(Fortsetzung von "Season 07 / 1")
EPISODE 13
DIE BÖSEN NACHBARN (Two Bad Neighbors)
Deutsche Erstausstrahlung: 18.11.1996
US-Erstausstrahlung: 14.01.1996
Inhalt: Kein geringerer als Ex-Präsident George H.W. Bush zieht gegenüber von den Simpsons ein. Homer ist total genervt wegen des neuen Nachbarn und reagiert ziemlich elektrisch, als Bush seinem Bart eine Tracht Prügel verpasst. Danach ist Schluss mit Lustig!. (Booklet-Text)
Der Satz “This is not a political satire” fällt im Audiokommentar mindestens fünfmal und wenn man von der dudengerechten Definition des Begriffs “Satire” ausgeht, kann man nichts weiter tun als den Satz ein sechstes Mal zu wiederholen. Denn George Bush Senior, der neue Nachbar der Simpsons, wird in den ersten beiden Akten so realistisch gezeichnet wie nur möglich. Von satirischer Überzeichnung keine Spur. Der Humor ergibt sich lediglich aus der skurrilen Konstellation, dass ein Ex-Präsident in das Vorortstädtchen Springfield zieht - und beide einen gegenseitig bedingten Kulturschock erleiden.
“Two bad neighbors” mag leicht misszuverstehen sein; die reine Anwesenheit Bushs in einer Serie wie “Die Simpsons” verleitet zur Annahme, dass politische Dinge auf dem Plan stehen müssen. Findet man solche nun nicht vor, kann man das Gesehene als schwachbrüstige politische Satire auslegen; oder aber, man pfeift auf das Politische und schaut dem ehemaligen Präsidenten dabei zu, wie er sich mit Homer in der Kanalisation prügelt und von Barts kindlicher Neugier zur Weißglut getrieben wird.
Die Bart-Abschnitte funktionieren als offensichtliche Anspielung auf die Trickserie “Dennis”, von dessen Potenzial, das beim Dennis-Charakter laut Groening aber nie ausgereizt worden sei, Bart angeblich mit inspiriert worden sei (mit der Absicht, es quasi besser, sprich: böser zu machen). Bush wird somit zum genervten Mr. Wilson, seine Frau Barbara zur verständnisvollen Mrs. Wilson; in Einzelsketchen reiht sich ein Ärgernis an das andere und der Mann, der einzog, um Ruhe zu finden, erlebt, was es bedeutet, in Springfield zu wohnen.
Im Grunde wird einfach ein Stück US-Geschichte aus seinem ursprünglichen Kontext gerissen und ins Kleinstadtamerika der Neunziger Jahre verfrachtet. Die Pointe der Episode liegt darin, die Reaktion eines Reliktes zu sehen, das die USA einst entscheidend mitgeformt hat und nun höchstpersönlich mit der Welt konfrontiert wird, die sich enorm verändert hat. Doch nicht nur auf der diachronen Ebene im Zeitstrahl des Landes, auch mikroperspektivisch-lokal wird der Entscheidungsträger von gestern zum Probanden von heute. Gewissermaßen setzt man Bush hier einer Situation aus, für die er gar nicht mal so viel kann - und gerade die Hilflosigkeit des überforderten Rentners ist es, die der Schärfe erst die richtige Note gibt. Wo man Politiker sonst nämlich gerne mal die Konsequenzen ihres Handelns kosten lassen würde, hat dieser Politiker mit der Formung der amerikanischen Mittelstandsgesellschaft ja eigentlich überhaupt nichts mehr zu tun. Die Rednerszene generiert nicht nur den Anarcho-Humor eines Bart Simpson (Stichwort bunte Haare); zugleich verdeutlicht sie, wie gering der Einfluss des George Bush auf die Strukturen seines Landes inzwischen geworden ist, vergleicht man sie mit seinen Taten als Präsident der Vereinigten Staaten. Die Aussichtslosigkeit im Kampf gegen die Simpsons und das, was sie als Nachbarn verkörpern, nähert die Bush-Figur zuletzt gar derjenigen des Frank Grimes an, die ähnlich verbittert gegen rauschende Mühlen ankämpfte und letztendlich verlor.
Dass Gerald Ford schließlich als neuer Nachbar einzieht und mit Durchschnittsamerikaner Homer J. Simpson vom ersten Moment an auf einer Wellenlänge funkt, schießt da nurmehr den Vogel ab.
EPISODE 14
EINE KLASSE FÜR SICH (Scenes From The Class Struggle In Springfield)
Deutsche Erstausstrahlung: 19.11.1996
US-Erstausstrahlung: 04.02.1996
Inhalt: Als sich die Simpsons unter die High Society von Springfield mischen, springt dabei nicht nur eine Einladung in den Country Club raus, sondern auch ein Haufen kostspieliger Probleme. (Booklet-Text)
Der “American Dream” mal um 180 Grad gedreht: Leute, wenn ihr unten seid, bleibt da!
So die Moral einer Folge, die doch sehr aufs weibliche Publikum abgestimmt ist. Mit kulturellen Barrieren bei der Sehnsucht nach erlauchteren Kreisen wird gespielt, und gesellschaftliche Akzeptanz tritt auf als richtende und henkende Instanz in einem.
Dass es ausgerechnet Marge ist, der die Chance zuteil wird, am Leben der High Society zu schnuppern, simuliert das Verlangen nach dem Unerreichbaren, wissen wir doch als Zuschauer einer Serie, die stets von neuem so beginnt, als wäre die 20 Minuten zuvor nichts passiert, dass Marge niemals aus ihrem Familienleben heraustreten wird (und dass es gut so ist).
Ohnehin ist die tapfere Hausfrau viel zu sehr in ihrem ursprünglichen Rollenbild verankert, als dass das Chanel-Kleid, das sich durch Irrungen und Wirrungen in einen Second Hand-Laden verirrt hat, mehr bieten könnte als ein kleines Abenteuer. Und so mutet schon das Bild einer staubsaugenden Marge im Wohnzimmer oder einer kundenbedienenden Marge an der Tankstelle paradox an, wenn sie dabei ihr edles Dress trägt.
