Eine Mutter wird von ihrem Sohn grausam geprügelt und gedemütigt, der wiederum von einer brutalen Schlägerbande in der Schule drangsaliert wird. Der Vater sieht dem Treiben teilnahmslos zu und versucht schließlich, die Gewalt in seiner Familie für ein Reality-TV-Format auszunutzen. Die erwachsene Tochter ist bereits weggezogen und verdient ihr Geld als Prostituierte. In diese dysfunktionale Familie bricht eines Tages ohne jeden erkennbaren Grund ein namenloser Fremder ein, mit dem scheinbaren unausgesprochenen Ziel, das kaputte Familiengefüge endgültig zu zerstören...
Was der japanische Viel- und Extremfilmer Takashi Miike in seinem so günstig wie effektiv gedrehten Familien-Albtraum-Drama „Visitor Q“ versammelt, scheint auf den ersten Blick eine willkürliche Aneinanderreihung im westlichen Kino kaum vorstellbarer Tabus zu sein: dermaßen freizügige Sexszenen, dass sie haarscharf an Pornografie entlang hangeln und den Darstellenden einiges abverlangen; das Erregen einer Frau, bis sie in höchster Ekstase Muttermilch verspritzt; Inzest, Lustmord und Nekrophilie. Immer wieder gibt es hier Szenen, bei denen man kaum glauben mag, dass jetzt tatsächlich so etwas gezeigt wird. Der Ekelfaktor wird mit unverblümter Plötzlichkeit und Unvorhersehbarkeit immer wieder eine Stufe höher getrieben: Da freut sich der Nekrophile, dass auch eine Frauenleiche noch feucht werden kann, nur um dann festzustellen, dass sich der Darm der Leiche unter ihm entleert hat. Mit diesem Film, obwohl inszenatorisch viel zurückhaltender als seine großen Klassiker „Audition“ und „Ichi the Killer“, hat Miike seinen Ruf als Japans Enfant terrible nachhaltig zementiert.
Dabei erweist sich der Eindruck bloßer Skandalträchtigkeit mit fortlaufendem Film als falsch. So krass und hemmungslos hier auch Perversionen und Brutalismen dargestellt werden, ist „Visitor Q“ im Kern doch eine Satire auf typische Familiendramen – wenn auch eine der radikalsten Sorte. So erweisen sich die einzelnen Elemente immer öfter als dermaßen übertrieben, dass es die Grenze zur Parodie weit übersteigt – die Milch abspritzende Mutter kommt schließlich so lange, dass ihr Geliebter einen Regenschirm aufspannt und die gesamte Küche unter Milch gesetzt wird (in der riesigen Lache suhlt sich später der brutale Sohn und wird dadurch wieder zum mutterfixierten, emotional verletzlichen Kind). Und Nekrophilie, Zerstückeln und Entsorgen einer Leiche und ein Dreifachmord erweisen sich als probates Mittel, um die entfremdeten Ehepartner wieder einander näher zu bringen. In diesem Sinne zeigt sich schließlich die überraschend gefühlvolle und zärtliche Schlussszene als große Pointe des Films, die dem unfassbaren Treiben bei allem Grotesken etwas so Menschliches und Sanftes verleiht (auch dank des wunderschönen Songs am Ende), dass sich „Visitor Q“ als hinter einem Filter aus Perversion und Ekel versteckte zarte Erzählung über Entfremdung, Liebe und Zusammenhalt entpuppt. Dramaturgisch ein ganz großer Wurf, der gerade durch seine eher unspektakuläre Inszenierung zu überraschen vermag.
Tatsächlich sieht man dem Film die sehr begrenzten finanziellen Mittel an. Bildqualität und Beleuchtung wechseln gern einmal innerhalb einer Szene (und nicht immer nur, weil zwischen Filmkamera und von den Agierenden verwendeter Handkamera gewechselt wird). Der Score bleibt die meiste Zeit über dezent bis nicht vorhanden, der Schnitt zwischen den Szenen erfolgt ruhig und erzeugt eine ziemlich distanzierte Atmosphäre, die die dargestellten Krassheiten mit beinahe dokumentarischem Duktus erfasst. Die Kamera bleibt nah an den Figuren, die ein wenig flach bleiben (zu überdreht sind ihre Eigenschaften, zu heftig ihre Handlungen). Stilistisch wirkt dennoch alles wie aus einem Guss, womit Miike beweist, dass man auch mit wenig Geld hervorragende Filme inszenieren kann.
Wer sich auf „Visitor Q“ einlässt, sollte mit unglaublichen Tabubrüchen, Perversionen und Abartigkeiten rechnen, aber auch mit einer Story, die hinter all dem Schmutz eine erstaunlich zärtliche Geschichte über verlorene Seelen erzählt. So erweist sich der Film neben seinem Fokus auf den Familienzusammenhalt auch als Erzählung über Gewaltmechanismen und Menschen, die in einer entmenschlichten Umgebung zu überleben versuchen. Faszinierend, abstoßend, überraschend – ein viel zu unbekannter, fesselnder Beitrag des vielleicht umstrittensten japanischen Regisseurs.