familie hinterlassen hat, Homers plötzliches Interesse an Hans Maulwurf, die erbärmliche Imitation der Familie durch Schauspieler, die Bart davon überzeugen sollen, dass er überhaupt nicht vermisst wird oder auch Homers “schändliches Geheimnis” (wer will’s wissen? Nun gut... er isst BLUMEN!). Und freilich das ultimative Highlight: Burns, der nach Homers Auffassung doch bitte Bienen auf Homer loslassen möge oder Hunde oder Hunde mit Bienen im Maul, so dass sie, wenn sie bellen, Bienen spucken.
Die langsame Transformation Barts in einen Nachwuchs-Burns wirkt bisweilen schon fast gruselig und der daraus entstehende emotionale Konflikt ist distanzierter, als man das von den üblichen Vater-Sohn, Vater-Tochter, Mutter-Sohn oder Mutter-Tochter-Plots gewohnt ist. In den späteren Staffeln tendierte man noch öfter in diese Richtung und viele der Familienprobleme wurden über dritte Instanzen wie ein Gericht verhandelt. Irgendwann wünscht man sich auch wieder die liebenswerten Geschichten aus den ersten Staffeln zurück, aber für den Anfang ist das so auch mal etwas anderes.

EPISODE 19
FREUND ODER FEIND! (Sweet Seymour Skinner’s Baadasssss Song)
Deutsche Erstausstrahlung: 17.06.1995
US-Erstausstrahlung: 28.04.1994

Inhalt: Die 100. Episode! Rektor Skinner wurde gefeuert und das nur, weil Barts Hund in der Schule Amok gelaufen ist. Als Nachfolger wurde ausgerechnet Ned Flanders auserkoren und so setzt Bart alles daran, dass Skinner seinen Job wiederbekommt... (Booklet-Text)
Yee-Haaaw, jetzt darf ich gemeinsam mit dem guten alten Matt feiern - mein 100. Simpsons-Review, seine 100. Episode. Zu diesem Anlass packt sich Homer beim Couchgag das Fox-Logo, das auf der Innenseite des Bildschirms klebt wie ein nerviger Parasit, wirft es auf den Boden und tritt verächtlich drauf herum. Was sich liebt, das neckt sich halt.
Und beim 100. Mal geschieht etwas Großes. Man nannte es den schlimmsten, gewaltigsten Streich, den Bart jemals jemandem gespielt hat, und in Anbetracht der Ausgangslage könnte man es als die süße Rache sehen, auf die er fünf Jahre gewartet hat, während er durchweg in der vierten Klasse versauerte. Denn endlich ist es soweit: Bart hat es geschafft, Skinner feuern zu lassen.
Das Witzige daran ist, dass Bart dies ausgerechnet im Moment des Triumphs niemals beabsichtigt hat und dass er sich letzten Endes gar schuldig fühlt. Es ist einfach alles nur ein unglaubliches Spiel des Zufalls. Alles passiert zur falschen Zeit, so dass Skinner eines Hundes wegen die Autorität über seinen Lebensinhalt verliert - weil das Schicksal zugeschlagen hat und weil Superintendant Chalmers Skinner nicht sonderlich mag.
Das Spiel des Zufalls schlängelt sich äußerst gelungen durch den ersten Akt und findet sein Alpha in einem Schulprojekt und Barts Sorglosigkeit um dieses. Erst als der Schulbus draußen hupt, schnappt sich Bart das Erstbeste, was er sieht: seinen Hund. Der richtet dann in der Schule ein apokalyptisches Chaos aus. Eine Reminiszenz an “Aliens” inbegriffen, erleben wir die Schule von Seiten, von denen wir sie bisher noch nicht kennen gelernt haben, während ein Mann mit Verantwortung unbemerkt einem großen Verlust entgegenleitet.
Der Schuldgefühle Barts wegen erfolgt nun eine weitere Stärkung des Liebe-Hass-Verhältnisses zwischen Schüler und Lehrer. Die Fox-Sache im Couch-Gag ist nicht umsonst gewählt worden, denn diese Hassliebe hat etwas Rührendes. Skinners Privatleben wird näher beleuchtet, seine Army-Vergangenheit inbegriffen. Zwischenzeitlich werden die beiden ungleichen Rivalen zu Freunden, während die Schule unter Leitung des christlichen Flanders langsam, aber sicher zugrunde geht. Schließlich muss auch Chalmers zähneknirschend feststellen, dass Skinner ein unterschätzter Mann ist, dass seine Korrektheit zwar unglaublich nervtötend, irgendwo aber vielleicht auch notwendig ist, um das System aufrecht zu erhalten. Man kann die 100. Folge irgendwo als Zelebration der Unterschiede betrachten, als Einsatz für Grenzen überschreitende Freundschaften, als Toleranz verschiedener Lebenseinstellungen, als Respektierung der Ordnung. Der Folge haftet irgendwo etwas Universelles an, nichts, das man irgendwie erklären müsste, etwas, das bedeutender ist als der Plot, in dem Bart Skinner feuern lässt und ihm dann hilft, wieder zurückzukehren. Ein wundervoller Schluss für ein Kapitel.

