Review

Im Rahmenprogramm des sechsjährigen Bestehens des “Geheimnisvollen Filmclubs Buio Omega” wurde der vorliegende Film von Ausnahmeregisseur Renato Polselli gezeigt, der eines der obskursten Werke italienischer Sleaze-Ware darstellt, das ich je gesehen habe! Da ich erst nach fast einem Monat Verspätung den Text zum Film geschrieben, ist es durchaus möglich, daß ich nicht mehr alle Feinheiten aus meinem betagten Gedächtnis herausarbeiten konnte und wichtige Details übersehen, unterschlagen oder verwechselt haben könnte. Dennoch ist es mein persönliches Bestreben, den Film nicht völlig in Vergessenheit geraten zu lassen. So sei es!

Im Auftakt des nachhaltig verwirrenden Plots geht es um einen Schriftsteller namens Roybert Edwood (Iscario Ravaioli), der seinem Leben ein Ende bereiten will. Grund dafür ist seine katastrophale Beziehung mit der kaltschnäuzigen Diana (Rita Calderoni), die ihn immer wieder Hiebe mit der Liebespeitsche beschert, indem sie ihn mit einer Mulattin betrügt. Der Egoismus dieser Frau mit einem Herz aus Stein treibt ihn dazu russisches Roulette zu spielen, doch die Feigheit siegt ob der Hoffnung, daß sich Diana doch noch zu ihm hinreißen läßt. Roybert ruft sie an und verkündet seinen geplanten Selbstmord und erreicht damit, daß Diana ihn eilend aufsucht. Doch nicht, um ihn Trost zu spenden, sondern um ihm weitere verbale Schälte zu verpassen. In dem Wortgefecht ergreift Robert ein großes Küchenmesser und hält es an seinen Unterleib, ergreift die Hände Dianas und stößt zu und bricht blutend tot zusammen. Diana ist erschüttert und versucht die Leiche und alle Beweise zu beseitigen, da sie befürchtet des Mordes angeklagt zu werden. In all ihrer Hast wird sie von dem verrückten Nachbarn Totoletto (Sergio Ammirata) überrascht, der am Fenster stehend angibt alles mitangesehen zu haben. Mit seinem Wissen setzt er Diana unter Druck und treibt böse, sexistische Spiele mit ihr, um sie für seine erotischen Wünsche gefügig zu machen. Das weitere Treiben bringt Diana an den Rand des Wahnsinns, denn unter der psychischen Belastung glaubt sie immer wieder, den versteckten Leichnam Royberts an verschieden Orten des Hauses zu sehen. Ist es nur ihre blühende Phantasie oder treibt jemand ein bitterböses Spiel mit ihr?

Diese Antwort wird selbstverständlich erst zum Schluß verraten, aber sie kristallisiert sich schon im vorherigen Handlungsablauf heraus. Als Zuschauer wird man selber auf falsche Fährten gelockt und mit surrealen Spielereien verwirrt. Die Darsteller werden mit der Kamera in schräge Blickwinkel gesetzt und farbenfrohes Lichtspiel wird im Hintergrund getrieben. Des öfteren teilen sich während mehrerer Dialogszenen abwechselnd nur die Häupter der Darsteller und die im Hintergrund ablaufenden Farbenspielereien das Leinwandgeschehen, womit Kameramann Ugo Brunelli zuweilen eine völlig psychedelische Bildkomposition erschafft. Diese unkonventionellen Stilmittel erzeugen den Eindruck, als hätte Polselli unter Drogen gestanden, als er den Film drehte. Weiterhin ist das Agieren der Protagonisten bar jeglicher Logik und gipfelt in Sergio Ammirata als Totoletto. Völlig verrückt und homosexuell angehaucht präsentiert er sich in seinem Satin-Morgenrock und verzehrt gar teilnahmslos ein Dutzend Eier, während Rita Calderoni als Diana um ihren Verstand ringt. Zu diesem Szenario gesellen sich noch weitere Absurditäten, wenn zum Beispiel Totoletto der zarten Lionita, Dianas dunkelhäutige „Liebessklavin“ (wenn mich nicht alles täuscht von Marie Paule Bastin gespielt), befielt, ihre „Herrin“ auszupeitschen. Der gnadenlose Höhepunkt ist wohl jene Szene, in der Totoletto sie fesselt und mit Fleischstücken belegt, sodaß sein gieriger Hund ihr das Fleisch vom Körper schleckt; man könnte auch glauben, die beiden koitieren miteinander! (Übrigens, Ammirata war auch in Polsellis sexistischem Mondo-Thriller RIVELAZIONI DI UNO PSICHIATRA SUL MONDO PERVERSO DEL SESSO zu sehen und spielte in mehreren Filmen des talentierten Regisseurs Ferdinando Di Leo mit.)

