Im Lucky-Luke-Abenteuer „Daisy Town“ zieht ein Treck auf der Suche nach einer neuen Heimat durch die Einöde des amerikanischen Westens. Als der Leiter des Trecks die weißen Zungen- und gelben Röhrenblüten eines einsamen Gänseblümchens über der ausgetrockneten Erde leuchten sieht, nimmt er die Blume als Symbol für den Neuanfang und beschließt, an diesem Ort eine Stadt zu gründen.
Mit einem gelben Umschlag um die weißen Seiten soll sich auch das Skript zu „Ghost Town“ aus dem Papierstapel unverfilmter Drehbücher hervorgehoben haben. Nur der Farbe wegen sei es in Augenschein genommen worden, wenn man einem Interview mit Produzent Timothy Tennant Glauben schenkt. Weil auch der Titel und das Szenario der Story aus der Feder Duke Sandefors in die Fantasy-Action-Horror-Pyramide vom Flipchart der Produzentenrunde passten, nahm Charles Bands Firma Empire Pictures, damals schon kurz vor der Insolvenz stehend, umgehend die Produktion des übernatürlichen Western-Horror-Abenteuers in Angriff. Die Verpackung war für den Videothekenmarkt eben schon immer wichtiger als der Inhalt, und obwohl „Ghost Town“ auch einen kleinen Kino-Release erfuhr (mit nicht mehr als acht teilnehmenden Kinos), waren eben am Ende des Tages ein griffiger Titel und ein reißerisches Artwork nötig, um die Kassette an den Mann zu bringen.
Dass in Folge derart gesetzter Prioritäten keine allzu kühnen Heldentaten vom Drehbuch zu erwarten sind, versteht sich von selbst. Eine über viele Jahrzehnte ruhende Geisterstadt erwacht wieder zum Leben, ein übler Ghost Rider entführt eine junge Frau und ein Streifenpolizist muss sie mit ungewöhnlichen Mitteln befreien – Punkt. Der Diebstahl aus dem Fundus amerikanischer Mythen und Legenden fällt großflächig aus, auf allzu konkrete Vorbilder stürzte man sich dabei nicht. Werwölfe und Zombies hinterlassen ihre vagen Spuren, ohne selbst aktiv einzugreifen, die unüberschaubaren Weiten des US-Westerns sorgen für das Fundament und Geister werden als Echos der längst vergangenen Zeiten des „Wilden Westens“ installiert. Sie schleichen umher wie Geisterbahnfiguren, die Jahr für Jahr immer wieder die gleichen Bewegungen ausführen, um anhand des praktischen Beispiels konkreter Szenen-Nachstellungen die Geschichte wieder zum Leben zu erwecken. Es weht sogar eine Ahnung von „Westworld“ im Luftstrom des zirkulierenden Wüstenstaubs mit, wenn Duelle zwischen Helden und Schurken mit dem Klischee-Bewusstsein eines Post- oder Neowesterns zum Spiel umfunktioniert werden, inklusive passender Kamerawinkel und Einstellungsgrößen.
Der Star ist keiner der Darsteller, sondern bloß dieses eine große Setpiece aus den Old Tucson Studios (in denen u.a. auch „Schneller als der Tod“ und „Tombstone“ gedreht wurden), das einen Großteil des kleinen Budgets auffraß: Eine Straße mit hölzernen Gebäudefronten und einer Kapelle am Kopfende, ferner die Figuren, die darin die Illusion einer Lebendigkeit auf Zeit erzeugen. Der Boden besteht praktisch nur aus gedörrten Astzweigen und luftgetrocknetem Schmutz, der in feinen Partikeln die Fensterfronten der Saloons, Sheriffbüros und Kleinläden benetzt. Im Inneren der Gebäude warten dicke Staubschichten auf jeder Oberfläche seit Jahrzehnten vergeblich darauf, weggewischt zu werden. Weiße Wolken und knallblauer Himmel blenden die Kamera um die Wette, erzeugen aber nicht unbedingt eine brütende Atmosphäre, sondern bahnen sich ihren Weg durch kühlende Windböen, die das Foley Design mit leise heulendem Gepfeife und knarzenden Schaukelstühlen untermalt. Das fühlt sich dann schon eher wie ein abenteuerlicher Museumsbesuch in einer klimatisierten Halle an – nicht authentisch, aber zumindest von Hand präpariert.
