Catherine (Jade Leung), Codename „Black Cat“, wurde in der Hongkong-Produktion gleichen Namens aus dem Jahr 1991 unverblümt als „Nikita“-Klon etabliert, eine unter geistiger Kontrolle der Regierung agierende Auftragskillerin, deren wilde Natur sie dazu antreibt, sich mit allen Mächten gegen ihre Fernsteuerung aufzulehnen. So unfrei sie am Ende von „Black Cat“ letztlich immer noch war, so frei war zu diesem Zeitpunkt die Bahn für Regisseur Stephen Shin, die Geschichte seiner Hauptfigur in einem Sequel nach Belieben weiterzustricken.
Auch wenn der deutsche Filmverleih mal wieder Verwirrung stiftet, indem er fröhlich durch das Tierreich streift und ohne Not aus der Katze eine Kobra macht, so ist es immer noch ein schwarzer Streuner, der als Standbild unter dem Vorspann von „Codename: Cobra“ hockt. Und die Katze lässt das Mausen nicht. Geschmückt mit dem amtierenden russischen Präsidenten Boris Jelzin im Titelzusatz („Black Cat 2: The Assassination of President Yeltsin“), strebt die Fortsetzung dabei nicht nur offensiv eine konsequente Fortführung der im Vorgänger bereits ausgelebten Vorliebe für internationale Setpieces aus, sondern orientiert sich darüber hinaus auch noch an der geltenden politischen Realität und erhebt für seine SciFi-Prämisse somit einen gewissen Authentizitätsanspruch.
Der Schwung von „Jackie Chan’s First Strike“ (1996), ebenfalls eine Hongkong-Produktion mit besonderem Faible für internationale Schauplätze, wird gewissermaßen bereits vorweggenommen; wenn der Tisch mit fetzigen Snowboard-Baller-Stunts im kanadischen Vancouver gedeckt und zwischen den bunten Kuppel-Kathedralen Moskaus wieder abgeräumt wird, kann man jedenfalls kaum anders, als dabei an den Agenten-Actioner aus Jackie Chans internationaler Durchbruchsphase zu denken. Stephen Shin darf seinen ruhelosen Regiestil weiter perfektionieren und muss im Grunde nur noch dafür sorgen, dass die Übergänge zwischen den Schauplätzen ohne Tempoverlust gelingen.
Das Ergebnis ist ein an Dynamik eher armer, dafür durchgehend ereignisreicher struktureller Aufbau, der praktisch keinen Leerlauf kennt. Variation ergibt sich höchstens aus der Abwechslung der genutzten Antriebsmittel; Schusswechsel, Handkantenschläge und Verfolgungsjagden zu Fuß und per fahrbarem Untersatz werden im fliegenden Wechsel mit den unterschiedlichsten Sets kombiniert, um ein Höchstmaß an Abwechslung zu bieten, wo es die fehlenden absoluten High- und Lowlights nicht können. Das Niveau der Choreografien reicht dabei nicht ganz an andere Produktionen aus dem Bestand von D&B Films, wie etwa die „In the Line of Duty“-Reihe, die im direkten Vergleich die explosiveren Stunts und die spektakulärere Martial Arts zu bieten hatte. In vorliegender Produktion werden etwaige Defizite mit Finten seitens Schnitt und Kamera auszugleichen versucht, um ähnliche Ergebnisse zu erzielen; zumindest kann man hier von einer professionell ausgeführten Kaschierung sprechen.
So weit, so ausrechenbar. Weniger vorhersehbar sind da schon die Abzweigungen, die das Drehbuch nimmt. James Fung und seine Co-Autoren Gam-Ching Sin und Ivy Lee emanzipieren sich spürbar von der „Nikita“-Vorlage, einfach schon dadurch, dass sie von der zentrischen Fokussierung auf die Titelfigur in einem überraschend konsequenten Maße abrücken. Erzählt wird die Handlung nun vielmehr aus der Perspektive eines Neuzugangs. CIA-Agent Robin (Robin Shou) übernimmt weitaus mehr Verantwortung als lediglich die überschaubare männliche Lücke des ausgeschiedenen Simon Yam zu füllen, der im ersten Teil ohnehin eher als Stichwortgeber in Erscheinung trat.
