Der Mensch als Krümel im Universum, als unbedeutendes kleines Staubkorn in der unendlichen Weite der Erde, des Sonnensystems, des Alls, der Unendlichkeit. Verschiebt man die Perspektive des so gerne Ich-Bezogenen Alltags kann man schnell auf die Frage kommen, ob man als so unbedeutendes Etwas wirklich selbstbestimmt handelt, oder ob man Teil eines Großen und Ganzen ist. Eines galaktischen Planes, der die Handlungslinien so eindeutig vorherbestimmt, dass nur das blinde menschliche Individuum nicht begreifen kann, dass Wörter wie „Schicksal“ nicht nur eine romantische Bedeutung haben, wenn es so verschwenderisch mit seiner überaus begrenzten Lebenszeit umgeht. Harold Crick ist ein solches Individuum, gefangen in seinem eintönigen Alltag und damit sogar zufrieden, gibt er sich nicht seinen Sehnsüchten hin, sondern funktioniert als Rad im Getriebe der Geschichte, bis er eine Stimme hört...
Diese Stimme kommentiert sein eintöniges Dasein aufs genaueste. Harold ist irritiert. So etwas kann es doch gar nicht geben, so etwas sollte es nicht geben. Wie kann es sein, dass eine höhere Macht sein Leben und sein Dasein besser kennt, als er selbst? Wo führt das denn hin? Harold kommt sich vor, wie eine Figur in einem Roman, dessen literarischen Erzähler er immerzu hört. Dies liegt daran, dass Harold der Held in einem Roman IST.
„Schräger als Fiktion“ geht genau von dieser Prämisse aus und hat schon aufgrund dieser Idee beinahe gewonnen, denn sie ist ebenso ungewöhnlich wie genial. Harold wird durch die Stimme zunächst irritiert und dann immens wachgerüttelt, als die allwissende Frauenstimme Harolds kommendes Ableben anspricht. Von da an, versucht der literarische Held verzweifelt sein eigenes Leben in die Hand zu nehmen und der unbewussten Fremdbestimmung zu entkommen. Ab diesem Moment wird aus einem interessanten filmischen Experiment eine fesselnde Mischung aus Komödie, Drama und poetischer Parabel über das Leben an sich. An mehr als einer Stelle ertappt man sich beim Sehen dieses Filmes dabei, sich tiefgreifende Gedanken über sein eigenes Leben zu machen. Hat nicht jeder von uns unerfüllte Wünsche, die man einfach nicht angeht, weil man so im Alltagstrott gefangen ist, der einen schon so konditioniert hat, dass man diese immer weiter zurückstellt, bis sie nur noch einen kleinen Platz im Hinterkopf einnehmen, vergraben hinter alltäglichen Routinen, Verantwortungen, Pflichten und Ängsten? Harold wollte schon immer die Gitarre beherrschen (ein Wunsch, den er mit mir teilt) und wachgerüttelt durch die für ihn merkwürdigen Ereignisse, tut er es einfach. Zudem lässt er Liebe in seinem Leben zu, alles wendet sich zu seinem Besseren, wäre da nicht der drohende Tod, der ihm seine exklusive Erzählstimme seines Lebens vorhergesagt hätte.
Schon wenn man diese Stelle des Filmes erreicht hat, ist man gefesselt von seiner Poesie und Wahrheit, die Regisseur Marc Forster trotz dieser ungewöhnlichen Prämisse auf die Leinwand zeichnet. Doch Harold möchte sein neugewonnenes Leben nicht so einfach herschenken, so beginnt er zu kämpfen. Mit Hilfe eines Literaturprofessors ermittelt er die Autorin, die sein Leben erschaffen hat? Oder zumindest beschreibt und seinen Tod vorhersagt. In diesem Moment verschmilzen zwei bis dato parallele Welten in eine existente Realität. Die Autorin lebt in der gleichen Welt, wie ihre Hauptperson. Dieser geniale Twist ermöglicht ein fasznierendes Aufeindertreffen zwischen dem Held des Filmes und eines Romanes mit seiner Autorin. Dies ist auch die Stelle des Filmes, aus dem ein sehr guter Streifen ein Meisterwerk wird.
