1972 war vielleicht das Jahr, als beim Blaxploitation-Film der Knoten platzte. In Position gebracht hatte sich das neue schwarze Kino schon in der zweiten Hälfte des vorhergehenden Jahrzehnts, angetrieben durch die Civil-Rights-Bewegung, mit der ein Beben durch die afroamerikanische Bevölkerung ging. Aber erst nach dem Erscheinen von „Sweet Sweetback’s Badaaasss Song“ und „Shaft“ (beide 1971) reagierte auch die Filmindustrie auf die verstärkte Nachfrage mit dem entsprechend breiten Angebot. Die Zahl der Produktionen stieg ab sofort enorm an, was letztlich Auswirkungen auf Sorgfalt und Güte in Sachen Drehbuch und Inszenierung haben musste. Die hochwertigen, teils oscarprämierten Rassismus-Thriller und -Dramen aus den 50er und 60er Jahren waren so gesehen der Kampf für eine neue Freiheit, auch reuelos schwarzes Unterhaltungskino machen zu dürfen. In den 70er Jahren folgte der verdiente Lohn: Funkige Arschtritte schwarzer Helden in weiße Ärsche, zu Dutzenden verteilt in sleazigen Genrestreifen. American International Pictures wollte da nicht hintenan stehen und kaperte zum Auftakt seiner hauseigenen Serie von Blaxploitation-Beiträgen im August 1972 gleich zwei Genres auf einmal: den Horror in „Blacula“, die Action in „Slaughter“.
Der ebenso wie „Shaft“ nach dem Namen der Hauptfigur (und vielleicht auch nach seiner kompromisslosen Vorgehensweise) benannte Action-Beitrag, mit dem AIP startete, dokumentiert durch seine geradlinige, epigonische Struktur in gewisser Weise eine Welt, in der die Ziele der Bürgerrechtsbewegung kurz vor der Vollendung stehen. Immerhin steht nun ein schlagfertiger Afroamerikaner seinen Mann in einer Rolle, die bislang vor allem auf weiße Draufgänger zugeschnitten war. Mit Blick auf das Rachemotiv bietet sich Michael Caine in „Get Carter“ zum Vergleich an, aber auch unzählige Western stehen Pose, in denen Einzelgänger strategisch mit Bandenbossen und ihren psychotisch veranlagten Handlangern aufräumten. Im Grunde ist jede Wendung im Skript, jeder dumme Spruch, jeder Schusswechsel und jede Autoverfolgung schon einmal zuvor gedreht worden – nur eben mit anderen Autos, anderer Musik, anderer Kleidung und eben in einer anderen ethnischen Zusammensetzung.
Bei „Slaughter“ handelt es sich somit im Wesentlichen um Malen nach Zahlen, allerdings geht Regisseur Jack Starrett hier doch ein ziemlich geschmeidiger Streifen von der Hand, der von vorne bis hinten sauber getaktet ist. Kaum hat Billy Prestons fetziger Titelsong mit den voranpreschenden Gitarren-Sustains der Black-Sabbath-Schule eingesetzt, ist ein Tempo etabliert, das anschließend kaum mehr gedrosselt wird. Eine kurze Bombenexplosion aus dem Nichts und schon ist der Aufhänger gesetzt: Ein Badass will Rache für seine ermordeten Eltern und rückt der verantwortlichen Verbrecherbande mit einem unwiderstehlichen Mischverhältnis von 80 Prozent Muskeln und 20 Prozent Gehirn auf den Pelz.
In der Hauptrolle sehen wir Jim Brown, der die Amerikaner bis Mitte der 60er Jahre noch als einer der besten Runningbacks der NFL-Geschichte begeisterte, bevor er eine Zweitkarriere als Schauspieler anging. „Slaughter“ war nicht sein erster Part; man konnte ihn zuvor bereits in diversen Western, Kriegsfilmen (darunter „Das dreckige Dutzend“) und Dramen sehen. Im Krimi „The Split“ ergatterte er schon 1968 seine erste Hauptrolle, im Rassismus-Kleinstadtdrama „…tick…tick…tick…“ wandelte er 1970 bereits auf den Spuren Sidney Poitiers. „Slaughter“ sollte aber vielleicht seine erste „Jim Brown ist…“-Rolle werden, etwas, das man ganz speziell mit diesem Darsteller verbindet – eben genauso wie Richard Roundtree als „Shaft“, Ron O’Neal als Priest in „Superfly“ oder Fred Williamson als Tommy Gibbs in „Black Caesar“.
So baut der Hüne dann auch eine beachtliche Präsenz alleine aufgrund seiner potenten Ausstrahlung auf. Obwohl ihm vielleicht die emotionale Bandbreite fehlt, um das Rachemotiv stärker zu betonen, kauft man ihm ab, wie er sich unbarmherzig seinen Weg in die Reihen des Gegners bahnt und dort seine Harke schwingt – manchmal etwas überhitzt, damit sich die gewünschten Entwicklungen im Plot ergeben können, dann aber auch oft mit kühlem Kopf, wenn es darauf ankommt. Ob er dabei nun im schmucken Ziergarten mit der Braut des Gegners (Stella Stevens) Händchen hält oder munter die Schergen im Ringer-Stil vom Hochhaus wirft, juckt ihn herzlich wenig. Mit dieser lässigen Haltung qualifiziert sich Brown als einer der großen Charakterköpfe des Blaxploitation-Kinos.