Seine Tragik erntet der “Class Struggle” durch die Zeit: Je öfter Marge mit ihrer Familie den Golfclub besucht, desto auffälliger wird ihre einseitige Garderobe, und desto abfälliger die Bemerkungen ihrer Gesellschaft. Das Schlüsselbild einer Marge, die Abends an der Nähmaschine sitzt, um ihrem alten Kleid einen neuen Stoff zu verpassen, von den Animatoren eingetaucht in düstere Schattierung, es drückt einen verzweifelten Kampf um ein unsichtbares Gut an: Image. Dass die ganze Geschichte am Ende in einem Drecksladen wie “Krusty Burger” endet, gehört zum guten Ton; dass der pickelige Angestellte sich wundert, warum sich die Simpsons dort so wohl fühlen (“Man, you’re crazy. This place is a dump!”), ist dagegen unvergleichlich “The Simpsons”. Und ohnehin; beim nächsten Mal sind das grüne Kleid und die orangefarbene Perlenkette wieder zurück; ganz sicher.
EPISODE 15
BART IST AN ALLEM SCHULD (Bart The Fink)
Deutsche Erstausstrahlung: 20.11.1996
US-Erstausstrahlung: 11.02.1996
Inhalt: Barts vehementer Versuch, ein Autogramm von Clown Krusty zu bekommen, hetzt seinem Idol die Steuerfahndung auf den Hals. Um dem Fiskus zu entgehen, inszeniert Krusty seinen eigenen Tod, dabei hat er natürlich die Rechnung ohne seinen Fan Bart gemacht. (Booklet-Text)
Das Opening treibt die traditionelle Redundanz der meisten Episoden-Einleitungen auf die Spitze: mit der Spukhaus-Übernachtung (zu dem Zweck, etwas von einem verstorbenen Verwandten zu erben, was aber eben mit der Bedingung der Übernachtung verknüpft ist) wird gleich ein komplettes Subgenre des Horrorfilms als Klischee ausgehebelt. Interessanterweise verwendete später “Futurama” eine ganze Episode auf die Spukhaus-Übernachtungs-Thematik, während “Bart the Fink” (selbsterklärend eine Anspielung auf “Barton Fink”) sie mal eben schnell abhandelt, um zum eigentlichen Thema überzuleiten: Steuerbetrug.
Wie man vom einen aufs andere kommt, ist ungefähr so absurd wie so manches Rätsel in “Monkey Island”, aber das tut auch nichts zur Sache, wenn man anschließend sieht, wie köstlich die trockene Bürokratie des Steuersystems auf den Kopf gestellt wird. Angestellte einer Bank tragen mit ernsten Mienen Affenkostüme und Krusty Burger wird zum “Steuer-Burger” (geniale Szene), derweil Bart sein großes Idol ungewollt in den Ruin treibt.
Dank des Einbruchs der Show-Fassade darf man mal wieder tiefer in Krustys Innenleben blicken - allerdings erst zum Schluss, denn bis dahin bleibt das Schicksal des “weinenden Clowns” ungewiss. Über den Mittelteil verliert sich das Drehbuch auch mal in Verworrenheiten und Irritationen, manchmal gewollt, manchmal nicht. Das entspricht jedoch nur dem Wesen des Herschel Shmoikel Krustofsky, der sich nicht unähnlich Superman schminken muss, um wie ein normaler Mensch auszusehen, und dessen wahre Gestalt dasjenige ist, was aussieht wie Schminke.
Unterhaltungstechnisch gestaltet sich die Geschichte daher sprunghaft (Highlights wie die vom Finanzamt übernommene Burgerkette und der tanzende “Handsome Pete” wechseln sich ab mit Momenten des Abwartens), frei von Tiefe ist sie aber keineswegs, obwohl nicht immer ganz klar wird, was genau eigentlich Thema ist: Persönlichkeitsrechte? Das Showgeschäft? Das Finanzsystem?
EPISODE 16
DAS GEHEIME BEKENNTNIS (Lisa The Iconoclast)
Deutsche Erstausstrahlung: 21.11.1996
US-Erstausstrahlung: 18.02.1996
Inhalt: Beim Graben in der Geschichte Springfields findet Lisa heraus, dass der verehrte Stadtgründer Jebediah Springfield eigentlich ein bösartiger Pirat war. Natürlich ist Lisa erst mal ratlos, wie sie mit dieser Wahrheit umgehen soll.. (Booklet-Text)
Seit “Bart köpft Oberhaupt” aus Staffel 1 genießt Stadtgründer Jebediah Springfield Tradition. Nicht nur transportiert er Meilensteine der US-Geschichte, insbesondere bezugnehmend auf die Entdeckung und Kolonisierung des amerikanischen Westens, sondern dient dem launischen Springfielder Pöbel auch als “Opium fürs Volk” - und wehe, jemand erhebt seine Stimme gegen den Volkshelden und lässt ein graues Haar an ihm. Beginnt eine Storyline um den schnauzbärtigen Pionier nun mit “Lisa” im Titel, so lässt sich erahnen, was in Springfield bald los sein wird...
“Lisa the Iconoclaust” räumt vor allem mit der Heroisierung historischer Figuren gründlich auf. Mit der liebevoll kritischen Hingabe, die man zuletzt bei den Coens mit “No Country For Old Men” begutachten durfte, zeichnen die Autoren Jebediah Springfield, den die Geschichte zu einem ehrenvollen Mann gemacht hat, als hinterlistigen Piraten mit dem wenig schmuckvollen Namen “Hans Sprungfeld”, der sich mit Freuden Ehrenmänner wie George Washington vornahm.
