Chopper(2000)
Stell dir einen toll ausgeleuchteten Supermarkt vor. Du bist im alltäglichen Konsumglück, schaust nach lieblichen Dingen die dich glücklich, reichlich satt und strahlendlächelnd dastehend lassen. Es ist die perfekte Neonröhrenglut, das herrliche naive Surren des Supermarktradio und die bunte wie hypnotisierende Atmosphäre, die dich zum 08/15 Menschen der westlichen Welt machen. Alles schön, der Regenbogen an der Kasse lacht blad. Payback, Rabattmarken und Gutscheine. Solide Klamotten, saubere Schuhe und die fesche Ray-Ban Brille mit Horn. Du drehst dich um, weil du noch etwas aus dem vegetarischen No-Go-Blähung Regal fischen möchtest und siehst IHN. Ein hässlicher Idealist. Groß, ungehobelt und jede Waage würde bei diesem Körper eine Zahl um die 100 anzeigen. Er passt hier nicht her. Unrasiert, speckig, finster blickend und doch...irgendwas ragt an diesem Mann heraus. Oh mein Gott!
Dieser bullige Penner hat den fettesten Ständer aller Zeiten und läuft locker flockig durch die Regale. Nicht nur die Horizontale ekelt und schwellt, sondern auch die Vertikale...verstörend! Bist du in einem Traum? Das ist anzunehmen und äußerst wahrscheinlich. Denn dein gezuckerstes Leben besteht aus ein bisschen Geld, ein bisschen Wohlstand und ein bisschen Angst...alles geschürt durch den verstummenden Wahnsinn ständig informiert zu sein. Staat, Medienapparat und Banken funktionieren. Aber dieses Bild vom idealistischen Punk macht dich wund, unbequem und fahrig. Was ist es, dass diesen Affen so geil macht? Ich finde ihn abstoßend. Seine bullige Aura, die seltsamen Flecken auf der Kleidung und der Bart. Dieser Bart geht gar nicht. Als wäre dieser Honk in den 90ern stehen geblieben. Aber zunehmend hasse ich meine gebügeltes, poliertes und glasiertes Leben. Ich sehe diesen Mann, der sich nichts weiter leisten kann als das Nötigste - er klaut wahrscheinlich und ist alles andere als nüchtern. Er muss für ALL das keine Minute am Tag arbeiten und in seiner ganzen Wucht verbreitet er sogar eine dezente Fröhlichkeit. Die Studenten da drüben müssen kichern. Beulenhumor nennt man das wohl.
Sieh ihn die an. Ich glaube da klebt Blut an seinem hässlichen Pulli - der wohl mal weiß war. Oh Gott, er schaut zu mir rüber. Hoffentlich sticht er mich nicht nieder. Dieser Ständer macht mir schon mit der Hose Drumherum angst. Plötzlich fühle ich mich anders mit meinem verweichlichten Leben...
Ja, Chopper ist ein ziemlich schräger Film. Andrew Domink's Debut lässt viele Gedanken zu. Dieser unheimlich talentierte Regisseur haucht der verstorbenen Gefängnislegende Mark "Chopper" Read(1954 - 2013) ein so krasses wie vertracktes Leben ein, dass einem beim schauen richtig warm wird. Dieser australischer Brutalo ist ALLES! In einem Moment gefühlvoll und im nächsten reißt Chopper dir die Ohren, Eier oder Fingernägel aus. Hier wird im Angesicht des Blutes gelacht. Wie beim jüngeren Bruder im Geiste - dem hervorragenden "Bronson" von Winding Refn - lässt sich gar nicht so einfach sagen, auf was die ganze Schose hinaus will...unterhaltsam, überzogen und bisweilen schockierend ist sie allemal. Traurigkeit, ekstatischer Frust, vollkommen anwidernde Gewalt und ein Hang zum abstrusen und schwarzen Humor.
Chopper laufen Tränen über die Wange. Scheitern ist die Devise. Selten hat man sich gewünscht, hinter die gewalttätige Fassade zu blicken, zu rühren oder zu schmieren. Zwischen derbem Gewürge, stinkender Räumlichkeit und einem Mann, dem niemand genau beigebracht hat, wie man korrekt mit anderen Menschen umgeht, entsteht ein Film der Grenzen sprengt, im Gegensatz zu allen anderen Film von Dominik ist Chopper sogar recht kurzweilig und ganz und gar unvergesslich.
Eric Bana ist sonst nicht so meins. Seine Rollenauswahl lässt häufig wenig zu, aber hier spürt man regelrecht selbst ein Verlangen. Dieser Mann nimmt hier die Lehren der Schauspielschulen, wischt sich damit entweder Geschlechtsteil oder Hinterteil ab und kackt sämtliche Regeln oder Linien ins saubere Wasser einer Keramikschüssel und spült sie hinunter. Was für eine Darbietung! Wo sind die gelackten und glatt gesaugten Mitglieder der Oscar's, wenn so eine Performance über den Schirm flimmert und sticht? Zu wenig, zu spät!
Chopper ist im weitesten Sinne ein Gangsterflick mit irrem Lächeln und einer völlig zerfressenen Fratze. Diesen Film kann man nur erigiert im Abspann begegnen. Und da läuft er...10