Review

Wer kennt das nicht aus seiner Kindheit? Abends setzt sich ein Elternteil ans Bett, streicht einem durchs Haar und erzählt noch eine hübsche Gute-Nacht-Geschichte. Da man währenddessen einschlafen soll, schließt man die Augen und kuschelt sich unter die Decke. Dabei malt man sich die gehörten Dinge genauso aus, wie man sie haben will. Prächtige Kostüme, bekannte Gesichter und nach kleineren Einwänden vom Erzähler modifizierte Beschreibungen von den Akteuren. Man malt sich diese Fantasiewelt so, wie sie einem gefällt. Und ebenso so kunterbunt kommt "The Fall" von Regisseur Tarsem daher. Der Unterschied hierbei ist nur, dass die kleine Alexandria mit ihrem gebrochenen Arm auf das Bett des verletzten Stuntmans Roy klettert, welcher im gleichen Krankenhaus liegt, und sich von ihm in eine solche Welt hineinversetzen lässt. Und zwar soweit, dass man Roys unfreiwilliger Parabel dank Alexandrias Vorstellungen beim Eintauchen in die reale Umgebung förmlich zuschauen kann.

Neben farbenfrohen Kleidern und Landschaften erdenkt sich das traumhaft süße Mädchen eine unglaubliche Welt. Alles wirkt wie ein riesiges Kunstwerk. Erzählt von Roy, ersponnen von Alexandria und für den Cineasten umgesetzt von Tarsem. Großartige Aufnahmen von skurrilen Charakteren, wunderschöne Blickwinkel auf pompöse Sets. "The Fall" kann den Zuschauer allein mit seinen Schauwerten erschlagen. Nur ist das längst nicht alles, denn auch inhaltlich besticht der Film durch eine geniale Grundidee. Fantasie und Realität werden immer mehr miteinander verbunden bis sie sich letztlich wechselseitig bedingen. Dabei trifft Rührseligkeit auf Verachtenswertes, Euphorie küsst Dramatik und Nächstenliebe plagt sich mit Menschlichkeit herum. Der Film präsentiert eine so sanft eingewobene Metaebene, dass man sofort mit dem Philosophieren und Nachdenken anfängt. Hier das Krankenhaus mit Roy und Alexandria, dort die Fantasiegeschichte mit den Kriegern und ihrer Suche nach dem Erzfeind und dazwischen spinnt der Zuschauer aus einer Vielzahl an Metaphern, Allegorien und anderen Andeutungen der Protagonisten seine persönliche Quintessenz zusammen. Das ist wie der Zuckerguss auf einer kalorienreichen Kirschtorte, die nicht nur wie gemalt aussieht, sondern auch noch göttlich schmeckt.

Tarsem gelingt mit "The Fall" ein großartiger Märchenfilm für Erwachsene, der herzzerreißend erzählt, fantastisch inszeniert und von vorne bis hinten durchdacht ist. Hier erzählt jemand eine einzigartige Geschichte, die ebenso unterhaltsam wie ernst ist, welche dann vom kreativen Geist eines bezaubernden Mädchens erdacht wird und schlussendlich nur noch vom Zuschauer aufgesogen und interpretiert werden muss. Dabei lehnt man sich fasziniert zurück und genießt es, der Dritte im Bunde sein zu dürfen.

Details
Ähnliche Filme