Review

Season 06 / 2

DIE SIMPSONS - SEASON 6 (Fortsetzung)

EPISODE 14
BARTS KOMET (Bart’s Comet)
Deutsche Erstausstrahlung: 15.10.1995
US-Erstausstrahlung: 05.02.1995

Inhalt: Bart wird von Direktor Skinner zur Himmelsbeobachtung verdonnert und sichtet einen Kometen, der direkt auf Springfield zu rast. Als auch Raketen den Himmelskörper nicht vernichten können, ziehen sich alle in Flanders’ Atombunker zurück. Alle, außer Homer... (Booklet-Text)
Im Kommentar wird wahrscheinlich mit gutem Grund davon gesprochen, dass “Bart’s Comet” als eine der perfektesten Simpsons-Episoden überhaupt sei. Als Argument wird angegeben, dass sie alles habe, was den Zeichentrick ausmache: einen großen Plot, gleichzeitig aber Gespür für den beobachtenden Humor im Kleinen, Gags, Dramatik und Emotion in einem. All diese Attribute treffen mit Sicherheit auf die Kooperation von John Swartzwelder (Drehbuch) und Bob Anderson (Regie) zu, aber vielleicht ist es genau diese konzeptionelle Perfektion, die mich nie so sehr erreicht hat, wie es mit Sicherheit von den Machern beabsichtigt war (was man auch merkt).
Denn die Story ist ebenso überlebensgroß wie “Armageddon”, lässt darin aber leider auch zu sehr die Atmosphäre von der “Geschichte des kleinen Mannes” schleifen. Nicht, dass davon nichts enthalten wäre - schließlich wird Skinner mal wieder ein Lebenstraum versaut und am Ende bricht sogar verstärkt Sozialkritik hervor, als ein Atombunker über Moral und Ehre derer richtet, die ihn bewohnen wollen (basierend übrigens mal wieder auf einer “Twilight Zone”-Folge). Aber es wird eben vermengt mit einer Geschichte aus dem Semifiktionalen, aus dem Realistischen, das zu diesem Zeitpunkt unserer Welt aber noch nicht eingetreten ist. Eine im Endeffekt zu verrückte Geschichte, um sie liebzugewinnen oder zumindest lieber als jede andere.
Die Qualitäten kann man ihr trotzdem nicht absprechen und so ist anzuerkennen, dass es sich wirklich um ein durch und durch perfekt inszeniertes Katastrophenszenario handelt, das alles bedient: die Parodie auf Filme seiner Art, Gesellschaftskritik (die überheblichen Springfielder lachen den Kometen aus, als sie sich sicher fühlen), Einzelschicksale, Comedy, einfach alles. Der “Big Butt Skinner”-Ballon ist Beifall wert und die Situation im Bunker ist toll geschrieben. Doch um richtig gut zu sein, fehlte mir am Ende einfach der Zugang, zumal das Finish mit den im Sonnenuntergang schwelgenden Springfieldern, ausgelassen “Que sera” singend, mir einfach viel zu kitschig war. Aber wenigstens wird mit diesem Gesang nicht abgeschlossen, sondern es folgt noch ein vergnüglicher Plottwist, wodurch der Kitsch um einiges erträglicher wird.

EPISODE 15
HOMIE DER CLOWN (Homie the Clown)
Deutsche Erstausstrahlung: 22.10.1995
US-Erstausstrahlung: 12.02.1995

Inhalt: Da Krusty der Clown seine Wettschulden abarbeiten muss, gründet er kurzerhand eine Schule für Clowns. Homer besucht ebenfalls die Schule und agiert bald so täuschend echt, dass die Mafia Homer für Krusty hält... ein fataler Irrtum, der Homer schon bald in große Schwierigkeiten bringt. (Booklet-Text)
Ein wichtiges Charaktermerkmal im Design der Figuren besteht darin, dass sie sich alle anhand ihrer Silhouette definieren lassen. Selbstverständlich gilt das auch für Krusty und Homer - der eine mit buschigem Seitenhaar, der andere mit Glatze und zwei einzelnen Haaren oben und einem langen gezackten an der Seite.
Dennoch verbindet diese beiden Figuren eine optische Ähnlichkeit, die eigentlich nur ihnen vorbehalten ist (vielleicht noch Lenny, allerdings mit einer anderen Form): das Stoppelkinn, das farblich vom Rest des Gesichts abgetrennt ist. Eine der Verwandten der Macher hielt das sogar für Lippen, als sie meinte: “Das ist ja eine tolle Serie, wäre da nur nicht dieser komische Trottel mit den riesigen Lippen”.
Die Ähnlichkeit geht aber noch darüber hinaus: Kopfform und Körperbau sind ebenfalls identisch. Diese Übereinstimmungen haben vermutlich das ihre dazu beigetragen, dass John Swartzwelder auf die Idee kam, Homer für Krusty einspringen zu lassen.
Verständlicherweise hat das kommerzielle Gründe und so ward das “Clown College” geboren. Krusty lässt sich multiplizieren, indem er Nachwuchsclowns ausbildet, um mehr Gewinn einzufahren. Und wie begeistert man Homer für ein Clown College? Man muss einfach Werbung machen.
Und an dieser Stelle beginnt eine furiose, sich selbst mit Dutzenden Purzelbäumen überschlagende Drittelstunde voller wahnwitziger Einfälle. Den Start macht die Thematisierung der Manipulationskraft von Werbung. Ich muss mich leider schon wieder selbst mit Begeisterung überschlagen, aber was ab dem Moment beginnt, als Homer auf der Schnellstraße zum ersten Mal für ein Werbeplakat bremst, ist gelinde gesagt nicht von dieser Welt. Anhand von Denkblasen, merkwürdigen Visionen und Selbstgesprächen wird der Manipulationsvorgang absolut trefflich innerhalb von höchstens zwei oder drei Minuten illustriert.
Der anschließende Ausbildungsvorgang ist in erster Linie eben saukomisch, ohne in tiefere Gefilde abzutauchen, bis die Geschichte im letzten Drittel dann eine größere Dimension annimmt: Die Mafia kommt ins Spiel. Und da wird vorzüglich mit der verblüffenden Ähnlichkeit zwischen Krusty und Clown-Homer gespielt, obwohl für den Zuschauer anhand der Nase (bei Krusty ist sie ein runder Kreis, bei Homer geht sie in die Gesichtshaut über) immer klar ist, wer der echte Clown ist und wer nicht.
Ein dickes Finale aus animationstechnischer Sicht ist das ultimative Rad-durch-Looping-Kunststück, das mit einer tollen Kamerafahrt glänzt und in der Choreografie, inklusive Kopf-stößt-gegen-Gläser-und-erzeugt-dabei-Der-Pate-Melodie, unnachahmlich ist.

