Review

Eigentlich ist´s blöd, langweilig und vorhersehbar, - aber, ich habe so etwas nie zuvor gesehen!
Ittenbachs sehr eigenwilliger Familienratgeber überschreitet an allen Ecken und Enden die Grenzen jeglicher Moral und unterstützt dabei all jene, die von einer eigenen Familienplanung weit entfernt sind, um sich noch ein Stück weiter davon zu distanzieren.

Dabei mutet es geradezu grotesk an, weil sich das Ehepaar Ittenbach dazu entschlossen hat, eine geschmacklose Satire in Sachen Familie und Erziehung zu liefern und dabei Neffe und Nichte einbindet, also zeigt eine Familie, wie eine Familie nicht sein sollte.

Die knapp 75 Minuten Laufzeit sind im dokumentarischen Stil gehalten, mit einer sehr gut funktionierenden Erzählstimme im OFF, stark angelehnt an die Seriosität Egon Hoegens vom 7. Sinn.
Das beginnt beim Kennenlernen in der Kneipe, schön auf altes Filmmaterial getrimmt, in schwarz-weiß mit Gelbstich.
Natürlich kommt das bei einer Frau bestens an, sich so richtig vollaufen zu lassen und ihr anschließend auch noch ins Gesicht zu kotzen, aber drei Monate später wird eben geheiratet.

Kontradiktionen am laufenden Band bestimmen die lose zusammen geschnittenen Szenen.
Besonders der Part Schwangerschaft dürfte einer werdenden Mutter unter Umständen bitter aufstoßen, da hier jegliches Fehlverhalten (rauchen, saufen, Koks) herrlich überspitzt auf den Punkt gebracht wird und dennoch ein Widererkennungswert vorhanden ist.

Auch die klassische Rollenverteilung wird hier sehr massiv karikiert, besonders treffend wird die Szene mit dem grummelnden Fußball-TV-Gucker und der stets hinterher tragenden Ehefrau auf den Punkt gebracht.
Und wenn es gar keinen Ausweg mehr gibt, wird geprügelt und verdroschen, gleiches gilt später für die Kinder, wenn der Teller nicht blank gemacht wird, Strafe muss halt sein.
Da wird auch schon mal zur Schusswaffe oder zur Kettensäge gegriffen, es fließt ordentlich Blut und der Sohn stirbt mindestens fünf mal, ist, wie im Comic, aber in der nächsten Szene wieder unversehrt.

Leider bieten die pädagogischen Maßnahmen im Verlauf wenig Abwechslung, man ahnt bereits im Vorfeld jeder Szene, was folgen wird, ein bisschen mehr Ideenreichtum wäre nicht verkehrt gewesen.
Auch stört hier der japanische Eheberater, der nur unverständliches Zeug von sich gibt. Ein oder zwei Szenen mit ihm hätten ausgereicht.
Etwas einseitig ist auch das Unterschreiten des guten Geschmacks, es wird viel gekotzt, auch mal auf den Teller geschissen, was im Verlauf aber etwas überladen und einseitig wirkt.
Gelungener ist demgegenüber eine Szene, bei der Mutti ins Taschentuch spuckt, um Tochter das Gesicht zu säubern, - hat man bei irgendeiner Omi bestimmt auch schon mal erlebt.

Nachdem der Ratgeber eigentlich beendet ist, geht er noch einige Minuten weiter und dann wird´s so abgefahren wie im typischen Helge Schneider Film.
Die Beteiligten kommen zu Wort und im Hintergrund läuft eine psychedelische Soundkollage mit Nina Hagen-ähnlicher Stimme. Mit etwas Bier im Kopp kommen die letzten Minuten herrlich surreal rüber und machen fast noch mehr Spaß als der eigentliche Hauptfilm.

Im Nachhinein taucht natürlich ein leichter Zwiespalt auf, weniger in Bezug auf das deutlich als Puppe erkennbare Baby, als auf die Beteiligung der Kinder, die natürlich trotz aller FX mit jeder Menge Gewalt konfrontiert werden, bei der nur zu hoffen bleibt, dass die Ittenbachs nicht nur einfach mit ihnen gedreht haben, sondern auch Sachverhalte erläuterten.
Dennoch scheint so ein eingeschalteter Fön über dem badenden Jungen (zumindest bewegen sich dessen Haare) nicht so ganz ungefährlich.

Es ist ein sehr schmaler Grat, auf dem hier präsentiert wird.
Zuweilen friert ein Lachen ein wenig ein, weil es auch die persönliche Grenze an Moral überschreitet, auf der anderen Seite ist man ja schließlich bereit, sich den geballten Geschmacklosigkeiten Ittenbachs hinzugeben, und einige davon sind mit treffsicheren, makaberen Humor ausgestattet, das muss man trotz aller Perversionen an Fäkalabsonderungen konstatieren.

Herr und Frau Ittenbach haben hier etwas für Ihresgleichen fabriziert, einen satirischen Ratgeber, der splattert und gleichzeitig mit fröhlicher Musik aufwartet, der einige Regeln in Sachen Kennenlernen und Pädagogik aufgreift und ins Gegenteil umkehrt.
Dabei treffen nicht alle Szenen meinen Geschmack, aber insgesamt ist dies mal wieder ein abwechslungsreicher Beitrag für alle, denen viel Blut, Kotz und Kack nichts ausmacht.
6 von 10

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