Die Recherchen Lisas sind im Grunde nurmehr eine Wiederholung ihrer Motive aus “Einmal Washington und zurück” (Season 3), doch dienen sie diesmal bloß als Antrieb, um die Wurzeln Springfields auszugraben. Und die sind mehr als drollig; mit Hut und Glocke darf Homer durch die Straßen wandern und “HEAR YE! HEAR YE!” schreien, während die Zivilisten mit Trapperhüten umherlaufen, um ihrem großen Idol Tribut zu zollen.
Freilich wäre es zu idealistisch und eindimensional, den Helden einfach zu entmystifizieren und die Stadt gebrochen zurückzulassen. So betont der letzte Akt die Nützlichkeit der “Opium fürs Volk”-Formel und lässt Springfield in dem betäubenden, zufriedenstellenden Glauben, der Stadtvater sei ein ehrbarer Mann gewesen.
Darüber hinaus ertrinkt die Episode in wundervollen, detailreichen Animationen, einer spannenden Rätselgeschichte und ist zudem mit einem Gaststar Donald Sutherland ausgestattet, dessen Museumswärter ihm wie aus dem Gesicht geschnitten ist.
EPISODE 17
BUTLER BEI BURNS (Homer the Smithers)
Deutsche Erstausstrahlung: 22.11.1996
US-Erstausstrahlung: 15.02.1996
Inhalt: Butler Smithers ist urlaubsreif! Damit sein Chef merkt, was er an ihm hat, heuert er als Vertretung Homer an, der sich als Butler natürlich völlig daneben benimmt. Doch genau davon ist Mr. Burns so begeistert, dass er Smithers feuert und Homer fest engagiert. Völlig genervt lässt Homer nichts unversucht, damit Smithers wieder eingestellt wird. (Booklet-Text)
“Bringe einem Mann einen Fisch, ernährst du ihn für einen Tag. Bringe ihm bei, wie man Fische fängt, und du ernährst ihn ein ganzes Leben.”
Dieses zur Selbstständigkeit aufrufende Sprichwort kann als Leitsatz von “Homer the Smithers” betrachtet werden, wird aber im Verlauf der 20 Minuten selbstredend ein wenig verdreht. Zumindest hat es nichts Ehrenhaftes oder Kluges an sich, wie Homer seinen Chef Mr. Burns dazu bewegt, die Zügel seines Daseins wieder selbst zu halten; es hat eher was Zufälliges. Und dass Smithers der Mann ist, der Mr. Burns jeden Tag aufs Neue einen Fisch bringt, hat auch nichts Dummes an sich. Im Gegenteil, der alte Mann wird seit all den Jahren ganz bewusst zur Abhängigkeit verdammt, damit Smithers sich gebraucht fühlen kann.
Man ahnt es schon, das Drehbuch von John Swartzwelder betont wieder eher die Altersschwäche des nun schon 107-jährigen Greisen und nicht seine Machtposition, obwohl beide Seiten der Burns’schen Medaille diesmal hervorragend gegeneinander ausgespielt werden. Im Gegensatz zu anderen “Altersschwäche”-Episoden sieht man Burns diesmal nämlich vorwiegend in seinem prunkvollen Büro, das in der Serie traditionell das Burns’sche Machtmonopol in Springfield symbolisiert. Das hilflose alte Ding auf dem riesigen Chefsessel will aber so gar nicht einschüchternd sein.
Wohin Isolation einen Menschen führen kann, wird anhand unzähliger Details im Umgang mit dem “Normalvolk” gezeigt. Insbesondere bleibt die “unheimliche Begegnung” mit Atomkraftwerksmitarbeiter Lenny haften, als der den von Smithers kurzzeitig unbeaufsichtigten Chef in seiner Limousine nach einem vertriebsinternen Ausflug zu einem Ultraspeed-Autorennen angetrunken ansäuselt. Die lieb gemeinten Worte und der erhobene “OK”-Daumen Lennys wirken auf Burns bedrohlich - ein Werk des Mannes, der kurz darauf den penetranten Angestellten schroff vom Auto wegreißt.
Smithers nämlich versucht nun, ob seines angedachten Zwangsurlaubes die Beziehung zu seinem geliebten Chef so zu erhalten, wie sie ist, und ernennt deswegen natürlich Homer Simpson zum Nachfolger; das Blatt wendet sich jedoch gegen den Anstifter und plötzlich greift das alte Sprichwort. Der alte Mann, der einst zu leben gewusst hat (immerhin hat er sich im Laufe seines Lebens ein stattliches Kapital angehäuft), erlernt es aufs Neue und plötzlich sind weder Homer noch Smithers noch von Bedeutung als Assistenz.
Wie in jeder Geschichte von Macht, Gier und Schicksal gibt es jedoch auch diesmal Variablen X und alte Hexen. Beides besorgt Mrs. Burns, Montgomerys Mutter (ein schauriger Gedanke ob des methusalischen Alters schon des Sohnemanns), die letztendlich ganz klassisch dazu dient, den Status Quo der Serie wieder herzustellen.
Wie tiefgründig der Witz der Serie übrigens schon in kleinen Wortspielen ist, in denen man auf Anhieb keine tiefere Bedeutung erwarten würde, zeigt das “Ahoi-hoi”, mit dem Burns in neu gewecktem Tatendrang ans Telefon geht. Es spielt auf den Formatkampf bei der Einführung des Telefons zwischen Alexander Graham Bell und Thomas Alva Edison an (Bell wollte, dass man sich mit “Hallo” meldet, Edison bevorzugte das “Ahoi”) und unterstreicht damit das altertümliche Denken des C. Montgomery Burns.
