Review

Eine filmische Neuauflage des Rippermythos - daran waren große Erwartungen geknüpft, vor allem wenn zwei Filmemacher wie die Hughes Brothers sich an ein solches Projekt machen, zwei Jungregisseure, die ordentlich künstlerischen Kredit zur Verfügung hatten, allein nach dem schwarzen Street-Drama, das sie berühmt machte.

Doch leider kann "From Hell" zumindest in meinem Fall die Erwartungen nicht einlösen, auch wenn die Kombination von Ripper und Johnny Depp vielsprechend klingt.

Nehmen wir die historische Bürde gleich vorweg: "From Hell" hat mit dem wahren Ripper-Fall kaum mehr als die Legende gemein. Dabei darf nicht vergessen werden, daß es hier nicht um historische Genauigkeit geht, sondern um eine Comic-Verfilmung, dessen Vorlage preisverdächtig war. Aber gerade wegen der phantasievollen Verarbeitung des Falles taucht der Name "Jack, the Ripper" im fertigen Film niemals auf.
Fakt ist, alles was historisch genau ist, sind die Namen der fünf (bzw. sechs, denn ein nicht zu seinen Opfern gezählte Leiche wird ebenfalls angeführt) Prostituierten, die dahingeschlachtet werden und die der Hauptperson Inspektor Abberline, der mit dem Fall an sich jedoch nur teilweise zu tun hatte.
Ansonsten bedient sich das Drehbuch beim Ripperfall wie aus einem Legobaukasten, indem es potentielle Verdächtige der Legende in den Fall mitverstrickt und hin und wieder noch ein paar tatsächliche Figuren hinzurührt, wie den Leibarzt der Königin Sir William Gull und den Polizeichef Sir Charles Warren. Auch tauchen kurz die gesendeten Briefe des Killers auf, ohne in den Ermittlungen eine Rolle zu spielen. Für Ripper-Puristen wie mich eine herbe Enttäuschung, denn so aufregend die hier vermittelte Theorie ist, so unwahrscheinlich und gebastelt ist sie nebenbei.

Überhaupt sind die Ermittlungen in diesem Fall kaum von Bedeutung. Der Film konzentriert sich auf mehrere Handlungsstränge, die mehr einem modernen Thriller gleichen als einem historischen Kriminalfilm. Da wäre zunächst der rote Faden rund um die fünf Prostituierten, die hier der Sorge um das britische Königshaus geopfert werden. Allein die Tatsache, daß alle fünf hier befreundet sind, spottet jeglicher Realitätsnähe. Dann wären da die potentiellen mörderischen Verschwörer, geheimnisvolle Figuren wie Polizeichef, Leibarzt, eine königliche Spezialabteilung, ein Jungarzt und mehr. In diesem Bereich werden reichlich rote Heringe ausgelegt, die der Film später geschickt miteinander verbindet. Der dritte Strang widmet sich Johnny Depps Inspektor Abberline, der im Opiumrausch die besten Visionen bezüglich der (noch kommenden) Geschehnisse hat und doch den Ereignissen meist machtlos gegenübersteht.

Womit wir auch schon beim zentralen Problem der Dramatik wären. Denn der Film baut nicht eine langsame Kaskade des Schreckens in der viktorianischen Zeit auf, sondern stürzt den Zuschauer gleich mitten ins Geschehen, ohne wesentlichen Orientierungspunkt oder eine brauchbare Leitfigur. Das hier erschaffene künstliche London von 1888 wirkt dabei zwar optisch sehr anziehend, entbehrt aber jeder Gewöhnung im Laufe des Films.
Dazu kommt noch, daß, wenn man ein wenig aufmerksam die Handlung verfolgt oder eventuell Ripper-Vorkenntnisse hat (wobei ich den hervorragenden TV-Zweiteiler anführen möchte), schon recht schnell das Mordmotiv zusammenzuführen ist, ein Vorsprung, für den Depps Abberline zwei Drittel des Films zum Aufholen benötigt. Keine Mystery, sondern ein offensichtliches Komplott. Das wirkt nicht gerade spannungsfördernd, vor allem da wir wissen, daß sie alle noch dran glauben müssen und den Fortlauf der Geschichte damit hinreichend kennen.