Aber am völligen Eintauchen in eine andere Zeit war Charles Band (“Cyber World“) ohnehin nie direkt interessiert; die Gegenwart lauerte immer hinter dem nächsten Felsbrocken, fast so, als wolle man uns den Gedankensprung vom Alltag in die Welt des Films so einfach wie möglich machen. Eines der ersten Dinge, die man im Film sieht, ist nicht etwa ein Pferd oder ein altes Honkytonk-Piano, sondern ein Auto auf einem Highway. Es ist bei Band stets das Phantastische, das sich einen Zugang in die Jetztzeit verschafft, nicht etwa umgekehrt. Franc Luz ist passend dazu ein typischer Hauptdarsteller für diese Art Film: Kantige Gesichtszüge, abgeklärtes Auftreten, rustikale Erscheinung, ein klassisches B-Movie-Idol der späten 80er / frühen 90er eben. Gab’s auch oft in weiblich (in den 90ern vielleicht öfter als noch in den 80ern), nur dann eben ohne Vollbart. In „Ghost Town“ hingegen ist die weibliche Fraktion in Person von Catherine Hickland eher klassisch angelegt, sie repräsentiert einfach das zu rettende Objekt und greift kaum aktiv in die Abläufe ein, obwohl ihr trotziger Gesichtsausdruck andere Bände spricht.
Jimmie Skaggs, der täglich mehrere Stunden unter der Maske verbrachte, spielt einen Villain, der deutlich spürbar aus einer anderen Epoche, ja beinahe Galaxie stammt als der Held. Luz hinterlässt dank schmerzhaft verzerrter Grimassen der Anstrengung einen relativ verbissenen Eindruck, Skaggs hingegen agiert unter seinem Zombie-Make-Up mit diebischer Freude an den sadistischen Eigenschaften seiner Figur, die bisweilen ins Soziopathische abgleiten. Wirklich lebendig wird die Illusion einer Geisterstadt aber erst durch einige der hässlichen Visagen unter den Nebendarstellern, die blöde kichernd am Rand stehen, das Geballere der Protagonisten mit dummen Kommentaren versehen und sich auch mal die ein oder andere Kugel einfangen. Die Effekte-Abteilung bastelt zu diesem Zweck ein paar hässliche Ein- und Austrittswunden, bleibt insgesamt aber von richtigem Gore-Feeling spürbar fern. Dass kaum mit anderen visuellen Effekten als jenen direkt am Körper der Darsteller gearbeitet wird, lässt die Optik noch spröder wirken als ohnehin bereits. Beinahe wie Mumien-Splatter: Man bricht den Körper auf und heraus kommt nur heiße Luft.
Über Aufbau und Spannung lässt sich nicht allzu viel Schmeichelhaftes sagen. Das gemäßigte Tempo und der vorhersehbare Ablauf sind hier eben nicht gerade förderlich. Es ist auch deutlich zu spüren, dass budgetbedingt viele Ideen wohl einfach nicht umgesetzt werden konnten. Filme wie diese sind nicht gerade zum Kult prädestiniert, einfach weil es ihnen an kultigen Szenen mangelt. Sie laden vielmehr dazu ein, in der Stimmung zu verweilen und die an Kurven arme Dramaturgie wie einen Erholungsurlaub zu nehmen. Und tatsächlich macht das Zuschauen trotz fehlender Highlights durchaus Spaß. „Ghost Town“ eignet sich nicht etwa deswegen zur Wiederentdeckung, weil es sich um eine verkannte B-Perle handeln würde, sondern weil Filmproduktion in dieser Art heute gar nicht mehr existiert. Auch das ist Teil der Filmgeschichte.