Marc Forster schafft das Kunststück aus einer mehr als skurrilen Grundidee einen Film zu erschaffen, der eigentlich überhaupt nicht skurril ist. Aus dieser Ausgangslage macht Forster einen Streifen, der in mancherlei Hinsicht sehr nah am echten Leben ist und dabei so manche menschliche Wahrheit enthält. Auf ganz wunderbare Weise vermischt er Fantasie und Realität zu einem spannenden, wie tragischen, wie komischen Konglomerat, das, wenn man sich auf „Schräger als Fiktion“ einlässt, gänzlich in seinen Bann zieht und bis zum ebenfalls perfekt gelungenen Schluß nicht mehr loslässt. Dazu tragen auch immer interessante Kameraeinstellungen, Montagen und begleitende Einblendungen bei, die die Erzählstimme, wiederum kommentieren. Das alles wirkt weder überladen noch aufgesetzt, sondern einfach kunstfertig und wie das Tüpfelchen auf dem auch so schon schönen „i“.
Doch die feinfühlige Regie Forsters ist bei solch einem Film nur die halbe Miete. Ein solch vielschichtiges Stück Film wird in besonderem Maße von den Darstellern getragen. Und diese agieren allesamt ausgezeichnet. Angefangen bei Will Ferrell, der die schwierige Aufgabe hat, den tragischen Protagonisten Harold zu spielen. Wer bei dem Namen Ferrell noch an Filme, wie „Ricky Bobby“ oder „Oldschool“ denkt und sich fragt, wie das denn passt, der wird schnell eines besseren belehrt, denn er agiert fantastisch. Selten sah man ihn so zurückhaltend und doch einnehmend. „Schräger als Fiktion“ könnte den endgültigen Durchbruch Ferrells als ernstzunehmenden Schauspieler bedeuten. Insofern ist „Schräger als Fiktion“ das, was für Jim Carrey der ebenfalls geniale „Die Truman Show“ war. Emma Thompson ist die gefrustete Autorin Karen, die schon seit zehn Jahren an ihrem Meisterwerk schreibt und kurz vor Vollendung mit „ihrem Geschöpf“ konfrontiert wird. Sie spielt ebenfalls absolut glaubwürdig und mitreißend. Die erstklassige (und perfekte) Besetzung wird durch solche Schauspielgrößen wie Dustin Hoffman, Queen Latifah und Maggie Gyllenhaal komplettiert. Gerade letztgenannte spielt wunderbar natürlich, dass man sich als männlicher Zuschauer fast in die rebellische Bäckerin verlieben MUSS. Beste Voraussetzung also, um sich mit dem Film zu identifizieren, ach was... um in den Film eintauchen zu können.
Vielleicht hat jeder einen Autor, der seine Lebensgeschichte schreibt? Vielleicht muß man einfach einen Blick von Oben auf sein eigenes Leben werfen, um zu erkennen, wo man es zum eigenen Seelenwohl verbessern kann? Ein Film, der es schafft, beim Betrachter solche Fragen aufzuwerfen, ganz nebenbei wohlgemerkt, verdient die Bezeichnung Meisterwerk. Gerade in Zeiten oberflächlicher Hollywoodunterhaltung, in der aus Autos Roboter werden, ist es wohltuend, einen zugleich zutiefst poetischen, wie unterhaltsamen und zudem wahren Film zu sehen. In Kombination mit einem Haufen erstklassiger Schauspieler, einem schönen Soundtrack und Forsters immer gelungenen optischen Umsetzung ergibt das ein Meisterwerk. Wiederhole ich mich? Das war dann wohl vorherbestimmt. Oder doch nicht?
Fazit:
10 / 10