Review

Die Literaturverfilmung "Quo Vadis" (2001) schaffte es ihrerzeit, als Kawalerowiczs letzter Film den Bekannhtheitsgrad des polnischen Filmemachers nochmals etwas aufzufrischen: die Qualität ließ jedoch in den Augen enttäuschter Kritiker zu wünschen übrig, Kawalerowicz hatte seine Hochphase schon längst überschritten. Diese lag knapp drei, vier Jahrzehnte zurück, als "Pociag" in Kawalerowiczs Schaffen eine durchweg erfolgreiche Dekade einleitete, in der er noch mit dem kirchen- & religionskritischen Historiendrama "Matka Joanna od aniolow" (1961) über die Ereignisse im Kloster Loudons (um Jeanne des Anges und Jean-Joseph Surin) und mit dem prestigeträchtigen Monumentalfilm "Faraon" (1966) über den sich allmählich abzeichnenden Niedergang des alten Ägyptens Meilensteine (nicht nur) der polnischen Filmgeschichte vorlegte.

"Pociag" ist [Achtung: Spoiler!] sicherlich das kleinste, zurückhaltendste dieser drei Meisterwerke in Folge, von denen "Matka Joanna od aniolow" hierzulande neben Ingmar Bergmans "Tystnaden" (1963) im Jahre 1964 den wohl veritabelsten Zensurfall darstellte (aus dem er glücklicherweise unbeschadet hervorging), während "Faraon", die enorm kostenspielige Großproduktion, als intellektueller & avantgardistischer Gegenentwurf zu Hollywoods Fiasko "Cleopatra" (1963) gehandelt worden ist. "Pociag" war dagegen ein kleines Drama, in dem es freilich um ganz große Themen ging, was schon im Vorspann angekündigt wird, wenn die Kamera aus extremer Aufsicht auf die Menschen des Bahnhofes herabblickt (wie ein Insektenforscher auf das Gewimmel eines Ameisenhaufens); und ein vorzüglicher, leiser Thriller, der wohl noch vor Hitchcocks "The Lady Vanishes" (1938), vor Reeds "Night Train to Munich" (1940) und vor Lumets "Murder on the Orient Express" (1974) das gelungenste Kriminalspiel der Filmgeschichte im Zug-Ambiente darstellen dürfte - vielleicht auch noch vor Renoirs "La bête humaine" (1938), wenn man den überhaupt dazuzählen mag.
Ein reiner Kriminalfilm ist "Pociag" freilich nicht; es ist zugleich ein Drama, enhält eine nebensächliche Liebesgeschichte und ist vor allem ein gesellschaftskritischer Blick auf die conditio humana, auf die 'menschliche Bedingung' - und nicht etwa bloß auf die 'polnische Bedingung': entschieden hatte sich Kawalerowicz, der sich zuvor durchaus auch dem sozialistischen Realismus zugewandt hatte, geweigert, einen der damals im polnischen Kino verbreiteten Filme über eine nationale Problematik - womöglich auch noch patriotischer Ausrichtung - zu drehen. Stattdessen drehte er - wie kurz darauf Roman Polanski mit "Noz w wodzie" (1962), wenngleich mit einem offeneren Figurengefüge arbeitend - einen Film über verschiedene Individuen, die während ihrer Reise aufeinanderhocken und sich aus verschiedenen Gründen und auf verschiedene Weise aneinander reiben: bis schließlich ein Instinkt alle zur wütenden Meute zusammenschweißt. Natürlich gibt es hier deutliche Hinweise auf eine Vergangenheit in Buchenwald, natürlich gibt es auch einen vagen Verweis darauf, dass man auch in einer Opfernation gemeinsam schuldig werden konnte, und bisweilen wurde "Pociag" durchaus noch als Film über die polnische Gesellschaft gedeutet; zugleich aber war der Film mit seinem neutralen Setting des Zuges und mit der bunt zusammengewürfelten Gruppe aus einem Arzt, einem Anwalt, dessen Gattin, einem jugendlichen Liebhaber, einer Schaffnerin, einem Pastor etc. allgemeingültig genug, bot er Identifikationspotential genug, um auch international auf Verständnis & Zuspruch zu stoßen - was ihn dann auch zu einem der international erfolgreichsten Hits des polnischen Kinos seiner Zeit werden ließ.