EPISODE 16
BART GEGEN AUSTRALIEN (Bart vs. Australia)
Deutsche Erstausstrahlung: 29.10.1995
US-Erstausstrahlung: 19.02.1995

Inhalt: Fließt das Wasser auf der südlichen Halbkugel in die entgegengesetzte Richtung ab? Diese Frage beschäftigt Lisa und Bart so sehr, dass Bart per R-Gespräch einen Jungen in Australien kurzerhand anruft und um Rat fragt. Als sich die Telefonrechnung des Australiers auf 900 Dollar beläuft, wird dessen Vater aktiv... (Booklet-Text)
“This time, we took on a whole Nation.”
Ja, man ist geradezu stolz darauf, diesmal eine ganze Nation verarschen zu können. Immerhin ist Verarschung aller Wahrscheinlichkeit das erste Gebot auf Groenings Steintafel und so müsste es der Logik der Produzenten nach für die Australier (wir Deutschen waren ja schon an der Reihe - ich verweise auf Season 4) doch eine große Ehre sein, dermaßen der Lächerlichkeit preisgegeben zu werden.
Der Effekt ist ähnlich dem, den “South Park” im Kinofilm gegen Kanada richtete, wenn halt auch nicht ganz so extrem. Im Grunde erscheinen die Australier absolut liebenswert und aufrichtig, aber sie sind eben hoffnungslos dumm und naiv gleichermaßen, schließlich auch verbohrt und auf ihre uralten Traditionen eingeschossen, deren penible Einhaltung im Schlussakt attackiert wird - ganz unabhängig von den Australiern universell geltend.
Bis dahin zeichnet Wes Archer nach der Vorlage von Ben Oakley und Josh Weinstein jedoch ein verqueres Bild von fremdartig wirkenden Hinterwäldlern in einer merkwürdigen Parallelwelt voller Koalas und ländlichen Einöden. Die ausschlaggebende Toilettenspülung, deren Strudel umgekehrt abfließt, ist Zeichen für zwei miteinander unvereinbare Kulturen, die sich hier gegenseitig beschnüffeln.
Die Simpsons wären natürlich nicht die Simpsons, würde man die Amerikaner als gut und makellos darstellen. Nein, eine längst in Vergangenheit geratene Diashow von ehemaligen Erfolgen der Australier in den Vereinigten Staaten weist darauf hin, wie die US-Fast Food-Kultur wenige Höhepunkte aus anderen Ländern kurz ausverkauft und sich dann wieder neuen Dingen zuwendet. Da fliegen kurz Paul Hogan als Crocodile Dundee, Duracell und Subway durchs Bild und von einem gewissen “Yahoo Serious” (ja genau, der mit dem Strubbelhaar) ist die Rede, kleine Fragmente, derer sich Amerika bedient, ohne sich auch nur einen Furz um die eigentliche Kultur Australiens zu scheren.
Ähnlich gestaltet sich die Reise durch Australien: Während Marge und Lisa versuchen, die Kultur besser kennen zu lernen, ist der Hauptstrang durchsetzt von Hektik in dem Bemühen, ein offizielles Anliegen möglichst schnell hinter sich zu bringen, um endlich wieder in die USA einreisen zu können. Eine ironisch geprägte Ignoranz gegenüber anderen Ländern, die es aber ja letztlich auch nicht besser verdient haben, so die Pointe von “Bart vs. Australia”.

EPISODE 17
HOMER GEGEN PATTY UND SELMA (Homer vs. Patty & Selma)
Deutsche Erstausstrahlung: 05.11.1995
US-Erstausstrahlung: 26.02.1995

Inhalt: Die Simpsons stecken in finanziellen Schwierigkeiten, seit Homer der Spielsucht verfallen ist. In seiner Verzweiflung geht er sogar so weit, dass er Marges Schwestern Patty und Selma anpumpt. Die beiden geben ihm das Geld, es geschieht allerdings nicht aus reiner Nächstenliebe... (Booklet-Text)
Mit seinen beiden fast schon gleichwertigen Storylines ist “Homer vs. Patty & Selma” ein gutes Beispiel dafür, wie viele Erzählformen das Konzept der Serie zu tragen imstande ist. Denn was Homer mit Patty und Selma geschieht, ist sehr realistisch und stützt sich auf den persönlichen Erfahrungsschatz des Zuschauers, der sich mit einer solchen Situation vielleicht schon selbst hat befassen müssen. Wie im Kommentar richtig angemerkt, ist das Material in diesem zentralen Plot sehr “sitcomish”, denn es wird eine Situation aus dem normalen Leben aufgefahren und die Geschichte strebt dahin, entsprechend natürlich - d.h. ohne satirische Überzeichung - zu Ende gebracht zu werden.
Die Substory um Bart und seine angehende Begeisterung fürs Ballett, die aufgrund ihrer Unabhängigkeit zur Homer-Story ungewöhnlich umfangreich ausfällt, wirkt hingegen ein klein wenig unrealistischer, obwohl sie theoretisch auch durchaus denkbar wäre. Aber schon alleine von der Inszenierung her unterliegt sie nicht mehr den Produktionskapazitäten einer Sitcom. Dank großer Szenen wie dem Tanz vor der versammelten Schule und der anschließenden, viel filmischer als in einer Sitcom eingefangenen Flucht vor Jimbo & Co. erschließen sich hier ganz andere Möglichkeiten.
Das ist eines der Geheimnisse dafür, dass die “Simpsons” momentan den Rekord für die am längsten laufende Serie überhaupt halten, denn im Gegensatz zu allen Realserien, aber auch vielen Trickserien, verfügt man über eine enorme Variation an Erzählformen. Der Plot kann bodenständig sein, aber auch abgefahren; er kann die Slapstick in den Vordergrund setzen oder die emotionale Entwicklung der Charaktere; er kann symbolische Bedeutung annehmen oder beim Wort genommen werden; er kann cineastisch inszeniert sein oder als Kammerspiel.
Das ist die eigentliche Stärke dieser Folge, die vor allem das Spektrum andeutet, dessen sich die Autoren und Regisseure bedienen können. Die Geschichten sind gut (klar, Homer gegen Patty und Selma, da ist immer Pfeffer drin, und Bart beim Ballett entbehrt auch nicht seiner Komik), nur eben nicht überragend. Das ist zugunsten der Demonstration der grundsätzlichen Möglichkeiten der Serie zu verschmerzen.