Daß mit Nacktszenen nicht gegeizt wird, versteht sich dabei von selbst, und davon hat der Film reichlich. Allerdings hat die deutsche Fassung mehr davon als ursprünglich geplant. Polselli drehte gleich mehrere Versionen bzw. einige Szenen nach. Die zusätzlichen Sexszenen gehen dabei auf das Konto von Produzent Alois Brunner, der damit dem Gewinn von schnödem Mammon entgegeneifern wollte. Leider funktionieren diese Szenen überhaupt nicht und machen dieses kammerspielartige Beziehungsdrama noch wirrer als es ohnehin schon ist. Besonders im finale grande – hier entpuppt sich Royberts Selbstmord als listiges Komplott mit dem skurrilen Faun von nebenan, um seiner verhängnisvollen Liebhaberin in den seelischen Ruin zu stürzen – bringt das einen ungemeinen Mißstand mit sich: Hier werden plötzlich mitten im wichtigen Dialog Szenen orgiastischaktiver Nackedeis gesetzt. Dabei wird die Dramaturgie des Schlußaktes arg gebeutelt, alldieweil Totoletto seine Liebe zu Diana gesteht und seinen Komplizen endgültig ins Jenseits befördert. Solcherlei Mißachtung gegenüber dem Spannungsbogen, der ohnehin schon mit einigen Längen zu kämpfen hat, ist mitnichten verzeihlich. Und Schadenfreude ist bekanntlich die schönste Freude, denn anscheinend ging Brunners Absicht voll daneben. Zumindest könnte man das an dem Umstand festmachen, daß der Film hierzulande lediglich im Kino zu sehen war (mit dem göttlichen Verleihtitel DAS LUSTHAUS TEUFLISCHER BEGIERDEN). Selbst im Ausland fand der Streifen kaum Beachtung und geriet schnell in Vergessenheit. Selbst im Ausland fand der Streifen kaum Beachtung und geriet schnell in Vergessenheit. Wie „Sailor Ripley“ vom „Filmclub Buio Omega“ ansagte, sei der Film extra weitgehend restauriert worden und in der möglich vollständigsten Fassung zu sehen. Angeblich sollen noch nachgedrehte Hardcore-Szenen existieren, aber diese wurden uns (dem Publikum) gottlob erspart.

Zuweilen regt sich auch eine subtile Gruselatmosphäre, die mit dem antiquierten Inventar des Tatortes eine Anlehnung an die klassischen Schauerstücke gotischer Art aus den 60er Jahren darstellt. Für Renato Polselli ist das auch bei weitem kein Neuland, so schuf er doch bereits die zwei hervorragenden Gotik-Horrorfilme L’AMANTE DEL VAMPIRO (DIE GELIEBTE DES VAMPIRS, 1960) und IL MOSTRO DELL'OPERA (1964), eine Vampir-Variante von Gaston Leroux’ Bestseller „Das Phantom der Oper“. Und Horroraspekte gibt es in LA VERITÀ SECONDO SATANA auch trotz der ausgiebigen Fleischbeschau zu erleben, wenn Diana ihren totgesagten Lover mit weit aufgerissenen Augen und blutbeträufeltem Mund an verschiedenen Orten sieht, an denen er sich gar nicht befinden dürfte. Hier entsteht ein Wechselspiel aus Horror und Psychothriller, das aber nur selten zum Tragen kommt. Die Gründe dafür habe ich ja schon weiter oben schon angemerkt.

Immerhin sind mit Isarco Ravaioli und Rita Calderoni zwei Schauspieler vertreten, die Polselli mit der Zeit wie seine Westentasche kennen mußte, agierten sie doch in mehreren seiner Filme. So war Ravaioli u. a. in (dem bereits genannten) L’AMANTE DEL VAMPIRO zu sehen, als auch in RIVELAZIONI DI UNO PSICHIATRA SUL MONDO PERVERSO DEL SESSO (1973) und MANIA (1974), ebenfalls ein absurdes Thriller-Stück. Und Calderoni zeigte sich zusammen mit dem „scharlachroten Henker“ Mickey Hargitay in Polsellis Giallo DELIRIO CALDO (CRIME, 1972) und RITI, MAGIE NERE E SEGRETE ORGE NEL TRECENTO (1973).

Also, wer sich mit dem äußerst rar gesäten Schaffen Polsellis zu beschäftigen weiß und keine Scheu vor völlig unkonventionellen Bizzarerien hat, der sollte sich bei der nächsten Chance, dieses ungewöhnliche Sleaze-Werk zu sehen (was einem Gleichnis eine Nadel im Heuhaufen zu finden nahekommt!), wappnen und genießen.

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