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"Faccia di Spia" klagt die USA als imperialistischen Terrorstaat an, der unter dem Vorwand von Freiheit und Demokratie überall dort Tod und Verderben sät, wo die wirtschaftlichen Interessen seiner internationalen Großkonzerne beeinträchtigt werden. Das ausführende Organ dabei ist die CIA.
Die verbrecherischen Methoden, derer sich diese "verdeckte Interessenpolitik" bedient, werden exemplarisch im wesentlichen dokumentiert anhand des Militärputsches in Guatemala (1954); anhand der mißlungenen Invasion in der kubanischen Schweinebucht (1961); anhand der Ermordung John F. Kennedys (1963); anhand der Entführung und Ermordung des marokkanischen Exilpolitikers Mehdi Ben Barka (1965); anhand der Verfolgung und Ermordung Ché Guevaras in Bolivien (1967); anhand der Ermordung des italienischen Anarchisten Giuseppe Pinelli (1969); anhand der Ermordung des italienischen Linksaktivisten Giangiacomo Feltrinelli (1972); und anhand des Militärputsches in Chile (1973).
Bereits diese inhaltlichen Schwerpunkte bieten zweifellos genügend Stoff für ein Dutzend abendfüllender Spiel- oder Dokumentarfilme. Am Rande streift "Faccia di Spia" aber sogar noch zahlreiche weitere Ereignisse (u.a. den Fall der Deutschen Monika Ertl, die 1971 in Hamburg den bolivianischen Generalkonsul Quentanilla erschoß).
Regisseur Giuseppe Ferrara extrahiert seine Botschaft aus sauber recherchierten historischen Fakten und aus von der Fachwelt anerkannten Theorien. Die Vorgehensweise ist insofern parteiisch, als sie sich regelmäßig für diejenige Theorie entscheidet, die sich am besten ins Gesamtbild fügt (beispielsweise vertritt "Faccia di Spia" die These, daß Präsident Kennedy nicht von einem Einzeltäter erschossen wurde, sondern im Auftrag von Hintermännern aus der Wirtschaft von unbekannten CIA-Agenten, die Lee Harvey Oswald dann die Tat in die Schuhe schoben); als propagandistisch kann der Ansatz hingegen nicht bezeichnet werden, da die vertretenen Sichtweisen durch Tatsachen hinreichend legitimiert erscheinen (im Fall Kennedys wurde beispielsweise der vermeintliche Attentäter noch vor einer gerichtlichen Untersuchung ebenfalls ermordet und hatte bis dahin stets beteuert, Opfer eines Komplotts zu sein; das Attentat ist bis heute nicht zufriedenstellend aufgeklärt).
Zur Unterstreichung des dokumentarischen Charakters kombiniert Ferrara virtuos Spielfilmszenen mit Originalaufnahmen und komprimiert eine fast unüberschaubare Menge an Inhalten zu einem ungeheuer dichten und hochklassigen Polit-Thriller. Um dieses Meisterstück angemessen würdigen zu können, bedarf es allerdings einer gewissen historischen Vorbildung (beispielsweise sollten man mit dem Texas School Book Depository sofort Lee Harvey Oswald und das Kennedy-Attentat assoziieren können), da bei einer derart extremen Komprimierung naturgemäß nur wenig Hintergrundinformationen gereicht werden können und ohne solche die Vielzahl von Ereignissen, Schauplätzen und Personen den Betrachter leicht überfordern könnte.
Die Charaktere sind durchweg gut besetzt; und es ist einigermaßen erstaunlich, wie unter der versierten Regie Ferraras selbst Darsteller wie Francisco Rabal (als Mehdi Ben Barka) oder Ugo Bologna (als Salvador Allende) zu großer Form auflaufen und ihre historischen Figuren absolut authentisch zu vermitteln wissen. (Dem Freund seltsamer Filme sind die beiden ansonsten eher als Knallchargen geläufig.)
"Faccia di Spia" ist offensiv, provokant und bösartig. Er schneidet blutige Massaker an Aufständischen gegen steigende Aktienkurse; Verhaftungen und Erschießungen gegen die grinsende Fratze von Henry Kissinger; das Autobahnhinweisschild "CIA next left" gegen das Straßenschild "Wall Street"; brennende US-Flaggen, antiamerikanische Massendemonstrationen und explodierende Granaten gegen den im CIA-Hauptquartier aufgehängten Bibelspruch "You will learn the truth and the truth will make you free" (was in diesem Zusammenhang in etwa denselben Charme ausstrahlt wie der Spruch "Arbeit macht frei" über den Toren deutscher Konzentrationslager). Die Konterfeis des US-Außenministers, des CIA-Chefs und einiger anderer hochrangiger Persönlichkeiten bekommen mit Schmackes ein Chiquita-Banana-Etikett auf die Stirn verpaßt, während sie der Reihe nach als Anwälte und Aktionäre der United Fruit Company entlarvt werden: die Regierung Guatemalas hatte es gewagt, brachliegendes Land der United Fruit Company zu beschlagnahmen und zwecks Bebauung an die hungernde Bevölkerung zu verteilen, woraufhin die USA organisatorisch und militärisch den Umsturz der Regierung unterstützten.