EPISODE 18
SPRINGFIELD FILM FESTIVAL (A Star is Burns)
Deutsche Erstausstrahlung: 12.11.1995
US-Erstausstrahlung: 05.03.1995

Inhalt: Als eine Filmjury mit dem renommierten New Yorker Kritiker Jay Sherman nach Springfield reist und ein Film Festival veranstaltet, können alle Bürger ihre Beiträge dazu leisten. Auch Mr. Burns möchte unbedingt gewinnen - doch hat er seine Rechnung ohne die Jury-Mitglieder Marge und Homer gemacht... (Booklet-Text)
Vom Konzept her ist dies nichts weiter als ein Versuch, ein harmonisches FOX-Abendprogramm zu gestalten. Al Jean und Mike Reiss, bekanntlich zwei wichtige Köpfe der Simpsons, brachten 1994 die Trickserie “The Critic” um den Kritiker Jay Sherman (gesprochen von Jon Lovitz) ins Fernsehen. Also: Was für ein schöner Gedanke, wenn jener Jay Sherman zuerst in einer Episode bei den Simpsons auftreten würde, um eine halbe Stunde später schließlich seinen eigenen Auftritt in “The Critic” zu haben?
Wahrlich merkt man dem Plot an, dass er auf ein solch abstraktes Ziel wie den Sendeplan eines TV-Senders hin geschrieben wurde, denn wie das Filmfestival nach Springfield gelangt, ist doch etwas wirr - vor Selbstironie allerdings nicht gefeit: In Hinblick auf den Simpsons/Critic-Mix, den Susie Dietter hier inszeniert, schaut Bart im Fernsehen eine Ansage zu “The Flintstones meet the Jetsons” und bemerkt: “Schon wieder so ein ödes Crossover”.
Selbstredend konnte Originalsprecher Jon Lovitz auch verpflichtet werden, zumal er ja schon diverse Male Nebendarstellern aus dem Groening-Kosmos seine Stimme geliehen hat. Entsprechend wird ihm bzw. seiner Figur Jay Sherman sehr viel Screentime zuteil, die er fast komplett im bürgerlichen Simpsons-Haus ablegt.
Das mag man kritisieren können, denn die Anteile sind sehr unharmonisch und irgendwie schwanken die drei Akte wie unförmige Klumpfüße nebeneinander her. Aber was es in den entscheidenden letzten beiden Akten (den Beginn wollen wir mal vergessen) zu sehen gibt, ist nichts geringeres als eine bunte Parade aus unzähligen Anspielungen auf die amerikanische Film- und Fernsehkultur.
Shermans Übernachtung im Simpsons-Haus lebt noch überwiegend davon, dass ein renommierter Kritiker wie er sich in einem normalen Haus einer Mittelständlerfamilie so pudelwohl fühlt, dass er sogar Homers ordinäres Wesen in jeder sich bietenden Gelegenheit übertrumpft. Gesungen, ja geradezu zelebriert werden dabei sinnfreie Werbejingles - Kritik an der Verdrängung wirklich wichtiger Werte, die im Angesicht der Werbementalität der oberflächlichen Amerikaner immer weiter zurückgedrängt werden.
Dann das eigentliche Film-Festival und hier werden Filmkenner unzählige Zitate eingebettet in eine abdeckende Gegenüberstellung von Arthaus- und Massenkino wiederfinden. Besonders Mr. Burns’ sich selbst glorifizierender, monumentaler Prunk lädt zum Staunen darüber ein, wie gut man ursprüngliche Intentionen eines Filmemachers auf die hinterhältigen Charakteristika einer Zeichentrickfigur abwälzen kann.
Das alles dann noch eingebettet in sehr abwechslungsreiche Animationen (Barneys Beitrag bedeutet hier eine Herausforderung für die Zeichner und die Übertragung der Figur Jay Sherman ins Simpsons-Universum ist ebenfalls gelungen) und eine nette Rahmengeschichte um Juroren-Betrug macht die strukturellen Schwächen der Folge vergessen.

