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"What you say and do right this minute is gonna change the rest of your life."

Dass Brian De Palma nach den Erfahrungen in 'letzter' Zeit und aufgrund des höheren Alters, in dem man sich dergleichen Probleme nicht mehr geben muss und/oder will dennoch zwei Projekte in Vorbereitung hat, verwundert einen und genügt auch Respekt ab; ob die Ankündigungen auch vollzogen werden, weiß man nicht, wird man sehen. Bei Domino (2019) gab es mittendrin Probleme mit den Geldgebern, davor waren einige finanzielle Flops zu verzeichnen, der Rohschnitt von Black Dahlia (2006) ist laut Aussagen wesentlich besser angekommen als die um gut eine Stunde gekürzte Veröffentlichung, ebenso der von einer Privatperson erstellte chronologische Mein Bruder Kain (1992), zudem wurde bei Snake Eyes - Spiel auf Zeit das teure Ende einfach weggelassen, mehrere Millionen einfach im Schneideraum gelandet und dort verblieben, und auch der Film war angesichts der damaligen Zugkraft von Hauptdarsteller Nicolas Cage gesehen kein Erfolg. Der Film selber, und das ist das Wichtigste, dreht sich um Sehen und Gesehenwerden, um Registrierung, um Aufmerksamkeit und Rezeption:

Atlantic City. In der Nacht eines tropischen Sturms besucht der korrupte, extravagante Polizeidetektiv Rick Santoro [ Nicolas Cage ] in der Atlantic City Arena einen von Lou Logan [ Kevin Dunn ] moderierten Boxkampf zwischen dem Schwergewichtschampion Lincoln Tyler [ Stan Shaw ] und seinem Herausforderer Jose Pacifico Ruiz [ Adam Flores ]. Er trifft sich mit seinem besten Freund seit seiner Kindheit, dem U.S. Navy Commander Kevin Dunne [ Gary Sinise, der als Ersatz für den ablehnenden Al Pacino und den zu hohe Gagen fordernden Will Smith einspringt ], der mit dem Verteidigungsministerium zusammenarbeitet, um Verteidigungsminister Charles Kirkland [ Joel Fabiani ] und Arena-Direktor Gilbert Powell [ John Heard ] nach einer Reise nach Norfolk, Virginia, beim Kampf zu eskortieren. Während die Aufmerksamkeit der Massen auf den Ring gerichtet ist, wendet sich eine blond perückte Frau, Julia Costello [ Carla Gugino ] an den Politiker. Plötzlich fallen Schüsse.

Dass dem Mann aus New Hollywood hier wieder alle Türen offen standen, hat er natürlich Tom Cruise und dessen Franchisegründung mit Mission: Impossible (1996) zu verdanken, die Projekte davor und danach wieder persönlicher, weniger als Auftragsarbeit für einen Star, sondern der eigene Ausdruck mehr zum Vorschein kommend; auch wenn gewisse Signaturen in dem filmischen 'Vorgänger zu finden waren. Das Setting ist hier entscheidend, der Raum, eine Arena, die kurz vor dem Abriss steht und seinen letzten Abend feiert, sprichwörtlich und buchstäblich. Selbst das Wetter ist entsprechend, es schüttet wie aus Kannen, ein isolierter, aber äußerst großflächiger und verwinkelter Raum wird geboten, die Zeit ist knapp bemessen dafür, keine 100 (Film)Minuten. Der Bildkader erst klein, dann wie die Bewegung immer größer und weiter gehalten, auch Lug und Trug und Vortäuschung und Illusion von Beginn an, selbst das Wetter wird anders bezeichnet als es eigentlich ist, es wird verharmlost, der Beginn eines vielfältigen und vielschichtigen Abends.

Cage macht hier schon seine eigene Nummer, seine Clown-Show, wofür er später erst berüchtigt, dann wieder berühmt wurde, er zieht die Aufmerksamkeit ab und Wirksamkeit auf sich, es gilt auch ihm zu folgen, es ist seine Sichtweise, sein Handeln und Tun, was entscheidend ist. Alles anderes drumherum ist auch wichtig, es ist kein normaler Thriller, obwohl er als solcher verkauft wurde, es ist auch ein Feldzug des Filmemachers De Palma, der sich noch einmal austoben darf, das Publikum täuschen und verblüffen, auf eine Reise mitnehmend. Viel passiert gleich zu Anfang, in einer einzigen langen Aufnahme, mehrere Personen im Bilde, mehrere Ereignisse, man darf und muss selber entscheiden, was einem wichtig und was unwichtig ist, abstrahieren, filtern, keine Überforderung, eine Herausforderung durch den Regisseur, hier auch Produzent, nicht Autor, das ist David Koepp; in einer Vorwegnahme von 8 Blickwinkel (2008), der auch ideal für De Palma und dann weniger konventionell (mit eigenen Qualitäten allerdings) gewesen wäre.

