Review

“King Forest”


Mit filmischen Biographien historischer Persönlichkeiten ist es so eine Sache. Das gilt vor allem für Personen der neuesten Geschichte. Nicht nur ihr Äußeres ist durch meist zahlreiche Photo- und Filmaufnahmen klar dokumentiert, auch ihr Leben und Wirken ist häufig bis ins letzte Detail bekannt und aus unzähligen Blickwinkeln analysiert worden. Der historischen Figur in all ihren (bekannten) Facetten gerecht zu werden, ist daher nahezu unmöglich. Trotz, oder vielleicht gerade wegen dieser Fallstricke und Herausforderungen übt dieses Genre eine ungebrochene Faszination auf Filmemacher aus. Oscarüberhäufte Klassiker wie Lawrence von Arabien (1962), Gandhi (1982) oder Amadeus (1984) dürften daran nicht ganz unschuldig sein. Kevin Macdonalds Portrait des ugandischen Diktators Idi Amin ist das aktuellste Produkt dieser langen Tradition. Und wieder zeigte die Academay of Motion Picture Arts and Sciences ihre Affinität zum „Biopic“ und vergab die begehrte Trophäe. Diesmal allerdings „nur“ für den Hauptdarsteller Forest Whitaker, der Film selbst war nicht einmal nominiert worden. Und das zu Recht.

Der letzte König von Schottland
behandelt die ersten Regierungsjahre des ugandischen Diktators Idi Amin (Forest Whitaker). Erzählt aus der Sicht seines jungen schottischen Leibarztes Nicholas Garrigan (James McAvoy in einer fiktiven Rolle) beschreibt der Film episodenhaft den ambivalenten Charakter des grausamen Diktators. Seine zahlreichen - historisch belegten - Gräueltaten werden dabei lediglich angerissen, im Zentrum des Films steht ganz klar der Mensch Idi Amin.

Das größte Plus des Films ist dann auch eindeutig Hauptdarsteller Forest Whitaker. Der amerikanische Charakterdarsteller liefert zum wiederholten Male eine herausragende Performance. Mit einer unglaublichen Leinwandpräsenz thront „King Forest“ über dem Film und degradiert sämtliche Mitspieler zu bloßer Staffage. Er gibt den jovialen Gastgeber, den charismatischen Volksredner oder den mit Journalisten schäkernden Polit-Entertainer ebenso überzeugend wie den hypochondrischen, ängstlichen und zunehmend paranoiden Idi Amin. Das blitzschnelle Umschalten zwischen den diversen Gemütsverfassungen des Diktators beherrscht Whitaker dabei wie aus dem Effeff.
Dem tapfer aufspielenden Newcomer James McAvoy bleibt trotz seiner beeindruckenden Leistung als Amins Arzt und Berater lediglich eine Statistenrolle. Whitakers Amin ist ein Kind im Manne, allerdings ein überaus gefährliches Kind. Kriegt es seinen Willen nicht, fühlt es sich bedroht oder ist verängstigt, dann schlägt es gnadenlos und überaus grausam zu. Diese von Whitaker perfekt porträtierte Unberechenbarkeit und Launenhaftigkeit macht den ugandischen Diktator so furchteinflößend und bedrohlich.