EPISODE 19
LISAS HOCHZEIT (Lisa’s Wedding)
Deutsche Erstausstrahlung: 19.11.1995
US-Erstausstrahlung: 19.03.1995

Inhalt: Als Lisa auf dem Jahrmarkt von einer Wahrsagerin von ihrer bevorstehenden Hochzeit mit einem reichen Engländer erfährt, überschlagen sich die Ereignisse. Tatsächlich lernt sie schon bald den besagten Mann kennen, als der jedoch von ihr fordert, dass sie den Kontakt zu ihrer Familie abbrechen soll, steckt Lisa in der Klemme... (Booklet-Text)
Der Historienstrang wurde ja eigentlich in dieser Staffel mit “And Maggie Makes Three” soweit geschlossen, dass sich von dort aus kaum noch etwas erzählen ließe, was Sinn machen würde. Aber überraschend ist es schon, dass schon 6 Episoden später der nächste Ausflug in eine andere Zeit gestartet wird, und zwar diesmal in die Zukunft. Ist dies der erste Pflasterstein für den Weg zu “Futurama”?
Wahrscheinlich schon, zumindest was das Produktionsdesign betrifft. “Lisa’s Wedding” startet zwar mit einer relativ bequemen Einführung (die Zukunftsaussichten entspringen mal wieder dem Munde einer Wahrsagerin), aber dann beginnt der Aufwand. Sämtliche Charaktere mussten neu entworfen werden, und im Gegensatz zu den Vergangenheitsfolgen konnte man sich diesmal nicht auf die Gegenwart als Ausgangslage verlassen, man musste eigenständig weiterdenken und eine mögliche Zukunft vorzeichnen. Fast noch schwieriger als das Charakterdesign jedoch die Gestaltung der Umgebung, die rund 15 Jahre nach der damaligen Gegenwart (wie man den Einladungsschreiben zur Hochzeit entnehmen kann, soll selbige am 1. August 2010 stattfinden - für uns anno 2007 fast schon wieder Gegenwart) dezent anders aussehen musste. Nun erscheinen die Veränderungen aus heutiger Sicht immer noch ziemlich krass, tatsächlich vermitteln sie aber das Gefühl, dass die technologische Weiterentwicklung doch recht subtil das normale Leben der Neunziger unterwandert, welches man immer noch sehr gut erkennen kann. Schließlich läuft niemand mit Raumanzügen herum, man schläft noch in Betten, zapft das Bier aus handelsüblichen Zapfanlagen und baut immer noch mit Holz, Stein und Lehm. Aber Bäume sind beispielsweise oftmals nur noch Hologramme zur Erinnerung an echte Bäume, Service-Arbeiten werden von Robotern in Menschengestalt verrichtet und Fox hat sich langsam, aber sicher in einen Pornokanal verwandelt - Kritik an der Behandlung der Umwelt und mal wieder am eigenen Sender.
Die eigentliche Faszination geht selbstverständlich von den Figuren aus. Die Folge bezieht ihre Stärke daraus, dass man beobachten kann, wie sich Bekanntes aus den bisherigen Folgen später weiterentwickelt hat. Bart ist inzwischen Bauarbeiter geworden und entwickelt einen ähnlichen Kinnflaum wie Homer, Maggie ist zum rebellischen Teen mit einer ironischerweise wunderschönen Stimme geworden (die man jedoch nie zu hören bekommt), auf Mr. Burns wurde ein Mordanschlag verübt (nicht der erste, wie man am Ende dieser Staffel weiß) und wird seitdem zur Lebenserhaltung tiefgefroren. Tendenzen der uns bekannten Gelblinge, die sich auf ihre Art bewahrheitet haben.
Lisa blieb abgesehen von ihrem veränderten Äußeren die Gleiche, was die Identifikation mit ihr sehr erleichtert. Ohnehin sind es traditionelle Werte, die in dieser Zukunft geehrt werden - die Charaktere schauen also von dort in die Gegenwart zurück und halten an ihr fest. Symbolisch versagen den Robotern die Schaltkreise, wenn Emotionen ins Spiel kommen und der Heiratsantrag von Lisas Verlobtem geht mit der modernsten Technik voll daneben, während eine Kuh mit einem einfachen umgehängten “Marry Me”-Schild ihren Zweck erfüllt. Dass Lisa ihre erste große Liebe findet, ist darunter nicht mehr als ein Vorwand, der ja schließlich am Ende der Geschichte auch in die Brüche geht.
Insofern ein mit hohem Aufwand versehener Blick in die Zukunft, der sich als Rarität sehr interessant gibt. Es ist einfach spannend zu sehen, was einmal mit Springfield geschehen würde, wenn es nicht nur dem Raum- sondern auch dem Zeitkontinuum unterlegen wäre. Nur darf man derartige Ausbrüche in die Zukunft nicht zur Regel machen, denn Zukunftsfolgen brauchen bei den Simpsons ihre Einmaligkeit, um zu funktionieren.

EPISODE 20
25 WINDHUNDWELPEN (Two Dozen and One Greyhounds)
Deutsche Erstausstrahlung: 26.11.1995
US-Erstausstrahlung: 09.04.1995

