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Alex (Nicholas D'Agosto) hat ein verstörendes Hobby: der unauffällige junge Mann, der tageweise in der Stadtbibliothek arbeitet, verfolgt Menschen bis an ihre Häuser, um mehr über sie zu erfahren. Er ist kein sexuell motivierter Voyeur, sondern wohl "nur" neugierig. Bei einem seiner Streifzüge gerät er an die hübsche Josie (Leighton Meester), die sein Voyeurismus eher amüsiert und selbst kleptomanisch veranlagt ist.
Ein Paar, welches Alex besonders interessiert, sieht er regelmäßig in der Bücherei, wo sie sich immer dasselbe Buch ausleihen. Er verfolgt die beiden und wird erwischt. Anstatt die Polizei zu rufen, sind Alice (Cheryl White) und Marc (Kevin Kilner) vielmehr fasziniert von ihm, denn er ähnelt ihrem verstorbenen Sohn Tommy extrem. So entsteht eine immer bizarrer werdende Beziehung zwischen "Eltern" und "Sohn"...

"Inside" aus dem Jahr 2006 ist der erste Langfilm des Amerikaners Jeff Mahler (sein Kurzfilmdebüt ist "Outside") und ist bisher auch sein einziger Spielfilm geblieben. Dies ist eigentlich schade, denn "Inside" ist ein ziemlich interessanter, hypnotischer und faszinierender kleiner Film über Trauer, Verlust, Identität und Projektion von Gefühlen auf Andere.
Marc und Alice sind so in ihrem Schmerz über den Verlust ihres geliebten Sohns Tommy gefangen, dass sie sich vollkommen abgekapselt haben und Alex ihnen gerade recht kommt, um nicht mehr den Verlust von Tommy aktiv zu bewältigen, sondern "wie gewohnt" weiterzuleben zu können und dabei doch Alex seines Lebens berauben. Durch Alex' Auftauchen verwischen auch die Differenzen zwischen Marc und Alice, da beide vollkommen unterschiedlich mit dem Tod ihres Sohns umgingen. Alice verliert sich in ihrer Trauer, wohingegen Marc zumindest versucht, ein normales Leben zu führen. Und Alex nimmt ihr Interesse an seiner Person zunächst dankbar an, um dann zu merken, dass sie weniger ihn sehen als eben ihren toten Sohn. Alex Voyeurismus, der ihn aus verstörter Neugier in das Innere von Häusern führt, führt in die Psychose eines Paares. 
Alex einzige Verbindung zu einem realen Leben ist Josie, die Tochter eines Arztes, die aus purer Langeweile und Rebellion anfing zu klauen. Ihre rotzfreche Art und Alex Zurückhaltung scheinen nicht zusammen zu passen und doch wird sie seine einzige Rückkehrmöglichkeit.
Und im Verlauf der Handlung kommen noch viel mehr Geheimnisse ans Licht, die das Geschehen noch mal z. T. im neuen Licht erscheinen lassen und die Tragweite noch mal erhöhen.
Und trotz einiger sehr großer "Zufälle" in der Story und einer nicht immer gänzlich unholprigen Regie ist "Inside" ein feiner, fieser und interessanter düsterer Thriller, der einen an menschliche Abgründe in einer blitzsauberen Vorstadt führt, ohne das viel Blut fließt oder die Axt geschwungen wird. Die bittersten Abgründe sind eh in der Seele und die müssen sich nicht blutig manifestieren.
Den Film gibt's in Deutschland (und Europa, glaub ich) gar nicht, man kann ihn aber für sehr wenig Geld in den USA oder Kanada regionalcodefrei bestellen. Ne gute 7,5.

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