Gleiches Ausnahmekönnen kann man Whitakers Regisseur leider nicht attestieren. So scheitert Kevin Macdonald vor allem bei dem Versuch, klassische Biopic-Fallen zu umschiffen. Natürlich kann die Hauptfigur lediglich anhand von Ausschnitten und ausgewählten Begebenheiten porträtiert werden. Hier muss vereinfacht, zusammengelegt und letztlich auch weggelassen werden.
Für die fiktive Figur des schottischen Leibarztes Amins funktioniert das noch ganz ordentlich. Die Hauptfigur aus der Sicht eines eher unbedeuteten aber ihr nahe stehenden Dritten zu beschreiben, ist ein ebenso probates wie häufig angewandtes Mittel - sowohl in literarischen wie auch in filmischen Biographien. Man denke beispielsweise an F. Murray Abraham als Mozartkonkurrent Antonio Salieri (Amadeus, 1984) oder an Kevin Costner als Kennedy-Freund Kenny O´Donnel (Thirteen Days, 2000). Macdonald hat diesen Kunstkniff gleich aus der seinem Film zugrunde liegenden Romanbiographie Giles Fodens übernommen. Im Gleichschritt mit dem anfangs naiven Dr. Garrigan entdeckt der Zuschauer dann auch nach und nach den ambivalenten Charakter Amins. Experiment geglückt.
Die Probleme des Films liegen vielmehr in der Anlage der Hauptfigur. Viel zu lange gibt Whitaker - zugegebenermaßen in einer famosen Art und Weise - den sympathischen, kumpelhaften, volksnahen, teilweise gar kindlich-drolligen Exgeneral, der nur das Beste für seine Freunde und Untertanen will. Whitaker macht das so gut, dass man als Zuschauer anfängt, (seinen) Idi Amin zu mögen. Die dunkle Seite des Diktators - seinen ungezügelten Hass, seine extreme Grausamkeit und Brutalität, sein ausgeprägter Verfolgungswahn - wird erst im letzten Viertel des Films offenbar, für meinen Geschmack deutlich zu spät.
Zudem werden viele Aspekte lediglich angerissen. So wird Amins unrühmliche Rolle im Geiseldrama von Entebbe (1976) nicht einmal ansatzweise deutlich. Die Ermordung von über 300 000 Ugandern behandelt der Film gar nur durch ein paar Photos, die unbeschreiblich grausamen Folterungen unter seiner Herrschaft werden auch nur bruchstückhaft eingebaut. Weitere Aspekte wie Kannibalismus, „Entsorgung“ der Unmengen von Toten mit Hilfe einheimischer Krokodile sowie zahlreiche ähnliche Abscheulichkeiten unter Amins Terrorregime werden ausschließlich durch Dialoge thematisiert.

Übrig bleibt das Bild eines im tiefsten Innern guten Mannes, der seine Dämonen in Form von Paranoia und ungezügelter Grausamkeit nicht in den Griff bekommt. Das im Film Gezeigte sowie die vor dem Abspann eingefügte Aufzählung einiger Verbrechen reichen bei weitem nicht aus, diesen Eindruck vollständig zu verwischen. Einen letztlich fatalen Eindruck wie ich meine.
So ist die größte Stärke des Films zugleich auch seine größte Schwäche. Whitaker spielt so gut, dass man seinen Amin streckenweise richtig sympathisch findet. Hier rächt sich die Vernachlässigung einer mehr Ereignis-orientierten Erzählweise sowie die erdrückende Leinwandpräsenz des Hauptdarstellers. Zwar beherrscht dieser die dunklen Seiten des Diktators ebenso souverän, nur bekommt er viel zu wenig Gelegenheit, dies auf der Leinwand auch zu zeigen. Ein klarer Fehler von Regisseur und Drehbuchautor. Übrig bleibt eine fantastische darstellerische Leistung Forest Whitakers in einem eher mittelmäßigen Film.


Fazit:
Der letzte König von Schottland ist eine One-Man-Show des Ausnahmeschauspielers Forest Whitaker. Sein in jeder Hinsicht wuchtiges Porträt des ugandischen Dikators Idi Amin ist zu Recht mit dem Oscar geadelt worden. Whitaker zaubert einen schillernden, facettenreichen und zutiefst verstörenden Charakter auf die Leinwand. Dabei beherrscht er die jovialen, kumpelhaften, teilweise fast kindlichen Züge des Gewaltherrschers ebenso souverän wie dessen Unberechenbarkeit, Grausamkeit und zügellose Paranoia. Allerdings liegt Whitakers Leinwandpräsenz wie ein dunkler Schatten über dem Film. Story wie Nebendarsteller verkommen zu bloßer Staffage. Zudem gibt Whitaker zu lange den „freundlichen“ Idi Amin - ein unverzeihlicher Fehler des Drehbuchs - so dass die dunkle, grausame Seite des Diktators für meinen Geschmack nicht genug herausgearbeitet wird. Dazu kommen - ebenfalls dem Drehbuh geschuldete - Versäumnisse, die unglaublichen Verbrechen des Regimes in den Film einzubauen bzw. stärker zu thematisieren. Obgleich bestimmt nicht so beabsichtigt, entsteht letztlich ein m.E. zu indifferentes, tendenziell sogar verharmlosendes Bild eines der grausamsten Regimes der jüngeren Geschichte.

(6/ 10 Punkten)

Details
Ähnliche Filme