Mit Shou wird nun viel deutlicher das typisch amerikanische Buddy-Action-Prinzip befeuert, gleichwohl es sich bei der Paarung Leung/Shou um ein eher unkonventionelles Buddy-Couple handeln dürfte, sozusagen eines zwischen Mann und Roboter. Mit der perspektivischen Verlagerung aus Catherines Kopf hinaus in den Everyman-Avatar-Körper von Shou hinein verliert Catherine nämlich massiv an Menschlichkeit, was einige Kenner des ersten Teils wohl massiv vor den Kopf stoßen könnte. Doch es ist nicht alles nur Verlust, der mit dem neuen Ansatz einhergeht. Leung gewinnt an anderer Stelle im Gegenzug auch wieder an Ausstrahlung hinzu, und zwar als das Mysterium, das sie im Grunde schon immer war, seit sie im amerikanischen Diner aus dem Prolog von „Black Cat“ als Bedienung eingeführt wurde.
Diese Verlagerung, so stark sie den Betrachter auch emotional von Catherine entkoppelt, verhindert immerhin ein unnötiges Weiterschleppen der überflüssig gewordenen Querbezüge zu „Nikita“, hat Jade Leung doch dank ihrer furcht- und respektlosen Darbietung immerhin längst ihren eigenen prägnanten Charakter geschaffen, den man auch um seiner selbst willen gerne weiter verfolgt. „Codename: Cobra“ macht nun einen recht guten Job darin, sie wieder mehr als ein Rätsel zu inszenieren, aus dem man nicht so ganz schlau wird. Ihr Co-Star läuft im Grunde einen ganzen Film lang mit Stirnrunzeln durch den Film und kratzt sich den Kopf, während sich die Erdkugel langsam gen Osten dreht.
Möglicherweise verpasst das Sequel dadurch die Gelegenheit, seine Hi-Tech-Komponente um den Kontrollchip nicht nur als Plot Device, sondern auch in ethisch-philosophischer Betrachtung weiterzuentwickeln. Die Ansätze dazu verbergen sich nicht zuletzt wieder in überlebensgroß konzipierten Höhepunkten der jeweiligen Aufträge, deren hohe Ambitionen man immer erahnt, die aber nie so kompromisslos durchschlagen können wie in einer potenten A-Produktion – ein Problem, das schon der Vorgänger hatte. Wären diese Höhepunkte noch etwas stärker als solche herausgestellt, sorgfältiger geplant und besser finanziert, hätten sie als Kupplung dienen können für weiterführende Diskurse über Kontrolle und Menschlichkeit.
Stattdessen wendet sich die Narrative endgültig den Schlag-auf-Schlag-Schemata lupenreiner B-Actionfilme zu und macht somit aus den vorhandenen Tendenzen des ersten Teils endgültig Nägel mit Köpfen. Letztlich waren es leider auch die Sargnägel für die D&B Films, die danach keinen weiteren Film mehr produzierten.
Ihr Abschiedsgeschenk an die Filmwelt taugt immerhin als konstante Action-Berieselung auf solidem Niveau, auch wenn es unter den mehr als 60 Produktionen des Studios stärkeres Dynamit zu entdecken gibt. „Codename: Cobra“ ist abwechslungsreich in seiner Monotonie oder auch umgekehrt; so viel hat er mit seinem Vorgänger gemeinsam, weshalb er sich auch ungefähr auf dessen Niveau einpendelt. Dass der gleiche Regisseur an Bord ist, spürt man deutlich an der Inszenierung. Die Geister scheiden sich dann vielmehr am Drehbuch; ob man den psychologischen Ansatz des ersten Teils bevorzugt, der zugleich aber ein wenig eigenständiges Quasi-Remake eines französischen Films war, oder doch eher den stumpfen B-Action-Gestus des zweiten, der die Hauptfigur ein wenig vernachlässigt, sich damit aber zugleich von seiner Schablone löst, das ist dann einfach nur noch Geschmackssache.