EPISODE 18
WER ERFAND ITCHY & SCRATCHY? (The Day The Violence Died)
Deutsche Erstausstrahlung: 25.11.1996
US-Erstausstrahlung: 17.03.1996
Inhalt: Den Itchy & Scratchy Studios stehen schwere Zeiten bevor, denn Chester J. Lampwick will mit Hilfe von Bart und Lisa beweisen, dass die Itchy- und Scratchy-Figuren von ihm erfunden wurden. Wenn er seinen Anspruch geltend macht, ist das Studio ruiniert! (Booklet-Text)
Das amerikanische Wirtschaftssystem spiegelt sich in der Gegnerkonstellation “Animationsstudioboss vs. Obdachloser” mehr als wieder. Wenn der Obdachlose dann schließlich vor seiner goldenen Villa sitzt, den reichen Nachbarn aber weiterhin niedere Dienstleistungen anbietet, so wird eines klar: Manchmal ändert sich der Lebensstil eines Menschen durch Zufälle und Schlupflöcher vor Gericht so massiv, dass der Charakter des Menschen dem gar nicht nachkommt. Der Irrsinn im Spiel mit der Waage der Gerechtigkeit, er ist Gegenstand von “The Day the Violence Died”.
Bewusst ist alles karikaturistisch überzogen, wie ein Comic-im-Comic zieht sich der Plot hoch. Das Design des Penners Chester J. Lampwick (im Original gesprochen von Kirk Douglas) orientiert sich an der Jahrhundertwende - der vorletzten, versteht sich, also derjenigen ins 20. Jahrhundert hinein. Über allem schwebt der Geist von Walt Disney sowie der Kopf seines Simpsons-Pendants in einer Tiefkühlbox auf dem Schreibtisch seines Sohnes und “Itchy & Scratchy”-Erfinders. Springfield mutet in Gegenwart von Lampwick an wie mit Pflastersteinen ausgelegt und von Pferdekutschen befahren, Schwarzweiß-Stummtrickfilme vom altmodischen Rollenprojektor mit realer Klavierbegleitung inbegriffen.
Das Justizsystem wird geschickt aufgewogen mit dem ökonomischen Nutzen. Während im Endresultat nämlich die Trickfilmschmiede zugrunde geht, ist die Milliarde Dollar Schmerzensgeld in den Händen des Obdachlosen totes Kapital; keine Anlagen, lediglich ein goldenes Haus erwirbt sich der Neureiche, und Leber und Zwiebeln bleiben nach all den Jahren auf der Straße nun mal das Leibgericht, nicht etwa Kaviar. In Frage gestellt wird nicht der Gerechtigkeitsanspruch, sondern die Verhältnisse; ist einem Mann, der jahrzehntelang um sein geistiges Eigentum betrogen wurde und deswegen in ärmsten Verhältnissen lebte, am besten damit geholfen, indem man ihm eine Unsumme in die Hand drückt? Und vor allem: hat der Trickfilmboss, so wirtschaftlich-raffgierig und emotionslos er auch dargestellt wird, ein Verbrechen begangen, das eine Milliarde teuer ist? Fragen, die aufgewühlt werden, ohne dass direkt Stellung für sie bezogen würde.
Abgeschmeckt wird alles mit gewaltig vielen Anspielungen und Insidergags - wie eigentlich immer, wenn Comics den Rahmen einer Episode bilden, denn hier sind ganz offensichtlich Kenner der Materie am Werk. Einen ganz besonderen Schlussgag gibt es dann auch noch zu bestaunen, als die Regeln der Serie gebrochen werden. Mit selbstreflexiver Attitüde gesteht das Skript diesmal nicht Lisa und Bart zu, den Fall zu lösen, so wie man es gewohnt ist, sondern den bis dato unbekannten “Lester” und “Eliza” - hässlichen und verunglückten Bart- und Lisa-Karikaturen, die gewaltig an die ersten Simpsons-Shorties in der Tracey Ullman-Show erinnern. Womit ein Schema, dessen sich bei weitem nicht nur die Simpsons bedienen (man denke bloß an Trickserien wie “Scooby-Doo”), wieder mal aufgebrochen wäre.
EPISODE 19
SELMA HEIRATET HOLLYWOOD-STAR (A Fish Called Selma)
Deutsche Erstausstrahlung: 26.11.1996
US-Erstausstrahlung: 24.03.1996
Inhalt: Der abgehalfterte Schauspieler Troy McClure will sich durch eine Hochzeit mit Marges Schwester Selma erneut als toller Hecht ins Licht der Öffentlichkeit rücken. Leider entpuppt sich der tolle Hecht als schlaffer Hering und so zieht Selma ihre Konsequenzen. (Booklet-Text)
Als Antrieb einer Persiflage auf den unattraktiven B-Auswurf des zehrenden Monsters Hollywood gerät Selma in die Apparatur, die Desperate der beiden Zwillinge, diejenige, die mit ihrem Leben unzufrieden ist. Es hat etwas zutiefst Tragisches an sich, wie sie im Wissen darum, ausgenutzt zu werden, sich auf eine Scheinehe mit einem Fernsehschauspieler einlässt, der mit Imageproblemen (kurios: es wird ihm unterschwellig eine sexuelle Affinität zu Amphibien unterstellt) zu kämpfen hat und dem aus diesem Grund eine neue Frau an seiner Seite bei seiner Karriere hilft.
Warum ausgerechnet eine Selma, die gemeinsam mit ihrer Schwester seit Anbeginn der Serie als Prototyp der unattraktiven Frau präsentiert wird, einen Ex-Filmstar wieder auf die Spur zurückbringen können sollte, erscheint im ersten Moment noch unglaubwürdig, ist in letzter Instanz aber ein geschickter Kniff: Das Menschliche, Fehlbare gerät ausgerechnet in diesem falschen Spiel in den Vordergrund, wodurch die Empathie des Publikums, die nicht selten Gekünsteltes als authentisch wahrnimmt, auf Herz und Nieren geprüft wird.
Gewissermaßen ergänzen sich Troy und Selma hervorragend; mit der bitteren Ironie abgeschmeckt, dass vor allem Troy nicht dazu imstande ist, dies zu erkennen, wenngleich angedeutet wird, dass in einer Parallelwelt ohne Showbiz diese verquere Partnerschaft tatsächlich funktionieren könnte.