Problematisch auch die letztendliche Fehlbesetzung vieler Beteiligten. Der Film konzentriert sich stark auf Grahams Mary Kelly und Depp, doch an diesen Figuren kann man sich als Zuschauer kaum festhalten. Depp ist deutlich zu jung und seine Figur zu abgehoben (bzw. opiumrauchverschleiert) , um deduktiv eine Polizeiermittlung zu führen oder auch nur als möglicher Polizist in Frage zu kommen. Graham ist, wie alle Huren hier, viel zu hübsch, ja sie kaum einen Makel und sieht vergleichsweise reinlich aus. Überhaupt hat man sich recht detailverliebt gegeben (schlechte Zähne, Haare, fehlende Rasuren), doch sieht das Ergebnis immer eine Spur zu geleckt aus. Hollywood was here, leider!
Mit diesen beiden Figuren, die einem modernen Thrillerdrama entnommen sein könnten, ist kein Staat zu machen. Und auch ihr Umgang erinnert immer an Actionthrillervorbilder, wenn Depp keinerlei Standesdünkel zu kennen scheint, sich in die Hure mit dem goldenen Herzen verliebt und für die gute Sache kämpft. Da kommen auch hervorragende Nebenfiguren nicht gegen an. Robbie Coltrane ist noch am ehesten amüsant, wirkt aber wie ein moderner Assistent eines Buddy-Movies und nicht wie ein niederrangiger Beamter, während Ian Holm als Gull stets mit seinem momentanen Erfolg als Bilbo Beutlin zu kämpfen hat und seine Dialoge ihn den Fall meistens nur zusammenfassen lassen.

Wirklich angenehm ist da nur der künstliche Look dieses artifiziellen Londons, der knallbunt daherkommt, auch wenn zahlreiche Extras (z.B. der kurz auftretende, aber total überflüssige Elefantenmensch) nur des Lokalkolorits wegen aufgenommen wurden, einige Anachronismen auftauchen (so verlangt Coltrane einmal ganz modern nach einem Krankenwagen, obwohl die Leichen mit Pferdekarren transportiert wurden) und manche Sachen der Unterhaltsamkeit wegen verfälscht wurden (z.B. ein kaum belastbarer Leichenhallenarzt, der sich ständig übergeben muß). Zwar wird hier nicht an Dreck gespart, aber wie gesagt, es sieht nach Hollywood-Dreck aus und der ist sauberer als anderer.

Der Härtegrad ist für einen Mainstream-Thriller recht erbaulich, auch wenn die Morde en detail (Ausnahme: ein satter Kehlenschnitt) nicht gezeigt werden (allerhöchstens akustisch), dafür aber hin und wieder die anschließenden Ergebnisse ins Bild gerückt werden, die natürlich drastischer ausfallen, als sie es in der Wirklichkeit gewesen sind. Action gibt es fast gar keine, mal von der abschließenden Kutschfahrt abgesehen) und der gewisse Drive fehlt leider zu oft, wenn die Hughes schon Modernitäten wie Zeitrafferaufnahmen einbauen.
Das Ende erfreut dann aber doch noch mit einer frischen, wenn auch vorhersehbaren Idee und einem überraschend düsteren Ende, das so nicht hätte sein müssen, wenn man ein wenig einfallsreich ist.

Abseits aller Erwartungen gibt das natürlich trotzdem einen unterhaltsamen Thriller für nicht Ultimativ-Mitdenker, farbenfroh und abwechslungsreich, aber dennoch ein Gemisch aus bekannten modernen Elementen und Brüchen mit Sehgewohnheiten, wie eine wohlbekannte Gegend mit reichlich neuen Schlaglöchern.
Die Schlacht wider dem integrierten Realismus wäre damit wohl gewonnen, aber wirklich viele neue Freunde werden sich die Hughes Brothers nicht gemacht haben, wobei ich noch anfügen möchte, daß sie für diesen europäischen Mythos gewiß die falsche Wahl gewesen sind und doch näher an ihrem bisherigen Leisten bleiben sollten, anstatt stilistische 180-Grad-Wendungen zu machen.
Für mich guter Durchschnitt, wenn ich meine Kenntnisse mal flott unterdrücke (sonst wärs ein Ärgernis), für alle anderen irgendwas zwischen historischer Wundertüte und der schrillen Versetzung moderner Motive in historische Zeiten. (6/10)

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