Auf der Gegenseite zieht in erster Linie Rip Torn eine dicke Show ab. Der leuchtet bereits am Anfang des Films als kleiner Mitläufer so bunt, dass auf Anhieb klar ist, dass sein soziopathischer Problemlösungsstil ihn über kurz oder lang bis an die Spitze des Syndikats führen wird. Norman Alfe als sein Boss und erst recht all seine Kollegen bleiben dagegen so blass, dass sich zwischen Torn und Brown eine Erzfeindschaft aus der Ferne entwickeln kann, die keinerlei Störfaktoren unterliegt, egal wie viele Komparsen Brown dafür zunächst aus dem Weg räumen muss. Spätestens diese Konfliktmuster sind vom klassischen Western geerbt. Das zieht sich bis zum finalen Showdown Mann gegen Mann, obgleich hier eine rasant gefilmte Autoverfolgungsjagd mit brachialem Ende einsteht für das altmodische Schussduell – nicht die erste übrigens, denn zur Mitte muss sich der Held mit Hechtsprüngen und Ausweichmanövern gegen heranrasende Asphaltcowboys erwehren, während er anfangs selbst noch todesmutig in ein Auto steigt, um ein startendes Segelflugzeug vom Abheben abzuhalten.
Die Action ist im Allgemeinen ähnlich schnörkellos wie die Handlung und setzt vor allem auf griffige, kurze Einlagen, in der Regel Vollkörperkontakt oder Schusswaffeneinsatz an belebten Plätzen, wobei die Interieurs jeweils geschmackvoller sind als das Benehmen der Kontrahenten. „Slaughter“ überzeugt mit extravaganter, teuer wirkender Ausstattung, die oftmals ebenso sehr in Bewegung ist wie die Darsteller. Selbst einfachste Dialoge bekommen etwas Spritziges, wenn im Hintergrund ein großer Brunnen vor dem Hotel Camino Real in Mexico City das Wasser aufwirbelt oder Badegäste in den Pool der Innenanlage springen. Ein Glücksspiel-Etablissement lässt dann auch noch heftige „Casino Royale“-Assoziationen entstehen, so dass die Bond-Ähnlichkeiten auf dem Kinoplakat und im stilisierten Vorspann weit mehr sind als leere Versprechen. Von den Armenvierteln, die üblicherweise die Blaxploiter-Kulisse bilden, ist man offenbar einige Blocks entfernt. Da wähnt man sich schon eher in einem Urlaub, der einem gerade von ein paar Übergeschnappten mit Waffen versaut wurde.
Obwohl der Gewaltfaktor dabei nicht ausschlägt, sondern moderat genug bleibt, um immer noch für den Bond-Vergleich qualifiziert zu bleiben, gönnt man sich so manch anderen Hingucker, mit der sich Slaughters Welt ihren eigenen Stil schafft. Dazu gehört abgesehen von buschigen Frisuren und ausschlagender Garderobe beispielsweise ein Arsenal an schicken Karosserien, begonnen bei dem explodierenden Mercedes aus dem Prolog bis hin zu einem knallorangenen Ford Mustang, der trotz seines kurzen Auftritts allen die Show stiehlt. Zudem werden einige Klischees weißer Genre-Filme kurzerhand ins Gegenteil verkehrt: So sieht man Don Gordon als weißen Sidekick und Stichwortgeber des schwarzen Helden und ausgerechnet am blonden Blickfang Ann wird das Thema Sklaverei erörtert, wenn sie sich selbst als Eigentum ihres Bosses bezeichnet und von Slaughter darüber aufgeklärt wird, dass sie das nicht sein muss. Eine gemischtrassige Bettszene, die den harten Hund auf einmal butterweich werden lässt, setzt dann nochmal ein zusätzliches Zeichen gegen die rassistischen Nadelstiche, mit denen die Gegner ihm permanent zusetzen.
Als Fußnote lässt sich noch erwähnen, dass es sich um einen frühen Versuch handelt, den immer noch aktiven Vietnamkrieg für einen Rückkehrer-Hintergrund zu verwenden. Der dient quasi als Rechtfertigung für das wenig zimperliche Vorgehen Browns, der sich anders als so manche Veteranen der 80er immer noch über einen taufrischen Körper freuen darf, fast so, als habe der Verarbeitungsprozess noch nicht begonnen und der Killermodus sei noch nicht auf Standby gestellt. Dass die Baddies in der Zwischenzeit bereits mit ominösen Super-Computern hantieren, ist in diesem Kontext fast noch bedrohlicher als das Soziopathenlächeln Rip Torns, wird damit doch eine Zukunft in Aussicht gestellt, gegen die ein Green Beret alleine nichts ausrichten kann…
Der Vorwurf, mit dem letztlich der Untergang des Genres besiegelt wurde, lässt sich auch diesmal anwenden: Ein weißes Studio produziert einen billigen Reißer für ein schwarzes Publikum und verwendet dabei weiße Schablonen, um mit schwarzer Haut weißes Geld zu scheffeln. Nicht gerade die Formel, aus der Revolutionen gemacht sind. Dank der flotten Regie und des kernigen Hauptdarstellers ist „Slaughter“ aber ein überdurchschnittlich unterhaltsamer Genre-Beitrag, der mit einer Explosion beginnt, mit einer anderen endet und auf dem Weg dahin immer schön das Tempo hält. Die kommerziellen Absichten sind mit der Zeit verblasst; was bleibt, ist ein arschcooler Jim Brown, der kräftig zupackte, um dem schwarzen Kino Profil zu verleihen.