Pools, futuristische Wohnzimmer, Abendgarderobe und Galas bestimmen dann auch das Setdesign der Episode, setzen Prunk den niederen Beweggründen der Beteiligten (neben Phil Hartmans wie immer herrlicher Hollywood-Karikatur Troy McClure unter anderem auch Gaststar Jeff Goldblum als skrupelloser Agent) entgegen und erschaffen so einen offensichtlichen, aber erfrischenden Kontrast, der Selmas Schicksal, das in weiteren Folgen (unter anderem mit Sideshow Bob) noch auf die Spitze getrieben wurde, greifbar macht.
EPISODE 20
DIE REISE NACH KNOXVILLE (Bart On The Road)
Deutsche Erstausstrahlung: 27.11.1996
US-Erstausstrahlung: 31.03.1996
Inhalt: Bart kommt in den Besitz eines gefälschten Führerscheins und startet natürlich voll durch. Gemeinsam mit Nelson, Martin und Milhouse mietet er ein Auto an und braust mit Vollgas in Richtung Knoxville. Ein chaotischer Trip mit vielen Überraschungen. (Booklet-Text)
Blenden wir mal aus, dass die Auto-Spritztour von ein paar Viertklässlern ebenso unglaubwürdig wie unreflektiert bleibt, was ihre Durchführbarkeit anbelangt, entpuppt sich die “Reise nach Knoxville” als ausgesprochen witziges Abenteuer mit dem typischen “Stand by Me”-Flair (in Road Movie-Kombination), wenngleich festzustellen ist, dass die Episode das noch in dieser Staffel folgende “Ein Sommer für Lisa” vom Gefühl her schon vorwegnimmt und damit auch ein wenig vorbereitet.
Während Homer und Lisa sich über den Arbeitsplatz des Vaters relativ unoriginell, aber durchaus liebenswert wieder ein wenig näher kommen (und das ja nicht zum ersten Mal in der Geschichte der Serie), gefällt die Reise der vier Kinder durch deren ungleiche Charaktere. Bart, Milhouse, Nelson und Martin in einem Wagen miteinander zu konfrontieren, hat ein derart enormes Potenzial, dass die Autoren darauf vertrauen, über weite Strecken einfach nur das fahrende Auto und die sich darin unterhaltenden Insassen zu zeigen. Zwar wird die Fahrt kameratechnisch ordentlich aufgepeppt (eine sehr starke Kamera-Rundumfahrt um das fahrende Auto leitet die Reise eindrucksvoll ein), doch auch so passiert genug - unter anderem sieht man den Anhalter, der den Twens aus “Texas Chainsaw Massacre” bereits die Ferien gründlich versaut hat. Und diese Parallele kommt nicht von ungefähr: In beiden Fällen wird eine Reise mit großen Erwartungen an eine schöne Zeit angetreten, ohne dass sich die schöne Zeit jemals einstellen würde.
Das Ziel nämlich, die berühmte Sonnenkugel von Knoxville, ist ein Relikt der Weltausstellung 1982 und damit die Urkunde, dass sich die Welt seit damals 15 Jahren längst wieder von Tennessee abgewendet hat. Womit die Reise zur Verkörperung der These wird, dass der Weg das eigentliche Ziel ist.
Vor allem Barts Rolle als “Oberhaupt” der Gruppe überzeugt in Parallele zum Verhalten eines Familienvaters, der seine Kinder in Zaum halten muss. Bart freilich macht das genaue Gegenteil und so nimmt das Abenteuer Wendungen, wie es sie im Grunde genommen nur im Trickfilm geben kann. Dennoch bleibt das Menschliche nicht außen vor - im Gegenteil, es ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis, Träume auszuleben, auch wenn man oftmals Filme (und Serien) braucht, die einem diesen Job abnehmen. Und die dann zeigen, dass es nicht der Traum selbst ist, dem man hinterherjagt, sondern der Weg, ihn zu erreichen.
EPISODE 21
22 KURZFILME ÜBER SPRINGFIELD (22 Short Films About Springfield)
Deutsche Erstausstrahlung: 28.11.1996
US-Erstausstrahlung: 14.04.1996
Inhalt: An einem öden und langweiligen Nachmittag fragen sich Bart und Milhouse, ob überhaupt irgendwas interessantes in Springfield passiert - 22 Kurzfilme liefern den Beweis, dass auch in einem scheinbar verschlafenen Nest so einiges abgehen kann! (Booklet-Text)
Es war klar, dass die Simpsons, ihrerseits Aushängeschilder der Postmoderne, das andere populäre Aushängeschild der Postmoderne irgendwann verarbeiten mussten - Quentin Tarantinos “Pulp Fiction” nämlich.
“22 Short Films About Springfield” (der Titel spielt an auf “32 Short Films About Glenn Gould”) verwendet zwei Jahre danach nicht bloß einzelne Szenen der berüchtigten Gangsterballade, sie zelebriert vor allem dessen delinearen Erzählstil und damit die Abkehr von der klassischen Dramaturgie, welche die Inhalte in eine lose Verknüpfung setzt und sie soweit ins Profane zieht, dass ihre Bedeutung bzw. ihr Sinn ins Unsichtbare verschwindet.
In aller Regel verfolgt die Serie bekanntermaßen das klassische Dreiakt-Modell. Den Autoren gelingt es nun, die eigenen Strukturen mit den Mitteln des Episodenformats narrativ bloßzustellen. Zwar wird auf die Zeitsprünge von “Pulp Fiction” verzichtet, dennoch ist die Wirkung enorm: Die Figuren werden in einer Charakterspirale festgehalten und reduzieren sich von einer Sekunde auf die andere zu Stereotypen.
Während man gerade in den Staffeln zwei bis vier darum bemüht war, erstmals die Nebenfiguren (also alles außer die Familie Simpson) in den Vordergrund zu zerren und sie im Zuge ihrer jeweiligen Geschichte Entwicklungen durchleben zu lassen, lässt die kurze Dauer der “22 Short Films” dies nun gar nicht zu.
