Review

Ich liebe es, mit Doppelbödigkeiten an der Nase herumgeführt zu werden, soviel vorweg…

Kino, das ist Fiktion.
Das sind Geschichten, die gut oder schlecht ausgehen.
Komödien oder Tragödien.
Paare finden sich oder Helden sterben.
Letztendlich lässt sich alles auf diese zwei grundsätzlichen Storykonstrukte zurückführen.
Literarische Konzepte.
Und Kino fußt auf diesem literarischen Konzept, auf Drehbüchern.

Jetzt hat Marc Foster darüber einen Film gedreht.
Einen Film, eine Geschichte über einen Mann, der eines Tages bemerkt, dass er lediglich Teil einer Geschichte einer anderen Person, einer Autorin ist.
Sie schreibt ein Buch über ihn und sein Leben und alles, was er weiß, ist, dass er am Ende sterben wird.
Nun gilt es herauszufinden, ob er die Mechanismen der Geschichte überwinden kann und ob es sich um eine Komödie oder eine Tragödie handelt.
Liebe oder Tod…

Mit dieser Doppelbödigkeit, die Emma Thompsons Autoren zur auktorialen Schicksalsgöttin über Will Ferrells Schicksal, sieht sich das Publikum endlich einmal eine Figur in der dem Zuschauer sonst so eigenen Rolle, nicht zu wissen, was als nächstes geschieht.
Der Film selbst ist dabei weniger eine Analyse der gängigen Erzählstrukturen des Films, als vielmehr eine Spielerei mit denselben, denn so wie die Film/Buchfigur Harold Crick bemüht ist, herauszufinden, ob sein Buch/sein Leben eine Tragödie oder eine Komödie ist (es ist dermaßen neutral, das das schwer zu entscheiden ist), so schickt auch der Film den Zuschauer buchstäblich mit auf die Suche.

Denn bei genauer Betrachtung ist dieser Film eigentlich nicht überhaupt nicht witzig, dennoch ist das Publikum gehalten ständig zu schmunzeln oder zu lachen. Was der Zuschauer hier als komisch empfindet, ist nicht einmal überhöht oder übertrieben, sondern entsteht lediglich aus der Grundsituation des Ausgeliefertseins, das ein paar scheinbar skurile, aber nicht unmögliche Situationen begünstigt.
Hier liegt der Witz in der Tragik des Seins, das einsame, fast autistische Leben des Steuerfahnders Harold Crick, den gottgleiche und nicht zu erklärende Geschehnisse bewegen, sein Leben zu ändern.
Die Welt um ihn reagiert ebenfalls normal, eine Psychiaterin erklärt das Phänomen für Schizophrenie, ein Literaturprofessor nimmt die Idee und beginnt, das Rätsel literarisch zu analysieren und gleichzeitig entwickelt sich eine Art zarter Love Story. Was wiederum alles Elemente eines klassischen Dramas sind, das sich zu allen Seiten hin entwickeln kann.

Das macht die Rezeption natürlich für ein auf Unterhaltung fixiertes Publikum etwas schwieriger, als für diejenigen, die gleich auf Meta-Ebenen zuschauen.
Durch die komplexe Konstruktion wird das Interesse nämlich wach und in der Schwebe gehalten, es geschieht ständig etwas Interessantes, die Regie wahrt jedoch eine neutrale, nichts verratende Position, die nichts, aber auch gar nichts dazu tut, das ein Zuschauer den Plot auf die Schnelle in irgendeiner Erwartungsschublade ablegen kann.

Es ist keine rein emotionale Liebesgeschichte, keine temporeiche Komödie, kein richtig spannendes Drama – man sitzt und wartet ab und am wichtigsten: man lebt und leidet mit, weil man nicht mehr weiß, als die Autorin der Geschichte in der Geschichte – und die hat auch noch Schreibblockade…

Für dieses Konstrukt stand Marc Foster eine Besetzung zur Verfügung, die kaum trefflicher sein könnte. Für den sonst eher exaltiert spielenden Will Ferrell ist diese Rolle sicherlich ein großer Schritt voran, denn die sensible Zurückgezogenheit seiner Figur ist so unwiderstehlich hundeäugig, das ihn jeder sofort adoptieren möchte. Maggie Gyllenhaal gibt ein energiegeladenes Gegenstück als Freundin-in-spe und Emma Thompson spielt die blockadegeplagte Autorin mit genau dem Anteil spinnerter Abgedrehtheit, wie man sie von ihr im vergangenen Jahrzehnt viel zu selten gesehen hat.
Ergänzend brilliert ein geradezu staubtrocken spielender Dustin Hoffman (dem man bei seinen nichtigen Tätigkeiten stundenlang zusehen könnte, während er an Ferrell nölig herumanalysiert), während fähige Darsteller wie Queen Latifah oder Tom Hulce das Ensemble abrunden.

Gebrechen tut es Fosters Werk allerdings an einer schlüssigen oder überraschenden Auflösung, denn die Erwartungshaltung richtet sich auf eine knallige Pointe aus, die praktisch antiklimatisch umfahren wird.
Im Finale verlässt der Film überraschend die Pfade der dichterisch-erzählerischen Strukturen und gibt seinen Autorenanspruch zugunsten einer entlarvenden Sicht auf das moderne Kino auf, die zwar geschickt gewählt ist, aber leider nicht so geschickt umgesetzt ist.

Dennoch verbleibt „Schräger als Fiktion“ als der erste Film, der sich für ein Genre und gegen die Vollkommenheit entscheidet, nur weil die nächsthöhere Ebene, der Zuschauer, dies eher gebrauchen kann als den Triumph des Autors.
Ob das die richtige Entscheidung war, ist sicherlich auf ewig diskutabel, aber es ist auch eine zauberhafte Idee in Sachen Filmtheorie. Wundersame 8/10.

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