Sie sehen sich keine Beziehungsdramen an? Sie glauben Bollywoodfilme sind kitschige, quietschbunte Schmachtfetzen wo Männer wie Frauen ihre Gefühle grundsätzlich in Gesangs- und Tanzeinlagen ausdrücken? Sie hassen Filme in denen Männer Tränenausbrüche haben? Sie finden Kommerzkino abscheulich und sehen nur Undergroundfilme? Wenn Sie mehr als eine dieser Fragen mit Ja beantwortet haben, sollten Sie "Kank“ um jeden Preis vermeiden, Sie werden ihn möglicherweise für den schlechtesten Film aller Zeiten halten!
Sie lieben Bollywood? Sie finden es romantisch wenn Männer ihre Gefühle zeigen und sich trauen in der Öffentlichkeit zu weinen? Sie glauben Shah Rukh Khan ist ein besonders gutaussehender Schauspieler der in Wirklichkeit kein Doppelkinn hat? Sie sehen gerne Frauen in figurbetonter Kleidung auf hochhackigen Schuhen durch strömenden Regen laufen? Wenn Sie auch nur eine dieser Fragen mit Ja beantwortet haben, sollten sie "Kank“ nicht verpassen, vielleicht werden Sie der Meinung sein, den besten Film aller Zeiten gesehen zu haben! Aber Vorsicht: in mehrerer Hinsicht ist der Film zwiespältig, und hat entsprechend unterschiedliche Publikumsreaktionen hervorgerufen.
Ja, dies ist Bollywood und hat mit indischer Realität wenig zu tun. Das ist natürlich beabsichtigt, bedeuten diese überlebensgroßen Filme für viele Menschen doch die Flucht vor ihrem eigenen grauen Alltag. Das indische Kino ist vielfältig, und die sogenannten Bollywood-Filme repräsentieren, genreübergreifend, das kommerzielle Mainstreamkino. "Kabhi Alvida Naa Khena” ist eindeutig auf Erfolg getrimmt: die Besetzung vor und hinter der Kamera vereint fast alle großen Namen aus den erfolgreichsten Filmen der letzten Jahre, die Grundlage der Story (Mann und Frau verlieben sich und kommen nur auf größtmöglichen Umständen zueinander) ist ebenfalls schon erprobt. Auch wurde der Film weltweit mit gigantischem Werbeaufwand angekündigt (auch in Ländern ohne größere indische Gemeinschaften wie Frankreich oder Deutschland, wo Bollywood immer noch unter 'Special Interest’ läuft). Kehrseite der Medaille ist dann aber genau diese Internationalität: der Film spielt in New York und indische Sitten und Gebräuche kommen, wenn überhaupt, nur ganz am Rande vor. Die Nationalität der Charaktere ist für die Story absolut unerheblich.
In Bollywoodfilmen spielt Symbolik eine große Rolle. Küsse auf den Mund werden vermieden (auch da gab es schon Ausnahmen, z.B. Jism – Dunkle Leidenschaft, in dem John Abraham (Kaal, Dhoom) sein Filmdebüt gab), Sex findet allerhöchstens unter der Bettdecke statt, im Normalfall gibt aber nur eine 'nasser Sari’-Szene in der die Frau entweder beregnet oder von Wellen umspült wird. Symbolik gibt es auch hier, besonders was die Kleidung betrifft, z.B. als Rani Mukherji zu Shah Rukh Khan sagt "Ich mag blau“ sind mit einem Schlag sämtliche Statisten im Umfeld in blaue Kleidung gehüllt. Auch auf den Mund wird nicht geküsst, die entsprechenden Szenen sind aber so geschickt gespielt und gefilmt, das es wirklich nur haarscharf vorbeigeht. Aber dann kommt es (für indische Verhältnisse) ganz dick: Ranis und Shah Rukhs Charaktere, beide verheiratet aber nicht miteinander, mieten sich in einem Hotel ein und schlafen miteinander. Das wird zwar bei weitem nicht so explizit dargestellt wie in westlichen Produktionen, aber eben auch nicht so zurückhaltend wie man es aus Bollywood gewöhnt ist; ganz klar und deutlich wird gezeigt, das die beiden gerade Sex miteinander haben. Für hiesige Verhältnisse mag das unspektakulär sein, aber in Indien hätte diese Kombination aus inhaltlichem (Ehebruch) und visuellem (Sex) Tabubruch für den Film durchaus auch das kommerzielle Aus bedeuten können.
