Review

1985 „Commando" oder „Shootout-Party eines Thronanwärters" (Arnie Nr. 5)

„Lass Dampf ab, Bennett!" Zum Ende hin ein freundlicher Ratschlag ist immer nett. Okay, für Bennett ist es gleich das Lebensende und den Dampf darf er duch ein Rohr ablassen, das ihm sein unwohl meinender Ratgeber wie ein Pilum durch die wohl genährte Körpermitte geschleudert hatte. Der hinter ihm brodelnde Dampfkessel dürfte sich dagegen wie das erste Fass Bier auf dem Münchner Oktoberfest vorgekommen sein. Der Rohrwerfer ist zwar kein Bayer, aber Österreicher, also nah dran und überhaupt herrscht den ganzen Film über eine ansteckend derbe Gemütlichkeit, für die das Voralpenland so bekannt und beliebt ist. Da passt auch der Holzfällerauftakt wunderbar ins Bild, bei dem wir unseren strammen Heldenburschen kennen lernen dürfen. Der hört auf den nicht ganz so teutonischen Namen John Matrix, ist aber immerhin ein emigrierter Ostdeutscher, und lebt mit seiner kleinen Tochter in einer abgelegenen, südkalifornischen Bergregion. Dort vetreibt er sich die Zeit mit Rehe füttern, Holzhacken, Fischfang und Pool-Plantschereien. Bis die Vergangenheit ruft, denn unser John ist natürlich kein schnöder Förster, sondern ein ehemaliger Special Forces Colonel und irgendjemand hat wohl noch eine Rechnung mit ihm offen.

„Commando" war in geradezu jeder Hinsicht ein ideales Vehikel für Arnold Schwarzenegger. Bisher hatte er nur urzeitliche Fantasy-Barbaren und einen zeitreisenden Killer-Cyborg gegeben. Seinen körperlichen Vorzügen und seinen mimischen Defiziten kam beides perfekt entgegen, aber  der ehemalige Bodybuilder wollte als Schauspieler Erfolg haben und nicht nur als tumbe Kampfmaschine in die Filmhistorie eingehen. Ja, ich weiß, garstige Zungen werden jetzt tönen, dass genau dies passiert sein. Aber hey, wir als Arrnold-Jünger wissen es besser und selbst bei intensiver Ablehnung der steirischen Urgewalt wäre eine solche Etikettierung alles andere als fair.
In „Commando" also spielt Arnold zumindest schon mal einen Menschen, gut, keinen gewöhnlichen. Er sieht immer noch aus wie eine griechische Heldenstatue (mindestens vom Hals abwärts) und er verbringt immer noch einen Großteil seiner Leinwandzeit mit der gnadenlosen Dezimierung ganzer Gegner-Rudel. Aber er hat nun immerhin eine kleine Tochter und eine anfangs unfreiwillige, aber dafür schnuggellige Helferin, die ihm mehr Worte entlocken, als in seinen vier vorhergehenden Filmen zusammen genommen. Das steht ihm gut und er kommt dabei recht sympathisch rüber. Schwarzenegger war immer sehr geschickt darin, genau das anzugehen, was er aktuell konnte bzw. sich inzwischen angeeignet hatte. Der von ihm akribisch betriebene Schauspielunterricht hatte definitv erste Früchte getragen und John Matrix war dafür die passende Spielwiese.

Er taugt aber auch bestens für Arnolds zweites großes Ziel, schlicht der größte Actionstar des Planeten zu werden. Im Jahr 1985 stand da allerdings noch ein etwas kleinwüchsiger, aber ebenfalls gut gebauter Italoamerikaner im Weg. Sly Stallone hatte mit dem Boxer-Stehaufmännchen Rocky und der traumatisierten Vietnam-Kampfsau Rambo bereits zwei äußerst populäre Helden-Eisen im Action-Feuer, da hieß es klotzen, nicht kleckern, wollte man Boden gut machen. Und Arnold wollte, jedenfalls ist „Commando" ein fulminantes Bewerbungsschreiben für den umkämpften Bad Ass-Thron.
Bei einem insgesamt mehr als stattlichen Bodycount von um die 100, gehen immerhin gut 90% auf John Matrix. Der schmierige Putsch-Potentat - ein gewisser Arius (Dan Hedaya) - des südamerikanischen Zwergenstaates Val Verde hätte halt nicht Matrix Tochter entführen sollen, großer Fehler. Dazu engagierte er auch noch seinen alten Kampfgefährten Bennett (Vernon Wells), den Matrix damals wegen Sadismus und Grausamkeit aus der Einheit gekickt hatte, mächtig großer Fehler. Nun soll er also den Attentäter geben, um den mit seiner Hilfe eingesetzten, aktuellen Präsidenten Val Verdes zu beseitigen, womit das Fehler-Triple komplett wäre. Da muss Matrix dann eben den Rambo rausholen, John heißen sie ja ohnehin beide.    