Vor allem bekommen jetzt Charaktere aus der dritten Reihe ihre paar Sekunden Ruhm: Der Bienenmann (dessen echtes Leben sich nicht sonderlich von seinen Showauftritten unterscheidet), Cletus (der besonnen seinen Weg geht und in seiner hinterwäldlerischen Art unheimlich glücklich ist), Herman (der zwar vor “Pulp Fiction” erfunden wurde, aber dem Ladenbesitzer aus diesem Film derart gleicht, dass man meinen könnte, er sei nur für diese Rolle geschaffen worden). All ihre Geschichten verknüpfen sich durch zufällige Anordnungen in Szenenübergängen. Mal wird dem Flug einer Biene von einem Schauplatz zum anderen gefolgt, mal löst eine Figur etwas aus, was für eine andere Figur den beginn eines kleinen Abenteuers bedeutet. Der Blick wird auf das “Dazwischen” gelegt, jene Schauplätze zwischen den regulären Episoden, wo man eigentlich nichts von Belang erwarten würde - und überrascht ist, dass es auch dort recht turbulent zugehen kann. Zumindest Springfield selbst, wenn schon nicht seinen Bewohnern, wird damit eine Entwicklung zuteil; nie wirkte die Kleinstadt lebhafter als durch den Blick auf ihre Peripherie.
Es klingt zwar etwas moralisch, wenn Bart am Ende sinngemäß meint “... siehst du Milhouse, es scheint ja doch einiges zu passieren in unserem kleinen Städtchen”, aber der Clou ist ja gerade der, dass eine solche Moral gar nicht auftaucht.
Was bei all dem liebevollen Gefühl für Details und den Gags im Kleinen die Episode letztlich zu Fall bringt, ist der Umstand, dass das Postmoderne seinesgleichen nicht nochmals postmodernisieren kann. Deswegen fehlt die bekannte Doppelbödigkeit nahezu vollständig. Es entsteht das Gefühl, einer “Pulp Fiction”-Nacherzählung oder Neuinterpretation beizuwohnen; “Pulp Fiction” selbst wird jedoch nicht aus einem Meta-Blickwinkel dargestellt. Kann es auch nicht, weil die “Simpsons” sich - wenigstens seinerzeit, 1996 - auf dem exakt gleichen Level bewegen. Heute würde das vielleicht wieder anders aussehen.
EPISODE 22
SIMPSON UND SEIN ENKEL IN “DIE SCHATZSUCHE” (Raging Abe Simpson And His Grumbling Grandson In “The Curse Of The Flying Hellfish”)
Deutsche Erstausstrahlung: 29.11.1996
US-Erstausstrahlung: 28.04.1996
Inhalt: Grandpa Simpson hütet ein lukratives Kriegsgeheimnis, denn er weiß, wo ein damals vergrabener Schatz zu finden ist. Wenn er der letzte Überlebende seiner Einheit wäre, wäre er glücklicher Schatzbesitzer. Doch leider ist er nicht der Letzte - Mr. Burns ist auch noch da! (Booklet-Text)
“Indiana Jones” und andere Mythensagen gleicher Tradition müssen aufhorchen, als sich Grampa Simpsons Ammenmärchen diesmal als Wahrheit herausstellen. Die Tradition solcher Sagen ist es, der jegliche Würde genommen wird. Erst die Chöre geheimnisvoll anschwellen lassen, sie dann mit einem Gag zu stürzen - auf diesem Prinzip baut Jeffrey Lynchs mit Aufwand realisierte Geschichte auf.
Es werden Rückblenden gebraucht, angereichert mit Reminiszenzen an Kriegsfilmklassiker und aufgepeppt durch die Väter altbekannter Springfield-Charaktere, die neben Abe Simpson und dem Original-Mr. Burns den legendären “Flying Hellfish” angehörten: von Wiggum über Skinner zu Gumble, alle sind sie da. Die Gegenwart dann in extravagantem Zwielicht mit hübschen, aber schwer zu bewerkstelligenden Schattierungen von Objekten und Personen. Durch und durch wird das Flair klassischer Fantasy-Abenteuer zelebriert, zuletzt gesehen in Guillermo del Toros “Hellboy” samt Fortsetzung.
Wer mit so viel Liebe fürs Detail einen Erzählstil mit Simpson’schen Werkzeugen demontiert, läuft Gefahr, sich in der Faszination der sogkräftigen Bilder zu verlieren, so wie man es meinen könnte, wenn man Burns und Abe bedeutungsschwanger im Regen auf dem Friedhof stehen sieht, der Scheinwerfer im Begriff ist, das Geheimversteck preiszugeben, oder wenn sich Enkel und Opa umarmen - doch rutscht Abe die Hose im ungünstigsten Moment herunter, der Scheinwerfer bleibt mitten im Gewässer stehen und die Umarmung wird durch einen überheblichen Deutschen gebrochen, der die Szene als homosexuell fehlinterpretiert. Kurz: es gelingt formidabel, jeden magischen Moment mit dem perfekten Timing auszuhebeln, um ihn ins Lächerliche zu ziehen.
Einige Handlungen können infolge dessen rüde wirken (zwar hält man Burns für bösartig, aber nicht so bösartig, dass er einen kleinen Jungen in eine Kiste treten würde und diese Kiste ins Wasser fallen ließe), sind aber selbstverständlich nicht auf die Charaktere zu übertragen, sondern den klassischen Motiven eines solchen Abenteuers zu verdanken - auch wenn es schwer fällt, zwischen dem gewöhnlichen Serien-Burns und dem speziellen Hellfish-Burns eine Grenze zu ziehen.
Unter dem Strich bleibt eine Episode, die sich vom Rest abhebt, und sei es nur durch die ungewöhnliche Kombination Bart und Grampa, da sich beide ansonsten doch sehr aus dem Weg gehen.