EPISODE 20
BART PACKT AUS (The Boy Who Knew Too Much)
Deutsche Erstausstrahlung: 24.06.1995
US-Erstausstrahlung: 05.05.1994

Inhalt: Bart wird Zeuge eines Streits zwischen einem Kellner und Freddy, dem Neffen des Bürgermeisters, den man kurz darauf sogar beschuldigt, den Kellner verprügelt zu haben. Nur Bart könnte die Sache aufklären, doch dann müsste er zugeben, dass er nicht in der Schule war... (Booklet-Text)
Der Originaltitel spielt auf einen (bzw. zwei) Hitchcock-Klassiker an und Suspense ist es tatsächlich, den man in den folgenden zwanzig Minuten zuhauf bekommt. Hatten Bart und Skinner ihre Beziehung doch gerade erst in der Jubiläumsepisode verinnerlicht, sind sie jetzt wieder alte Feinde, was durch eine längere, ebenfalls Suspense-haltige “Westworld”-Hommage noch verstärkt wird, in der Skinner zum Yul Brynner-Gedächtnis-Killbot mutiert und den mutmaßlich die Schule schwänzenden Bart unerbittlich verfolgt.
Aus Bart Sicht der Dinge heraus erleben wir nun einen von Komponist Alf Clausen originell herausgestellten Thrillerplot mit dem besonderen Kniff, dass wir zwar beim alles entscheidenden Geschehen - einer Auseinandersetzung zwischen zwei neu eingeführten Charakteren, Quimbys Neffe und dem Kellner - im betreffenden Zimmer mit anwesend sind, uns allerdings ein Blick auf jenes Geschehen nicht gewährt wird, statt dessen eine Aufnahme von Barts Gesicht in dem Moment, wo er alles beobachtet. Der Clou daran ist, dass wir nicht hundertprozentig wissen, ob wir Bart glauben können, denn immerhin kennen wir ihn als kleinen Rotzlöffel und Quimbys Neffe ist kein besonders angenehmer Zeitgenosse, so dass die Anschuldigungen des Kellners durchaus plausibel klingen.
Im folgenden Gerichtsteil schwanken wir nun zwischen dem, was verborgen ist und dem, was wir zu glauben wissen, es aber nicht unbedingt immer tun. Was aber offensichtlich ist, das ist der Zwiespalt, den Bart erlebt, weil er zur betreffenden Zeit, in der er das Geschehene live miterlebt hat, eigentlich hätte in der Schule sein müssen. Hilfe sucht er bei seiner Mutter, die ihm allerdings nicht helfen kann (tatsächlich wird eine dieser kleinen psychischen Unterdrückungen in Marges Seelenleben gezeigt, wie sie immer mal wieder auftauchten), Lisa hingegen schon etwas mehr. Homer befindet sich dagegen unter den Geschworenen und sorgt für Lacher, als er erfährt, dass bei einer Vertagung des Gerichts ein Gratisurlaub drin ist.
Es werden intelligent Schuldfragen, moralische Prinzipien und der Umgang mit Vorurteilen beleuchtet. Ein wenig Slapstick ist dabei, einige Parodien (“Ein seltsames Paar” kommt auch vor, ebenso eine Clint Eastwood-Karikatur in einem Copthriller im Fernsehen), von allen Zutaten etwas, und zwar gewürzt mit einem knackigen Suspense-Plot, der sich selbst flott vorantreibt und eine gesunde Mischung ergibt. Pure Hitchcock.

EPISODE 21
LIEBHABER DER LADY B. (Lady Bouvier’s Lover)
Deutsche Erstausstrahlung: 01.07.1995
US-Erstausstrahlung: 12.05.1994

