Oh, wie haben wir manchmal das formelhafte Kino satt, das uns von Minute Eins an im Kino schon den ausgetretenen Pfad sehen lässt, den der folgende Film nehmen wird.
Wie schon Leslie Nielsen als Lt. Frank Drebbin in „Die nackte Kanone 2“ beschrieb: Junge trifft Mädchen, Junge verliebt sich in Mädchen, Junge und Mädchen verlieren sich, Jahre später treffen sie sich wieder und dann stirbt das Mädchen bei einem tragischen Luftschiffunglück im Fußballstadion!
Ja, wir kennen unsere Pappenheimer.
Und dann kommt ein Film daher wie „Lieben und Lassen“, der etwas ganz anderes versucht und damit so grandios scheitert, dass man sich die eingenordeten Hugh-Grant-Plots auf Knien betend zurücksehnt, damit von diesem Kuddelmuddel erlöst werde.
„Lieben und lassen“, das ist das Werk von Susannah Grant, die schon mittels der Drehbücher für „In den Schuhen meiner Schwester“ (erträglich) und „28 Tage“ (grauenhaft) Verschiedenes, was nicht passen wollte durcheinander warf. Hier war sie bei Buch und Regie verantwortlich und was sie mit diesem Wirrwarr gewollt hat, bleibt wohl ihr Geheimnis.
Reduziert aufs blanke erzählerische Mark ist dies nämlich eine relativ konventionelle Geschichte: Mann stirbt, Frau bleibt zurück, entwickelt Gefühle für dessen besten Kumpel und muß sich mit dem Gedanken anfreunden, das der Tote eventuell ein Kind mit einer anderen Frau gehabt haben könnte.
Das wäre rein theoretisch dramatischer Zündstoff, aber hier wurde gaaaaanz was anderes damit versucht.
Nur was?
Diese interessant klingenden Storyansätze gehen nämlich in einem Gruselwusel von nebensächlichen oder komplett unwichtigen Szenen unter, die im Film aber einen genauso hohen Stellenwert einnehmen.
Hauptfiguren sind gar nicht recht auszumachen, denn Jennifer Garner tritt hier so oft minutenlang gar nicht in Erscheinung, als hätte sie bewusst in ihrer Schwangerschaft (im wirklichen Leben) schonen müssen. Stattdessen fokussiert der Film immer wieder auf den Nebenfiguren, die alles Mögliche machen, nur nichts, was zum Film oder zur Story irgendwas beisteuert.
Da wurde z.B. Kevin Smith aus seinem Askew-versum verpflichtet, um dem Film vielleicht ein paar humoristische Spitzen zu verpassen. Prompt spielt Smith im fertigen Film praktisch die Hauptrolle, hat den meisten Text, stellt sich aber eigentlich nur wieder selbst dar oder kopiert Figuren, die es zuhauf in Filmen wie „Clerks“, „Mallrats“ oder „Chasing Amy“ gegeben hat. Sowieso agiert er nur als der lustige Dicke, der stets und ständig Essbares in sich hinein stopft, um dann für misslungenen Slapstick zu sorgen. Sein vollkommen überflüssiger Sidekick ist Sam Jaeger, der zwar immer anwesend, aber dafür funktionslos im Film ist.
Das neue Hascherl für Miss Garners „Gray“ (toller Frauenname) ist Timothy Olyphant, der stets augenrollend stumm in der Gegend rumsteht und scheinbar für eine Perlweiß-Reklame posiert. Ach ja, und Juliette Lewis darf mal wieder eine nette grenzdebile Schlampe und Mutter mimen, weil sie das so gut kann, ohne sich groß zu verstellen. Ihr vierjähriges Blag bewegt sich dementsprechend auch immer nah an der Würd-ich-gern-im-Fluß-verklappen-Grenze.
Ergo wuseln alle diese Figuren munter durch den Film, um minutenlang sinnlose Sachen zu tun, die hauptsächlich lustig sein sollen, es meistens aber nicht sind.
Wenn dann tatsächlich mal genretypische Liebesszenen mit den entsprechenden Dialogen dazwischen geschnitten werden, wirken diese nur lächerlich.
Und kommt mal wieder eine dramatische Enthüllung, wartet man gespannt auf eine entsprechende Entwicklung, doch stattdessen macht sich Smith erst mal ein Sandwich usw.
Ständig fragt sich der Zuschauer, wohin es mit diesem Film denn nun gehen soll, aber offenbar ging es hier ums große Happening, ein Kollektivgefühl, das einem Mut machen soll in schweren Stunden, loszulassen und Neues zuzulassen.
Nur, das ist so holprig und ruckelig inszeniert, als wäre es eine Offroad-Rallye – und wirkt nicht realistisch, sondern aufgesetzt und gewollt. Und ein dauerdröhnender Folk/Rock/Pop-Soundtrack plärrt einem aufdringlich die Ohren zu und verrät mehr über die Figuren, als es das ganze Skript vermag.
Vielleicht hält Grant so etwas für modern oder postmodern oder „state of the art“ – es wirkt aber nur unfokussiert und x-beliebig und was noch schlimmer ist: banal!
Darüber hinaus hat auch Jennifer Garner kein Talent, den Film in irgendeiner Art und Weise zu tragen – sie kann lediglich süß lächeln oder traurig dreinschauen, was für „30 über Nacht“ noch genügte, hier nicht.
Selbstverständlich appelliert „Lieben und lassen“ an die Frauen im Publikum, die sich gern mal bei einem gefühlvollen Film berieseln lassen. Das ist nicht unehrenhaft, aber ich fürchte, nach dem zielgruppenspezifischen Trändrüsentralala, das ewig auf sie losgelassen wird, empfinden sie dieses Gewürge hier ebenfalls Trainingsstrecke zum Durchseufzen, weil da ein paar „nette“ Elemente oder Szenen drin waren.
Aber ehrlich gesagt: wenn schon die Gleichberechtigung durchgesetzt wurde, dann sollten die Damen der Schöpfung wach genug sein, um selbst bei solchen Lebensweisheit-Selbsthilfe-Schmachtfetzen Qualität einzufordern.
Frau Grant verordne ich mal eine Sichtung von Alexander Paynes „Sideways“ – der weiß, wie man eine konventionelle Bewältigungsstory in eine sperrige Tragikomödie verwandelt, bei der einem das Herz aufgeht.
Ein paar gute Lacher will ich honorieren, der Rest ist für den Hund! (3/10)