EPISODE 23
VOLKSABSTIMMUNG IN SPRINGFIELD (Much Apu About Nothing)
Deutsche Erstausstrahlung: 02.12.1996
US-Erstausstrahlung: 05.05.1996
Inhalt: Springfield geht verschärft gegen illegale Einwanderer vor und natürlich ist auch Homer voll bei der Sache, bis er mitbekommt, dass Apu illegal im Land ist. Apus letzte Hoffnung sind falsche Papiere, doch zum Glück hat Lisa dann eine bessere Idee. (Booklet-Text)
Diese politisch motivierte Folge beginnt mal wieder mit einem hervorragenden Einstieg, der nicht nur logisch mit dem Mainplot verknüpft ist, sondern dazu - so absurd er sich auch anhören mag - auf realen Ereignissen beruht: Springfield führt eine Bärenpatrouille-Steuer ein. Auslöser ist das Auftauchen eines einzelnen Bärs vor Flanders Haus, und dieses singuläre Ereignis bringt die Stadtverwaltung zum Glühen. Der populistische Bürgermeister folgt den Wünschen des Volkes, sieht das Volk dann aber aufgebracht, als es auf der Lohnabrechnung die Steuer für jene Einrichtung bemerkt, die das Volk selbst gefordert hat. Nicht nur Quimby fragt da verdutzt “sind die dumm?”
Dem verirrten Bären wird ein ganzes Arsenal an Abwehr entgegengebracht, dass die Begriffe “Paranoia”, “Protektionismus” und “Kalter Krieg” nicht mehr fern liegen.
Das ganze Schlamassel wirft so viele Probleme auf, dass ein Sündenbock gesucht werden muss, und da wird man schnell fündig: die Ausländer sind schuld und müssen raus aus Amerika!
Auftritt Apu. Die Einwandererthematik kommt immer mal wieder durch, diesmal wird sie zum Hauptanliegen gemacht. Der Inder sieht sich gezwungen, eine Amerikanisierung zu durchleben, möchte er in seinem Land bleiben. Es wird die Paradoxie aufgedeckt, dass manche Ausländer in ihrem Naturell “amerikanischer” sind als viele Amerikaner. Auswahlkriterien werden ins Lächerliche gezogen, in einer Rückblende gar wird der Kopf der Freiheitsstatue von den Eltern von Abe Simpson, die selbst Einwanderer waren, faktisch und metaphorisch mit Müll gefüllt.
Das Wahlsystem erweist sich als absurd, die Aufnahmeprüfung als willkürlich. Als Apu im Mets-Shirt mit Cowboy-Hut Tom Cruise und Nicole Kidman auf dem Cover der “Entertainment Weekly” als höchste Errungenschaft preist, wird das ganze Ausmaß der Scharade überdeutlich.
Aufgelöst wird die Geschichte ungewöhnt konventionell, mit Hinweis nämlich auf die multikulturelle Identität der “Salad Bowl” Amerika, auf die Spitze getrieben durch eine heißblütige Rede Homers beim Barbecue. Zwar wird Hausmeister Willie noch unfreiwillig aufs nächste Schiff gesetzt und damit ein letzter Treffer gesetzt, etwas mehr hätte man als Abschluss aber schon erwarten können, auch weil die schwierige Thematik bis zum unglücklich moralischen Ende mit Bravour gemeistert wird.
EPISODE 24
HOMER AUF TOURNEE (Homerpalooza)
Deutsche Erstausstrahlung: 03.12.1996
US-Erstausstrahlung: 19.05.1996
Inhalt: Homer tourt mit berühmten Rockbands durchs ganze Land und beglückt das Publikum damit, dass er Kanonenkugeln mit seinem Bauch auffängt. Eine coole Nummer, als jedoch ein Springfield-Auftritt ansteht, ist sich Homer seiner Sache nicht mehr ganz so sicher. (Booklet-Text)
Als “Homerpalooza” seine Erstausstrahlung feierte, war ein Sender noch ganz groß: MTV. Dort sorgte Mike Judge seit drei Jahren mit den Taugenichtsen Beavis und Butt-Head für Zynismus pur gegenüber der aktuellen “Generation X”-Kultur, die sich für nichts interessierte und alles verneinte, inklusive sich selbst.
Was für ein wunderbarer Moment also, als Homer seine Kids (und deren Mitschüler) zu einem Konzert fährt und ihnen seine Art erläutert, abzurocken: er beJAHT das Leben, indem er ekstatisch mit seinem Kopf nickt. Zwei Kulturen stoßen aufeinander, und als Homer im Plattenladen steht und ratlos auf die Plakate von “Sonic Youth” und “Nine Inch Nails” starrt, wird klar: es geht auch um Verjährung.
Auf dem Hollapalooza sind unter anderem besagte Sonic Youth nebst Cypress Hill und den Smashing Pumpkins zu finden und mit unheimlich ausdrucksstarken Auftritten gesegnet. Die Musiker der Truppe um Billy Corgan greifen versiert, aber gelangweilt in die Instrumente, Cypress Hill missbrauchen ein Orchester, Sonic Youth machen sich am liebsten über das Frühstück her und das langhaarige Publikum schwankt wie in Massenhypnose von einem Punkt auf den anderen, zombieähnlich ins Leere starrend (und nicht etwa auf die vermeintlichen Idole vor ihnen auf der Bühne).
Als einzige Möglichkeit, einem Herausgewachsenen der Generation “Rock’n’Roll” in den Augen der “Generation X” Coolness zu verpassen, ist der oberflächliche Reiz des Freaktums, in das sich Homer als “Kanonenkugelmann” mit Freuden begibt, um seinem Sohn zu imponieren. Personen definieren sich über ihre Fähigkeit zur Selbstverstümmelung, was gewissermaßen den Kult um “Jackass” schon vorwegnimmt. Die transportierte Botschaft ist standardmäßig und zu vernachlässigen, interessanter ist da schon, wie zielgenau die paradoxe Attitüde der Grunge-Bewegung der 90er Jahre erfasst und aufgedeckt wird. Und in diesem Zusammenhang wage ich fast zu behaupten, nie wurden Gaststars cooler eingebaut als hier.