Zunächst agiert er dabei noch halbwegs zurückhaltend, der Gegner darf nicht wissen, dass er aus dem Flugzeug nach Val Verde ausgestiegen ist, schließlich gilt es erst mal heraus zu finden, wo man seine Tochter gefangen hält. Für Arius Handlanger in Flughafennähe ist das natürlich keine gute Nachricht, denn John ist kein verständnisvoller Ermittler. Dafür gibts zum Abgang immer noch einen flotten Spruch gratis.

Arnold hat nie einen Hehl daraus gemacht, die Bondfilme zu lieben und dabei neben dem Krawall vor allem die sarkastischen Einzeiler. Als Conan und T-800 war er da ein wenig gehandicappt, dafür holt er jetzt in „Commmando" alles nach. Nachdem er sich seines Aufpassers im Flugzeug per Genickbruch entledigt hat, wendet er sich fürsorglichst an die Stewardess: „Dürfte ich Sie um einen Gefallen bitten? Stören Sie meinen Freund nicht. Er ist todmüde." Dem zweiten von Arius Schergen verspricht er freundlich: "Sie sind ja richtig witzig Sully, ich mag Sie und deswegen werde ich Sie als Letzten töten." Als die Situation kommt, in der Sully auf die Einlösung des Versprechens baut, zeigt Matrix, dass auch ein aufrechter Soldat ab und an seine kleine Dosis Sadismus braucht: "Erinnerst du dich Sully, ich hab´ dir doch versprochen dich zuletzt zu töten." Sully: "Ja Matrix, das stimmt." Matrix: "Das war eine Lüge." Nummer drei - sein späterer „Predator"-Kumpel Bill Duke - zerlegt er in einem schäbigen Motel-Zimmer, was mit einem äußerst unsanften Exodus per Bettpfosten-Pfählung endet. Zu seiner völlig verdatterten Begleitung, der zwecks effektiverer (sie hat ein Auto und Sully ist scharf auf sie) Beschattung gekidnappten Flugbegeleiterin Cindy (Rae Dawn Chong), meint er nur lapidar: "Wir nehmen Cookes Wagen, er braucht ihn sowieso nicht mehr." Die gute Cindy ist allerdings längst an Johns Spruch-Kaliber gewöhnt, schließlich hat er gleich zu Beginn ihrer Bekanntschaft seine im Grunde ehrliche Haut beworben: Cindy: „Ich möchte nur eins wissen. Werden sie mich umbringen oder so?" Matrix: „Nein". Cindy: „Ich glaub auch kaum, dass sie mir das sagen würden". Matrix: „Doch, das würde ich."

Natürlich feuert John Matrix nicht nur Wortsalven, das ist eher so etwas wie ein Zusatzservice. Sein Kerngeschäft sind Waffen aller Art und ihr terminierender Einsatz. Als er mit Hilfe der mitfühlenden Cindy und des bemitleidenswerten Killer-Trios heraus gefunden hat, wo Arius und Bennett sich verschanzt haben, ist Schluss mit lustig. Soll heißen die rohe Muskelkraft hat ihren Zweck erfüllt, jetzt wird aufgerödelt. In einer herrlichen Szene fährt er dazu nächstens per Bulldozer durch die Front eines Waffengeschäfts und packt so nette Goodies wie Raketenwerfer, Sturmgewehre, diverse Pistolen, Handgranaten und ein John Rambo-Fanmesser in den Einkaufswagen. Kurz stört dabei seine polizeiliche Verhaftung, aber Azubi Cindy lernt rasend schnell und setzt den Raketenwerfer zu Johns Befreiung ein. John: „Wo haben Sie denn das gelernt?  Cindy. „Hab die Gebrauchsanweisung gelesen." Ja, das ist ein Team.
Achtung, wir befinden uns nun im Auge des Kult-Sturms, denn kurz darauf rudert ein frisch auftrainierter Arnold - die knappe Badehose lässt sämtliche Muskelgruppen perfekt zur Geltung kommen - via Schlauchboot zu Arius Inselversteck. Dort angelandet schmeißt er sich in den ebenfalls erbeuteten Kampfanzug, verstaut die gut 100 Waffen am gestählten Körper und verpasst sich zur Tarnung eine Conan-Gedächtnis-Kriegsbemalung. Spätestens jetzt wissen wir, egal wie viele Gegner, Gerätschaften oder andere Hindernisse der fiese Möchtegern-Diktator auch aufwenden mag, es wird apokalyptisch enden.

