Entjungferung des Auges
"Belladonna of Sadness" ist ein Kunstwerk sondergleichen aus den Frühjahren der Animekunst. Explizit und erotisch, erzählerisch wie künstlerisch enorm anspruchsvoll, manchmal gar übervoll. Die Geschichte der schönen Jean, die einen Pakt mit dem Teufel in Phallusform schließt und so ihr Land und ihre Beziehung ins Chaos stürzt, spielt im europäischen Mittelalter und beherbergt einen Bilderschwall, der mit wenig aus der Geschichte der gemalten Filme vergleichbar ist. Optisch ist das mehr als stimulierend, man verliert sich in einem Rausch aus Erotik, Gewalt und metaphorischen Formen, Farben, Fabeln. Fast einschläfernd hübsch.
Leider verliert die epische Geschichte etwas ihre Verbindung zum Zuschauer und wird oft genug eher psychedelisch und symbolisch als wirklich mitreißend. Doch diesen Sog übernimmt wie gesagt die Optik, welche ihrer Zeit voraus war und noch immer jegliche aktuelle Animes in den Schatten stellen vermag. Ob das Frühwerk der japanischen Zeichenfilmkunst nun feministisch oder das Gegenteil davon ist, dürften die letzten zwei Einstellung nochmal klar unterstreichen. Erzählerisch oft verworren, doch im Zusammenspiel mit seinen Zeichnungen, seiner sexuell aufgeladenen Atmosphäre und einem hypnotischen Soundtrack, kann man an "Belladonna of Sadness" durchaus genug finden, was sich zu huldigen lohnt. Noch immer.
Fazit: besser spät entdeckt, gefeiert, verehrt als nie. "Belladonna of Sadness" ist hat auch nach 40 Jahren nichts von seiner Magie, seiner Kraft verloren. Ein wichtiges Frühwerk und ein wuchtiges Kunstwerk. Wurden Animes seitdem wirklich besser? Zweifel.