Inhalt: Marges Mutter hat zwei glühende Verehrer: Homers Vater und Mr. Burns. Der reiche Burns macht zwar zuerst das Rennen, hat aber dann trotzdem schnell das Nachsehen, denn kurz vor der Hochzeit brennt die “junge” Braut mit Grandpa Simpson durch... (Booklet-Text)
Hiermit wagt man sich definitiv an ein Extremtabu: Liebe unter Alten! Symbolischerweise mit Maggies erstem Geburtstag eröffnet (Klasse Witz nach 5 Jahren Simpsons), gewährt man uns nun einen tiefen Blick in die Welt der Runzeln und Krampfadern. Alte Menschen sind, weil sie nicht mehr zur Zielgruppe gehören, ein Running Gag bei den Simpsons, und eigentlich immer noch einer der besten. Die Alten werden verniedlicht, verharmlost, als naiv dargestellt, ignoriert und missbraucht, wo es nur geht. Immer in dem Wissen, selbst auch mal alt zu sein, gibt man dieser Gruppe voll Kontra und macht sie zur Reflexionsfläche für allerlei Gags über die dem Menschen innewohnende Debilität, Senilität und Hilflosigkeit.
Obwohl diese Folge tief in die emotionalen Gefühlswelten von Grampa, Burns und Marges Mutter geht, wird dieser ironische Blick konsequent beibehalten wie einst schon bei Abes Flirts mit seiner Altenheimliebe Beatrix, die kurz darauf verstarb. Noch konsequenter, weniger schmalzig und noch verharmlosender wird nun das Dreierverhältnis erzählt, das dem Klischee einer beliebigen Romantikkomödie gleichkommt, durch den Altenhumor aber ganz neue Facetten offenbart.
Dazu tragen die altmodischen Wertevorstellungen der Protagonisten bei, aber auch physische Gags kommen nicht zu kurz, da speziell Grampa oft wirkt wie ein junger Kerl, der in einer verschrumpelten Pflaume gefangen ist. Burns hingegen bekommt einen ganz neuen Charakterzug ab; während Smithers langsam neidisch wird, spielt Burns seine Lebemann-Ressourcen aus und wird auf einmal zum Schwerenöter, der mit der üblichen Schwächlichkeit nicht mehr viel zu tun hat.
Der Kampf der Alten um die alte Frau ist einfach so ausgesprochen drollig, obwohl er, würde man in der Inhaltsangabe das Attribut “alt” weglassen, dramatisch klingen würde. Optisch nähert man sich “Casablanca” und Konsorten an, mit Nadelstreifenanzügen, einsamen Silhouetten, die im Schein der Straßenbeleuchtung stehen und Cool Jazz. Man macht sich gar einen Running Gag daraus, dass Grampa unwissentlich Urheberrechtsverletzungen von Chaplins und Bogarts Filmen begeht. Die verflossene Zeit der Protagonisten regt zum Mitleid, aber zugleich zum Lachen an. Es ist einfach zu niedlich.

EPISODE 22
EHEGEHEIMNISSE (Secrets Of A Successful Marriage)
Deutsche Erstausstrahlung: 08.07.1995
US-Erstausstrahlung: 19.05.1994

Inhalt: Homer unterrichtet in der Schule als Fachmann für Ehefragen. Als er sich dazu hinreissen lässt, seine eigenen, intimen Eheerfahrungen auszuplaudern, knallt es bei den Simpsons gewaltig. Nun kann er endlich beweisen, wie gut er als Ehemann wirklich ist... (Booklet-Text)
Zum Schluss noch ein paar Fettnäpfchen Homers, was den Umgang mit seiner Ehe anbelangt. Die erste Regel des Fight Clubs lautet: Sprich niemals über den Fight Club. Denn gestritten und ausgekämpft wird alles intern. Das sollte der gesunde Menschenverstand eigentlich automatisch signalisieren, aber bei Homer ist da nun mal etwas falsch gelaufen, er steht in einer ganz besonderen Kommunikation mit seinem Gehirn und wartet nicht immer ab, was es zu sagen hat, bevor die Informationen aus seinem Mund sprudeln.
So wird diesmal gezeigt, was denn alles passiert, wenn Homer seine Eheprobleme nach draußen trägt. Der Plot wirkt sehr “sitcomish” in seiner Anlage, “King of Queens” hatte beispielsweise ähnliche Themen, inklusive der Abendkurse; nur, dass diesmal die Bürger selbst die Lehrer sind und Homer einen Kurs über die Ehe anbietet. Es ist schon irgendwie ein Running Gag, dass Homer immer wieder als Autoritätsperson in wichtige soziale Positionen versetzt wird, ob nun als Lehrer, als Geschworener, als Anführer einer Bürgerwehr, als Abgeordneter des Kraftwerks oder als Weltraumastronaut, und wie er sämtliche Posten total missbraucht. Der Witz daran ist nicht Homer selbst, sondern viel mehr die Verantwortlichen, die es Homer überhaupt ermöglichen, in solche Positionen zu rücken.
Nun ist es nicht das Schicksal eines Einzelnen oder das der ganzen Welt, welches von Homers Unsinnsstiftungen abhängt, sondern die Ehe mit Marge, die aufs Äußerste auf die Probe gestellt wird - mal wieder. Homers Unfähigkeit, zu erkennen, weshalb Marge ihn aus dem Haus geworfen hat ist erschreckend, dennoch bleibt beim Zuschauer durchweg das Verständnis für ihn vorhanden, auch weil gezeigt wird, wie Marge unter der Abwesenheit ihres Mannes zu leiden hat. Wiederum sind Marge und Homer zwei symbiotische Einzelbestandteile, die getrennt voneinander nicht überleben können. Die kleine Geste Marges, Homers Lumpen vom Tisch zu lösen, woran sie sich verknotet hatten, wird symbolisch in verzerrten Einzelframes ablaufen gelassen. Die Aussprache wirkt für eine Trickserie allerdings sehr schal. Wenn Homer beginnt, von totaler Abhängigkeit zu reden, wirkt das irgendwie nicht richtig. Den Machern ist dies aber absolut bewusst, wollten sie damit doch vollkommen bei der Realität verweilen und sich keinerlei romantischen Motiven unterwerfen, da sich ihrer Aussage nach zwei Menschen auch lieben können, obwohl vielleicht nicht alles so perfekt zusammenpasst wie in einem Märchen. Es ist etwas schwierig, sich bei den Gewohnheiten, die man von Trickserien kennt, darauf einzulassen, aber es kann durchaus funktionieren.