Die Hauptfiguren dieses Films sind Marta, eine junge Meteorologin, die einer unglücklichen Liebe entgegenreist und von einem Liebhaber, den sie jedoch nicht begehrt, verfolgt wird, und ein beinahe namenlos bleibender Mann, der lange Zeit nichts von sich preisgibt und seine Augen hinter einer rabenschwarzen Sonnenbrille verbirgt: beide teilen sie durch einen etwas unglücklichen (oder glücklichen?) Zufall dasselbe Schlafwagenabteil miteinander. Dies sorgt bereits für die erste Spannung, denn der Mann ist wenig erfreut über seine Reisebegleitung, die sich jedoch weder von ihm, noch von der Schaffnerin sonderlich beeindrucken lässt, derweil die neugierige, von ihrem Mann offenbar etwas lieblos vernachlässigte Anwaltsgattin, ein Pastor und ein vermutlich latent Homosexueller den harmlosen Streitfall mitverfolgen. Noch ein anderes Gesprächsthema entspinnt sich auf dem schmalen Gang des Zuges: ein am Vortag verübter Mord, den ein Mann an seiner Ehefrau begangen haben soll. Besonders der Pastor wird eingespannt in Diskussionen über Schuld, Sünde und Erlösung. Und dann ist da noch der unglückliche Liebhaber, der Marta gegen ihren Willen nachstellt: Zbigniew Cybulski, der polnische James Dean, in einer ungewöhnlich jämmerlichen, wenngleich durchaus trotz aller Selbstsucht irgendwo liebenswürdigen Rolle, in der er sich als (recht harmloser) Stalker betätigt, der genervten Geliebten Briefe zukommen lässt und sich auf verbotenen und gefährlichen Wegen Zutritt zu Martas Abteil zu verschaffen gedenkt.[1] Das sind zunächst einmal die Gegebenheiten und Themen, mit denen sich die genannten Personen - und noch einige mehr: der Anwalt, ein jugendlicher Schwerenöter und ein ehemaliger Buchenwaldl-Häftling, der einst gerne Journalist werden wollte und nun von Schlaflosigkeit geplagt ein weniger angenehmes Dasein fristet - auf engstem Raum beschäftigen.
Und langsam aber sicher wird alles immer intensiver: der abgewiesene Liebhaber führt sich immer wagemutiger auf, zwischen Marta und ihrem unfreiwilligen Reisebegleiter entspinnen sich immer vertraulichere Gespräche, während zugleich die Anwaltsgattin dem anonymen Fremden immer deutlicher Avancen macht (ehe sie an den Schwerenöter gerät): detailliert betrachtet der Film die Trauer und den Neid der Figuren, ihre zärtlichen Sympathien, ihre manchmal auch widersprüchlichen Gefühle, ihre Missverständnisse; letztere in erster Linie, werfen sie doch viele der Figuren mehrfach auf sich selbst zurück, lassen sie einsam sein (und bleiben), während für glückliche Momente harmonischer Zwei-, Drei- oder Viersamkeit nur selten Platz bleibt. Solch einen glücklichen Moment erleben Marta und ihr Abteilgefährte mit dem Einsetzen der Nacht: die Anonymität des jeweils anderen erlaubt es ihnen, über ausgesprochen persönliche Erfahrungen zu sprechen, die zuvor still heruntergeschluckt worden waren. Ähnlich ergeht es dem ehemaligen Buchenwald-Häftling, der mit dem Pastor ins Gespräch kommt. Der karrieristische & reichlich lächerliche Anwalt und seine Frau streiten sich indes in offenbar gewohnter Routine: die Ehe steht nicht unbedingt in einem guten Licht in "Pociag" - auch die Figuren äußern sich abfällig über diese und geben etwas scherzhaft ihrer Existenz eine Mitschuld am Mord des Vortages, von dem in den Zeitungen berichtet wird.
Wirklich verschärfen wird sich die Situation, als die Polizei während eines außerplanmäßigen Stops hinzusteigt: offenbar hält sich der gesuchte Mörder in diesem Zug auf. Es liegt auf der Hand, dass Martas anonymer Reisegefährt verdächtigt wird: nicht bloß ist er wegen seiner Zugeknöpftheit verdächtig, sondern auch das Missverständnis, welches ihn mit Marta in einem Abteil enden ließ, trägt zu der unglücklichen Verwicklung bei. Auch dem Publikum dürfte er inzwischen verdächtig sein, hatte er doch zu Beginn des Films vor Martas Augen im gemeinsamen Abteil kurzzeitig einen aggressiven Anfall, der ihn vorübergehend recht befremdlich wirken ließ. Die übrigen Fahrgäste tauschen sich über diese jüngsten Verwicklungen aus, während der Verdächtige - ein Arzt, wie sich nun herausstellt! - von der Polizei befragt wird.
Dass der Arzt - gleichwohl ein Sympathieträger - auch dem Publikum kurzzeitig verdächtig erscheinen muss, ist ein geschickter Schachzug des Films, kann man die plötzlich aufkeimenden Vorurteile der übrigen Mitreisenden, die sich teilweise das Maul zerreißen, durchaus nachvollziehen. Doch es zeigt sich schnell, dass nicht der Arzt der gesuchte Mörder ist: Marta macht sich auf die Suche nach jenem Fahrgast, der ihr auf dem Bahnhof sein Tickett verkauft hatte. Bei diesem Mann handelt es sich (höchstwahrscheinlich) um den gesuchten Täter. Die Suche nach ihm artet aus: die Kamera wird dynamischer, die Fahrgäste werden unruhiger, einige von ihnen spielen in ihrem Abteil ein feuriges Gitarrenspiel - während zuvor melancholischer Jazz den Soundtrack dominierte - und der gesuchte Täter flieht klammheimlich, überfällt dabei eine andere Passagierin und springt schließlich nach dem Ziehen der Notbremse aus dem Zug.