Inhalt: Als der Hund der Simpsons endlich ein Weibchen trifft, erwartet die Familie bald Nachwuchs. Das hat auch Mr. Burns bemerkt, der die Welpen entführt, um sich aus dem Fell der Tiere einen Frack schneidern zu lassen. Bart und Lisa haben jedoch einen Plan, um das zu verhindern... (Booklet-Text)
Wenn Hunde rollig werden, geht es richtig animalisch ab im Trickfilm, und wenn es richtig animalisch abgeht im Trickfilm, ist Matt Groening glücklich, denn das Mastermind hat schon mehrfach erwähnt, dass er die Tiere bei den “Simpsons” nur dann mag, wenn sie sich auch wie Tiere benehmen, und das ist hier die meiste Zeit über der Fall. Für Groening ist es weiterhin eine wichtige Folge, denn erstens spielt sie deutlich auf “Es weihnachtet schwer” (Season 1, Ep. 1) an, zweitens auf “101 Dalmatiner”, und der hat Groening der eigenen Aussage nach überhaupt erst mit dazu inspiriert, mit dem Zeichentrick anzufangen.
Knecht Ruprecht hat sich also endlich fortgepflanzt und bald wimmelt es im engen Simpsons-Haus vor lauter Welpen. Was zunächst mal eine dummdreiste Abfolge von Zeitfresser-Gags zur Folge hat, die die Story wirklich kein Stück vorantreiben und nur dazu da sind, zu zeigen, dass die Welpen das Alltagsleben der Familie zerstört. Exemplarisch einer der Über-Wiederholungs-Gags, an dessen Konzept sich “Family Guy” festgebissen hat wie ein Terrier: Homer sitzt mit einer Tüte “Pork Chops”-Chips vor dem Fernseher und jedes Mal, wenn er einen Chip aus der Tüte holt, lugt von irgendwo ein Welpen hervor und hapst ihn weg und Homer grunzt sein “D’Oh!” und die Prozedur wiederholt sich.
So langsam macht sich dann aber die Problematik breit und die Geschichte mündet in die einzige Thematik, die man hieraus basteln kann: Verantwortung. Es geht darum, die Liebe zu den Tieren mit der Verantwortung abzuwägen und zu sehen, ob man ihnen ein artgerechtes Leben verschaffen kann mit den finanziellen Möglichkeiten. Selbstverständlich ist die Sachlage bei 25 Tieren klar und so fallen sie in die Arme eines Reichen: Mr. Burns.
Der aber denkt gar nicht daran, sie liebevoll aufzuziehen, und hier entfesselt Monty eine neue Dimension seiner Bösartigkeit. Mit Blick auf das nicht mehr allzu weit entfernte Season-Finale ist das auch ein wenig die Staffel der “Supervillainisierung” des Mr. Burns, der wirklich zu neuen Ufern ausbricht, spätestens, als er seine Waffe gegen Lisa und Bart richtet mit der Absicht, auf sie zu schießen. Aber das wird natürlich alles elegant verpackt und der erstklassig dargebotene “See My Vest”-Song, der Burns’ teuflische Ader um so mehr hervortreten lässt, bekommt die Folge schließlich sogar ein wenig den Charme einer großen Matinée.

EPISODE 21
DER LEHRERSTREIK (The PTA Disbands!)
Deutsche Erstausstrahlung: 03.12.1995
US-Erstausstrahlung: 16.04.1995

Inhalt: Als die Lehrer von Springfield für bessere Gehälter und Lehrmittel streiken, engagiert das Kultusministerium unqualifizierte Laienlehrer, die den Schulbetrieb schmeißen sollen. Der Unterricht ist ein einziges Fiasko und so kommt es, dass Bart und Milhouse alsbald eine Schlichtungsaktion ins Leben rufen. (Booklet-Text)
Aufgepasst, Amerika: Dein Schulsystem bekommt hier ordentlich auf die Glocke. Ineinander fallende Busse, “Malk” statt “Milk” in der Kantine, Schmierentheater als Bildung und schließlich der geniale Satz “Hey! They’re trying to learn for free!” - Zeugnis der falsch gesetzten Prioritäten.
Man kennt die Situation sicher noch aus der Schule, als von allen Seiten bemängelt wird, dass immer so viele Unterrichtsstunden ausfallen und man sich als Schüler doch eigentlich immer darüber gefreut hatte. Ähnlich gestaltet sich die Situation hier: Bart nutzt die erstbeste Gelegenheit, um seiner Zukunft und der seiner Mitschüler einen Schlag in die Magengrube zu geben, indem er Skinner und Krabappel gegeneinander ausspielt und einen Lehrerstreik provoziert. Die ohnehin schon mangelhaft ausgestattete Schule verliert damit ihr (theoretisch) wichtigstes Gut und der nun folgende Substitutionsversuch des Rektors ist ein Geständnis der Hilflosigkeit, das marode Bildungssystem aufrecht zu erhalten.
Stattdessen verlagert sich alles auf den infantilen Interessenkampf der Beleidigten, während niemand merkt, dass sich in den Klassenzimmern zunehmend der Horror breitmacht: alte Menschen, die nur jemanden als Gesellschaft brauchen, nerdige Professoren, deren Art zu reden niemals die Schüler erreichen könnte, dürfen den Unterricht leiten. Schließlich gar Barts Mutter in der Klasse ihres eigenen Sohnes und der Alptraum eines jeden Kindes wird anatomisch korrekt inspiziert.
Rein optisch ist die Episode ausgesprochen unaufregend - man sieht nur redende Gesichter im abgewrackten Schulgebäude. Es handelt sich um eine Charakterepisode, die sich auf keinerlei optische Gimmicks verlassen kann und sich daher sehr auf die Leistungen der Sprecher verlassen muss. Inhaltlich wird aber ein Missstand feingezeichnet, der ja nicht nur Amerika betrifft, sondern auch viele andere westliche Länder. Die Pointe - die absurde Art und Weise, wie schließlich die Aufrechterhaltung des Schulsystems finanziert wird, ist von ganzem Herzen karikaturistisch überzogen und bringt tatsächliche Gefahren in einer simplen Darstellung treffend auf den Punkt.

EPISODE 22
ZU EHREN VON MURPHY (‘Round Springfield)
Deutsche Erstausstrahlung: 31.12.1995
US-Erstausstrahlung: 30.04.1995