Das Finale von „Commando" übertrifft dann auch die kühnsten Erwartungen. Zu James „Titanic" Horners treibendem und rhythmischem Orchestral-Synth-Mix-Score kämpft sich Matrix bis zur herrschaftlichen Villa vor. Selbst in Zeiten von diversen Heimkinoformaten mit der Chance zur wiederholten Sichtung und Slow-Motion-Auswertung schwanken die Angaben zur exakten Opferzahl. Irgendwas um die 80 ist der Mittelwert, ist aber auch egal. Ein jeder der in einen Radius von 20 Metern rund um die urgewaltige Ein-Mann-Armee John Matrix gerät, segnet auf alle nur erdenklichen Unsanftigkeiten das Zeitliche. Erkennbar Zeit lässt er sich nur für Bennett, dem er die aussichtslose Chance eines Messerduells gönnt. Frei nach dem Motto: Gute Freunde lässt man nicht im Stich, die ersticht man. Und wenn kein Messer mehr zur Hand ist, dann tuts auch ein Stahlrohr.

Seinen Action-Klassiker-Status verdankt der Film genau diesen 20 Minuten, in denen Arnold den 80er-Trend der alles nieder mähenden Kampfmaschine auf die Spitze treibt. Im Unterschied zum immer wieder als Vergleich herangezogenen „Rambo 2" wird dieses völlig überdrehte Szenario aber politisch unbedenklich (Dikator wie Schurkenstaat sind fiktiv) und vor allem mit einem deutlichen Augenzwinkern serviert. Der Film nimmt sich von Beginn an nicht ernst, Arnolds Larger-than-life-Darbietung, die bewusst überzeichneten Henchmen (allen voran der zwischen Homoerotik, genüßlichem Sadismus und latentem Wahnsinn chargierende Vernon Wells als Bennett), die Kabbeleien zwischen Cindy und Matrix, sowie ganz allgemein die vielen flapsigen und sarkastischen Sprüche lassen keinen Zweifel an dem auf derbe Spaßunterhaltung ausgerichteten Grundtenor aufkommen. Regisseur Mark L. Lester gelingt es aber trotz aller Camphaftigkeit, dass der Film gerade noch so als rassiger Action-Thriller durchgeht. „Commando" verkommt jedenfalls nie zur Selbstparodie oder macht seine Figuren lächerlich. Auch das ein Grund für den nach wie vor ausgezeichneten Ruf des Films innerhalb der Action-Fangemeinde.

Und Arnie? Der hatte erstmals gezeigt, dass seine Ambitionen auch als Schauspieler wahr genommen zu werden durchaus ernst zu nehmen sind. Das mag angesichts einer Schlachtplatte wie „Commando" ein wenig komisch klingen, aber die deutliche Hinwendung zu „echten" Charakteren und der witzige Einschlag sind nicht weg zu diskutieren. Der Weg für sympathische Haudrauf-Helden war jedenfalls ebenso bereitet wie die Alternativabzweigung zur Komödie. Nicht zufällig lieferte Arnold auf dem absoluten Höhepunt seines Filmstar-Daseins eine perfekte Symbiose beider Elemente: „True Lies".   
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Bad Ass Rating: 10/10 (Genickbruch, Pfählung, oder freier Fall, Arnie ist erfinderisch; im Endkampf dreht er völlig hohl und befördert eine ganze Söldnerarmee in die ewigen Jagdgründe)

Muscle Posing Rating: 10/10 (gleich zu Beginn gibt Arnie den strammen Holzfäller im weißen Feinripp, beim Schlauchboot paddeln fliegt auch das noch raus, da hüpft selbst der Brustmuskel vor Freude)

Originaltitel: "Commando" (der deutsche „Phantom"-Zusatz macht soviel Sinn wie der Widerstand gegen John Matrix)

Ähnlichster Stallone Film: „Rambo 2 - Der Auftrag" (Held macht im letzten Filmdrittel eine ganze Armee im Alleingang platt und zeigt sich dabei durchaus an Abwechslungen interessiert)

Arnold mit Zigarre: Check / Arnold mit Bürste: Check / Arnold oben ohne: Check (diesmal sogar unten, siehe „Muscle Posing")

Beste Oneliner: „Ja, lass Dampf ab, Bennett." (Matrix zu Benett nach dessen Pfählung), „Das war eine Lüge." (Matrix zu Sully, den er über einem Abgrund baumeln lässt), „Ich hab ihn fallen gelassen" (Matrix auf die Frage Cindys zum Verbleib des verhörten Sully, wobei das originale „I let him go" noch viel kultiger ist)

Filmposter-Slogan: „Er will seine Rache, hier und jetzt." (auch hier ist das Original deutlich knackiger. „Somewhere, somehow, someone´s going to pay."; am besten bringt es aber die zweite US-Variante auf den Punkt: „Let´s Party!")

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