Was folgt, ist sicherlich das Herzstück in "Pociag": ein gesuchter mutmaßlicher Mörder flieht vor der Polizei, welche ihm gemeinsam mit Spürhunden und allen Fahrgästen des Zuges nachstellt. Gemeinsam und mit demselben Ziel rotten sich die unterschiedlichen und zuvor nur selten miteinander harmonierenden Menschen zu einem wütenden Kollektiv zusammen, hetzen den Mann, dessen Schuld noch gar nicht bewiesen ist, steineschmeißend durch die Landschaft, umkreisen ihn schließlich auf einem Friedhof; der Mann wehrt sich wie ein gehetztes Tier, einer überwältigt ihn, die übrigen stürzen herbei und begraben den Gesuchten förmlich unter sich. Einer von ihnen tritt zornig auf den reglosen Mann ein; zur Räson gebracht packen ihn Scham & Reue. Erst langsam entschließt man  - d.h. der Arzt! - sich, einmal den Puls des reglosen Mannes zu prüfen, der bloß ohnmächtig geworden ist und dem nun Handschellen angelegt werden. Sein Anblick ist mitleiderregend, die umherstehenden Fahrgäste schwanken nun wieder ganz individuell zwischen Genugtuung, Betroffenheit, Mileid und Scham. Der Pastor rückt ein umgestoßenes Kreuz des Friedhofs zurecht und wirkt ein wenig bestürzt, fast so, als ob er sich frage, weshalb er selbst eigentlich mitgelaufen ist.
Diese unausgesprochene Frage ist im Grunde Dreh- & Angelpunkt des Films und wird indirekt gegen Ende des Films von Marta beantwortet werden: Niemand versteht es, wahrhaft zu lieben, aber jeder will unbedingt geliebt werden. Diese Unfähigkeit und dieses Bedürfnis bilden den Grund, weshalb die Partnerschaften und die Ehe in diesem Film so dysfunktional ablaufen, während neue Bekanntschaften zumindest für einige Zeit eine neue Hoffnung ermöglichen; und sie bilden den Grund, weshalb sich zahlreiche Figuren zu einem Mob zusammenschließen, in welchem sich jeder der Zustimmung seines Nächsten für einige Zeit des Wütens gewiss sein kann, in welchem jeder die Hoffnung hegt, als Erster das Opfer (oder den Täter, aber darum geht es im Moment der Hetzjagd ja gar nicht mehr) einzufangen und als Held bewundert zu werden.
Es ist ein pessimistischer Schluss, zu dem "Pociag" kommt; der Schluss, dass ein letztlich egoistisches Liebesbedürfnis dauerhafte Liebesbeziehungen erheblich erschwert und einen zu zweifelhaften Handlungen verleitet, die man nur verübt, um bei den Mitmenschen im Ansehen zu steigen. Und doch endet der Film nicht zynisch, sondern bei allem Pessimismus recht zärtlich und mitfühlend: Der Arzt gesteht Marta von einer schlecht verlaufenen Operation, die sein Gewissen schwer belastet; offenbar hat er eine junge Selbstmörderin nicht retten können. Man spendet sich in einer stillen Umarmung gegenseitig Trost, eine hoffnungsvolle Beziehung entwickelt sich zwischen ihnen allerdings nicht: der Arzt ist verheiratet und wird von seiner Frau erwartet. Und der unerbittliche, verliebte Stalker Martas verliert plötzlich sein zuvor noch so gigantisches Interesse: er macht sich davon. Dafür endet das angespannte Verhältnis zwischen Marta und der Schaffnerin ziemlich versöhnlich...

"Pociag" ist definitiv ein ziemlich moderner Film mit einer ausgesprochen allgemeingültigen Handlung; ein Film, der den Sinn der Eheschließung infrage stellt, der seine Kirchenvertreter nicht als unfehlbar hinstellt, der ganz unterschiedliche Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit bedient und mit viel Respekt und Sympathie nebensächliche Details des menschlichen Miteinanders ebenso verfolgt, wie auch existenzielle Grundzüge des Menschen. All dies und wundervolle Bildkompositionen, die dem engen Raum des Zuges viele spannende Eindrücke abgewinnen, zahlreiche charismatische Darsteller(innen) und eine gekonnt eingesetzte Musik- & Geräuschkulisse sorgen für ein herausragend formvollendetes, zutiefst humanes Werk, welches (auf eine recht individuelle Art) neben einigen anderen Filmen der späten 50er Jahre die polnische Schule vertrat und international großen Eindruck machen und einige Filmpreise einheimsen konnte.
9/10


1.) Ironie des Schicksals: Cybulski, der hier an der Außenfassade des Zuges zum gewünschten Abteil klettert, starb tragischerweise acht Jahre darauf bei dem Versuch, auf einen fahrenden Zug aufzuspringen - gerade einmal 39jährig. Tragisches Ende einer großen Karriere...

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