Inhalt: Als Bart einen Metallring aus einer Packung “Krusty’s Cornflakes” verschluckt und über starke Schmerzen klagt, glaubt ihm niemand außer Schwester Lisa. Als schließlich der Blinddarm entfernt werden muss und Bart aus einer Schadensersatzklage 500 Dollar enthält, dankt er Lisa auf eine besondere Art... (Booklet-Text)
Man kann sich darüber streiten, ob es richtig ist oder nicht - das Simpsons-Team hat es aber nun mal gemacht. Und zwar nicht nur einmal, sondern gleich ein paar mal. Es sollte später einen Punkt geben, wo man wirklich daran zweifeln konnte, ob das noch richtig war, geschweige denn witzig; für mich war einer dieser Vorfälle, obgleich ich sie nicht grundsätzlich verurteile und in dieser Episode als sehr stimmig empfinde, später einer der Tiefpunkte der Serie. Fakt ist, die Zuschauer müssen es schlucken, wenn sie die Serie weiter verfolgen wollen - wider aller Scheinsicherheit der “eingefrorenen Realität”, der Vermutung, dass sich die Geschichten in einem Zeitparadoxon übereinanderlagern und alle ungefähr im gleichen Zeitpunkt geschehen, Geschichten aus nun schon fast zwei Jahrzehnten.
Erstmals stirbt eine bekannte Figur in einer Simpsons-Folge.
Ich bin mir nicht ganz sicher, ob zu diesem Zeitpunkt Dr. Marvin Monroe bereits gestorben war, aber zumindest wurde ihm nie die Ehre zuteil, im Rahmen einer Folge zu sterben - wenn, dann ist er irgendwo am Rande elendig verendet. Er war ja auch ziemlich unsympathisch, die Animatoren trieb er aufgrund seines krackeligen Haars zur Verzweiflung und seinen Synchronsprecher aufgrund der kratzigen Stimme zum Wahnsinn - also wurde er schön unauffällig entsorgt.
Von Zahnfleischbluter-Murphy, der in der ersten Staffel in “Lisa bläst Trübsal” seine Premiere feierte, kann man all das nicht behaupten. Er ist in der Serie kaum vertreten gewesen, hat aber in der kurzen Zeit jede Menge Eindruck hinterlassen. Stets war er Lisas Seelenverwandter, er war ein Schwarzer, ein Obdachloser und ein Jazzmusiker, ein Feingeist gefangen im Körper eines Mannes, der dazu bestimmt war, glücklos, melancholisch und dramatisch zu sterben. Kurz, er war viele Minderheiten vereint in einer traurigen Person. Ziemlich schwerfälliger Stoff, aber grenzenlos sympathisch, so dass es fast schon kalkuliert, aber nichtsdestotrotz sehr passend erscheint, ihn sterben zu lassen.
Freilich dreht es sich wiederum weniger um ihn selbst als vielmehr um das, wofür er steht und die Art und Weise, wie Lisa das aufnimmt. Der Weg dahin wird über einen Bruder-Schwester-Plot beschritten, bei dem wir zuletzt (“Lisa on Ice”) einen bösartigen Kampf der Rivalen hatten. Nun läuft es ganz anders - die Beiden entwickeln eine fast schon symbiotische Zuneigung, gestärkt von gegenseitigem Vertrauen, das sich nicht erst aus der Rivalität schälen muss, sondern von der ersten Szene an existiert.
Die gewählte duale Erzählstruktur mit zwei Strängen ist dazu mehr als geeignet und am Ende knüpft sie sich möglicherweise ein wenig vorhersehbar, vielleicht sogar zu kitschig, aber sehr harmonisch zusammen.

EPISODE 23
DIE SPRINGFIELD CONNECTION (The Springfield Connection)
Deutsche Erstausstrahlung: 10.12.1995
US-Erstausstrahlung: 07.05.1995

Inhalt: Marge macht Karriere als Polizistin in Springfield - und lässt auch Homers Falschparken oder Pokerabende nicht durchgehen. Als sie einem illegalen Jeanshandel auf die Schliche kommt, in den auch Kollegen verwickelt sind, muss sie eine Entscheidung treffen... (Booklet-Text)
Frau geht mit hilflosem Ehemann durch eine dunkle Gasse, hilfloser Mann fällt auf einen Trickbetrüger rein, Trickbetrüger verschwindet mit der ganzen Kohle, hilfloser Mann fehlt das körperliche Training zur Jagd auf Trickbetrüger, Frau nimmt Männerangelegenheiten in die eigenen Hände, Trickbetrüger wird in die Ecke gedrängt, zieht ein Messer, Frau zieht einen Mülleimerdeckel und pfeffert ihn in des Trickbetrügers Gesicht - Ende des Openers, Anfang der Motivation, bei der Polizei mitzuwirken, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen.
Das ist eine etwas dürftige Begründungsspirale, wieso es Marge zur Polizei zieht - viel wahrscheinlicher ist die (anfangs noch nicht zur Sprache gebrachte) Unterdrückung als Hausfrau, ein feministischer Trieb, ein emanzipatorischer Aktionismus. Homer kann und will dem nicht im Wege stehen, aber was er kann, ist das Vorhaben seiner Frau nicht ernst zu nehmen, und das kann er verdammt gut.
Entsprechend wird “The Springfield Connection” zu einer einzigen Beweisprobe für Marges Fähigkeiten, sich in der harten Welt als Cop zu beweisen. Man hat das im Film schon oft gesehen, bei den Simpsons in der Form aber noch nicht, und so wirkt die Geschichte in diesem Ambiente zumindest wieder einigermaßen frisch, wie ein aufgebackenes Brötchen.
Gewürzt mit schönen Handkameraaufnahmen à la Cops und einem plötzlich veränderten Ton im Hause der Simpsons bahnt sich alles auf einen Hosenfälscher-Ring zu, der freilich von Homers Garage aus operiert, während Homer im Nebenzimmer mit dem Drahtzieher unwissend Karten spielt. Für Marge soll dies die Feuertaufe sein, die sie endgültig zur Polizistin machen würde. Und sie besteht, nur um anschließend freiwillig wieder in ihr Hausfrauenmuster zurückzukehren. Der Grund: Der Simpsons-Familienrahmen wäre mit Marge als Cop total verzogen und so ist doch klar, dass am Ende wieder alles so ist wie früher.
Nein, es ist keine herausragende Episode, zumindest nicht im damaligen Rahmen der Hochphase der Serie - aber man kann sie doch recht einfach mögen. So wie (Frauen) eine romantische Komödie, bei der von Anfang an klar ist, in welchen Bahnen sie verläuft und wie sie am Ende ausgeht. Außerdem ist es schön, dass man endlich mal wieder einen guten Vorwand gefunden hat, Herman aus dem Antiquitätenladen zurückzuholen. Ich hatte schon gedacht, Jimbo und Ned hätten ihn vor die Flinte bekommen...