EPISODE 25
EIN SOMMER FÜR LISA (Summer Of 4 Ft.2)
Deutsche Erstausstrahlung: 04.12.1996
US-Erstausstrahlung: 19.05.1996
Inhalt: Sommerzeit, Ferienzeit. Auch der Simpsons-Clan genießt das Nichtstun am Strand. Für Lisa sind es ganz besondere Ferien, denn bei ihren neuen Urlaubsfreunden ist sie total beliebt. Ganz im Gegensatz zu Bart, der nur uncool nervt. Klar, dass er das nicht auf sich sitzen lassen kann! (Booklet-Text)
Wer “Stand by Me” kennt, der weiß in etwa, welch wundervoll wehmütiges Gefühl es ist, das auch von “Ein Sommer für Lisa” verströmt wird. Im Gegensatz zum auf Stephen King basierenden Coming of Age-Abenteuer jedoch steht im Season 7-Abschluss nicht die Gruppendynamik eines Freundeskreises im Vordergrund, sondern das Gegenteil, die Selbstfindung einer Einzelgängerin nämlich, wenngleich auch Lisa Simpson in diesem Sommer endlich Freunde findet.
Popularität steht auf der Zielflagge der Folge, die sich damit auseinandersetzt, mit welchen Mitteln Beliebtheit erreicht werden kann und welche dieser Mittel authentisch sind und welche nicht. In der gewohnten Alltagsumgebung kann die Erkenntnis nicht zu der aufstrebenden Schülerin durchreichen, sie würde lediglich in ihren Büchern versinken und die Welt um sich herum vergessen. Also geht es in den Urlaub, wo die Ausgangssituation ganz neu ist. Wenigstens fast; der liebe Bruder reist bereits mit einem Freund im Gepäck an, doch letztlich stellt sich das als nicht besonders großer Trumpf heraus; mit Milhouse lässt sich nun mal nicht angeben. Lisa muss nun verwundert feststellen, dass sie es ist, der das Interesse der “coolen Strandkids” (die übrigens die “Generation X”-Attitüde der vorhergehenden Episode fortführen; Zitat: “Yeah, stuff sucks!”) gilt, sie aber nun im Dilemma gefangen ist, ihre wahre Identität begraben zu haben und sich für jemand auszugeben, der sie nicht ist.
Die Regie spielt hervorragend mit diesen Zutaten - der Maskerade und Bart als explosives Gemisch, das binnen Sekunden alles hochgehen lassen könnte. Nebenher weiß Homer allerhand Unsinn anzustellen und Milhouse nimmt nahezu eine Hans-Maulwurf-Funktion ein, hat gleich drei der besten Szenen der kompletten Staffel (1: taucht unerwartet hinter der Cornflakes-Packung auf, nachdem Lisa ihren Bruder massiv angegiftet hat, 2: verliert Brille und hält prähistorische Sandassel für einen Hund und streichelt sie, 3: wird von Homer beim Spieleabend auf seine Ähnlichkeit zu dem Bild auf der “Niete”-Karte aufmerksam gemacht).
Dazu einige ausgezeichnete Setdesigns, starke Beleuchtung und Kameraperspektien, und es setzt sich ein nachhallendes Sommerabenteuer zusammen, das nostalgisch nicht nur auf diese Episode, sondern auf eine komplette Staffel zurückblicken lässt.
FAZIT
Die Mittneunziger-Staffel bringt, so hat sich gezeigt, viel Zeitgeistiges zuwege, hat also eher wenig von einem Märchen und wird der symbolischen 7 nicht so wirklich gerecht. Vielmehr handelt es sich um die Staffel mit der vielleicht gewaltigsten 90er-Jahre-Attitüde.
Nicht etwa, dass sie diese Attitüde selbst annehmen würde; vielmehr macht sie sich umfassend über sie lustig. Der Ausklang hallt einer Serie stets nach. Zuletzt steht zweimal die Mir-egal-Generation im Blickfeld und auch vorher schon werden gerne aktuelle Ereignisse aufgegriffen und in absurde Plots umgewandelt (“Volksabstimmung in Springfield”, “Die bösen Nachbarn”).
Der postmoderne Blickwinkel ist jederzeit greifbar, wird mit einer Hommage an “Pulp Fiction” einmal sogar selbst zum Thema gemacht (“22 Kurzfilme über Springfield”). Ansonsten gelingt einer supersaftige Mischung von allem, was irgendwie Spaß macht: Die Halloween-Folge erlebt einen Quantensprung (“Homer 3-D”), Homer findet seine Mutter wieder (“Wer ist Mona Simpson”), Grampa und Bart kämpfen sich durch ein Abenteuer Indiana Jones’schen Ausmaßes (“Simpson und sein Enkel in Die Schatzsuche”), Marge lernt die High Society kennen (“Eine Klasse für sich”), Maggie bleibt ungetauft (“Bei Simpsons stimmt was nicht”) und Lisa findet dank Paul McCartney zum Vegetarismus (“Lisa als Vegetarierin”). Es geschieht selten, dass mal etwas nicht funktioniert, was die Autoren sich dabei vorgenommen haben, und wenn, sind es meist nur Details, die nicht ganz stimmig sind.
Sich durch die siebte Staffel “kämpfen” kann man nur, wenn man dazu “gezwungen” ist, die komplexen Diskurse in Schrift und Wort zu verewigen, die sich durch den Gelbling-Konsum ergeben. Das soll alleine mein Fluch sein. Alle anderen dürfen sich weitere 25 Tage lang den Vorabend versüßen mit einer Prise Springfield, die noch immer nichts von ihrem Aroma verloren hat. Es soll auch noch mindestens drei Staffeln lang dauern, bis sich das ändern wird.