Die Story baut auf ein Grundgerüst das, wie oben bereits erwähnt, auf Bewährtes zurückgreift. Die Personen reden diverse Male aneinander vorbei oder müssen sich falsch verstehen um möglichst viele Konflikte auszutragen. Einige Nebenhandlungen, wie die kinderentführende 'schwarze Bestie’ zu Beginn und die Probleme des kleinen Sohnes von Preity und Shah Rukh, werden nicht weiter verfolgt. Und natürlich gibt es auch für 'die Liebe an der alle Beziehungen zerbrachen’ ein Happy End.
Die Darsteller spielen erstaunlich gesittet, ist man doch aus früheren Streifen häufig an Overacting gewöhnt. Amitabh Bachchan, das Bollywood-Fossil, hat die dankbarste Rolle: als lebenslustiger Vater und Schwiegervater hat er die besten Witze ("Vater, was hattest du zum Frühstück?“ "Keine Ahnung, ich habe ihren Namen vergessen.“), er durchschaut als erstes die Situation seiner Schwiegertochter und gibt, noch auf dem Sterbebett, Ratschläge die seine Erfahrungen mit dem Leben und der Liebe wiederspiegeln. Dabei ist die Darstellung angenehm nuanciert, was in früheren Filmen, insbesondere Mohabbatein – Denn meine Liebe ist unsterblich, wo Mr. Bachchan den ganzen Film über praktisch nicht einmal das Gesicht verzieht, gefehlt hat. Auch Shah Rukh Khan hat schon deutlich schwächere Leistungen gebracht. Er spielt mit vollem Einsatz, jeder Muskel in seinem Gesicht trauert wenn er traurig ist und lacht wenn er fröhlich ist. Da sein Charakter sich häufig verbittert und zynisch zeigt und scheinbar seine eigene Unzufriedenheit genießt , hat er die Gelegenheit einige ausgesuchte Gemeinheiten von sich zu geben. Allerdings sieht man ihm allmählich sein Alter an, und sicherlich wird man ihn bald öfter in Charakterrollen und weniger als jugendlichen Liebhaber sehen. Preity Zinta wirkt etwas zu jung für ihren Part, kann aber als engagierte Business-Frau ebenso überzeugen wie als genervte Gattin und betrogene Ehefrau. Dabei hat sie aber keine spektakulären Szenen zu bewältigen. Rani Mukherjis Rolle hat den Nachteil, das sie, je weiter die Handlung fortfährt, praktisch andauernd zu Tode betrübt ist. Anfangs kann sie ein breiteres Spektrum zeigen: die an der Ehe zweifelnde Braut, als an ihrer Kinderlosigkeit leidende Ehefrau die ihren Mann mit zwanghaftem Ordnungswahn nervt und bei dem grotesken Versuch ihre Ehe mithilfe von Dominazubehör (!) zu retten. Doch dann muss sie wieder und wieder in Tränen ausbrechen, unterbrochen von wenigen Glücksmomenten wenn sie mit ihrem Freund zusammen ist. Abhishek Bachchan hat noch nicht so viele Filme auf dem Kerbholz aber auch er spielt den überschwänglich liebenden Ehemann, der seine Frau ungewollt unter Druck setzt weil sie seine Zuneigung nicht in gleichem Maße erwidern kann, und den mit ohnmächtiger Wut und Verzweiflung auf den Betrug reagierenden Mann routiniert und glaubwürdig. Erwähnenswert ist noch der Gastauftritt von Kajol, die sich für ein paar Jahre aus dem Filmgeschäft zurückgezogen hatte, um sich ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter zu widmen. In einer der Tanzszenen taucht sie plötzlich auf und in der Vorstellung die ich besucht habe ging an dieser Stelle ein Raunen durch den Saal. Offenbar muss Kajol sich keine großen Sorgen um ihr Comeback machen, wenn allein ihr Auftritt schon bei uns gemeinschaftliche Zuschauerreaktionen hervorruft.
Da dieses Review jetzt bald, ebenso wie der Film, Überlänge hat, nur noch ein kurzes Fazit. Für Neueinsteiger aufgrund der allgemeingültigen Thematik und vergleichsweise differenzierten Darstellung gut geeignet; für Fans, wegen des geringen Indien-Anteils Geschmackssache; und für Gegner: ihr werdet es niemals verstehen, also lasst den Fans doch ihren Spaß.