EPISODE 24
AUF ZUM ZITRONENBAUM (Lemon of Troy)
Deutsche Erstausstrahlung: 17.12.1995
US-Erstausstrahlung: 14.05.1995

Inhalt: Grandpa erzählt aus seiner Vergangenheit: Er berichtet von dem alten Jebediah Springfield und seinem Kollegen Shelbyville, welche zu ihrer Zeit das Land in ihrem Besitz hatten. So entstanden Springfield und Shelbyville. Alles schien gut, bis zwischen den Gemeinden ein erbitterter Streit um einen Zitronenbaum ausbrach. (Booklet-Text)
Kurz vor Schluss wird es mal wieder ein wenig irrealer, was aber nur zum Teil daran liegt, dass Grampa Simpson hier zum Teil als Geschichtenerzähler fungiert. Auch über seine Erzählungen hinaus ist die Konfrontation der Nachbarsstädte Springfield und Shelbyville pure Mythenbildung, übertragen in die Gegenwart. Vergangenes durch die leuchtende verbale Ausschmückung des Erzählers vermischt sich mit Präsentem, dem eine merkwürdige phantastische Komponente zuteil wird, als die von bruchstückhaften Erinnerungen verschleierte “gute alte Zeit” sich tatsächlich genau so im Hier und Jetzt manifestiert.
Denn Shelbyville ist der Kontrapunkt zu Springfield, der böse Zwilling oder so etwas wie ein Paralleluniversum, von dem man nach “Futurama” weiß, dass es auch irgendwo im Weltall existiert.
Nun hat also jeder Springfielder ein groteskes Gegenstück im Nachbarort, der durch gelbe Hydranten und sonstige ins Negativ verzerrte Parallelismen wie ein Gruselkabinett wirkt, als hätten Aliens Springfield beobachtet und nach seinem Ebenbild eine billige Kopie errichtet. Dass letztendlich alle Charaktere gleich gut oder schlecht sind und Springfield für die Shelbyviller ebenso gruselig aussehen muss, ist die nur schwach spürbare Hommage der Geschichte - zwei Cliquen streiten sich um die Regentschaft, wo es eigentlich keine Unterschiede zwischen ihnen gibt.
Der entbrennende Streit wird nurmehr kindischer, als sich dann auch noch die Erwachsenen einmischen und das Thema Legendenbildung kehrt spätestens dann zurück, als Homer, der sich gerade per abgeschlepptem Wagen in die Höhle des Löwen hat bugsieren lassen, sagt: “Hihi. Noch nie in der Geschichte hat jemals jemand einen so klugen Einfall gehabt.” Die Trojaner werden freilich nicht sehr entzückt sein über diese Aussage...
Insgesamt ein schräges, quietschbuntes und sehr schnelles Abenteuer, das ausgesprochen typisch für die Simpsons ist, die nicht so sehr an Realismus orientiert sind.

EPISODE 25
WER ERSCHOSS MR. BURNS - TEIL 1 (Who Shot Mr. Burns? [Part One])
Deutsche Erstausstrahlung: 03.11.1996
US-Erstausstrahlung: 21.05.1995

Inhalt: Als der Hausmeister der Schule von Springfield auf Öl stößt, ruft das Mr. Burns auf den Plan, welcher sein Geschäft mit dem Kernkraftwerk bedroht sieht. Er versucht der Schule die Ölquelle abzuluchsen. Als daraufhin auf ihn geschossen wird, fällt es schwer, den Attentäter auszumachen, denn es gibt mehr als nur einen Kandidaten... (Booklet-Text)
Season 1: “Der Babysitter ist los”. Season 2: “Der Lebensretter”. Season 3: “Der vermisste Halbbruder”. Season 4: “Krusty, der TV-Star”. Season 5: “Ehegeheimnisse”.
Gute, teilweise besondere Folgen zum Abschluss einer jeden Staffel, die sich aber strukturell nie vom Rest abnabelten, ja teilweise nicht einmal wirklich die letzten Folgen der Produktionsphase waren, da manchmal die erste Folge einer neuen Staffel eigentlich noch zum alten Produktionszyklus gehörte.
Das ist jetzt alles anders: “Wer erschoss Mr. Burns - Teil 1" ist ein Zweiteiler und Cliffhanger in einem, eine geradezu revolutionäre Anwandlung für die Serie. Zwei- und Dreiteiler kennt man beispielsweise von Sitcoms wie “Eine schrecklich nette Familie” schon seit den Anfängen ihrer Ausstrahlung, aber für die Simpsons ist das ein ganz neues Konzept. Dass die sechste Staffel nun auch noch mit einem sadistischen Cliffhänger aufhört und man die US-Fans derart vertröstete (NICHT die deutschen Fans, denn Pro7 war so freizügig, diese letzte Folge ein Jahr später als die übrige Staffel auszustrahlen, genau einen Tag vor “Wer erschoss Mr. Burns - Teil 2"), setzt alldem die Krone auf.
Und es ist ein herrliches, ja von der Idee her schon cineastisches erstes Stück von einem Double Feature, das man sich in wenigen Wochen sehr gut in unseren Kinos hätte vorstellen können. Wenn die Kinofilm-Story um den Super-GAU im Atomkraftwerk und die Wasserverseuchung ähnliche Raffinessen aufweisen kann wie Jeffrey Lynchs Season 6-Abschluss, kann man zufrieden sein.
Denn nie hatte eine Simpsons-Episode mehr Atmosphäre. Mit Sorgfalt wird sichergestellt, dass so ziemlich jeder Bürger ein Motiv bekommt, den Tod von Mr. Burns herbeizusehnen, ja schließlich stellt sich selbst Smithers gegen seinen Herrn und Meister, eine Sache, die bislang noch nie geschehen ist - und man weiß, hier wird Geschichte geschrieben.
Sehr wichtig ist der Einsatz von Schattierung, ein animationstechnisch aufwändiger Prozess, mit dem aber zugunsten der düsteren Stimmung nicht gegeizt wird. Die Bilder schreien vor lauter Hinweise auf ein bevorstehendes Unheil und etwas ganz Großes steht im Raum wie dicke Luft, während Mr. Burns vom Everyday-Fiesling zum Monster aufsteigt, sich von jeglicher sozialer Verpflichtung befreit und sein absurdes Vorhaben, die Sonne zu verdunkeln, zum einzigen Ziel macht. Nicht immer ist das logisch so ganz zu rechtfertigen, aber Logik ist das geringste Problem in diesen Momenten. Im Vordergrund steht ein apokalyptisches Bild von einer Zukunft mit einem düsteren Ausgang. Große Versammlungen der ganzen Stadt stehen im Kontrast mit einsamen Bildern voller Schatten und Leere. Komponist Alf Clausen (der am Ende eine Reminiszenz an Oliver Stones “JFK” wagt) glänzt diesmal vor allem durch Minimalismus, indem er in der intensivsten Szene komplett auf den Einsatz von Musik verzichtet. All das hat wirklich cineastische Qualitäten und skizziert diverse Genres, vom Film Noir zum Hitchcock-Krimi bis zum Politthriller und Mystery-Film. Das Genre dieser Serie, Satire und Komödie, wird selbstverständlich nicht ausgelassen und so unterwandert den düsteren Absatz natürlich die den Charakteren ureigene Komik, die den Rahmen an Intensität aber kaum einbüßen lässt.
Und so endet die sechste Staffel mit einem leblos zusammenbrechenden Mr. Burns auf der städtischen Sonnenuhr, und ein quälend langes Jahr lang wusste niemand, dass der Täter niemand geringeres war als...

