Review
von Leimbacher-Mario
Die Herkunft der Wut
Dokus über Filme und Filmgenres gibt es viele. Aber nur wenige davon würde der geneigte Filmfan oder gar Filmwissenschaftler als Standard oder Must See einstufen. „The American Nightmare“ über amerikanische Horrormeilensteine von „Night of the Living Dead“ (1968) bis „Halloween“ (1978) ist ein solcher Grundkurs, den jeder mal gesehen haben sollte. In nur knapp 70 Minuten werden ein paar der amerikanischen Horrormeisterwerke wie „Shivers“ oder „Texas Chainsaw Massacre“ aufgerollt, ihre Regisseure werden zu Wort kommen gelassen und, was der wichtigste und beeindruckendste Punkt ist, es werden eindringliche Brücken geschlagen zu Dingen wie dem Vietnamkrieg oder der Bürgerrechtsbewegung. Denn genau aus solchen gesellschaftlichen Themen speist sich die Meisterschaft, die Verunsicherung, die Angst, die Wut und der wahre, nachhaltige Schock solcher brutalen aber keinesfalls hohlen Horrorhöhepunkte, die eine ganze Generation fesselten, verstörten und zum Nachdenken brachten.
„The American Nightmare“ ist zu kurz. Ein paar mehr Filme und Regisseure hätten gut und gerne reingepasst. Etwas über eine Stunde ist dann doch arg verknappt, selbst wenn alle wichtigen Punkte abgehakt und grandios aufbereitet wurden. Dennoch gibt es genug Namen und Titel, die eine Erwähnung und ein Kapitel verdient gehabt hätten. An „Exorcist“, „Carrie“ oder „Jaws“ denke ich da, um nur die größten Namen zu nennen. Doch das ist auch schon der einzige Kritikpunkt, den ich an dieser düsteren, cleveren Dokuperle habe. Und andererseits bewundere ich sogar dieses Beschränken auf den „harten Kern“ und das Verkürzen auf eine solch minimale Minutenanzahl, gerade weil andere Dokus über das Horrorgenre oft stundenlang und eher in Serienform daherkommen. Außerdem muss man bedenken, dass viele der hier gemachten Connections, Aussagen und Fakten vor 20 Jahren, also vor der Hochzeit des Internets mit Imdb und Co., noch lange nicht ins gesellschaftliche und popkulturellen Gedächtnis geflossen waren. „The American Nightmare“ war also auch selbst Vorreiter, ähnlich wie die Schocker die er porträtiert und seziert und unheimlich aufwertet. All das macht diese Doku wichtig und lange nachwirkend.
Fazit: eine der quintessenzellen Dokus über unser liebstes Genre. Knackig. Informativ. Schockierend. Durchdacht. Mit allem was Rang und Namen hat, zudem wirklich mitreißend angeordnet bzw. mit der damaligen Gesellschaft und Lage der US-Nation verbunden. Eine Collage der Wut, des Terrors, der ganz realen Angst. Top! Nur um ein paar wichtige Filme und Minuten zu kurz.