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Es gibt vielleicht einen einfachen Grund, warum Das Brot des Bäckers lange nicht auf DVD erschienen ist: Menschen sind oberflächlich. Meine Eltern zum Beispiel schätzen solche Erzählungen über Familienschicksale und Generationswechsel. Als ich sie auf ihre Unkenntnis des Films ansprach, meinten sie, den Titel mit Langeweile assoziiert zu haben.
Dabei ist Vermarktbarkeit von handwerklicher Qualität genau das Thema des Debütwerkes des schweizer Regisseurs Erwin Keusch. Hier findet sich ein erster Beleg für die Allgemeingültigkeit der in der gewählten Umgebung stattfindende Handlung.
Selbst aus einer Bäckerfamilie stammend, war diese sich auf die Detailtiefe auswirkende Wahl für Keusch nur natürlich. Dabei handelt Das Brot des Bäckers von weit mehr als dem Brot backen. Es ist ein heiter-melancholisches Geflecht von sensibler Beobachtungsgabe.

Als Einstieg für seine die erste Hälfte der 70er Jahre abdeckende Handlung wählt Erwin Keusch die Ankunft des Lehrlings Werner Wild (Bernd Tauber) in der mittelfränkischen Kleinstadt Hersbruck. Die erste der sieben Kapitelüberschriften lautet “Goldener Boden”. Werner steht im Ladengeschäft des grantigen Bäckermeisters Baum (Günter Lamprecht). Der Verkäuferin Gisela (Silvia Reize) teilt er mit, er wolle Bäcker werden, weil er gern gutes Brot esse. Gutes Brot wird zum zentralen Thema des Films werden. Bäckereihandwerk ist die Leidenschaft Georg Baums. Dieser setzt sogar noch selbst Sauerteig an. Er verteidigt den Fettgehalt seiner Kuchen gegenüber Kunden, deren kranke Mägen diese nicht vertragen.
Herzlich in die Familie aufgenommen, muß Werner schnell Verbitterung erfahren. Einerseits ist die Familie belastet durch die Anforderungen der selbständigen Tätigkeit des Vaters. Die Mutter sehnt sich danach, doch einmal in Ruhe frühstücken zu können. Doch Bäcker Baum springt immer auf, wenn es läutet. Andererseits ist das geschäftliche Klima angespannt. Die Struktur des Ortes ist im Wandel. Supermärkte sind auf dem Vormarsch. Im erschwerten Betriebsalltag träumt der Geselle Kurt (Manfred Seipold) von einer Karriere mit einem Schnellrestaurant.

Das Erzähltempo wird oft mit Wim Wenders verglichen. Eine deutliche Parallele ist hierbei die Gruppe Condor (Auch bekannt als Improved Sound Limited), die dessen Film Im Lauf der Zeit akkustisch untermalten. Ein repetitiv in Das Brot des Bäckers eingesetztes Thema der Gruppe steuert einen beträchtlichen Teil zur Gesamtatmosphäre bei. Keusch nimmt sich ausreichend Zeit, die Entwicklung aller Hauptfiguren zu betrachten. So steht nicht klar der Lehrling oder der Bäckermeister im Fokus, welcher von der Industrialisierung ansonsten überrollt würde, wie Chaplin in seinem Moderne Zeiten.
Dabei kann sich Georg Baum der Maschinen nicht voll erwehren. Von der Genossenschaft mit einem Darlehen und guten Ratschlägen versorgt, läßt er sich begeistern. Ironisierend feixen die Familienmitglieder über die eloquenten Umschreibungen der Prospekte. Bis Baum jedoch allein an der Brötchenstraße steht und ohnmächtig weitaus mehr produziert, als er absetzen kann, helfen die unterschiedlichen Figuren den Wandel weiter verständlich zu machen.

Im Wesentlichen sind es Werner und seine Freunde, die weitere Akzente der Bedingungen beschreiben. Doch auch die Söhne tragen ihren Teil bei, in dem sie mit der Bäckerei nichts zu tun haben wollen. In Handlungen und Wünschen schlagen sich die Umstände nieder, die einen kleinen Handwerksbetrieb in die Knie zwingen. Dazu gehören Nebensächlichkeiten wie die Abwanderung in die größere Stadt, Großbäckereien mit eigenen Bettenburgen oder ein Supermarkt, der seine Brötchen als Werbemittel zu 3 Pfennig das Stück verkauft. So unter Preis müßte man die Semmeln dort einkaufen, anstatt sie selbst zu produzieren, meint man.
Das Motiv des Supermarkts und vor allem der dort einzukaufen gewillten Kunden sind es, die Das Brot des Bäckers lenken. Bäcker Baum glaubt seine Kehle hiervon derart zugeschnürt, daß er in das Geschäft einbricht und die Backwarenabteilung verwüstet. Hier entläd sich die empathische, fast schon sinnliche Betrachtung sozialer Strukturen eines Milieus in einer die Karriere beendenden Eskalation.