Fazit
Wäre ich Amerikaner, ich hätte am 20.05.1994, einen Tag nach der Ausstrahlung der letzten Episode, ein riesiges Fass aufgemacht. Der Teamwechsel hat keinesfalls einen Qualitätsverlust zur Folge gehabt. Im Gegenteil, trotz gelegentlicher kleinerer Schwächen wurde nochmals eins draufgesetzt und zum vierten Mal in Folge konnte ein Qualitätsanstieg verzeichnet werden. Die fünfte Staffel ist weniger schmalzig geworden als die vierte, ohne deren hohen Gehalt an Gesellschaftskritik aufs Spiel zu setzen. Alle Charaktere im Simpsons-Universum haben ihre absolute Hochform erreicht und zeigen mit die größten Gags in den größten Plots überhaupt. Die Superlative, die ich als Fazit über diese Staffel ergießen möchte, sind unerschöpfbar. Grandios, fantastisch, genial, brillant, bei der Fülle an Geniestreichen ist es eigentlich von Notwendigkeit, den Wortschatz für Euphorismen beständig auszuweiten, um nicht Gefahr zu laufen, sich beständig zu wiederholen. Ich möchte gerne kritisch an die Folgen herangehen, die Gelegenheit wird mir bis hierhin aber einfach noch nicht im größeren Maß geboten. Würde ich mehr kritisieren, täte ich definitiv den Errungenschaften des Teams Unrecht, das es geschafft hat, 22 aufeinander folgende Episoden bereitzustellen, die kaum qualitative Schwankungen aufweisen. Gaststars wie Sam Neill, Michelle Pfeiffer oder Kathleen Turner werden gleitend ohne jegliche Selbstpräsentation in die Plots eingebunden, die Haupt- und Nebenfiguren bekommen abwechselnd alle die gleiche Aufmerksamkeit, wiederkehrende Storymuster werden soweit alterniert, dass subversiv teils vollkommen entgegengesetzte Richtungen angepeilt werden, optisch, narrativ und musikalisch wird sich sehr stark um Kontraste und Abwechslung bemüht. Es gelingt jedes Mal, potenziell schmalzige Enden zu entschärfen, ohne der Botschaft ihre Wirkung zu nehmen und durch Eigenarten der Serie können Aspekte thematisiert werden, zu der keine andere Serie jemals imstande wäre. Die “Season 5" vereint alles in sich, was die “Simpsons” langfristig so genial macht. Der Klimax der Entwicklung wird auch von den Verantwortlichen bemerkt, die mehr denn je selbstreferenzielle Anspielungen einbauen und sich auf das immer wiederkehrende Muster einspielen. Es ist ihre Mission und ihr Schicksal, jedes Jahr aufs Neue 22 bis 25 frische Stories zu liefern, immer wieder. “Aye Caramba”, “Ausgezeichnet”, “Ha-Haaa”, “Hmmmm”, “Neinnn!”, “Hey-Hey”, “Wenn mich jemand sucht, ich bin in meinem Zimmer”. Die Figuren fügen sich ihrem Schicksal, sich immer und immer zu wiederholen, weil es der Zuschauer so will. Dabei ist den Figuren nicht bewusst, dass es nur die Manierismen sind, die sich wiederholen, nicht jedoch die Geschichten. Und von denen können wir einfach nicht genug bekommen. Aus weiter Ferne höre ich bereits die sechste Staffel rufen, und so wahr ich Hans Maulwurf heiße, sie wird kommen. Hol’s der Teufel, und dann geht der Spaß von vorne los. Vielen Dank.

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