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Jeremy Irons spielt den Prager Angestellten Franz Kafka, der tagsüber ganz unter der Fuchtel seines Chefs, gespielt von Alec Guinness, steht und sich nachts als Schriftsteller versucht. Als ein Kollege von ihm unter mysteriösen Umständen verstirbt, beginnt er im Fall Ermittlungen anzustellen, wobei er auf eine merkwürdige Untergrundorganisation stößt, bis schließlich alle Spuren zum örtlichen Schloss führen, wo er eine furchtbare Entdeckung macht.

"Kafka" ist vor allem eines: Ein Film mit zahlreichen Ideen. Doch der Ideenreichtum und der Mut diesen umzusetzen, wobei es sich definitiv um das größte Plus des Films handelt, ist zugleich die größte Schwäche des Films, der aus den Independent-Zeiten von Steven Soderbergh stammt. Denn bei all seinen Aspekten und Facetten vernachlässigt die Produktion vor allem eines: Kafka.

Denn mit dem bekannten Schriftsteller, der für seine düsteren, tristen Werke, in denen die Protagonisten in ausweglose Situationen geraten, aus denen sie in aller Regel nicht entkommen können, bekannt ist, hat der Film außer seinem Titel im Endeffekt wenig gemein. Zwar versteht sich Soderberghs Film keineswegs als eine Biografie Kafkas, erhebt aber zumindest den Anspruch, die Welt Kafkas, ein Universum, zusammengesetzt aus seinem Leben und den Inhalten seiner wichtigsten Werke, zu kreieren und daran scheitert der bemühte Film. Denn das, was zu sehen ist, ist nicht die Welt Kafkas. Seine wichtigsten Facetten, die Qual, die seine Arbeit für ihn bedeutete, über die regelrechte Angst, die er vor seinem Vater empfand, bis hin zu seinem schwierigen Verhältnis Frauen gegenüber, spielen eine vollkommen untergeordnete Rolle und weichen Thriller-Elementen, die recht wenig mit Kafkas eigentlichen Werken zu tun haben. Zwar sind absurde Situationen vorhanden, aber derart ausweglos oder bedrohlich, wie es in den Werken des Autors der Fall ist, sind sie nicht und auch der psychologische Aspekt, der bei Kafka immer eine übergeordnete Rolle spielt, fällt praktisch weg. Vielmehr wird Kafka auf einen Ermittler in einem Todesfall reduziert.

Außerdem ist Soderbergh bemüht, seinem Film eine möglichst düstere Optik zu verpassen, was mit den unheimlichen Aufnahmen Prags und der über weite Strecken vorhanden Umsetzung in schwarz-weiß größtenteils auch gelingt. Dabei versucht er sich an einer Hommage an die expressionistischen Stummfilme der 30er (Nicht umsonst wird überaus platt auf Friedrich Wilhelm Murnau angespielt), die visuell durchaus einiges hermacht, aber unweigerlich erneut zur Frage führt: Was hat dies nun mit Franz Kafka zu tun Ein schlechter Film ist "Kafka" so sicherlich nicht, der einfallsreiche und innovative Film, der zudem routiniert erzählt ist und durchaus über eine dichte Atmosphäre verfügt, unterhält über die volle Laufzeit, aber es ist nicht die Entführung in die düstere Welt Franz Kafkas, die man sich hier hätte erhoffen können. So sind die einzigen Parallelen zum echten Kafka ein paar plumpe Anspielungen auf dessen bekannteste Werke, seinen Vater und seine Lungenprobleme am Ende des Films.

Dabei gibt es darstellerisch wenig zu beanstanden. Jeremy Irons löst seinen Part mit gewohnter Routine, leistet sich keinerlei Fehler, ist aber vielleicht etwas unglücklich besetzt, da man sich unter Franz Kafka dann doch einen etwas jüngeren, schmächtigeren Menschen vorstellt. Daneben lässt auch der restliche Cast keinerlei Grund zur Beschwerde, so ist der finale Auftritt von Ian Holm ein kleines Highlight, während es allerhöchstens etwas ärgerlich ist, dass Alec Guinness in seiner Nebenrolle verheizt wird.

Fazit:
"Kafka" ist atmosphärisch dicht umgesetzt und bietet damit durchaus gelungene Unterhaltung, ist aber mehr eine Stummfilm-Hommage, als ein Portrait Kafkas, mit dem der Film im Grunde fast überhaupt nichts gemein hat. Die Idee, keine 1:1-Biografie des Prager Schriftstellers zu liefern, ist nicht schlecht, aber die Umsetzung der Idee misslingt. Dennoch ein sehenswerter Film.

62%

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