Kaum mag man dieser theoretischen Betrachtung die Leichtigkeit und Verständlichkeit entnehmen, in welche Keusch die etwa 125 Kinominuten hüllt. Es steht im Ganzen keine Emotion deutlich im Vordergrund. Nicht etwa handelt es sich um künstiche Betroffenheit. Immer wieder sind die Figuren in der Lage, Momente der Unbeschwertheit zu genießen.
Gerade Werner kommt bei seinem Heranwachsen in den Genuß der Liebe oder kann sich in Abwesenheit des Meisters eine kindische Lebensmittelschlacht in der Backstube leisten. Simultan entwickelt er sich vom zurückhaltenden Teenager zu einem versierten Fachmann seiner Profession. Ganz natürlich ist dabei seine anarchronistische Ausbildung Gegensatz zum zeitaktuellen Berufsbild.

In Das Brot des Bäckers betrachtet man nun nicht mehr fatalistisch ein Niederringen des Handwerks, dessen Bezug zum Backgut ein ganz anderer ist, als der industrielle. Erwin Keusch stellt Konzepte von Spezialisierung und genossenschaftlicher Zusammenarbeit vor. Wie Freud und Leid sich jeweils gegenpolig mit Bitterkeit oder Frohsinn paaren, so behandelte die Erzählung bisher den aufstrebenden Jüngling und den sinkenden alten Hasen. Man entläßt den Zuschauer nur mit dem Ende eines letzten Kapitels, weil schließlich eine Chance wahrgenommen wird, auf dem sich eine noch ungewisse Zukunft aufbauen könnte.

Hier zahlt sich die Persönlichkeit der alten Betriebsform aus. Der alte Meister verliert den Boden unter den Füßen und der in die weite Welt gezogene Werner eilt zurück in die Einöde. Unwillkürlich denkt man zurück an die Momente, wo Bäckermeister Baum seinem Schüler vertrauensvoll Offerten für den Firmenausbau machte. Am meisten denkt man wohl an das menschlich-verständnisvolle Lächeln zwischen den beiden, als Baum ein relikt der vergangenen Liebesnacht aus dem Lieferwagen angelt.
Mit dieser positiven Konnotation endet ein präzises Gleichgewicht facettenreicher Figuren, welche ganz unprätentiös und unaufgeregt von Schauspielern dargestellt wurden, die sich zu großen Teilen in der deutschen Kulturlandschaft, darunter Lamprechts Rolle als Tatort-Kommissar Franz Markowitz und ein großes Zusammentreffen in Das Boot, wiederfinden.

Brot ist ein Lebensmittel. Erwin Keusch gelingt mit seinem Mikrokosmos in Das Brot des Bäckers ein maßstabsgetreues Abbild des Lebens, welches in seiner Zugänglichkeit mit Größen wie De Sicas Fahrraddiebe meßbar ist.
Dabei betreffen die Inhalte nicht nur direkt jene, die diese wirtschaftlichen Veränderungen in den 70er Jahren beobachten konnten. Auch darauf kam es immer wieder zu Fluktuationen. Ich selbst wuchs in einem Viertel auf, welches in den 80er Jahren noch nebst der heute noch erhaltenen Bäckerei und dem Kiosk mit zwei Supermärkten, einem Blumenhändler, einem Friseur und einem Metzger glänzen konnte. Diese sind über die Jahre zum Opfer der Discounter geworden, welche den Kunden auf die grüne Wiese hinaus ziehen. Und ist es nicht unser heißgeliebtes Internet, welches sich in den letzten Jahren für den Zerfall manches Fachgeschäftes verantwortlich zeichnet?

So gelingt es auch heute noch diesen kleinen Bildern, ein Schlüssel zu den Herzen der Zuschauer zu sein. Selbst wenn man nicht wüßte, wie es war, so weiß man doch, wie es heute ist. Dieser Film wird Gefühle in das pochende Organ setzen und keine blau beschilderten Drogeriemärkte, so wie es einem der angesprochenen Supermärkte widerfahren ist.
Ferner ist Das Brot des Bäckers aber auch ein Zeitzeugnis, welches sich beispielsweise als Illustration im Unterricht bestens eignen würde. Hierzu allerdings bedarf es dann noch eines vermarktungswilligen Vertriebs, um in voller Breite die handwerkliche Qualität in dem wohlschmeckenden Brot zu erkennen, das uns Herr Keusch da gebacken hat. Hier geht es ihm nun ähnlich. Er ist ein Handwerker. Film ist zu einer Unterhaltungsindustrie geworden. Am Rande verstecken sich ein paar spezialisierte Künstler, die sich eine Nische schaffen. Wo ist der Platz für diese Meisterstücke geblieben? Wollen wir wirklich täglich dröges Industriebrot essen? Wohl bekomms.

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