Die finale Einstellung von "Faccia di Spia" zeigt die Zwillingstürme des World Trade Centers, an deren Fassade wahre Ströme von Blut herunter rinnen. Zwar mag man ein solches Bild nach dem 11.September 2001 intuitiv geschmacklos finden; einem Film von 1975 kann man dies jedoch nicht wirklich vorwerfen und es läßt sich nicht leugnen, daß die zentrale Botschaft hier noch einmal eindrucksvoll und unvergeßlich in einem symbolischen Bild stilisiert wird, das wirklich unter die Haut geht und das den Film grandios abrundet.
Berühmt (und vor allem berüchtigt) ist "Faccia di Spia" allerdings durch seine explizite Foltersequenz. Der umstrittene Szenenblock dauert insgesamt rund fünf Minuten und beginnt mit Aufnahmen eines Lehrgangs, den US-amerikanische Militärs für ihre Kollegen aus der Dritten Welt veranstalten. Hier wird erklärt, daß Folter eine der wichtigsten Geheimdienstmethoden sei, um an feindliche Informationen zu gelangen. Es gelte dabei den Willen der verhörten Person durch Erniedrigung zu brechen und auf wissenschaftliche Weise Angst in ihrer Psyche zu erzeugen. Die "Schüler" machen sich eifrig Notizen. – Nach dieser knappen Einführung geht es dann in medias res, und zwar nonstop und hardcore. Für den Mainstream-Zuschauer dürften die gezeigten Beispiele im Grenzbereich des Erträglichen liegen; selbst der erfahrene 131er-Rezipient wird die (durchweg gestellten) Szenen der härteren Güteklasse zuordnen.
Es sollte sehr deutlich hervorgehoben werden, daß die Foltersequenz für die Gesamtkomposition des Streifens ein wichtiger Baustein und somit inhaltlich und künstlerisch absolut notwendig ist. Regisseur Ferrara redet in seinem Film mit allen Mitteln des Mediums Klartext; deswegen ist es nur konsequent, daß er bestialische Folterungen nicht nur erwähnt, sondern sie auch detailliert zeigt: Die Wirkung auf den Betrachter ist einfach eine viel schockierendere. (In Anbetracht der Akribie, mit der Ferrara ansonsten dicht bei den Fakten bleibt, steht überdies zu befürchten, daß auch die hier gezeigten Foltermethoden ihre realen Vorbilder haben.)
Mithin stellt sich die Frage, wieso "Faccia di Spia" in Deutschland nach § 131 StGB verboten wurde. Die Gewaltdarstellungen sind abstoßend und widerlich, weswegen von Gewaltverherrlichung oder –verharmlosung keine Rede sein kann. Auch eine selbstzweckhafte Darstellung von Gewalt muß hier entschieden verneint werden, denn der Zweck des Films ist völlig offensichtlich ein ganz anderer. Mithin erweist sich die Beschlagnahmung mit ziemlicher Sicherheit als rechtswidrig. (Ein Schelm, wer Böses dabei denkt...)
"Faccia di Spia" ist ein wichtiger und hochklassiger Film, der aufrüttelt und zum Nachdenken anregt. Es wurde gelegentlich behauptet, seine Brisanz wäre heutzutage überholt, da er sich auf Ereignisse bezieht, die allesamt über dreißig, zum Teil sogar über fünfzig Jahre in der Vergangenheit liegen. In einer Zeit, in der die US-Administration unverhüllt exterritoriale Konzentrationslager unterhält, Foltermethoden öffentlich als rechtens billigt und auf der Grundlage manipulierter Geheimdienstinformationen Kriege beginnt, geht dieser Vorwurf offensichtlich ins Leere: Die Zeiten haben sich geändert, die Methoden sind dieselben geblieben. Deswegen mag man dem Film einen weitaus höheren Bekanntheitsgrad wünschen.
Geringfügige Punktabzüge gibt es lediglich dafür, daß er zuviel Hintergrundwissen voraussetzt.

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