FAZIT
Mann, was für eine Reise in die Hochzeiten der Serie. Zugegeben, im Vergleich mit der nahezu perfekten Vorgängerstaffel haben sich hier und da ein paar kleinere Schwächen eingeschlichen. Mal ist das Konzept zu sanft und das Charakterdesign nicht hundertprozentig stimmig (“Lisas Rivalin”), mal wird nur bedingt erfolgreich Psychoanalyse betrieben (“Angst vorm Fliegen”) oder die ohnehin schon eher nervige Clip-Show wird auch noch mit einem nervtötenden Subplot zusammengehalten (“Romantik ist überall”).

Aber die Klassiker überwiegen eindeutig die wenigen Schwachpunkte und setzen der Serie unzählige weitere Denkmale. Wie könnte man heute ohne das Wissen leben, dass Homers Qualitäten als Clown nicht schlechter sind als die von Krusty? Dass Grampa seinen Sohn doch mehr liebt als man dachte und er darüber hinaus ein tolles Rezept weiß, um wieder Leben in die Hose zu bringen? Dass die Medien so sensationsgeil sind, dass der harmlose, treudoofe Homey als Sexmonster dargestellt werden kann? Dass Bart und Lisa sich auf dem Eis die volle Kante geben können oder Maggie der Grund ist, weshalb ihr Vater die Kraft findet, weiterhin im Atomkraftwerk zu malochen?

Genau deswegen wird die Season 6 mit vollem Recht auch heute noch zu den Highlights aus fast 20 Jahren Simpsons gezählt. Der Variationsreichtum will kein Ende nehmen und immer noch sprüht die Kreativität den Zeichnern, Autoren, Regisseuren und allen anderen Beteiligten aus dem Arsch. Ja, selbst Matt Groening himself kam noch mit einer tollen Idee um die Ecke: Der Season-Abschluss entstammt seinen grauen Zellen, obwohl die Drehbuch-Credits dann doch an Bill Oakley und Josh Weinstein gehen.

Ganz richtig, obwohl die Autoren dem bärtigen Partylöwen (wer Hawaiihemden trägt, ist per-Homer-definitionem entweder schwul oder ein dicker, fetter Partylöwe, und da Groening verheiratet ist und eine Familie hat... mit einer Frau...) mit Vorliebe Gags vor die Nase setzen, die er selbst nicht ausstehen kann (Hitler-Witze mag er beispielsweise nicht, menschelnde Tiere und den Charakter “Database” kann er auch nicht ausstehen), hat er selbst nun wieder das letzte Wort. Ein besonderes, filmreifes, offenes Ende einer Staffel, das so noch nie da gewesen war. Stichwort filmreif:

Im Juli ist es endlich so weit, dann werden die Kinos gelb angestrichen und die Sucht nach selbiger Farbe wird sich weltweit wieder ausbreiten. Das bleibt zumindest zu hoffen. Da aber die besten Autoren und Regisseure zusammengetrommelt wurden, die jemals in der Serie tätig waren, ist zumindest eine gewisse Hoffnung bei mir altem Narren da, dass sie das hier vorgestellte alte Material nochmals aufmerksam studiert haben und sich dazu in der Lage fühlten, Glanztaten aus frühen Tagen zu wiederholen und auf Kinoformat zu multiplizieren. Wenn man sich die Inszenierung von “Wer erschoss Mr. Burns - Teil 1" anschaut, ist das Vertrauen in den längst überfälligen Kinoausflug jedenfalls wieder da.

Es möge kommen, wie es kommt - bis dahin empfehle ich die Pflichtlektüre, die sich da nennt “The Simpsons - Season 6" und die unter Garantie jeden Zuschauer gelb anlaufen lassen wird - welcher Ursache die Gelbfärbung entstammen wird, überlasse ich der Fantasie jedes Einzelnen. Bei mir wird es jedenfalls immer und immer wieder die Begeisterung eines erwachsenen Kindes sein, das in den Neunziger Jahren die Welt zu begreifen gelernt hat.

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