Police Business wird hier gezeigt, Politik, Militär, ein Attentat, das erinnert willkürlich oder unwillkürlich an Blow Out - Der Tod löscht alle Spuren (1981), dazu wird unterschieden von dem, was man gesehen hat oder zu sehen glaubte oder erst später einem wieder einfällt, alte Motive, neue Umgebung, ein moderner Film, in einer speziellen Ära und beinahe zeitlos auch, eine Deluxe Mischung. Sinise auf der anderen Seite erdet den Film, kurz ein Star auch, pendelnd zwischen Kino und Fernsehen, ein damals bekanntes Gesicht, überall auf dem Bildschirm, hier mit als Fokus positioniert. Der Kampf, das Ereignis, "It's Fight Night!" wird gar nicht bis kaum gezeigt, nur die Reaktionen der Masse, dazu ein, zwei, drei auffällige Personen, ein agiler 'Wachmann' , dem Differenzen auffallen, für den Zuschauer im Jubel und Trubel fast zu viel des Guten. Mehrere Schüsse fallen, mehrere Leute werden verletzt oder sterben, eine Massenpanik bricht aus, es wurde alles gezeigt und doch nichts, mal aus der unmittelbaren Nähe, dann wieder der Distanz, eine hochbrisante Lage, für manche fängt es erst an, für Andere ist es zu spät. Geschichten werden sich zu Recht gebogen und anders formuliert, die Wahrheit weiß noch niemand, manche wollen sie verhindern, manche wollen sie gar nicht wissen, der Zuschauer hin- und hergerissen.

An der brodelnden Oberflächlichkeit Bürokratie und Kompetenzgerangel, es geht um Vertuschung und Täuschung und Verschwörung, das tut es auch im Inneren, es gibt eine direkte blutverschmierte, aber fliehende Zeugin, es gibt einen weiteren Toten, es gibt ein 'auffälliges Subjekt', alles hängt miteinander zusammen und doch wieder nicht. Ein Thriller über Paranoia und Verstecken oder Entdecken entsteht bald, es gibt Differenzen in den Aussagen, Diskrepanzen in den Aufnahmen, ein Ereignis aus vier Kameraperspektiven aufgenommen, drei zeigen einen K.O., die vierte zeigt etwas anderes. Das Drehbuch von Koepp spielt dabei direkt in die Hände von De Palma, es gibt ihm diverse Möglichkeiten der technischen Handhabe, Point-of-View, Rückblenden, Vogelperspektive, Blitz und Donner, Licht und Schatten, Folgen und Verfolgung, Wechsel in die dritte Perspektive, dazu Schicksalsschläge eigentlich außenstehender Personen, und eine entscheidende Offenbarung ("There's a lot of discussion in Snake Eyes about why do we reveal who did it so soon. Well, the problem is that it isn't about who did it. It's a mystery about a relationship, two people, and how finding that out affects their relationship ... those kinds of procedural movies are extremely boring...") bereits vor der Halbzeit, plus folgend ein Wettlauf gegen die Zeit, ein Spiel auf Zeit, knapp 100min identisch zum eigentlichen Geschehen. Inoffizielle Ermittlungen ohne Unterstützung gegen offizielle Ermittlungen mit technischer Hilfeleistung, einige sehen alles, manche sehen gar nichts bis kaum etwas, sind unfokussiert, oder wollen nichts sehen. Cage will alles und später nichts von dem wissen, was er mitbekommen hat, ein korrupter Cop, der sein Leben umkrempeln muss, wenn es weitergehen soll; eine über sich selber und über andere wütende, verärgerte Charakterzeichnung, "Don't give me that wounded look. You haven't got the face for it."; kein Heroe, der sich in Sachen einmischt, die ihn nichts angehen, eher das Gegenteil davon.







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