Review

Gesamtbesprechung

"Der menschliche Körper in seiner bekannten Form existiert nur, damit sich der Mensch in seiner Existenz bestätigt fühlt."

Ein Jahr vor "Matrix" erschuf Ryutaro Nagamura eine Anime-Dystopie in der die Unterscheidung zwischen realer und virtueller Welt bereits eine grundlegene Rolle spielt.

Die 13-jährige Lain Iwakura ist ein sehr scheues und unauffälliges Mädchen. Sie findet nur beschwerlich Kontakt zu anderen Mitschülern in der Schule. Ihr Vater beschäftigt sich vermehrt mit seinem als Navi bezeichneten Rechner und der "Wired", einem Vernetzungssystem ähnlich dem Internet. Ihre Mutter verhält sich ihr gegenüber absolut gleichgültig während ihre Schwester Mika ebenfalls kaum Interesse an Lain offenbart.
Als die Mitschülerin Chisa Yomoda Selbstmord begeht und noch weiterhin von ihr abgesendete E-Mails in der "Wired" kursieren, erhält auch Lain so eine. Chisa erzählt von einer Welt neben der realen und dass sie nur ihren Körper abgelegt hat, aber nicht wirklich tot sei. Die meisten halten diese Mails für einen schlechten Scherz, Lain forscht aber weiter.
Die Klassenkameradin Alice und ihre Freundinnen versuchen Lain mit in den Club Cyberia zu ziehen, damit sie ein wenig geselliger wird. Dort scheint man sie schon zu kennen, obwohl sie vormals noch nie in dem Club gewesen ist. Der Gleichaltrige Taro den sie im Club kennenlernt, verhilft ihr ihren Navi besser zu verstehen und zu modifizieren. Obwohl Lain eine gute Freundschaft zu Alice entwickelt entfernt sie sich mit der Zeit immer mehr von der realen Welt und begibt sich in die Tiefen der "Wired", wo sie auf unerklärliche Gerüchte über ein zweites Ich, ein gottähnliches Wesen sowie einer weiteren Evolutionsstufe der "Wired" stößt.

In der heutigen Zeit hat das Internet einen hohen Stellenwert erobert und ist fast nicht mehr aus unserer sozialen Struktur weg zu denken. In den Anfangszeiten bis heute wurde kontrovers darüber diskutiert, wie sich die Lebensweise des Menschen dadurch verändert. Es ist ersichtlich, dass der Mensch sich auf die technischen, kommerziellen und komfortablen Vorteile des mittlerweile von fast überall erreichbaren Netzes angepasst hat. Aber inwiefern verliert er sich darin?

Dieses Thema greift sich "Serial Experiments Lain" und stellt vorwiegend existenzielle Fragen über das Lebewesen Mensch. Wie beinflusst der Computer unser Leben? Wie verändern sich Verhaltensweise und soziale Eigenschaften des Menschen? Überschreiten wir Grenzen die unser Gehirn von dessen Kapazität überfordert? Verlieren wir durch die Befriedigung unserer Bedürfnisse über das Netz unsere Menschlichkeit? Und worin bestätigt sich überhaupt unsere Existenz?
Bereits durch diese Fragestellungen ist ersichtlich, dass die Serie eines anspruchsvollerem Rahmen Bedarf. Der Zuschauer wird durch die Themen und deren visuelle Ausarbeitung geradezu zum mitdenken genötigt. Und dies gestaltet sich meist als alles andere als einfach, da die komplexe Handlung bruchstückhaft erzählt wird. Handlungsstränge werden bewusst unterbrochen oder nicht zu Ende geführt. Vieles bleibt dem Zuschauer verschlossen und wird nicht zeitnah oder eindeutig aufgelöst. Es obliegt dem Zuschauer sich eine eigene Lösung der Mysterien zu erarbeiten. Hierbei kann "Serial Experiments Lain" lange Zeit fesseln, hin und wieder aber auch durch undeutige preisgabe oder schwer verfolgbare Indizien verwirren.
Da auch im vorgezogenen Finale keine eindeutige Auflösung geboten wird, sind die Interpretationsansätze endlos und stellen einen unerschöpflichen Diskussionsbedarf dar.

"Serial Experiments Lain" wird durch eine depressive Grundstimmung geformt, Humor ist eine wahre Seltenheit. Im Gegensatz zu obrig genanntem Blockbuster setzt die Anime-Serie nicht auf eine action- oder temporeiche Präsentation, gleichfalls aber auf eine visuell gehobene. Obwohl die meist minimalistischen Zeichnungen wenig Details bieten und auf einige Standbilder sowie ablesbare Texttafeln zurückgegriffen wird, sind es gerade diese experimentell anmutenden Bilder, die zu einem Großteil der dichten Atmosphäre führen.
Die kargen, schemenhaften Zeichnungen erweisen sich als Überbringer unheimlicher, gar gruseliger Momente. Noch verstörender wird der Eindruck durch die stimmungsvolle Geräuschkulisse elektronischer Musik sowie immer wiederkehrender summender Klänge. Das Intro hingegen bietet einen beruhigend melancholischen Ohrwurm.
Durch die Themen wurden zusätzlich einige Computeranimationen, surreale Bilder und nicht gezeichnetes Archivmaterial verwendet.

Ungewöhnlich fällt das gewollt realistische Charakterdesign aus, welches im Gegensatz zu anderen Animes nicht auf übergroße Augen oder physikalisch unkorrekte Körper, sondern auf realistische Gesichter und Staturen setzt. Hauptfigur bildet das titelgebende Mädchen Lain, die bis auf ein paar Ausnahmen ständig im Mittelpunkt der Handlung steht und schnell den Bezug zum Zuschauer herstellt. Bei der Vielzahl an Nebencharakteren fallen die meisten nur oberflächlich aus, die wichtigsten gehen aber eine nachvollziehbare Wandlung durch.
Durch die abgewandelten, technischen Begriffe ist ein allgemeines technisches Verständnis von Vorteil. Die Synchronisation liegt auf hohem Niveu, hat allerdings hin und wieder Einbrüche wenn es um die Wiedergabe der Stimmung der Figuren geht.

"Serial Experiments Lain" ist in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich. Neben der durchgängig erzählten Geschichte, die kurze Aussetzer nicht von sich weisen kann, greifen manche Folgen zu innovativen Mitteln. Gerade in späteren Folgen mehrt sich dies. Ereignisse wie der angebliche UFO-Absturz von Roswell werden mit echtem Archivmaterial erläutert, ebenso physikalische Wissenschaften, die direkt in die Handlung eingebunden werden. Eine Zusammenfassung der bisherigen Geschichte erfolgt in Form von einer schnell geschnittenen Informationsflut und führt zu einer regelrechten Vergewaltigung des Kopfes.
Episodentitel stellen meist Wortspielereien dar, die letzten drei Folgen unterscheiden sich grundlegend in ihrem Intro.

Mit nur 13 Folgen ist die Anime Serie übersichtlich geraten, ganz im Gegensatz zu seiner Handlung. Voll gepackt mit Informationen fordert die Serie vollste Aufmerksamkeit, entfaltet ihr Potential aber erst langsam und bietet ein audiovisuelles Ereignis. Durch innovative Ideen, philosophische Themen, originelles Design sowie einer unglaublich dichten Atmosphäre befindet sich der psychologische Egotrip des Mädchens Lain ganz Nahe an der Perfektion. Allerdings nur für ein anspruchsvolles Publikum, alle anderen schalten schon früher ab.

9 / 10

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